Blase, Küche, Faust

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 31. August 2008. Ist er der Blick, der viel zu lange trifft? Ist er das Ei mit Senfsoße? Oder das glückliche Ende einer linken Gegendemonstration, zu der die Neonazis einfach nicht auftauchten? Welcher ist jener Augenblick, den Faust zum Verweilen einladen wollte? Nach diesem ebenso ersehnten wie gefürchteten Moment, dem "Verweile doch", hat das Regieduo "Auftrag: Lorey" gemeinsam mit Jens Heitjohann dreißig alte Frankfurter befragt und ihre Antworten zu einer Installation zusammengefügt, dem "Museum des Augenblicks".

Stahlbad des fun

Auf dem Willy-Brandt-Platz herrscht Trubel. Aus den Lautsprechern vor der Oper dröhnt die "Tosca". Am Main knallt und sprüht das Museumsuferfest mit einem Feuerwerk seinem Ende entgegen, und von der Glasfront des Schauspiels schauen zehn alte Gesichter herab.

Per Kopfhörer wird eine Tonmontage zugespielt, Fragmente von Glückserzählungen. Dazwischen klappern Gebisse, gluckern Mägen, rasselt Atem. Poröse Stimmen schildern ein besonderes Essen, sprechen von Augenblicken des Verliebens, und eine Stimme erzählt mit hellklingender Freude gar von einer Kutschfahrt zur Hochzeit durch eine zerbombte Stadt: "Keine Luftangriffe mehr. Friedlich. Ein ganz neuer Anfang."

Der leisen, konzentrierten Installation machte der Krawall umher einen Strich durch die Rechnung, gegen das spätsommerliche Gewimmel kommt sie schwer an. Und zeigt einmal mehr, wie fragil Kunst im öffentlichen Raum sein kann. Dabei begann "Goethes Wunderkammer – eine Bildungsblase im öffenlichen Raum", als deren letzte Produktion dieses "Museum des Augenblicks" hier stattfand, an einem noch unhausteren Ort, dem Rossmarkt nämlich.

Auf der Landebahn

Der Rossmarkt ist am Reißbrett entworfene, in Design gegossene Architektur von bemerkenswerter Ödniss und Unbrauchbarkeit. Eine weite, leere Fläche, die an den Goetheplatz angrenzt, mit seinem erst vor einem Jahr reinstallierten Dichterdenkmal. Dort stehen junge Bäumchen in Reih und Glied, unter ihnen glimmen am Boden Serien von Lichtern wie eine Flugzeuglandebahn.

Zum Goethegeburtstag hatte sich hier also "Goethes Wunderkammer" niedergelassen. Bei der "Bildungsblase im öffentlichen Raum" handelt es sich um eine mobile Installation des Raumlabors Berlin: Die Blase, ein liegender Ballon mit halbtransparenter Haut. Kuratiert wurde die Wunderkammer von Björn Auftrag und Stefanie Lorey ("Auftrag: Lorey"), die im den vergangenen Jahren unter anderem am Berliner Hebbel am Ufer arbeiteten. In der Blase gab es ein Festessen, zu dem Anrainer des Platzes und Theatergänger geladen waren. Und zum Kochen.

Etwa sechzig Gäste banden sich Schürzen um, schnippelten Gemüse und klopften Fleisch. Schnell bildete sich dabei eine Gesellschaft für einen Abend, während draußen Autos vorüber fuhren, Scheinwerferkegel über die Ballon-Außenhaut glitten, Passanten ihre Schatten warfen. Ein spannender und überaus paradoxer Ort, der durchlässig für das Außen ist, einen veränderten Blick auf die Stadt herstellt und doch ein geschlossener Raum bleibt. Das Faust'sche "Verweile doch", das als Leitmotiv alle Arbeiten der Wunderkammer prägte, ging hier prima auf. Eine Intervention, die einen wünschen lässt, ihre Erfahrung könnte zur Regel werden: So belebt, bespielt, erfüllt sollte der zugige Platz öfter sein.

Was willst Du denn in Rio?

Am nächsten Tag ist die Wunderkammer dann umgezogen. Man trifft sich am Schauspiel Frankfurt und wird von dort geführt – aber nicht kunstlos. Jules Buchholz und Julia Krause inszenieren die Zuschauer als solche, formen sie zu einem höchst komischen Demonstrationszug, ausgestattet mit Plakaten: "Wir sind das Publikum".

Der Text als Handlungsanweisung, offenen Auges durch den "Moloch Frankfurt" zu gehen, "den Goethe so nicht kennen wollte". Auf dem Weg durch die Straßen und Plätze des Bahnhofsviertels erntet man erstaunte Blicke. Und das Herrlichste: Wo man alltäglich nur diskret hinschielt, da darf, ja, soll man nun offen hinschauen. In die Gesichter der Passanten etwa, die so plötzlich zu Akteuren werden, und in eine halbdunkle Stadt als Schauplatz im Wortsinn.

Am Ziel angelangt, leuchtet die Blase dann am Fuß der Dresdner Bank am Jürgen-Ponto-Platz. Die Berliner Puppentheatertruppe "Das Helmi" spielt darin "Faust auf Faust". Mit ihren skurrilen Schaumstoffpuppen haben sie im letzten Jahr das Festival "Impulse" aufgemischt und für ihre anarchisch-charmante Adaption des Films "Leon der Profi" prompt den Dietmar-N.-Schmidt-Preis gewonnen.

"Faust auf Faust" aber ist, sind die ersten Witze mal verschossen, eher zäh. Der Schauplatz des Geschehens wird nach Rio de Janeiro verlegt, dort bastelt Faust Roboter, und seine mürrische Visage mit der übergroßen Nase tut die Unzulänglichkeit von Welt und Leben deutlich kund. Der dreckige Berliner Hinterhofwitz und der Charme des Unperfekten tragen leider nicht durch den Abend, irgendwann verpufft die Chose trotz Punkrockattitüde mit Schlagzeug, E-Gitarren und Cora Frosts rauchig-rotzigem Gesang.

So bleiben die glücklichen Moment rar und flüchtig, und das Unternehmen, mit dem Theater in den öffentlichen Raum vorzudringen, immer noch ein Wagnis. Das aber auch wunderbar aufgehen und einmal mehr dazu führen kann, dem hybriden Frankfurter Stadtraum neu zu begegnen.

 

Wunderkammer I
raumlabor_berlin
Küchenmonument. Ein Festessen

Wunderkammer II
Das Helmi
Faust auf Faust
Mit: Florian Loycke, Emir Tebatebai/ Isabella Parkinson, Cora Frost, Brian Morrow.

Wunderkammer III
Auftrag: Lorey und Jens Heitjohann
Museum des Augenblicks

www.schauspielfrankfurt.de

 

 
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