Peer, der Patient

von Alexander Jürgs

Frankfurt am Main, 18. Mai 2019. Peer Gynt ist krank. Zusammengekauert, apathisch liegt er da, im Bett in der Ecke, die Haare verstrubbelt. Er spricht nicht mehr, er funktioniert nicht mehr, so sagen sie. Die Decke des Kastens, der ein Krankenhaus, eine Psychiatrie darstellen soll, ist niedrig, erdrückend. Das grelle, weiße Licht blendet. "Für manch einen ist das da draußen zuviel", leiert der Arzt. Peer geht trotzdem hin. Er nimmt sich eine Leiter, klettert durch eine Luke, raus in die Welt.

Melodischer Folk

Dort steht er in einem Wald aus Brettern, der Boden voller Morast, Erde, das Licht ist kontrastreich gesetzt. Peer reißt sich die Kleider vom Leib, schmiert sich den braunen Dreck auf den Körper. Die anderen Darsteller, ebenfalls nackt, kommen dazu. Sie grunzen, schreien und rennen hin und her, dann formen sie mit Peer in ihrer Mitte eine Knäuel aus Körpern. "Das ist Leben", brüllt Peer. Der Klangteppich dazu, melodischer Folk, spart nicht an Streichern.

PeerGynt2 560 Birgit Hupfeld uKlinik und mythische Weite: Peers zwei Welten in dem von Harald B. Thor entworfenen Bühnenraum © Birgit Hupfeld

Der Kontrast aus klinisch weißer Krankenwelt und dunkler, urwüchsiger Landschaft wird den Abend auch weiter prägen. Der Klinikkasten kann auf- und abgefahren werden, meist ist er im Bühnenboden versunken, auf seinem Dach liegt die Erde der Waldwelt. So reinlich weiß wie zu Beginn wird er nicht lange bleiben. Je häufiger Peer zwischen den Ebenen wechselt, umso mehr Dreck schleppt er in die Klinikwelt. Dort bangen Solveig – eine Tochter aus frommer Familie, in die sich Peer vor vielen Jahren beim Tanz verguckt hat – und Peers Mutter um ihn. Und auch der Vater, sonst die abwesende Figur des Stücks, ist mit im Krankenhaus, kippt Schnaps und raucht seine E-Zigaretten.

Wie ein wildes Tier

Kein Abenteurer, sondern ein Leidender, das ist dieser Peer Gynt, den Max Simonischek gibt, in einer bildgewaltigen, poetischen, fast fünfstündigen Inszenierung von Andreas Kriegenburg am Frankfurter Schauspiel. Er spricht oft bleiern-monoton, krümmt sich, zerreißt sich, duckt sich weg, als wolle er sich vor der Welt da draußen, vor den Frauen, den Trollen, den Mitreisenden, verstecken. Und doch ist er auch ein Kraftprotz, kann er wüten wie ein wildes Tier. Braucht nur eine Handbewegung, um Ingrid, der Tochter des Hägstadt-Bauern, die er entführen wird, das Kleid vom Körper zu zerren. An toxischer Männlichkeit mangelt es dem "nordischen Faust", 1867 verfasst, nicht. Max Simonischek, dieser stoische Mannkoloss, der mit vollem Körpereinsatz spielt, ist die ideale Besetzung dafür.

PeerGynt1 560 Birgit Hupfeld uRingen mit den Trollen: Max Simonischek ist Peer Gynt © Birgit Hupfeld

Wie der Ausgestoßene, wie der Andere pathologisiert wird, davon erzählt uns sein Peer. Wenn er aus dem Klinikkasten in die "lebendige Welt" klettert, wirkt das wie eine Flucht in die Phantasie. Aber auch dort wird er von den Medizinern verfolgt. In ihren Arztkitteln, mit weißen Masken vor dem Gesicht, die sie bedrohlich wirken lassen, bleiben sie an ihm dran. Sie fesseln ihn mit langen Bändern, wirbeln ihn über die Bühne. Es erscheint wie in einem Alptraum.

Kaiser der Wahnsinnigen

Starke, bunte, mystische und phantasievolle Bilder sind es, die die Inszenierung des Ibsen-Dramas über den von den Freiheiten der Moderne überforderten Menschen dominieren. Die Trolle tragen Schweinsmasken und rasselnde Bambusröhrchen am Körper, die Tochter des Königs schleppt ein wucherndes Haarnest mit sich herum. Zu arabischer Folklore wehen riesige Fahnen. Als Schiffbrüchiger kauert Peer an einer Holzplanke, während die restlichen Darsteller aus Plastikplanen ein wogendes Meer erschaffen. Ein bisschen Terrence Malick, ein bisschen Cirque du Soleil. Andreas Kriegenburg trägt dick auf, und das ist auch gut so. Seine Inszenierung hat einen enormen Sog.

PeerGynt4 560 Birgit Hupfeld uMax Simonischek als Peer Gynt und Sarah Grunert als Solveig © Birgit Hupfeld

Peers Flucht in die Welt lässt ihn zum Händler werden, zum Kapitalisten. Sie führt ihn an die nordafrikanische Küste und nach Ägypten, dort halluziniert er sich in die Rolle des Propheten, wird von einem deutschen Arzt zum "Kaiser der Wahnsinnigen" gestempelt, macht sich mitschuldig an den Selbstmorden zweier Patienten. Erst als alter Mann kehrt er inkognito zurück in die nordische Heimat, wo er selbst zur mythischen Figur, zur Erinnerung geworden ist – und wo Solveig (als neben sich stehende, alterslose Frau von Sarah Grunert gespielt) noch immer auf ihn wartet. Peer sieht sie auf dem Krankenbett sitzen, wo sie mit den Pflegerinnen einen Tee trinkt. Aber gleichzeitig sieht er dort auch sich selbst im Bett liegen. Ein Double seines Selbst, ein zweiter Peer. Von der Waldwelt aus blickt er hinunter in die Krankenhauswelt, klammert sich an den Rand. Er redet drauflos, er hofft, seine Solveig zu erreichen. Doch die reagiert nicht mehr. Dann erlischt das Licht.

 

Peer Gynt
von Henrik Ibsen
Deutsche Fassung von Botho Strauß und Peter Stein
Regie: Andreas Kriegenburg, Bühne: Harald B. Thor, Kostüme: Andrea Schraad, Dramaturgie: Volker Bürger
Mit: Max Simonischek, Katharina Linder, Sarah Grunert, Paula Hans, Friederike Ott, Melanie Straub, Sebastian Reiß, Florian Mania, Christoph Pütthoff, Fridolin Sandmeyer, Nils Kreutinger, Andreas Tillmann
Premiere am 18. Mai 2019
Dauer: 4 Stunden, 45 Minuten, zwei Pausen

www.schauspielfrankfurt.de

 

Kritikenrundschau

"Kriegenburg will nicht mehr zeigen als das, was er im Text gefunden hat, aber das, was er zeigt, will er länger zeigen", schreibt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (19.5.2019). Das Ensemble werfe sich lebhaft in die Situationen. "Rasant müssen sie zwischen den Rollen wechseln und die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit, 'Wahn' und 'Wirklichkeit' ständig überspringen. Ein Spiel, aber ein anregendes Spiel."

Die Szenen mit Simonischek und Linder seien Höhepunkt des Abends. "Stille poetische Momente gelingen ihnen da, feinnervig schillernd zwischen Trost und Traurigkeit", schreibt Bettina Boyens in der Gießener Allgemeinen (19.5.2019) über einen "großen Theaterabend". "Spektakulär greifen das gewaltige Einheitsbühnenbild von Harald B. Thor, die Kostüme von Andrea Schraad und die Wandlungsfähigkeit des vielfach besetzten, elfköpfigen Ensembles ineinander."

"Nach der beeindruckenden Psychiatrie-Eröffnung" bebildere Kriegenburg die Weltreise Peer Gynts mit "Zutaten einer Paraphrase", schreibt Jürgen Berger in der Süddeutschen Zeitung (12.6.2019). "Im weiteren Verlauf des knapp fünfstündigen Abends taucht das klinische Gynt-Gefängnis nur noch sporadisch aus der Versenkung auf, ansonsten setzt Kriegenburg auf überwältigende Bilder."

 
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