Trauer um alles

von Valeria Heintges

Zürich, 16. Mai 2019. Barbara Frey beendet ihre zehnjährige Intendanz am Zürcher Schauspielhaus mit Literatur und Musik – die Kombination war ihr ja ohnehin immer die liebste. In ihrem Projekt "Die Toten" mit Texten von James Joyce, der lange Jahre in Zürich lebte, hier starb und begraben ist, kommt beides so dicht zusammen wie selten. Frey gibt sich nicht damit zufrieden, die gleichnamige letzte Erzählung aus den "Dubliners" zu inszenieren. Sie mixt mit ihrem Dramaturgen Geoffrey Layton Passagen aus "Ulysses" und "Finnegans Wake" dazu. Diese sollen vor allem zeigen, wie musikalisch die Texte sind, wie stark sie von Rhythmus und Klang leben, wie das Hören die so sperrigen Werke öffnen kann.

Im Sprechgesangsprech

Fünf hochmusikalische Schauspieler und mit Jürg Kienberger einen in der ganzen Bandbreite der Musik bewanderten Klangkünstler braucht Barbara Frey für ihre Totentextmesse in moll. Auf der Drehbühne des Pfauen drei komplett schwarze Räume von Martin Zehetgruber, mit Flur, Musizier- und Esszimmer. Die Kostüme von Bettina Walter: sechs schwarze Fracks für alle, und am Ende ein langes, dunkelviolett-braunes Abendkleid für Lisa-Katrina Mayer. Beinahe beiläufig trägt vor allem Claudius Körber die Erzählung "Die Toten" vor, zwischendurch spricht Michael Maertens die Figur Gabriel Conroy.

Conroy kommt mit seiner Frau Gretta auf eine Familien-Feier seiner Tanten, wird dort als Vaterlandsverräter beschimpft, hält eine Tischrede und erfährt von Gretta, dass sie als junges Mädchen einen anderen Mann liebte. Der wollte Gretta damals, obwohl todkrank, vor ihrer Abreise noch einmal sehen, und starb zwei Wochen später an den Folgen des Ausflugs, gerade mal 17 Jahre alt. Völlig desillusioniert realisiert Gabriel, dass seine Frau ihm ein Leben lang fremdgeblieben ist. Seine Trauer ist endlos. "Seine Seele hatte sich jener Region genähert, wo die unermesslichen Heerscharen der Toten ihre Wohnung haben", heisst es im letzten Absatz der Erzählung.

Die Musik des Romans

Dieses Treffen, dieses Ineinander der Lebenden mit den Toten bringt Barbara Frey auf die Bühne, als Treffen der Romansprache mit dem Klang, der Musik, dem Rhythmus. Oft singen die Schauspieler, oft sprechen sie im Chor; aber auch dann ist ihr Sprechen mehrstimmig, ein Sprechen, das halb Singen, ein Singen, das halb Sprechen ist.

DieToten 1 560 MatthiasHorn u"Die Toten" heißen Benito Bause, Elisa Plüss, Jürg Kienberger, Lisa-Katrina Mayer, Claudius Körber © Matthias Horn

Auch die Musik ist in dieser Arbeit da und nicht da, schwebt etwa zu Beginn in Fetzen, in Takten durch die Zimmer, lässt hier einen bekannten Walzer, dort eine Volksweise anklingen. Ein paar Takte nur, dann ist wieder Stille am Klavier von Jürg Kienberger, ehe die nächsten Andeutungen erklingen. Die Schauspieler erscheinen, wiegen sich, als würden sie bei einer Beerdigung den Sarg tragen und synchron laufen müssen, um nicht zu stolpern. Sie sprechen – nur was? Minutenlang etwa die Namen von Menschen, die den Geburtstag des Oberförsters besuchen. Es sind dies etwa Mrs. Hundertlaub, Mrs. Röhricht oder Miss Wildreb. So geht das ewig weiter. Ein bisschen komisch, und sehr, sehr merkwürdig.

Elisa Plüss singt von einem Mann, dem ein Mädchen die Hochzeit verspricht, das sich dann nicht mehr sehen lässt. Der Rhythmus ein Volkslied, der Inhalt: todtraurig. Benito Bause beschreibt das Essen auf der Party mit einer Begeisterung, als verkünde er den ewigen Weltfrieden. Mal sitzen sie alle am Tisch, stocksteif. Bewegen kaum eine Miene. Und berichten, wie das aussieht, wenn sich so eine Leiche in der Erde zersetzt. "Vergammelnder salzweisser Leichenbrei: riecht, schmeckt wie rohe weisse Rüben." Mal bauen sie sich vorm Klavier auf, als stellten sie ein Gemälde nach. Dann hält Gabriel seine Tischrede – und sie unterbrechen ihn, mit Wort-, Klang und Erinnerungsfetzen. Blitzartig fällt das Licht auf sie, blitzartig sind sie wieder weg.

Halblebende Halbtote

Alles ist durchzogen von Trauer, um die schon Toten, um das kleine bisschen Leben, um die ganz grosse Täuschung. Es rauscht und raunt, weht hinein und wieder heraus, schattenhaft, ein wenig gruselig auch, dabei immer statisch, immer verhalten. Nie fällt ein böses Wort, nie schreit einer, alle sind ruhig, höflich, beherrscht. Auch Lisa-Katrina Mayer spricht als Gretta ganz höflich und piano mit ihrem Gatten, merkt überhaupt nicht, wie sehr sie ihm den Boden jeglicher Gewissenheiten unter den Füssen wegzieht. Auch er bleibt höflich, aschfahl ist er im Gesicht, aber das sind sie alle ohnehin von Anfang an, diese Halb-Lebenden und Halb-Toten.

Ja, das ist perfekt auf den Punkt gespielt. Ja, das ist hochmusikalisch und hochgekonnt dargeboten, vom ganzen Ensemble, herausragend Elisa Plüss und Claudius Körber. Aber doch sind die Stühle im Pfauen selten so unbequem gewesen. Das Hochkünstlerische ist hochartifiziell. Es fehlt ihm ein wenig an Leben.

Die Toten
Ein Projekt nach der gleichnamigen Erzählung von James Joyce mit Texten aus "Ulysses" und "Finnegans Wake"
Deutsch von Dieter E. Zimmer ("Die Toten"), Hans Wollschläger ("Ulysses") und Wolfgang Hildesheimer ("Finnegans Wake")
Regie: Barbara Frey, Bühne: Martin Zehetgruber, Kostüme: Bettina Walter, Musik: Barbara Frey, Jürg Kienberger.
Mit: Benito Bause, Jürg Kienberger, Claudius Körber, Michael Maertens, Lisa-Katrina Mayer, Elisa Plüss.
Dauer: 1 Stunden 50 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.ch

 

Kritikenrundschau

Bar­ba­ra Frey inszeniere ei­ne mu­si­ka­li­sche Rei­se in ei­nen an­de­ren Sprach- und Ge­dan­ken­kos­mos, so Hubert Spiegel in der FAZ (18.5.2019). "Man wird Teil ei­ner an­de­ren Thea­ter­welt. Hier geht es ge­mes­sen zu, fei­er­lich, ge­dämpft, auch streng, je­doch bei größ­ter spie­le­ri­scher Lust an Prä­zi­si­on und be­hut­sa­men Brü­chen, hin­rei­ßend schön und me­lan­cho­lie­ver­liebt, bis ei­nem die Brust eng wird." Das cho­ri­sche Spre­chen wech­sele mit so­lis­ti­schen Auf­trit­ten, er­zäh­le­ri­schen Ein­schü­ben und – Mu­sik, "Reim, Klang, Rhyth­mus, As­so­nanz, Rei­hung, Li­ta­nei, all das sind der Mu­sik ver­wand­te Mit­tel der Li­te­ra­tur, de­nen die Re­gis­seu­rin ei­ne oft sta­tua­ri­sche Kör­per­spra­che ih­rer Schau­spie­ler ge­gen­über­stellt." Bar­ba­ra Frey habe sich mit die­sem per­fekt cho­reo­gra­phier­ten Abend ei­nen lang­ge­heg­ten Her­zens­wunsch er­füllt.

So viel Weh und eben auch einen Hauch von Trost habe James Joyce in den einsamen Dubliner Gabriel seiner großen Erzählung "Die Toten" hineinimaginiert und "die Musikerin Barbara Frey schob der Regisseurin Barbara Frey die geeigneten Noten dafür zu", schreibt Alexandra Kedves im Tagesanzeiger (18.5.2019). "Freys Joyce-Projekt ist eine Art Geistliches Konzert: ist ein Exerzitium der Zwischentöne." In ihrem Adieu von Zürich "schwingt das 'à Dieu' des Wortsinns mit. Ihr Faible fürs Feinstoffliche, ja, Unstoffliche hat die Regisseurin im vergangenen Jahrzehnt immer wieder spielen lassen." Die sechs Jedermenschen in den schwarzen Fräcken gehören halb dem Totenreich an, "die Gestalten bewegen sich im Gleichschritt und in langsamen Walzern durch die Kammern." Und: "laut liess das Publikum den verdienten Applaus auf Barbara Freys leise Abschiedsarbeit regnen."

"Zum allerbesten Ende gibt sich Barbara Frey zu erkennen. Sie ist jetzt das, was man sich von ihr in Zürich immer gewünscht hat: Die Intendantin ist sichtbar und greifbar. Sie zeigt mit diesem James-Joyce-Abend ihren heissesten Glutkern", so Daniele Muscionico in der NZZ (18.5.2019). Was sich hundertzwanzig Minuten lang auf der Bühne des Schauspielhauses zutrage, ist zu hundert Prozent Barbara Frey, "es ist ihr Bestes: überragende Musikalität bei kompromisslosem Formwillen". 

"Ein krönender Abschluss, aber nicht in dem Sinne, dass es bombastisch wäre, sondern eine unaufdringliche, feine, sehr musikalische, sehr sorgfältige Arbeit", so Andreas Klaeui im SFR (17.5.2019). Man konnte auf gute Art noch mal sehen, was Barbara Freys Ära eigentlich ausgemacht habe. Frey "nimmt einerseits die Erzählung, aber spiegelt den Erzähltext in andern Texten, vor allem von James Joyce selbst." Musik spiele dann eine große Rolle in dieser Inszenierung, es werde viel gesungen, sehr schön gesungen, irische Folksongs, wie Stimmen im Kopf, und "es entsteht also ein ganzer Kosmos um James Joyce, um diese kleine Geschichte herum, der sie unterfüttert und reich macht".

Die Mu­sik und der Tod seien in Bar­ba­ra Freys In­sze­nie­rung im­mer an­we­send. "(E)r um­schleicht die Fi­gu­ren, lässt sich durch Jürg Kien­ber­gers Pia­no­s­piel auf Ab­stand hal­ten und durch Mi­cha­el Ma­er­tens’ lei­se Mo­no­lo­ge wie­der an­lo­cken, so­dass ein rausch­haf­ter Schwe­be­zu­stand ent­steht, ein Abend auf der Kip­pe zwi­schen dem Ver­stum­men und strah­len­dem künst­le­ri­schem Ge­lin­gen", schreibt Peter Kümmel in der Zeit (23.5.2019). Lei­der stecke aber ste­cke ein ziem­li­cher Bil­dungs­ehr­geiz hin­ter dem Pro­jekt. "Wäh­rend der Pro­ben be­kam man of­fen­bar Angst, Die To­ten al­lein könn­ten den Abend nicht fül­len, des­halb hat man Ma­te­ri­al aus Fin­ne­gans Wa­ke und dem Ulys­ses hin­zu­ge­stopft – der Zu­sam­men­hang ist al­so da­hin, die Kom­bi­na­ti­on der Tei­le wirkt selbst­herr­lich und bis­wei­len be­lie­big." Maß- und Ziel­lo­sig­keit stö­rten die­se at­mo­sphä­risch schö­ne In­sze­nie­rung.

"Am Ende ihrer Intendanz erschafft Barbara Frey ein Zauberstück", schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (31.5.2019): "Im Pfauen, der bürgerlichen Plüschbühne Zürichs, inszeniert sie die Erzählung 'Die Toten', (...) ergänzt sie um Passagen aus dem 'Ulysses' und 'Finnegans Wake' und übersetzt den Text in einen musikalischen Vorgang, der das Theater als Kunstwerk feiert, völlig autonom und großartig."

 

 
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