Raus aus dem Scheißhaufen!

von Andreas Thamm

Erlangen, 4. Mai 2019. Wenn es 90 Minuten lang um die großen Konzepte geht, braucht man umso dringender die kleinen, cleveren Ideen. Es ist also kein Wunder, dass der Szenenapplaus in Erlangen dann aufbrandet, als Lisa Fedkenheuer und Martin Maecker albern in Bienenkostümen dastehen und nicht mehr sprechen, sondern aufgeregt summen. Die Übersetzung kommt simultan vom Band, eine herzzerreißende Liebesgeschichte: "Ich verstecke dich in meiner Wabe!" – "Aber was für ein Leben wäre das?" Hach.

Zurück zu den archaischen Gesellschaften

Die Szene ist schnell verstanden. "Femdom", das Gewinnerstück des diesjährigen Regienachwuchswettbewerbs des Erlanger Theaters, ist eine Aneinanderreihung, ein Essay, der die Suchbewegung der Regisseurin Mathilde Lehmann nachzeichnet: nach der Utopie einer weiblich regierten Welt. Die Zuschauer sind im Vorfeld angehalten, diese Welt zu beschreiben. Fedkenheuer und Maecker verlesen solche Zettel immer wieder als strukturierendes Element.

FemDom 560 JochenQuast uAuch Frauen reiten auf Pickups: Lisa Fedkenheuer, Martin Maecker © Jochen Quast

"Japan kriegt nächstes Mal eine Kaiserin", steht da zum Beispiel. Oder dass der Mensch dann wieder mehr im Einklang mit der Natur leben würde. So finden die beiden in ihren ersten großen Themenblock: zurück zu den archaischen Gesellschaften. Und darüber soll im Kontext zunächst einmal lehrreich referiert werden: Über die vorchristliche Göttin Mater Matuta und den Gilgamesch-Epos. Erst aus der theoretischen Unterfütterung wächst ein Spiel. Maecker wedelt Blätter und schaufelt Erde aus Schüsseln, Fedkenheuer trägt nun eine florale, raumgreifende Krone.

Die Szene wird als solche von Regisseurin Lehmann sofort wieder hinterfragt. So eine archaische Mater-Matuta-Religion, das wollen die beiden jetzt auch in echt, mit Menstruationsfeuer zum Vollmond, die Männer gehen angeln, die Frauen pflanzen einen Samen in den Boden. "Das ist dann mehr so was Nächtliches." – "Ja!" Und auch diese Idee kann so nicht stehen gelassen werden: zu binär, zu diskriminierend. "Soll ich den Samen jetzt drin lassen", fragt Fedkenheuer aus dem Off.

Die Macht ist das Übel, nicht das Geschlecht

Femdom entwirft nicht die eine Utopie, sondern wirft viele Utopien auf. Das Stück holt immer wieder Fremdtexte ran, von Dante über Judith Butler bis Donald Trump. Die Schauspieler verwerten diese referierend oder am Keyboard, treten aus dem Stück und wieder hinein und betreten Ideen wie neue Räume, die erstmal zu erkunden sind.
Wie der Planet Angel One, Star-Trek-Fans bekannt, auf der die Auserwählte, Beata, herrscht und Männer keine Rechte haben. Lisa Fedkenheuer schlüpft also in die Rolle des William Riker, Erster Offizier der Enterprise, Martin Meacker in die der Beata, die brüskiert auf Rikers Zurückweisung reagiert: "Findest du mich nicht attraktiv?" Und Riker, da kommt die Pointe: "Männer sind keine Objekte!" Jawoll.

FemDom 560a JochenQuast uKommt ein Vogel geflogen: Lisa Fedkenheuer, Martin Maecker © Jochen Quast

Und natürlich funktioniert dieser ganze erhellende und heitere und widerspenstig-wendige Abend vor dem Hintergrund der Frage, ob denn wirklich alles besser würde in der frauenregierten Welt. Star Trek sagt, die Macht ist das Übel, nicht das Geschlecht. Valerie Solanas sagt: "Der Mann ist eine biologische Katastrophe. Er hat die Welt zu einem Scheißhaufen gemacht." Maecker kullert traurig die weißen Stufen des Bühnenbilds hinunter. Aber Mathilde Lehmann ist nicht Solanas und findet: "Warum sollte eine Masse Frauen besser sein als eine Masse Männer?"

Die Frau ist nicht Träger einer männlichen Idee

Es ist eine Herausforderung für Lisa Fedkenheuer und Martin Maecker, dieser Vielzahl an Stücken im Stück gerecht zu werden. Aber sie tun das, clever, indem alles, was geschieht, augenzwinkernd geschieht. Als könnte es auch gleich zurückgenommen, verworfen werden. Zwar wirkt das viele Ausstellen von Material und Text zuweilen dann doch sehr Seminararbeits-mäßig, aber das ist verzeihlich, solange so gut wie alles hergenommen und theatral verwertet wird.

Dass am Ende tatsächlich noch ein Femdom-Manifest ganz handfest auf Papier verteilt wird, stößt zunächst auf. Will man jetzt eine Antwort haben, schwarz auf weiß? "Hauptsache sie", steht da, "begreift sich als Subjekt. Die Frau ist nicht Träger einer männlichen Idee." Und: "Lasst uns unseren Scheiß doch machen." Aus all der Radikalität erwächst vielleicht auch der Wunsch nach einem Minimalkonsens, auf den man sich einigen kann. "Das Prinzip der gemeinsamen Menschheit", orientiert am Manifest der Konvivalisten. Und das ist dann alles halt so einfach wie wahr.

Die Bienen jedenfalls dürfen einander nicht zu nahe kommen, damit sein Geschlechtsteil nicht an ihr hängen bleibt, was er nicht überleben würde. Die schönsten Metaphern liefert doch immer das Tierreich.

 

Femdom
von Mathilde Lehmann
Konzept, Regie & Musik: Mathilde Lehmann, Bühne & Kostüme: Sofia Korcinskaja, Dramaturgie: Linda Best, Licht: Anuschka Freund.
Mit: Lisa Fedkenheuer, Martin Maecker.
Premiere am 4. Mai 2019
Dauer: 1 Stunde 25 Minuten, keine Pause

www.theater-erlangen.de

 
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