Alle gegen alle

von Gerhard Preußer

Münster, 10. Mai 2019. Das Bild kennt man: eine Gruppe von ausgehungerten Gestalten, halbtot auf einem Floß liegend, um einen improvisierten Mast mit roter Fahne zur Menschenpyramide arrangiert, einem sehr fernen Schiff am Horizont verzweifelt zuwinkend. So hängt Theodore Guéricaults Monumentalgemälde "Das Floß der Medusa" im Pariser Louvre. Und so beginnt Stefan Ottenis Inszenierung nach dem gleichnamigen Roman Franzobels in Münster. Gemälde, Roman und Bühnenfassung greifen ein historisches Ereignis auf, den berüchtigsten Schiffbruch des 19. Jahrhunderts. Berühmt, weil er schon damals, lange vor dem Holocaust, zeigte, dass der Mensch sich keine Grenzen setzen kann, auch nicht die, die man optimistisch Humanität oder Menschlichkeit nennt. 

1816 lief die französische Fregatte "Medusa" vor Westafrika auf eine Sandbank und kenterte. Es gab zu wenige Rettungsbote, 150 Menschen wurden auf einem provisorisch gezimmerten Floß ausgesetzt. Als sie nach 13 Tagen gefunden wurden, waren noch 15 übrig. Schwäche, Kannibalismus und Mord hatten die Gruppe auf ein Zehntel reduziert.

Allein auf dem Meer

Drei Jahre später las der Maler Guéricault den Bericht zweier Überlebender und malte das Bild. König Ludwig XVIII., nach der Niederlage Napoleons wiedereingesetzter Bourbone, soll bei der Ausstellung des Bildes gesagt haben: "Ihr Schiffbruch da, das ist nichts für uns." Aber für die Diskussion über das Wesen und Selbstverständnis der Menschheit war er etwas.

2016 hat der österreichische Autor Franzobel einen sechshundertseitigen Roman über den Stoff veröffentlicht, keineswegs die erste literarische Verarbeitung. Nun haben Stefan Otteni und sein Dramaturg Michael Letmathe eine Bühnenfassung dieses vielgelobten Epos erstellt. Die bunte Fabulierlust, den Sprachspaß, die bei aller Spannung abwechslungsreiche Agogik des Lesewerks kann ein Bühnenwerk nicht reproduzieren. Die Dramatisierung konzentriert sich auf die Endphase, die Debatten und Kämpfe auf dem Floß.

FlossderMedusa1 560 Oliver Berg uRettung nicht in Sicht: "Das Floß der Medusa" in Münster © Oliver Berg

Die Bühne ist ein gestaffeltes Durcheinander von Möbelstücken: Schränke, Tische, Stühle, eine Badewanne – das Floß (Bühne: Peter Scior). Darüber schwebt auf einer Plattform eine Musikerin, die singend und Akkordeon spielend das Geschehen untermalt: die "Medusa" (Mariana Sadovska). Mit Vorausblicken und Rückblenden wird der Schiffbruch erzählt. Drei Schauspielerinnen und fünf Schauspieler wechseln die Rollen und Kostüme, spielen den Kapitän, dessen hochstaplerischen Freund, die Schiffsoffiziere, den künftigen Gouverneur des Senegal, seine Gattin und seine Tochter, den Schiffsarzt, einen Schiffsjungen und andere Besatzungsmitglieder und Passagiere.

Nacktes Menschenknäuel

Das ist anfangs nur tempo- und wortreiches Skizzieren der Situation und der gesellschaftlichen Stellung der Figuren. Doch bis zur Pause spitzt sich nicht nur die Lage auf dem Floß zu, auch die Intensität des Spiels steigert sich. Zweimal brechen virtuos choreographierte Kämpfe auf dem Floß aus, wilde Schlägereien, Kriege aller gegen aller, wie eine Illustration des Hobbes'schen Naturzustands der Menschheit. Dann werden die Kostümwechsel zu Entblößungen, schließlich sind fast alle Darstellerinnen und Darsteller vollständig nackt, Menschen, aller zivilisatorischen Häute entbehrend, im Rohzustand. Das Münsteraner Ensemble wird durch diese Zumutung der Regie zu äußerster Dringlichkeit animiert.

FlossderMedusa2 560 Oliver Berg uChoreographierter Überlebenskampf, Schlägereien brechen aus: "Das Floß der Medusa" in Münster © Oliver Berg

Um das Floß aus dem Wasser zu heben, müssen Menschen geopfert werden, um die Überlebenden zu ernähren, müssen Leichen verzehrt werden. Die Diskussionen unter den Schiffbrüchigen gehen um Gott, um die Vernunft, um die Zivilisation, um die Menschlichkeit. "In jedem Mensch wohnt ein zweites Ich, eine Bestie, … das nur vom Instinkt getriebene Ungeheuer." Gegenseitig befühlen sie ihre Körper, ob sie essbar wären. Dann liegt ein nacktes Menschenknäuel in der Mitte des Floßes. Nach diesem Höhepunkt kann es mit den Menschen auf dem Floß und der Inszenierung nur bergab gehen. Parallel zur Schwäche der Floßbewohner lässt die Spannung der Inszenierung nach. Kalt wird kalkuliert, wieviele Menschenopfer wieviele Menschen retten können. "Die Schwachen töten, damit die Stärkeren überleben". Diese primitivste Form des Utilitarismus kennt keine Menschenrechte.

Zeigefinger-Gegenwart

Am Schluss überrascht die Inszenierung mit einem Sprung in die Gegenwart. Aus den Lautsprechern krächzt ein O-Ton von der Rettung schiffbrüchiger Migranten auf einem Boot im Mittelmeer. Was bisher schon jedem mitdenkenden Zuschauer schwante, wird explizit gemacht. Der historische Fall verweist auf heute. Man kann das Paradigma des Floßes der Medusa auf verschiedene Weise verwenden, als Testmodell für ethische Theorien in Ethikseminaren oder als Rollenspiel im Kooperationstraining. Oder als "Gleichnis der heutigen Gesellschaft" (Franzobel), als Kritik an der Flüchtlingspolitik der Europäischen Union. Für alle Verwendungsmöglichkeiten liefert die Inszenierung reichlich Material.

 

Das Floß der Medusa
nach dem Roman von Franzobel
Inszenierung: Stefan Otteni, Bühnenbild: Peter Scior, Kostüme: Ayşe Gülsüm Özel, Musik: Mariana Sadovska, Kampfchoreografie: Klaus Figge / Ronny Miersch, Dramaturgie: Michael Letmathe.
Mit: Frank-Peter Dettmann, Ilja Harjes, Louis Nitsche, Alphonse Christoph Rinke, Christian Bo Salle, Richeford Sandra Schreiber, Carola von Seckendorff, Andrea Spicher, Mariana Sadovska.
Premiere am 10. Mai 2019.
Dauer: 2 Stunden 40 Minuten, eine Pause

www.theater-muenster.com

 

Kritikenrundschau

"Am Anfang stellen die Schauspieler Géricaults Gemälde nach. Die neun Männer und Frauen sind fast die ganze Zeit auf einem stilisierten Floß", so Ralf Stiftel in der Westfälischen Allgemeinen (15.5.2019). Die schlimmsten Details lassen sich aber nicht zeigen, und das sagen die Darsteller auch, "da liegen sie längst nackt auf diesem lächerlich zusammengestoppelten Gebilde und erzählen vom Sterben, vom Hunger, davon, wie sie sich von den Gestorbenen ernähren." Die Inszenierung erreiche eine unglaubliche Dichte und Präsenz mit den Mitteln des epischen Theaters. Und dieser historische Schiffbruch habe für den heutigen Nachrichtenzuschauer genug Parallelen zu den Dramen, die sich täglich auf dem Mittelmeer abspielen. "Ein überaus eindringlicher Abend, dessen Erzählfluss auch durch eine Pause nicht gestört wird."

Harald Suerland schreibt in den Westfälischen Nachrichten (13.5.2019): Regisseur Otteni finde für das Geschehen auf der Medusa eine "eigene szenische Sprache". Er entwickle die Handlung immer wieder aus den Bild-Arrangements der acht Akteure … Zusammen mit den Klängen und Gesängen die Musikerin Mariana Sadovska hinzufüge, an denen auch die Schauspieler als Chor beteiligt würden, entstünde bisweilen die Wirkung eines szenischen Oratoriums – "fast möchte man an ein Requiem auf die Zivilgesellschaft denken". Das Ensemble gebe dem Abend eine "beklemmende Intensität".

Hans-Christoph Zimmermann schreibt auf der-deutschen-bühne.de (11.5.2019) Stefan Otteni zeige, dass Zivilisation "durchaus mehr" sei "als eine Frage der Ethik". Die zivilisatorische Katastophe beginne im Roman von Franzobel bereits bei dem Geschehen auf der "Medusa", das fast zwei Drittel des Werks einnehme. Wofür sich Stefan Otteni "allerdings kaum" interessiere. Die Inszenierung schwenke zum "nicht Darstellbaren". Ottenis Dramaturgie für "das ethische Chaos" entfalte sich wie "ein streng gebautes Raster". Am Ende wolle Otteni "dann doch zu viel": "Historische Vergegenwärtigung, ethischer Diskurs, medizinische Bestandsaufnahme, Komik, Tragik, Rührung" – wirklich nah trete einem die Inszenierung nicht. Und die "wiederkehrenden Verweise auf Europa, Demokratie, Flüchtlinge, Moral und Kultur" seien nicht nur "wohlfeil", sie machten vor allem skeptisch. "Nicht erst auf dem Mittelmeer, schon in Lügde oder bei jedem toten Kind in der Kühltruhe beginnt der Zivilisationsbruch."

 
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