Das Theater schwebt

von Michael Laages

Wien, 27. April 2019. Ganz weit oben auf der ewigen Hitparade von Jux und Dollerei im deutschen Theater steht seit mehr als zwei Jahrzehnten der Kampf mit den Liegestühlen – als Christoph Marthaler mit Anna Viebrock und Stefanie Carp "Die Stunde Null" einläutete am Schauspielhaus in Hamburg, mühte sich das komplette Ensemble mit den widerspenstigen Sitzgelegenheiten ab; und selbst wer forcierte Knallchargen-Komik gewohnt war, fiel hier von einer Kicher-Hysterie in die nächste. Damit hätte wohl selbst Herbert Fritsch, seit der Spät-Berufung vom Schauspieler zum Regisseur der Chef-Propagandist für die angeschrägte Farce auf deutsch-sprachigen Bühnen, kaum konkurrieren können; es sei denn, das komplette Wiener Burgtheater-Ensemble hätte jeder und jede für sich den ganzen Abend lang Zelte aufgebaut – und dabei immer wieder das Scheitern zelebriert wie einst Marthaler. Dass nun aber "Zelt", Fritschs finales Kunststück am Theater der scheidenden Intendantin Karin Bergmann, so gar keine Klamotte geworden ist um Häringe und Seile, Zelt-Stangen und Zelt-Planen, ist die größte Überraschung an diesem Abend im Burgtheater.

Stummer Prozess der Kreation

Das handelsübliche Einmannzelt ist ja auch keine allzu große technische Herausforderung mehr – zwei biegsame Stangen überkreuz durch die zentralen Ösen gezogen und an den Enden festgesteckt, dann noch ein paar Knöpfe zugedrückt, und fertig ist (im Wortsinn) die Laube. Das Zelt an der Burg ist aber vor allem ein Beispiel: für den Prozess der kollektiven Kreation, um den es Fritsch seit je her geht. Und der kommt auch ohne Worte aus – die Arbeit am "Zelt" bleibt stumm; nur dem Musiker und Sänger Hubert Wild, seit langem Stütze der Fritsch-Gesellschaft, ist ein Ausbruch ins Wort gestattet: mit einer Mini-Arie.

Zelt 3 560 Reinhard Werner Burgtheater u"Fly me up to the moon": mein Zelt ist mein Flügel  © Reinhard Werner Burgtheater

Da ist das 90-Minuten-Wunder noch im Vorspiel – in Zeitlupe schrubbt das Ensemble die wie so oft mit glänzendem Boden ausgelegte Bühne. 23 völlig gleich bunt gestylte Wesen sind mit Eimer und Wischmopp unterwegs, und nur das Werkzeug sorgt für Geräusche. Immer wieder formiert sich die Gruppe auch zur Masse: marschiert etwa mit gereckten Mopps wie zur Demo, und die Wischtücher sind die Plakate.

Clowns in Träumen aus Licht

Dem Vorspiel folgt das erste Zelt. Hermann Scheidleder baut es auf, und weil dieses Urgestein im Burg-Ensemble eher klein und rund und eben auch schon etwas älter ist, benutzt Scheidleder einen extra Greifarm für den Aufbau – was den Vorteil hat, dass das Publikum sehr genau sieht, wie das geht mit dem Zelt. Jetzt kann das Ensemble kommen – einer nach der anderen krabbelt aus einer Bodenluke hervor, über das Scheidleder das erste Zelt gestellt hat. Nun bauen alle, musikalisch strukturiert von Matthias Jakisic. Der taucht aus dem Publikum auf und ist tatsächlich das, was bald alle sind: Clown pur. Und wie zuvor schon die ganze riesige leere Bühne, taucht Friedrich Rom nun auch die Zelte in Träume aus Licht – Fritsch zeigt das Zelt-Kollektiv des Theaters selbst in allen Gewerken. Rom zaubert Licht, Kostüm und Maske setzen die Ideen von Bettina Helmi um: die Frauen alle in glänzenden Stoffen, mit Puff-Ärmeln und weißen Kniestrümpfen, die Herren alle mit schwarzen Hochwasserhosen zu weißen Socken, und unter den Anzügen tragen sie quietsch-orange Hemden zu grünen Krawatten. Und extravagante Frisuren tragen alle.

Jeder Blick macht da Spaß

Wenn die Zelte fertig sind, bricht ein Konzert am Lagerfeuer los – ein Dutzend Gitarren schrammeln schließ-lich, nur schrumm-schrumm und ohne Noten, aber in furios treibendem Rhythmus, und ihnen gegenüber quietschen und singen im Dauer-Legato ein Dutzend kleinere und größere Akkordeone. Das ist eine Partitur ohne Sinn und Zweck, aber mitreißend kollektiv, verführerisch und ekstatisch wie eine wirklich aufregende Free-Jazz-Improvisation. Nur eben wie auf dem Zeltplatz und am Lagerfeuer … was für ein Vergnügen das ist; augen- und ohrenscheinlich auch für’s Ensemble.

Zelt 1 560 Reinhard Werner Burgtheater uZum Abschied Spiel, Tanz und Tandaradei an der Burg © Reinhard Werner Burgtheater Das Final schließlich ist Theaterzauber pur – die Zelte bekommen Licht von innen, und sie beginnen zu schweben, jedes an einem Extra-Seil in den Zügen der Bühnen-Maschinerie vertäut; jetzt zeigt auch die Technik, was sie kann. Minutenlang lebt dieser Traum vom Fliegen – dann setzen die Zelte wieder auf, und das Ensemble klettert in weitere Bühnenlöcher unter den Zelten. Wenn die dann wieder abheben, schauen nurmehr Köpfe aus dem Boden; ein Scheinwerfer geht von einem Kopf zum anderen und zeigt, dass sie leben. Aus den Löchern heraus klet-tert das Ensemble in den Schlussapplaus, und Fritsch fliegt wieder mal vom Bühnenhimmel herab.

Natürlich ist das pures Überwältigungstheater, zuweilen sehr komisch, aber nicht nur; kein Ulk, eher eine grenzenlose Phantasie über das Kollektiv, über alle Kollektive im Theater – wenn überhaupt etwas zu "deuten" ist an diesem Abend, dann genau das. In herrlichem Chaos flitzen schließlich alle nochmal über die Bühne, scheinen sich gar nicht losreißen zu können – für viele wird dies ja in der Tat die letzte Premiere auf dieser Bühne gewesen sein.

Aber vielleicht ja auch die schönste.

 

Zelt
von Herbert Fritsch
Regie und Bühne: Herbert Fritsch, Kostüme: Bettina Helmi, Musik: Matthias Jakisic, Licht: Friedrich Rom, Dramaturgie: Evy Schubert.
Mit: Florian Appelius, Ruth Brauer Kvam, Stefanie Dvorak, Sofia Falzberger, Selina Graf, Dorothee Hartinger, Sabine Haupt, Marius Michael Huth, Matthias Jakisic, Simon Jensen, Marta Kizyma, Felix Krasser, Naemi Latzer, Michael Masula, Lorena Emmi Mayer, Markus Meyer, Petra Morzé, Daniela Mühlbauer, Ferdinand Nowitzky, Peter Rahmani, Hermann Scheidleder, Eva-Maria Schindele, Sebastian Wendelin, Hubert Wild.
Premiere am 27. April 2019
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.burgtheater.at


Kritikenrundschau

"Hier wird eher die pure Lust an einem Ballett der Dinge zelebriert", findet Uwe Mattheiss in der tagezeitung (30.4.2019) - und die erwachse nur aus präzisem Ensembledrill. In dem "überbordend farbenprächtigen, darin dann aber doch rätselhaft spröden Abend" widme sich Fritzsch "dem 'Zelt' in all seinen buchstäblichen wie übertragenen Bedeutungsschichten." Virtuos werde an diesem Abend ein Abschiedsbild für die scheidende Burgtheaterdirektorin Karin Bergmann gemalt – "ist doch auch schön."

"Bei­na­he wort­los und gänz­lich sinn­be­freit, aber da­für ein gro­ßes, bun­tes, prä­zi­se durch­cho­reo­gra­phier­tes Ver­gnü­gen" findet Martin Lohtzky in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (30.4.2019) dieser Abend, an dem sich selbst die großen Namen aus dem Ensemble "sicht- und spür­bar gut­ge­launt Fritschs Grup­pen­drang un­ter­ord­ne." Auch wenn jede Szene gefühlte drei Minuten zu lang sei kommt der Kritiker zu dem Schluss: "Fritschs bes­tes Pro­jekt seit lan­gem!"

"Ein tolldreister, lustvoll verfremdeter Kindergeburtstag," schreibt Norbert Mayer in der Wiener Tageszeitung Die Presse (28.4.2019). "Die Künstler gehen mit ihren artistischen Einlagen an die Grenze, sie sind hervorragend choreografiert. Und als Zuseher kann man sich wohl nur schwer ihrem raffinierten Rhythmus entziehen." Mayer spricht von "entzückenden Charaden". Die beste hat sich Fritsch aus seiner Sicht "für den Schlussapplaus aufgehoben. Er schwebt im knallbunten Kleid hoch oben quer über die Bühne. Seine eingeschworenen Fans jubeln dabei, seine Kritiker bleiben nach der Premiere gelassen. Es ist ja nicht viel passiert."

"Fritsch ist der ernst zu nehmende Harlekin des deutschsprachigen Theaters", feiert Margarete Affenzeller im Standard (online 28.4.2019) den Theatermacher für sein Werk: "bad acting, aber das präzise, Theater mit Nummerncharakter, immer schön knallbunt und gern mit musikalischem Pfiff abgesichert". Die Novität "Zelt" sei jedoch "eine seiner schwächeren Inszenierungen". Sie besitze "kontemplative Bilder" nebst "exquisiten" Konzertmomenten, aber auch "durchhängende Passagen".

Voll­ge­so­gen mit dem Wahn- und Ei­gen­sinn ih­rer Schöp­fer seien die Projekte, die Burg-Di­rek­to­rin Ka­rin Berg­mann zum En­de ih­rer In­ten­danz auf den Spiel­plan gebracht habe, schreibt Peter Kümmel in der Zeit (2.5.2019) – Herbert Fritschs "Zelt" und Joachim Meyerhoffs "Land in Sicht". "Bei­de Aben­de ha­ben Schwä­chen und Län­gen und sind doch herr­li­che, rei­fe Früch­te der rei­nen Zei­ge- und Da­seins­kunst." Fritschs Fi­gu­ren seien "Zom­bies des Welt­thea­ters, Mons­ter­mu­ta­tio­nen der Ge­stal­ten Gol­do­nis wie je­ner von Io­nesco, über­zo­gen mit dem bun­ten Lack des Trick­films", so Kümmel: "Fritschs We­sen sind Ex­zen­tri­ker des Klein­muts, Vir­tuo­sen des Weg­du­ckens, die leicht glück­lich zu ma­chen und noch leich­ter ein­zu­schüch­tern sind: Se­lig­keit und Schre­cken ma­len sich in dau­ern­dem Wech­sel auf ih­ren Ge­sich­tern. Es zuckt ei­ne un­lenk­ba­re En­er­gie in ih­nen – als hät­ten sie hin­ter der Büh­ne ih­re nass ge­lutsch­ten Fin­ger in ei­ne Lust­steck­do­se ge­scho­ben."

Wolfgang Kralicek lobt in der Süddeutschen Zeitung (3.5.2019) vor allem das "Anti-Konzert" mit Wandergitarren und Akkordeons als "zwanzig Zauberminuten des leider nicht durchgehend so magischen Abends".

 

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