Mutlosigkeit am Bachschen Verzweiflungsfelsen

von Regine Müller

Bochum, 2. September 2008. Die Bühne ist dunkel, es herrscht gespannte Ruhe und eine Weile passiert gar nichts. Man erwartet Großes, die Stimmung ist von geradezu sakraler Andacht. Dann hört man leise, stoßweise Atemgeräusche. Fast unmerklich beginnt das Spiel. Aus dem Dämmerlicht schälen sich Figuren heraus, ganz sachte setzt die Musik ein. Eine seltsame Musik, eine ferne, verschwommene Erinnerung, zugleich verzerrt und vergrößert wie in einem befremdlichen Traum. Eine Musik, die sich spielerisch gibt und doch raunend tönt. Denn sie arbeitet sich respektvoll respektlos an einem der gewaltigsten Monolithen der abendländischen Musikgeschichte ab: an Johann Sebastian Bachs Matthäuspassion.

Er sei nicht religiös, aber wenn er die Matthäuspassion höre, habe er religiöse Gefühle gestand weiland Erland Josephson Liv Ullmann in Ingmar Bergmanns "Szenen einer Ehe" und umriss damit, welche (Ersatz)-Funktion Bachs Werk in säkularer Zeit einnimmt: die nämlich, spiritueller Allgemeinbesitz zu sein.

"Oppernhaftiger" Religionsersatz

Die Matthäuspassion ist eben nicht nur frommen Menschen heilig und scheint ergo unantastbar. Und doch hat bereits 1981 der Choreograf John Neumeier mit seinem Hamburger Ballett gewagt, der Bachschen Musik getanzte Bilder entgegenzusetzen.

Auch der Genter Choreograf und Regisseur Alain Platel ist sich des Sakrilegs durchaus bewusst. Bei der RuhrTriennale ist Platel traditionell zuständig für den mutigen Umgang mit musikalischen Heiligtümern. 2003 faszinierte er mit seinem furios innigen Mozart-Spiel "Wolf", vor zwei Jahren brachte er mit der Kreation "VSPRS" zu Claudio Monteverdis Marienvesper einen ekstatisch erschütternden Abend zustande.

Diesem überwältigenden Erfolg sollte nun mit der Bach-Adaption noch einer drauf gesetzt werden, scheint doch die dramatische Passionsgeschichte eine ungleich ergiebigere Vorlage für szenische Bilder als Monteverdis psalmodierende Vespergesänge. Nicht umsonst hatten Bachs Zeitgenossen seinem Gipfelwerk immer wieder vorgeworfen, zu "oppernhaftig" zu sein. Eine Steilvorlage also?

Tatsächlich erreicht "pitié! Erbarme Dich!" die Wucht des Monteverdi-Abends nicht annähernd, obwohl er den größten Ohrwurm des Werks, die Alt-Arie "Erbarme Dich" in den Mittelpunkt stellt und um die heiklen Themen des Mitleidens und Erbarmens kreist und damit erneut ungesichertes, doch aussichtsreiches Terrain betritt.

Erbarme Dich, mein Gott und Geliebter!

Er wolle die Geschichte nicht chronologisch nacherzählen, sondern sich auf die in der Passion vernachlässigte Dreiecksbeziehung zwischen Mutter und Sohn und Geliebter, also zwischen Maria, Jesus und Maria Magdalena konzentrieren gab Platel vorab zu Protokoll.

Auf der Bühne bleibt das über weite Strecken Behauptung, denn außer immer wiederkehrenden Pietà-Bildern sind bloß verzweifelt einsame Soli, grausam intensive Pas des Deux' oder gruppendynamische Prozesse mit extremen Gefühlsausbrüchen zu sehen, die Platels hinreißendes Ensemble mit der gewohnten gierigen Lebenswut betreibt.

Wiederum kämpfen die Tänzer auf der Bühne einen verzweifelten Lebenskampf, einsam, dann wieder in überraschenden Formationen, jeder beladen mit den ureigensten Deformationen und Obsessionen. Die akrobatischen Darsteller zittern, zappeln, stottern, finden Trost, um sich wieder dem nicht enden wollenden Krampf zu ergeben. Aus pathologischem Bewegungszwang wird unversehens die tänzerische Arabeske und aus der artigen Pirouette ein Unfall mit verknoteten Gliedmaßen.

Verzweifelter Lebenskampf

Überhaupt gehen sich die Tänzer hart an: sie reißen aneinander, als wollten sie sich häuten. Sie trampeln aufeinander herum, betrommeln sich. Martern aller Arten, höchst virtuos und mit schonungsloser Härte ausgestellt von den zehn Ausnahmetänzern.

Dass sich dennoch die fällige Erschütterung nicht recht einstellen will, liegt neben dem wolkig bleibenden Konzept vor allem an Fabrizio Cassols musikalischer Bearbeitung, die sich – womöglich aus Ehrfurcht – nicht recht traut. Die achtköpfige Musikertruppe, besetzt mit Streichern, Drums, E-Gitarre, Akkordeon, Flöte und Saxophon experimentiert zwar feinsinnig mit Motiven, macht Dur aus Moll und umgekehrt, entschlackt und spitzt zu, bleibt aber in der Summe mutlos.

Insbesondere der biedere Einsatz des Schlagzeugs, das bisweilen in zäher Play-Bach-Manier einfach nur unterfüttert, nervt durch Anpassung, statt scharfe Akzente zu setzen. Schlechthin großartig dagegen das Sängertrio, aus dem der farbige Countertenor von Serge Kakudji im schrillen Jesushemd besonders herausragt.

Fazit: Ein zwiespältiger Abend mit großen Momenten, der dennoch scheitert. Wenn auch auf allerhöchstem Niveau.

 

Pitié! Erbarme Dich!
Les Ballets C. de la B./ Alain Platel / Fabrizio Cassol
Konzept und Regie: Alain Platel, Bühne: Peter De Blieck, Kostüme: Claudine Grinwis, Plaat Stultjes, Musik: Fabrizio Cassol nach der Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach, Licht: Carlo Bourguignon.
Mit: Quan Bui Ngoc, Louis-Clément Da Costa, Mathieu Desseigne Ravel, Lisi Estaràs, Emile Josse, Juliana Neves, Hyo Seung Ye, Romeu Runa, Elie Tass, Rosalba Torres Guerrero.

www.ruhrtriennale.de

 

Kritikenrundschau

Als eigenartig, mysteriös und irgendwie dunkel beschreibt Peter Michalzik, durchaus beeindruckt, in der Frankfurter Rundschau (4.9.2008) Alain Platels Version von Bachs Matthäus-Passion. Der Ton winde sich unter "den Mühen der Geburt aus dem Klangkörper heraus", ergieße sich erst von hier in Orchester- und Chorpartien, die nach Bach klingen und wie eine Erlösung wirken würden. Auch den Tänzern bescheinigt Michalzik große Glaubwürdigkeit. "Aus dem Stöhnen und Seufzen, aus geflüstertem 'I love you' und 'I didn't kill him' schälen sie Bewegungen und Bilder, die jetzt tatsächlich das Innerste nach außen stülpen. Spürbar kann Seele doch nur über Körper werden. Körper werden hier einander wie Kletten, sie verklammern und verhaken sich ineinander, sie gleiten aneinander ab und klatschen aufeinander, sie zerren aneinander, bohren sich in eingezogene Bäuche." Aus Sicht von Michalzik schafft die Art, wie Platel seine Tänzer um Ausdruck ringen lässt, große Intensität. Für ihn begegnen sich darin "das Profane und das Heilige, das Fleisch und der Geist."

Dirk Pilz
, der für die Berliner Zeitung schreibt (4.9.2008), hat der Zweistundenabend "Pitié!", dessen Uraufführung aus seiner Sicht ein erster Höhepunkt der diesjährigen Ruhr-Triennale ist, eigenem Bekunden zufolge mit "bestürzend intensiven und dringlichen Momenten" "ganz am emotionalen Kragen" gepackt. Platels Komponist Fabrizio Cassol habe die Musik Bachs nicht nur als Fundgrube schöner Melodien und bekannter Motive genommen, auch wenn sie fast alle vorkommen würden. Vielmehr nehme er Bachs Partitur wie eine Grundtonart auf, "die er moduliert, übermalt, variiert und exkursionsweise auch verlässt." Während "der gläubige Rationalist" Bach in seiner doppelchorigen 'Matthäuspassion' die verschiedensten Form- und Stilmittel benutze, "um im Gottessohn auch den leidenden Mensch aufscheinen zu lassen" und entsprechend zu sehr irdischen Seelentönen finde, suche Platel "gleichsam den göttlichen Funken im Mensch", fahnde mit jeder Szene nach dem Ausdruck für die Leidens- und Einfühlungsvielfalt und somit nach dem, was der Passionstext Nächstenliebe, Mitleiden, Herzensanmut nennt. "'Du lieber Heiland du' wird auch bei Platel gesungen; gemeint ist aber: Du liebes Leben du – der Abend will ausdrücklich eine Verführung zur Menschlichkeit sein, und er ist es auch."

"Formloses Aneinanderreihen mittelmäßiger Einfälle, Kitsch und Kunstgewerbe" bemängelt dagegen Stefan Keim in der Tageszeitung Die Welt (4.9.2008) an Alain Platels Bach-Abend, den er eher als "Lothar-Matthäus-Passion" empfand. Auch Fabrizio Cassol am Saxophon bekommt nur mittelmäßige Noten. Denn Keims Ansicht nach hat er "Themen Bachs zu einer effektvollen, aber auch dramaturgisch sehr durchsichtigen Komposition verwurstet". Auf innige, stille Momente folgten stets eine fetzige Nummern, "mal rockig, mal jazzig, gegen Ende vor allem folkig". Mit "ganz dickem musikalischem Zeigefinger" beschwöre Cassol eine Einigkeit der Religionen, wie auch Platel "einem politisch korrekten, ziemlich platten Humanismus" huldigen würde. Nur ein packendes Bild, das Keim daran erinnert, daß er es hier mit jenem Platel zu tun hat, der den grandiosen Mozart-Abend "Wolf" erfand. "Jeder Tänzer hat sich einen Mundschutz vors Gesicht geschnallt und ringt nach Luft, wie ein Fisch auf dem Trockenen. Eine Minute lang löst Platel seinen Anspruch ein, zeigt Menschen, die ums nackte Überleben kämpfen, keine Nummer, echte Qual am Ende eines anstrengenden Tanzabends."

 

 
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