Ich bin kein ..., aber

von Sascha Westphal

Bochum, 3. Mai 2019. Wörter schreiben Dinge fest. Sie ordnen zu und grenzen aus. Das muss nicht einmal Absicht sein. Aber wenn etwas, wie es heißt, schwarz auf weiß steht, dann zieht es meist auch Konsequenzen nach sich. Natürlich ist auch das Gegenteil denkbar. Sprache könnte auch Räume öffnen, Verbindungen schaffen, Unterschiede auflösen. Bilder dagegen sind freier und auch bunter. Sie lassen das Schwarze wie das Weiße hinter sich. Zugleich entziehen sie sich simpler Zu- und Festschreibungen. Etwas bleibt immer offen.

Was in den Stühlen steckt

Mit dieser Offenheit spielt Julia Wissert in ihrem Projekt "2069 – Das Ende der anderen". Das erste Bild offenbart sich schon beim Eintritt in den Saal der Kammerspiele. Bauplanen bedecken neben den ersten drei auch die letzten fünf Reihen. Die Plätze dazwischen haben etwas von einer Insel, auf der die Zuschauerinnen und Zuschauer gestrandet sind. Sie sind damit nicht mehr nur Publikum, sondern Teil einer Installation. Die Zukunft, so wie sie sich in diesem "Science-Fiction-Theaterstück für Jugendliche ab 13 Jahren und Erwachsene" darstellt, ist eine Bau-Stelle oder auch eine Welt unter Quarantäne.

2069 560 Birgit Hupfeld uWas von 2019 übrigblieb: weiße Plastikstühle, untersucht von Gina Haller und Jing Xiang © Birgit Hupfeld

Dieser Eindruck drängt sich in dem Moment auf, in dem Gina Haller und Jing Xiang erstmals in Erscheinung treten. Sie kommen von hinten, tragen rote Gummihandschuhe und Schutzanzüge. Nachdem sie einige schwarze Platten und ein Bündel mit Stangen an den Rand der Bühne geschleppt haben, beginnt eine Choreographie, die Bilder aus Science-Fiction-Filmen heraufbeschwört: Die Ankunft auf einem fremden Planeten oder einer post-apokalyptischen Zone der Erde.

Geisterhafte Stimmen

Als die beiden Frauen schließlich jeweils eine Hand auf den Eisernen Vorhang legen, hebt er sich und gibt den Blick auf eine von Bauplanen bedeckte Vorderbühne frei. Im Hintergrund stehen weiße Plastikstühle. Mehr ist nicht übriggeblieben von der Welt des Jahres 2019. Die Ruinen unserer sogenannten Zivilisation sind kläglich. Aber etwas steckt auch 50 Jahre später immer noch in ihnen. Ein böser Geist, der Zwietracht und Zerstörung sät. Zunächst manifestiert er sich in einem elektronischen Soundgewitter. Nur kleine, aber ziemlich boshafte Wort-Bruchstücke sind zu vernehmen. Geisterhafte Stimmen des sogenannten Volkswillens, rassistisch, ignorant, mörderisch.

Die elektronischen Laute und die hasserfüllten Worte werden in der Wahrnehmung der beiden Neuankömmlinge zu einem Sturm. Gina Haller und Jing Xiang wanken über die Bühne, kämpfen gegen diese Soundkulisse an wie gegen einen Wind, der sich schließlich legt. Aber noch ist das Vergangene nicht überwunden. Es sitzt in den Stühlen, auf die sich die beiden Abgesandten der Zukunft setzen, um einen Moment der Ruhe zu genießen und etwas von ihrem Proviant zu essen. In einem Augenblick sind sie dabei, sich vorsichtig miteinander bekannt zu machen, im nächsten werden sie sich selbst fremd.

Purer Afrosurrealismus

Sie beginnen, zu zucken und sich zu verkrampfen, aus ihren Mündern quellen Worte unserer Zeit: "Ich bin kein ..., aber". Immer wieder bricht diese Formel all derer, die glauben, auszusprechen, was einmal gesagt werden muss, aus Gina Haller hervor, während Jing Xiang von Fragen und Bemerkungen wie "Wo kommst du her?" geschüttelt wird. Die Sprache der Ungleichheit, des alltäglichen Rassismus gleicht einem Dämon, der von allen und jeder Besitz ergreift. Die beiden Performerinnen sind wie besessen und müssen sich von dieser Macht befreien, was ihnen nur zusammen gelingen kann.

2069 560b Birgit HupfeldWo kommst Du her? Aus der Zukunft, stupid! Gina Haller und Jing Xiang in Action © Birgit Hupfeld

In D. Scot Millers "afrosurrealistischem Manifest" heißt es: "Afrosurrealisten nutzen Maßlosigkeit als einzig legitimes Mittel der Subversion und Hybridisierung als Form des Ungehorsams". In diesem Sinne ist Julia Wisserts Stück, das sie gemeinsam mit ihren Performerinnen und einer Gruppe von jugendlichen People of Color entwickelt hat, purer Afrosurrealismus. Die Gegenwart wird durch eine Imagination der Zukunft ausgetrieben.

Die Sprache, die, wie die Jugendlichen in einem Toneinspieler verkünden, "toxisch" ist, wird durch einen Exzess an Bildern überwunden. Choreographie und Schauspiel, Science-Fiction-Versatzstücke und Gegenwartsbestandsaufnahmen vermischen sich in dieser Collage von Ideen und Emotionen so lange, bis etwas Neues, Utopisches entsteht. Am Ende bauen sich Gina Haller und Jing Xiang mit Hilfe der Platten und Stangen, die sie zu Beginn durch den Saal getragen haben, ein Zelt, in dem sie verschwinden. Ihre Arbeit ist getan, nun ist es am Publikum das Werk zu vollenden.

 

2069 – Das Ende der anderen
Uraufführung
von Julia Wissert und Gina Haller, Jing Xiang, David Bakum, Jonathan Berg, Charline Faivre, Nadege Eyadi Penda, Gresa Qalai, Emma Rose, Carolin Saddey, Mooaz Shehadeh, Louis Joseph Smith, MyungShin Yoon
Regie: Julia Wissert, Bühne, Kostüme: Moira Gilliéron, Sounddesign: Justyna Stasiowska, Choreographie: Dominika Knapik, Lichtdesign: Wolfgang Macher, Dramaturgie: Cathrin Rose, Textkomposition / Dramaturgische Mitarbeit: Antigone Akgün.
Mit: Gina Haller, Jing Xiang.
Premiere am 3. Mai 2019
Dauer: 50 Minuten, keine Pause

schauspielhausbochum.de

 

Kritikenrundschau

Stefanie Stüber schreibt in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (6.5.2019), es sei "sehr körperliches Theater, erst spät komme auch Sprache hinzu. Manchmal erinnerten die beiden Schauspielerinnen an "Endzeit-Clowns, die direkt aus Becketts Welt gefallen seien, manchmal an zwei Kriegerinnen aus dem Star-Wars-Kosmos". Wer von diesem Theaterabend "eine konventionelle, stringente Annäherung an das Thema" erwarte, der werde enttäuscht sein. Die Arbeit sei "ungewöhnlich". Wer sich aber darauf einlasse, werde erfahren, "was Theater sein kann und auch muss". Ein "Ort der politischen Auseinandersetzung mit künstlerischen Mitteln, ein Ort für Utopien" …

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