Ein quietschnasser Stöckelschuh

von Sonja Eismann

Berlin, 9. Mai 2019. Vor Jahren wählte eine feministische Freundin von mir für eine ihrer digitalen Identitäten das Alias "Persona". Das klang weltläufig, abgeklärt und irgendwie mystisch. Ich war neugierig, schämte mich aber zuzugeben, dass ich den Film von Ingmar Bergman noch nicht gesehen hatte. Jetzt, mit der gleichnamigen, auf dem Film basierenden Theateraufführung in meinem Terminkalender, suchte ich ihn endlich. Und fand online die Originalversion mit spanischen Untertiteln (die ich, aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse, alle paar Minuten mit dem englischen Dialogskript auf einer anderen Website abglich). Wie feministisch war Bergmans Blick? Ging es darum überhaupt? Und wie ist die Perspektive einer jungen Regisseurin über 50 Jahre später im immer noch männerdominierten Theaterbetrieb auf eben diesen Blick?

Krankheit oder Klasse?

Auf dem Weg zur Vorstellung gleiche ich mein Verständnis des Films mit einem winzigen Ausschnitt seiner Rezeptionsgeschichte ab. Ich bin gespannt: welche, neben der offensichtlichen feministischen Lesart, wird die Inszenierung privilegieren? Die auf psychische Krankheit fokussierte? Die der Homoerotik zwischen den Frauen? Die der mangelnden kritischen Reflexion von Klasse? Oder die biografisch begründete problematische Mutterbeziehung? Und wie lässt sich diese als Meisterwerk gefeierte Reflexion über das Medium Film auf die Bühne übersetzen?

Persona 3 560 Arno Declair hKalter Glanz auf der Bühne von Jo Schramm © Arno Declair

Das Bühnenbild – Krankenzimmer und dann Sommerhaus – ist mit seiner verspiegelten Muschelhaftigkeit funktional und glamourös gleichzeitig, wenn auch bei Fragen rund um Identität, Masken und Echtheit irgendwie naheliegend. Das roboterartige, fast kindlich übertriebene Spiel der ersten Szene im Krankenzimmer, in der die Stimmen vom Band kommen, Corinna Harfouch als Schwester Alma wie ein schlurfendes Muttchen auftritt und Franziska Machens als Karikatur der Evil Ärztin, wird durch den spektakulärsten Moment des ganzen Abends abgelöst, der ausschließlich von nicht belebten Aktanten bestritten wird: Regen setzt ein, lange weiße Vorhänge wie auch das Krankengewand der verstummten Schauspielerin Elisabet Vogler (Karin Lithman) lösen sich wie Zucker in transparente Fäden auf und sind am Ende nur noch Flüssigkeit.

Die Wiederholung von Gewalt

In dieser Flüssigkeit wälzen sich die beiden Schauspielerinnen in der Folge so ausgiebig, dass – besonders in den speziell choreographierten Kampfszenen – der Eindruck eines Schlammcatchens entsteht. Angesichts der stetig tropfenden Gewänder von Harfouch und Lithman drängt sich die Frage nach der Selbstverständlichkeit gewaltvoller Erfahrungen auf Theaterbühnen auf, die in letzter Zeit mehrfach thematisiert wurde: Ist das Wasser nicht furchtbar kalt? Wie fühlen sich die nassen Lappen auf der Haut an? Wie passt ein quietschnasser Stöckelschuh auf einen aufgequollenen Fuß? Und kann der brutale Umgang mit Frauenkörpern nur durch die Wiederholung ebendieser Gewalt thematisiert werden?

Das Erleben transgressiver weiblicher Lust, das Bergman Ende der 1960er Jahre in der Beschreibung einer spontanen Orgie am Strand (mit Nachhilfe von Liv Ullmann, angeblich) seiner Alma noch zugestand, wird von Harfouch beschämt und traumatisiert wiedergegeben. Berührungen zwischen weiblichen und männlichen Körpern sind, so scheint es, bei Regisseurin Anna Bergmann reine Zumutungen für die Frauen. Die Subtilität der reduzierten Mimik im Film, in dem der Regisseur, ganz male-gaze-mäßig, die Flächen der Frauengesichter wie Leinwände von der Kamera abfahren und bemalen lässt, wird auf der Bühne mit expressiven Gesichtsausdrücken zwischen deutlich ausbuchstabierter Verachtung, Indifferenz oder Hass regelrecht überschrien.

Die Frage nach dem Warum

Corinna Harfouch ist mit ihrem mühelosen Switch zwischen ungestümer, jugendlicher Expressivität und (alters)gebeugter Unsicherheit begeisternd wie immer, und das Zusammenspiel mit Karin Lithman als stumme Nemesis/Alter Ego ist visuell beeindruckend. Doch die Frage nach dem Warum einer Relektüre bleibt bis zum Ende unbeantwortet: keine der bereits etablierten Lesarten wird erweitert oder in Frage gestellt. Doch es wird auch keine neue hinzugefügt, sondern nur auf der Klaviatur der Frage nach "Konstruktion der Identität des Menschen" weitergeklimpert. Das ist in Zeiten von ultraausdifferenzierten und immer wieder heiß debattierten Identity Politics ein wenig zu allgemein, um als eigenständige Coverversion zu inspirieren.

 

 

Persona
nach dem Film von Ingmar Bergman in der Übersetzung von Renate Bleibtreu
Regie: Anna Bergmann, Bühne: Jo Schramm, Kostüme: Lane Schäfer, Musik: Hannes Gwisdek, Licht: Sven Erik Andersson, Video: Sebastian Pircher, Dramaturgie: Sonja Anders, Felicia Ohly.
Mit: Karin Lithman, Corinna Harfouch, Franziska Machens, Andreas Grötzinger.
Malmö-Premiere: 15. September 2018
Berlin-Premiere: 30. November 2018
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.deutschestheater.de
www.malmostadsteater.se

Sonja Eismann 180h Katja Ruge © Katja Ruge Sonja Eismann (*1973) lebt als Journalistin und Kulturwissenschaftlerin in Berlin. Mitbegründerin der Zeitschrift "nylon. KunstStoff zu Feminismus und Popkultur" 1999 in Wien. Arbeitete von 2002–2007 als Redakteurin beim Popkulturmagazin Intro und gab 2007 den Sammelband "Hot Topic. Popfeminismus" heute heraus. 2008 gründete sie mit Chris Köver und Steffi Lohaus die Zeitschrift Missy Magazine. Freie Autorin u.a. für Spex, konkret, Pop-Zeitschrift und Deutschlandradio Kultur. Mitglied des Beirats der Musikabteilung des Goethe-Instituts sowie des Göttinger Zentrums für Geschlechterstudien. Zuletzt erschienene Bücher: "Freie Stücke. 15 Geschichte über Selbstbestimmung" (2019), "Ene Mene Missy. Die Superkräfte des Feminismus" (2017), "Fair für alle. Warum Nachhaltigkeit mehr ist als nur 'bio" (2016), "Hack's selbst. Digitales Do-It-Yourself für Mädchen" (2015).


In der Reihe Das Theatertreffen 2019 von außen betrachtet hat nachtkritik.de Expert*innen von Disziplinen außerhalb des Theaterbetriebs gebeten, die Berliner Festivalgastspiele zu begutachten. Aus frei gewähltem Blickwinkel, ohne formale oder inhaltliche Vorgaben. Zu allen Einladungen finden sich auch Nachtkritiken, die bereits zur Premiere der Produktionen entstanden. 

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