Feministische Geisterbahn

von Gerhard Preußer

Bonn, 24. Mai 2019. Die Angelegenheit brennt auf den Nägeln. "Burning Issues", die Veranstaltungsreihe gegen die Benachteiligung von Frauen an den Theatern, nahm ihren Ausgang vom Schauspiel Bonn. Nun haben Volker Lösch und Christine Lang in Bonn – nachdem Nicola Bramkamp, die Initiatorin von "Burning Issues", Bonn längst den Rücken gekehrt hat – einen brandheißen Theaterabend zum Thema angefacht. So zeigt das Theater nicht nur seine Fähigkeit zur Selbstreflexion, sondern auch seine Fähigkeit zur Selbstdarstellung. Seht her, unsere Probleme sind eure Probleme.

Nun kommt das Vorsprechen

Fünf Schauspielerinnen und zwei Schauspieler sprechen zunächst fein rhythmisiert Hesiods antike Erzählung, wie durch Pandora, die erste Frau, alle Übel in die Welt kamen. Nur, warum sprechen sie auch die Anweisungen des Regisseurs mit? ("In die Zäsur hineindenken, überlasst euch dem Versmaß!") Es sind sieben Mitglieder des Bonner Ensembles, die Schauspielstudentinnen und -studenten sein sollen und denen gleich ein Vortrag gehalten wird, wie toll man mit dem Theater die Welt verändern könne. Doch dann geht der Vorhang auf und ein riesiges Ledersofa dräut auf der Bühne, die Besetzungscouch.

House of Horror 560 ThiloBeu uDie Besetzungscouch bestimmt das Theaterbewusstsein? Die Bühne von Julia Kurzweg © Thilo Beu

Nun kommt das Vorsprechen. Mit großer Lust an der detailgenauen Karikatur wird gezeigt, wie Darstellerinnen dabei von den männlichen Entscheidern herabgewürdigt oder ausgenutzt werden. In fiktiven Spielsituationen zeigt der Abend, was hinter der Bühne im Theater wirklich gespielt wird. Probe, Spielplandiskussion, Ensembleversammlung – alles wird vorgeführt. Schauspielerinnen spielen Schauspielerinnen und Schauspieler spielen Regisseure.

So wird eine "echte" Probenszene gespielt: Lavinias Vergewaltigung in Shakespeares "Titus Andronicus"; man sieht schön deutlich den Kampf um Rollen, wie Rolle und Person, realer Schmerz und gespielter Schmerz ineinander übergehen. Bis zwei Schauspielerinnen (Birte Schrein und Sandrine Zenner) mit viel Nebel und Gedröhne durch die Versenkung in die Unterbühne rutschen. Was dort geschieht, sieht man auf einer Leinwand: sie treffen dort auf alle die toten Frauen der Theatergeschichte.

Alle mussten sie sterben oder mindestens wahnsinnig werden: Klytämnestra, Emilia, Gretchen, Desdemona, Ophelia, Johanna, Gräfin Julie, Lulu und all die anderen: das ganze Gruselkabinett der Dramenliteratur. In dieser Videounterwelt tummeln sich auch männliche Gespenster: die Supermachos Bertolt Brecht, Dieter Wedel und Konsorten, Männer mit Penisnasen, blutigen Messern, an herausoperierten Gebärmüttern lutschend: zum Lachen fürchterliche Bestien in einer feministischen Geisterbahn.

Beklemmende Bekenntnisse

Damit man nicht glaubt, nur im Theater gäbe es männliche Übermacht und Gewalt gegen Frauen, kommen sechs Bonner Frauen auf die Bühne, Expertinnen des Alltags der Diskriminierung, die in der Ich-Form Sätze aus Interviews rezitieren, die das Regieteam bei verschiedenen Institutionen in Bonn gesammelt hat. Neben dem einen Probenausschnitt und den langen Filmsequenzen aus der literarischen Unterwelt besteht der Abend vor allem aus Sätzen, Sätzen, immer wieder Sätzen, im Chor skandiert, geradeaus ins Publikum geschrien, herausposaunt mit vollem Überzeugungswillen: feministischer Agitprop.

House of Horror1 560 ThiloBeu uClub der toten Theaterfrauen in der Videounterwelt  @ Thilo Beu

Da gibt es beklemmende Bekenntnisse (wie die Erfahrung, als Kind missbraucht zu werden, in eine Karriere als Vergewaltigungsopfer übergeht) und steile Thesen ("Vergewaltigung ist das Zentrum unserer Sexualität und das Skelett des Kapitalismus." "Das kulturelle Vermächtnis von Frauen wurde ausgelöscht – ein geistiger Genozid".)

Alle wichtigen Themen der aktuellen Diskussion werden aufgegriffen: Was wird aus dem patriarchalischen Kanon der Theaterliteratur? Wie werden Besetzungen geschlechtergerecht geregelt? Wo gibt es gute Rollen für mittelalte Frauen? Wie können mehr Frauen in Leitungspositionen gelangen? Wie müssen sich Leitungsstrukturen ändern? Sogar eine Intendant*in wird als Epiphänomen des Patriarchats entlarvt. Mit viel Lust an der Übertreibung und Generalisierung wird Meinung an Meinung gehängt. Für Agitprop (das einmal eine leninistische Werbemaßnahme war) geht es nicht um Überzeugung, sondern um emotionale Bestätigung. Das erreicht Löschs Sprechchor-Horrorfilm-Abend.

Feminismus ist für alle da

Nach all der wütenden Männerverachtung gibt es ein freudiges Finale. Alle Darstellerinnen und Darsteller, professionelle und Alltagsexperten, tanzen in einer Reihe nach vorne und beschreiben die Welt in zehn Jahren. Alle stereotypen geschlechtsspezifischen Verhaltensweisen werden aufgezählt. "Nicht mehr männlich, nicht mehr weiblich – alles abgeschafft." 2029 werden Theaterkritiker(*innen?) beschreiben, was sie sehen, und nicht, was sie gerne sehen möchten. (Manchmal werden sie auch noch beschreiben müssen, was sie eigentlich nicht sehen möchten.) "Circumclusion statt Penetration" wird in die Theaterluft gejubelt. (Damit frau endlich benennen kann, was sie tut, und nicht nur, was sie leidet.) "Feminismus ist für alle da." So wissen wir nun, was in den nächsten zehn Jahren auf uns zukommt.

 

House of Horror. Theater, Frauen, Macht
von Christine Lang und Volker Lösch
Regie: Volker Lösch, Bühne: Julia Kurzweg, Kostüme: Annegret Riediger, Video: Thilo Schmidt, Licht: Max Karbe, Dramaturgie: Elisa Hempel, Christine Lang.
Mit: Sophie Basse, Daniel Breitfelder, Annika Schilling, Birte Schrein, Lydia Stäubli, Daniel Stock, Sandrine Zenner Und: Julia Bogner-Dannbeck, Sophie Anastasia Botschek, Sophie-Bo Heinkel, Lioba Maria Pinn, Laila Noemi Riedmiller, Pia Rodriguez.
Premiere am 24. Mai 2019
Dauer: 2 Stunden, 10 Minuten, keine Pause

www.theater-bonn.de

 

Kritikenrundschau

Elisabeth Einecke-Klövekorn schreibt auf der Online-Plattform des Bonner General-Anzeigers (27.5.2019): Das Ergebnis von "Theater. Frauen. Macht" sei "mehrschichtig". Die Schauspielerinnen pendelten "großartig zwischen bekannten Dramenfiguren, Verweigerung von Rollenklischees und Karikaturen", die Schauspieler stellten die "Machtstrukturen des Theaterbetriebs kritisch in Frage". Doch bei den Angstvisionen auf der Unterbühne handele es sich um "bizarres Horrorkino von geringem Erkenntniswert". Die Berichte der "Experten des Alltags"von Alltagsdiskriminierung und "normaler" Übergriffigkeit weckten zwar "ehrliches Nachdenken", doch verschwimme insgesamt die Botschaft der aufwendigen Vorstellung im üppigen Bühnennebel.

Zu viel gewollt, zu wenig erreicht ist das Fazit von Isabelle Bach in der Sendung Kultur heute vom Deutschlandfunk (27.5.2019). Insbesondere kritisiert sie, dass in diesem Stück über Frauenrechte und Geschlechter(un)gerechtigkeit im Theater keine einzige starke Frauenfigur auf der Bühne stehe, sondern die Frauen stattdessen klischehaft und stereopty agieren müssten.

Hartmut Krug schreibt auf die-deutsche-buehne.de (online 25.5.2019): Trotz "einiger Durchhänger" entstünde insgesamt eine "konzeptionell und szenisch beeindruckende Inszenierung", die zu Recht vom Publikum mit langem Beifall bedacht worden sei.

Christian Bos schreibt im Kölner Stadt-Anzeiger (online 3.6.2019, 3:00 Uhr): Die Ausgangslage sei problematischer als bei anderen Projekten Löschs. Denn wieder sage ein Mann, wo es langgeht. Außerdem sei das Theater selbst "eine Black Box des männlichen Machtmissbrauchs" sei. "Glücklicherweise richte die Produktion ihren Blick "ausführlich und schonungslos auf diesen blinden Fleck". Die rhythmisiert, aber nüchtern vorgetragenen Leidensgeschichten der Bonner Frauen hätten einen eigenen Abend verdient gehabt, die Inszenierung drohe inhaltlich aus allen Nähten zu platzen. Das könne man Lang und Lösch vorwerfen, ebenso "das Zuviel an empört vorgetragener Statistik". Aber sei es ihre Schuld, dass das Thema dränge?

"So interessant und berechtigt dieser Diskurs ist - die Fakten und Thesen in chorischer Deklamation vor den Latz geknallt zu kriegen, ist schon auch penetrant und hat etwas unangenehm Agitprophaftes. Mehr von den komischen, spielerischen Szenen hätten dem Abend gutgetan", schreibt Christine Dössel von der Süddeutschen Zeitung (6.6.2019).

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