Weißmehlfrei im Hausfrauenland

von Anna Landefeld

München, 28. April 2019. Wie ein ausgestreckter Mittelfinger: Es ist ein szenisches Manifest gegen Bodyshaming und gegen alle, die sich dessen jemals schuldig gemacht haben. Eine Stunde lang rechnet das queerfeministische Theaterkollektiv Henrike Iglesias ab. Nein, bei "Fressen", einer Koproduktion mit den Münchner Kammerspielen und dem Jungen Theater Basel, wird nicht groß drumherum geredet, sondern im allerbesten Sinne vulgär, im allerbesten Sinne aufdringlich das Kind beim Namen genannt – und ja, klar, gesittet bis hemmungslos gefressen. Vielleicht ein bisschen haudrauf? Das haben Manifeste wahrscheinlich so an sich. Es soll endlich jeder kapieren, ein für alle Mal. Und so heißen Laura Naumann, Marielle Schavan, Sophia Schroth alle Frauen ("und die sich heute als solche fühlen") zu ihrer "Kochshow" mit Shiny-Floor, Glitzervorhang und einer übergroßen, vampiresken Venusfliegenfalle in der Kammer 3 der Münchner Kammerspiele willkommen: "Auf die Fresse, fertig, los".

Bullshit-Bingo in der Küche

Auf die Fresse ist auch notwendig. Gleich zu Beginn wird klar, warum. Über Essen zu reden, hat hier schon etwas subtil Gestörtes. Und wo könnte Frau* besser darüber und über die verzerrte Wahrnehmung ihres Körpers obsessieren als in der Küche? An drei mobilen rosa Küchenblöcken – in den Ausführungen Spülbecken, Herd- und Arbeitsplatte – reiht Henrike Iglesias im Plauderton sinnleere Satzhülsen aneinander, Bullshit-Bingo "Ess-Fixierung"-Edition. Der Klassiker fällt schnell: "Ich fühle mich zu dick", gefolgt von Variationen wie "Ich möchte noch fünf Kilo bis zur Hochzeit abnehmen", "Scheiße, ich hab schon wieder Hunger", "Ich esse nichts mehr nach 18 Uhr", "Ich esse kein Weißmehl mehr" oder "Ich mach' jetzt Low-Carb". Fehlen dürfen in dieser epischen Reihung vermeintlicher Belanglosigkeiten natürlich auf keinen Fall das Fermentieren und der Thermomix. Belanglos ist das aber nur im ersten Moment: Mit ihrem Wiedererkennungs-Spiel legt Henrike Iglesias offen, mit welcher perfiden Nonchalance das Thema Essen im Alltag permanent problematisiert wird.

Fressen 1 560 NicoleWytyczak uManifestieren in der Venusfliegenfalle © Nicole Wytyczak

Wer ist nun der Schuldige für Henrike Iglesias? Der männliche Blick. Dieser alle Lebensbereiche durchseuchende Male Gaze, durch den auch Frauen sich betrachten. Für das Basler und Berliner Kollektiv zählt nicht erst seit "Fressen" die "explizit weibliche* Perspektive". Und auch hier werden die drei unterhaltsam-überdeutlich und verhandeln Penisneid und Kastration mal eben so in der Küche. Henrike Iglesias ist Sigmund Freuds schlimmster Albtraum. Getarnt als nettes "Wer-am-schnellsten-die-Gurke-aufisst"-Spielchen wird das Gemüse erst geschält, dann zerhackt oder gleich angebissen.

Bockwürste und Trennkost-Tabellen

Der Phallus ist allgegenwärtig. Da darf auch eine kleine Reminiszenz auf – Frauenfeind ja oder vielleicht nein – Alfred Hitchcock nicht fehlen. Wenn zu Elektrofuturismus von Live-DJane Malu Peeters drei Armpaare feste, glatte, lange Küchenutensilien durch den Glitzervorhang in den Theaternebel hineinstrecken, haben Messer, Milchaufschäumer und Schöpfkelle auf einmal etwas Toxisches. Toxisch wie die milchig-trübe Flüssigkeit in den Plastiktütchen, die die Dealerin Marielle Schavan in einer anderen Szene den beiden hündisch-knieenden Abhängigen in den Mund ergießt.

Wie Abhängigkeit entsteht, egal ob nun von Zuckerflüssigkeit oder vom Gedanken an den vermeintlich unperfekten Körper, erzählt Laura Naumann. Unaufgeregt protokolliert sie den Weg in eine Essstörung: Vater will abnehmen, also isst ("frisst") die ganze Familie nur noch Rucola. Während aber der Vater heimlich an der Tankstelle Bockwürste in sich reinstopft, jongliert die Tochter die Kalorienangaben aus der Trennkost-Tabelle im Kopf hin und her und zieht den Bauch ein, bis sie davon Rückenschmerzen bekommt. Was bleibt, ist ein Schuldgefühl über das Nichtgenügen für ein Wasauchimmer.

Ausgestreckter Mittelfinger

Schuldig fühlt sich auch Marielle Schavan, wenn sie von einem gescheiterten Dasein als gute Hausfrau berichtet. Da schreit die Wohnung "Mach mich sauber!", die geöffneten Lebensmittel im Kühlschrank klagen "Kümmer dich um mich!". Wahrscheinlich schreit und klagt es eigentlich aus dem tiefsten Inneren der Frauenseele. Dass die erdrückende Erwartung auf Frauen kein Phänomen des sozial-medialen Selbstoptimier*innen-Zeitalters ist, deutet Henrike Iglesias an. In ihrer Hausfrauen-Klage denkt Marielle Schavan an Mutter und Großmutter, die in der un-optimierten Wohnung stehen und ihr zunicken: "Ich weiß, ich weiß, Marielle..."

Fressen 2 560 NicoleWytyczak uSelbstermächtigung in der Küchenzeile © Nicole Wytyczak

Doch auf das Schaudern und Jammern folgt in "Fressen" die Katharsis, der ausgestreckte Mittelfinger in Form eines trotzigen "Es kotzt mich an, dass..."/"Ich hab' keinen Bock mehr auf..."-Empowerment, angeführt von Sophie Schroth als personifizierte "Fat-Pride"-Bewegung. Da stehen sie nun alle drei auf dem nicht mehr ganz so Shiny-Floor in ihren hautengen Fleischprint-Klamotten. Man schaut ihnen dabei zu – hin- und hergerissen zwischen ihrer hedonistischen Fleisches-Show und dem eigenen voyeuristischen Fleisch-Beschauen –, wie sie jede Menge Essen in einen Mixer werfen. Am Ende ist alles fleischfarbene Brühe, die sie in Schnapsgläsern im Publikum verteilen mit den doppelzüngigen Worten: "Quasi vorgekaut, ihr müsst es nur noch schlucken." Fressen als Befreiung, tatsächlich? Oder nicht doch eigentlich der Hunger danach?

 

Fressen
von Henrike Iglesias
Konzept, Text, Performance: Henrike Iglesias, Bühne: Eva G. Alonso, Anna Fries, Kostüme: Mascha Mihoa Bischoff, Licht- und Videodesign: Eva G. Alonso, Musik- und Sounddesign: Malu Peeters, Dramaturgie: Anna Gschnitzer.
Mit: Laura Naumann, Marielle Schavan, Sophia Schroth.
Premiere am 28. April 2019
Dauer: 1 Stunde, keine Pause
Eine Produktion von Henrike Iglesias in Koproduktion mit den Münchner Kammerspielen und dem Jungen Theater Basel

www.muenchner-kammerspiele.de
www.jungestheaterbasel.ch

 

Kritikenrundschau

Alexander Altmann schreibt im Münchner Merkur (30.4.2019), auf der Bühne würden Chips, Fertigpizza und Schokopudding gespachtelt, die Performerinnen sorgen in ihrer "Fress-Show" "für saukomsiche und gut verdauliche Unterhaltung". Zwar seien die Kritik am Schlankheits- und Diätenwahn alte Hüte, die Botschaften sehr direkt und die Performerinnen mitunter distanzlos, doch gebe diese Distanzlosigkeit "dieser vollmundigen Mampf- und Schlingorgie ihren bezwingenden Charme, weil die Treuherzigkeit der Fresskünstlerinnen zwischen augenzwinkernder Pose und authentischer Regressionslust in der Schwebe bleibt."

 

 
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