Hairy Poppers Witzigkeit

von Şeyda Kurt

Berlin, 15. Mai 2019. Als ich erstmals den Namen des Stücks lese, muss ich gleich an Pornofilme denken. Es gibt eine lange Liste von Titeln, die Klassiker der Film- und Literaturgeschichte parodieren, ich meine solche wie "2001 Orgien im Weltraum". Die Überschreibung des Molière-Klassikers, die am Dienstagabend auf dem Theatertreffen aufgeführt wird, nennt sich "Tartuffe oder das Schwein der Weisen" und ist offenkundig an den ersten Roman der Harry-Potter-Reihe angelehnt ("Harry Potter und der Stein der Weisen"). Auch den hat die Pornoindustrie schon vor langer Zeit für sich entdeckt: "Hairy Popper und der Stab der Steifen".

Kartoffel-Theater

Wie sich herausstellt, liege ich mit meiner Assoziation gar nicht daneben, weil in dieser Fassung von PeterLicht, inszeniert von Claudia Bauer, aus dem berüchtigten Komödienheld Tartuffe – in Molières Version aus dem Jahre 1664 ein Betrüger im Gewand eines christlichen Frommen – ein "Sex-Guru" geworden ist. Die Familie, bei der er Unterschlupf gefunden hat, drängt er zu erotischen Motivationsworkshops, die er später teuer in Rechnung stellen wird.

Tartuffe 103a 560 Priska Ketterer uDas Schwein hat Schlag bei Frauen: PeterLichts "Tartuffe" in der Regie von Claudia Bauer aus Basel © Priska Ketterer

"Tartuffe" ist übrigens eine Anlehnung an das italienische "tartufolo", was "Kartoffel" bedeutet – womit wir beim Thema wären: Ich habe nämlich keine Lust mehr, ausschließlich Weiße Darsteller*innen auf der Bühne zu sehen. Theater ist für mich ein Innovationslabor. Und Produktionen, die die strukturelle Unsichtbarkeit von nicht-Weißen Personen und die Benachteiligung nicht-weißer Schauspieler*innen fortschreiben, möchte ich nicht beim Experimentieren zusehen. Oder sagen wir es anders: Sie langweilen mich.

Verknotungen erwünscht

Nun bin ich am Dienstagabend jedoch mit einem Auftrag im Haus der Berliner Festspiele und gebe mir Mühe, mich entlangweilen zu lassen. Immerhin soll das hier eine Komödie sein, die als "entlarvende Sprachkritik" angekündigt wird, mein Journalistinnenherz schlägt höher. Tatsächlich bleibt zum Langweilen erstmal keine Zeit, weil die Figuren und ihre Dialoge mit einer krassen Energie durch das Spiel jagen. Über der Bühne hängt gleichsam eine geladene Wolke aus Wörtern und Sätzen wie "Teilwerdung der Phänomene, deren Teil ich bin", die gesprochen, abgewandelt, wiederholt und zitiert werden. Ihre Aneinanderreihung führt irgendwann zu semantischen Verknotungen, das Gehirn arbeitet am Entknoten, zieht Diskurse und Kontexte zu Rate. Verknotungen können durchaus witzig sein, das weiß ich, weil ich früher Twister gespielt habe.

Tartuffe 56c 560 Priska Ketterer uHinaufgestiegen: PeterLichts "Tartuffe" handelt von der "Penishaftigkeit des Kapitalismus" © Priska Ketterer

Dazu performen Münder, Augenbrauen, Arme und Beine mit solch einer trügerischen Natürlichkeit, als habe es nie ein Drehbuch gegeben. Trug und Wahrheit, darum geht es ja. Orgon, das herrische wie naive Oberhaupt einer wohlhabenden Familie, ist dem Tartuffe verfallen, während seine Ehefrau, Tochter und Hausangestellten erkannt haben, dass dieser ein Betrüger ist. PeterLicht hat beschlossen, das patriarchale Prinzip, das Orgon verkörpert, im Kapitalismus zu verorten. Tartuffe, der im Schweinskostüm im dritten Akt erstmals auftaucht, verkündet irgendwann die männliche Ordnung und „Penishaftigkeit des Kapitalismus“ und schwenkt dann sein Riesenglied herum.

Das Deutungsregime der Fortpflanzungsorgane

Im vierten Akt scheint es tatsächlich nur noch um Penisse und Vaginen zu gehen. Die symbolische Aufladung von Fortpflanzungsorganen ist ja durchaus ein patriarchales Prinzip. Pierre Bourdieu beschreibt etwa in "Die männliche Herrschaft" ein binäres Deutungssystem, in der die Erektion des Penis mit der Eigenschaft des Hinaufsteigenden assoziiert wird, und somit das "Männliche" in Abgrenzung vom "Weiblichen" als positiv und übergeordnet gelesen wird. Nun führt die Überschreibung von PeterLicht dieses Deutungsprinzip fort, benennt es zwar, aber bricht es nicht auf, wie auch nicht die Kopplung der Konzepte von Männlichkeit und Weiblichkeit an Fortpflanzungsorgane. Was ich sagen will: Nein, Männlichkeit hat nichts mit Penissen zu tun (es gibt auch Männer ohne Penis).

Die letzte Szene des Stücks ist die Wiederholung der ersten, alles ist auf Anfang, ein Schlagabtausch zwischen mehreren Figuren, nur dass sich nun am Rande der Bühne Tartuffe als Dirigent des Geschehens offenbart; Tartuffe, der nicht länger ein Schwein ist, sondern als ein Mensch wie jeder andere entlarvt wurde, auch wenn er irgendwie ein Schwein bleibt, ein Schwein mit Schein oder der Schein eines Schweins, wir wollen den Schein doch, so wie wir das Spiel und das Theater wollen, aber wollen wir auch das Schwein? Verstehen Sie, was ich meine?

Tartuffe 35d 560 Priska Ketterer uNeobarocke Pracht: Das Bühnenbild schuf Andreas Auerbach, die Kostüme wurden von Vanessa Rust entworfen © Priska Ketterer

Der Journalist und Nachtkritik-Mitbegründer Dirk Pilz, bei dem ich an der Universität der Künste studieren durfte, sprach in einer Vorlesung mal über die Epiphanie des Seins. Er beschrieb sie als einen kurzen, vergänglichen Augenblick der Wahrheit, in dem der Schleier gehoben wird: "In dem Moment lerne ich, wer ich bin." In der Kunstkritik käme es darauf an, diese epiphanischen Momente greifbar zu machen.

Die Epiphanie des Seins

In den letzten Tagen habe ich überlegt, was das für mich – mit Blick auf das Theater – bedeutet. Am Ende bin ich wieder bei der Körperlichkeit angelangt: Epiphanie als sinnliche, unmittelbare Erregung, Schauer laufen über den Rücken, ich werde meiner Körperlichkeit, ihrer Verortung und Einbettung in Gesellschaft und Zeit bewusst. Die Körper auf der Bühne können hingegen Freiräume zeigen, die da entstehen, wo Körper aus der ihnen gesellschaftlich zugeschriebenen Rolle fallen. Was könnte also epiphanischer sein als eine Komödie? Da, wo die menschliche Eigenart des Humors eine unmittelbar körperliche Reaktion hervorruft?

Doch während meine Sitznachbarin am Dienstagabend buchstäblich gluckert, habe ich die Mundwinkel in den fast drei Stunden vielleicht zwei Mal zu einem Schmunzeln angestrengt. Das Publikum lacht mal über den Wortsalat, der sich für mich doch irgendwann abnutzt, mal darüber, dass an Orgons Fuß etwas klebt, das er vergeblich versucht abzustreifen. Manche lachen aber auch, als Tartuffe im vierten Akt verlangt, Orgons Tochter und Ehefrau – beide sind verängstigt – in seine Sex-Workshops zu holen, er wolle sie "flachlegen". Er droht also mit (sexualisierter) Gewalt. Und das ist dann mein Moment der Wahrheit: Solange über Letzteres gelacht wird, verzichte ich gerne darauf, Teil dieses Humors zu sein.

 

Tartuffe oder das Schwein der Weisen
von PeterLicht nach Molière
Regie: Claudia Bauer, Bühne: Andreas Auerbach, Kostüme: Vanessa Rust, Musik: PeterLicht, Video: Cedric Spindler, Musikalische Leitung: Henning Nierstenhöfer, Dramaturgie: Constanze Kargl, Licht: Cornelius Hunziker, Maske: Elisabeth Dillinger-Schwarz.
Mit: Katja Jung, Florian von Manteuffel, Myriam Schröder, Mario Fuchs, Leonie Merlin Young, Max Rothbart, Pia Händler, Nicola Mastroberardino, Henning Nierstenhöfer, Julian Gresenz.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.theater-basel.ch

SeydaKurt 150 privat uŞeyda Kurt studierte Romanistik, Philosophie und Kulturjournalismus in Köln, Bordeaux und Berlin. Sie ist Journalistin und arbeitet in der Redaktion des Onlinemagazins ze.tt.
Homepage seydakurt.de. Sie twittert unter @kurtsundgut.



 

Die Reihe Das Theatertreffen 2019 von außen betrachtet gibt Stimmen von Expert*innen außerhalb des Theaterbetriebs zu den Berliner Festivalgastspielen. Zu allen Einladungen finden sich auch Nachtkritiken, die bereits zur Premiere der Produktionen entstanden.

Die Nachtkritik zur Premiere von Tartuffe oder das Schwein der Weisen am Theater Basel gibt es hier.

Zur Festivalübersicht des Berliner Theatertreffens 2019 geht es hier entlang.

 

 
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