Im Schummer so fern

von Andrea Heinz

Wien, 4. Mai 2019. Eigentlich wären es Texte zur Stunde: Sophokles’ "Ödipus" und "Antigone". Es geht um Fragen von Recht und Gerechtigkeit, zivilem Ungehorsam, Verantwortung nicht nur der Politiker*innen, sondern auch der Bürger*innen für ihre eigenen Handlungen. In "Ödipus"macht einer sich schuldig, weil er blind den Weissagungen glaubt, die ihm prophezeien, er würde sich schuldig machen.

Leere Bühne und ein Flügel

In "Antigone" bekämpft ein Herrscher, um seine Macht zu sichern und für Ruhe im Staat zu sorgen, sein eigenes Volk und führt seine Stadt, Theben, damit letztlich in den Untergang. Und eine junge Frau glaubt den Gesetzen der Götter (die hier jene der Menschlichkeit sind) mehr als jenen der Menschen und geht dafür in den Tod. "Ungeheuer ist viel. Doch nichts ungeheuerer als der Mensch", heißt es in "Antigone". Ein Satz, der heute genauso zu denken geben sollte wie zu allen Zeiten. Alia Luque hat die beiden Texten in St. Pölten gemeinsam auf die Bühne gebracht: "Ödipus" in der Bearbeitung von Heiner Müller, nach der Pause dann "Antigone" in jener von Bertolt Brecht. Doch der denkwürdige Satz geht in ihrer Inszenierung nahezu unter – so wie viele andere Sätze.

Oedipus Antigone1 560 Alexi Pelekanos uDüsternis in NIederösterreich: Hanna Binder, Johanna Borchert am Flügel, Bettina Kerl Alexi Pelekanos

Denn Luque hat eine Musikerin auf die Bühne geholt, die deutsche Jazzpianistin Johanna Borchert. Die sich unaufhörlich drehende Bühne ist leer bis auf einen großen Schweinwerfer (der, gleich einer Sonne, wandert) und der Flügel, an dem Borchert sitzt. Die Musikerin spielt nahezu ununterbrochen, auch während die Spieler*innen sprechen. Sie improvisiert, singt, klopft rhythmisch auf das Instrument, bearbeitet seine Saiten. Das soll die Stimmungen, in denen gesprochen wird, verstärken und spiegeln. Doch genau das ist von Beginn an das große Problem dieses Abends: Musik und Schauspiel kannibalisieren sich gegenseitig. Die Schauspieler*innen, Silja Bächli, Hanna Binder, Tim Breyvogel, Bettina Kerl, Tilman Rose und Michael Scherff, sind, trotzdem sie Mikroports tragen, teilweise schlicht nicht zu verstehen. "Verstehst du wos?", hört man es im Publikum flüstern. "Scheiß Klavier."

Hintergrundrauschen

Die Idee, die ohnehin schwer dramatische Handlung (nur zur Erinnerung: Vatermord, Inzest, Selbst-Blendung, von Aas zerfressene Leichen, ...) durch Musik zu verstärken, hat den gegenteiligen Effekt: In der Fülle der Reize heben diese sich gegenseitig auf. Das tut zum einen der Musikerin unrecht. Borchert ist nicht einfach irgendeine Pianistin, sie ist eine preisgekrönte und herausragende Musikerin und Komponistin. Um sich auf den Text konzentrieren zu können, muss man aber versuchen, sie auszublenden. Sich auf Jazz-Improvisationen und Sophokles einzulassen, ist halt einfach ein bisschen zu viel. Das ist schade. Was Borchert macht, hätte mehr Aufmerksam und Beachtung verdient, als in diesem Setting möglich ist. Ihr Spiel verkommt zum Hintergrundrauschen.

Oedipus Antigone3 560 Alexi Pelekanos uStatuarik: Bettina Kerl, Tilman Rose, Michael Scherff, Silja Bächli, Johanna Borchert © Alexi Pelekanos

Vor allem aber tut das Konzept den Schauspieler*innen unrecht. Sie scheinen teilweise fast gegen die Musik anzukämpfen, bekommen kaum Raum, sich zu entfalten. Dass man sie teilweise nicht versteht, ist problematisch genug. Aber auch die einzelnen Figuren haben zu wenig Platz, bleiben oft schablonenhaft. Man hat den Eindruck, die Musik, die so unvermittelt Stimmungen und Emotionen erzeugt, beschränkt die Schauspieler*innen in ihren Ausdrucksmöglichkeiten. Die in dichten Nebel getauchte, schummrige Bühne, die meist statische, bisweilen fast statuenhafte Aufstellung tut ihr Übriges – diese Figuren scheinen weit weg zu sein, sie gehen einen nichts an. Bettina Kerl, die in beiden Stücken den Kreon spielt, gelingt es noch am ehesten, ihre Figur greif- und nachvollziehbar zu machen. Letztlich aber erzeugen die raunende, dramatisierende Musik, das dämmrige Setting und das Konzepthafte des Abends eine viel zu große Distanz.

Gegenstrebige Reize

Zum Ende von "Ödipus", kurz vor der Pause, verstummt die Musik einmal. Man hört nur die Spieler*innen sprechen. Es ist ein Moment großer Konzentration und Ruhe. Der Fokus liegt ganz auf den Figuren, dem Text. Diese Klarheit und Fokussierung geht dem Abend ansonsten ab. Er versucht auf zu viele Arten, zu ergreifen und lässt einen gerade deswegen kalt. Das Schlimmste aber ist: Er traut dem Text nicht. Indem er glaubt, ihn verstärken zu müssen, nimmt er ihm seine Kraft. Das ist schade; und es wird der Vorlage nicht gerecht. Denn was man an diesem Abend glatt übersehen könnte, ist das, worum es doch eigentlich geht: Diese ungeheueren Menschen sind wir. Wir sollten uns vorsehen.

 

Ödipus / Antigone
von Sophokles. In der Bearbeitung von Heiner Müller und Bertolt Brecht.
Regie: Alia Luque, Bühne: Christoph Rufer, Kostüme: Alia Luque/Christoph Rufer, Licht: Günter Zaworka, Musik: Johanna Borchert, Ton: Martin Kerschbaum, Dramaturgie: Ludwig zur Hörst.
Mit: Silja Bächli, Hanna Binder, Tim Breyvogel, Bettina Kerl, Tilman Rose, Michael Scherff.
Premiere am 4. Mai 2019
Dauer: 2 Stunden 40 Minuten, eine Pause

www.landestheater.net

 

Mehr dazu: Felix Rothenhäusler in Bremen hat zuletzt, im Dezember 2017, Ödipus und Antigone an einem  Abend spielen lassen. Davor im September 2017 Cornelia Crombholz in Magdeburg, Ersan Mondtag im Februar 2017 am Gorki Theater in Belrin und Michael Thalheimer im Oktober 2009 in Frankfurt.

 

Kritikenrundschau

Alia Luques Experiment "will auf der Drehbühne im Dauerbetrieb und in einem Verdrängungswettbewerb zwischen Text und Musik nicht gelingen", schreibt Hans Haider in der Wiener Zeitung (5.5.2019). Die Regisseurin habe die Tragödien "an allen feinen Ohren für Literatur" vorbeiinszeniert. Dabei liefere die Jazzpianistin Johanna Borchert eine "medaillenverdächtige Leistung in jedem Minimal-Music-Ausdauerbewerb". "Doch wer vermöchte mit dem einen Ohr dem Klavier, mit dem anderen der Deklamation folgen und beides im Kopf zum erhebenden Gleichklang vereinen?", fragt der Rezensent, der sich auch an den nicht gender- und alterskonfermen Rollenbesetzungen stößt. "Die Unverhältnismäßigkeit von Johanna Borcherts Weltkunstmusikanspruch und realer Stadttheater-Armseligkeit schmerzt."

Das dramatische Potenzial lasse Luque "bewusst am Wegrand liegen", indem sie ganz auf Borchert setze, die "zum Zentrum eines sperrigen Hör-Spiels" werde. Die Regisseurin habe "absolutes Spielverbot erteilt", meint Peter Jarolin vom Wiener Kurier (6.5.2019). Die Spieler*innen "rezitieren streng choreografierte Sprachströme. Interaktionen wie auch stimmige Bilder gibt es nicht". Das sei als Zugang zwar "hochinteressant", gehe sich aber leider nicht aus. Zu sehr dominiere Borchert am Klavier, "die klangliche Endlosschleife ist Grundprinzip". Für dieses "Konzept der völligen theatralischen Verweigerung bräuchte man Sprecher von außergewöhnlichem Format."

"Man wähnt sich als Zeuge einer Familienaufstellung im Avantgardemuseum", klagt Michael Wurmitzer über diesen "kalt lassenden Abend" in seiner Kurzrezension im Standard (9.5.2019). "Die Personenführung ist statisch, schwer lastet Luques Konzept von stiller Größe auf dem Spiel."

Die fantastische Pianistin Johanna Borchert schaffe zwar Atmosphäre, dominiere zugleich aber auch das Geschehen. "Selbst das harte Schicksal des Ödipus wird durch solch eine Begleitung zur Nebensache." Das tue der Inszenierung nicht gut, schreibt Norbert Mayer in der Presse (10.5.2019). Sein Fazit: "Viel wurde gewagt. Große Stoffe sollten sich zu einem Gesamtkunstwerk fügen. Doch das ist leider nur in Ansätzen gelungen. Die Musik setzte sich brutal durch."

 

 

 
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