Zuschauer in der Krise

von Nikolaus Merck

Dresden, 25. Mai 2019. Das Theater kocht, es tanzt, das Theater fährt Rollstuhl. Die Gesten, die das partizipative Theater eine Woche lang beim 4. Europäischen Bürger Bühnen Festival "Our Stage" in Dresden ausführte, zielten alle auf dasselbe ab: die vermaledeite Hermetik unserer europäischen Theaterkunsttempel aufzubrechen.

Sehnsucht nach Zusammenhang

Seit Anfang des Jahrtausends boomt das partizipative Theater, das dieser Sehnsucht des Theaters nach Zusammenhang mit der Gesellschaft einen Ausdruck gibt. Überall in den vielfältigen Formaten der Freien Szene spielen Zuschauer*innen selber, im Stadttheater verwundert sich niemand mehr, wenn neben den Schauspieler*innen auch Laien im eigenen Namen mit eigenen Erzählungen auftreten.

Simon Sharkey vom National Theatre of Scotland sieht die grundlegende Ursache dieser Selbstermächtigung der Laien und Zuschauer in der Glaubwürdigkeitskrise der westlichen Demokratien. "Politik und Medien funktionieren nicht mehr, sogar der Krieg geht nicht mehr", verweist er auf die gescheiterten US-Feldzüge in Mittleren und Fernen Osten. Die rechte Politik der fake news befördert die Sehnsucht nach (vermeintlich) wahren Geschichten, wie sie etwa die "Experten des Alltags" in partizipatorischen Dokumentarformaten präsentieren.

Ungarische Produktionen

Das Theater fungiert dabei als der Erzähler, der nach Walter Benjamin Kunde bringt aus der Ferne, zu der auch das übersehene Innere der Gesellschaft mit seinen Kranken, Abgehängten und Erschöpften zählt. Benjamins Erzähler berichtet von einer Erfahrung, und eben in eine Erfahrung verwickeln die ungarischen Arbeiten "Adressless" und "Long live Regina" ihre Zuseher*innen. Um in Long Live Regina überhaupt auf die Bühne treten zu können und in einem Küchengespräch beiläufig von Entrechtung und Widerstand zu erzählen, mussten die Roma-Frauen mit Hilfe einer Sozialarbeiterin und den Künstler*innen des Self-Theatre zuerst die eigene Furcht und massive Widerstände der Behörden wie des Clans in einer Art therapeutischem Prozesses überwinden.

Dresden long live regina 01 560 Gabriella Csoszó"Long Live Regina": In der Produktion des Self-Theatre berichten ungarische Roma-Frauen von Zwangssterilisierungen, die an ihnen vorgenommen wurden, während sie nach Geburten in der Vollnarkose lagen. @ Gabriella Csoszó

Wohingegen Adressless einen Schritt weiter geht und die Trennung zwischen Darsteller*innen und Publikum in einer spielerischen Unterrichtsstunde aufhebt, in der den Zuschauer*innen aufgegeben wird, mittels eigener Entscheidungen "ihren" Obdachlosen halbwegs gesund über den Winter zu bringen und zu einer Wohnung zu verhelfen. Dass man bei diesem Spiel um Leben, Gesundheit und Tod in einer falsch organisierten Gesellschaft (fast immer) nur verlieren kann, ist die Lehre, die das Publikum en passant erlernt.

Grenzen der Demokratie

Überhaupt stürzte "Our Stage" die Position der Zuschauer*in immer wieder rettungslos in die Krise. Glaubte das in "Pending Vote" von Roger Bernat zu Antworten auf eine Vielzahl von Ja / Nein-Fragen aufgerufene Publikum, also "wir", tatsächlich, es könnte die vorgegebenen Entscheidungen "des Systems" beeinflussen, das habituell so ungut an den Supercomputer Hal aus Stanley Kubricks "2001 – Odyssee im Weltraum" erinnerte? Indem es einerseits die Zuschauer*innen untereinander in Diskussionen über Sachfragen verwickelte und immer weiter die Zahl der Abstimmungsberechtigten reduziert, bis zuletzt eine Person den ganzen Saal repräsentiert, verhindert das binäre Antwort-System andererseits eingreifende Entscheidungen. Womit es die Zuschauer*innen kräftig nas'führte und zugleich die Grenzen der repräsentativen Demokratie aufzeigte.

Das 4. Europäische Bürgerbühnen Festival Our Stage in Dresden

Eine weniger sinistre Art von Vergemeinschaftung, also Vergesellschaftung, betrieb "Invited", die zweite Produktion ohne eigentliche Darsteller*innen. Dem verbreiteten Widerwillen gegen Mitmachtheater begegneten die Performer*innen von Ultima Vez aus Belgien frontal mit einem Angebot zum Singen, Schreiten, Rennen und Herumgetragen-werden, ein Angebot, das man angesichts der Freundlichkeit der Aufforderung nur schwer ablehnen konnte. Gemeinschaft werde hier nicht als Voraussetzung aufgrund einer gemeinsamen Sprachen oder Herkunft zelebriert, sondern als "Ergebnis des Zusammenlebens", beschrieb der Hildesheimer Theaterwissenschaftler Jens Roselt den Vorgang am Freitag in seinem Vortrag "Eine Dekade der Bürgerbühnen und kein Ende".

Die Gaff-Lust, mein Ungeheuer

Drehten sich diese beiden Produktionen implizit um die Mechanismen von Gesellschaft und politischer Organisation, ging es anderswo um die "Ethik des Zuschauens" (Jens Roselt) selbst. Bei A Doll's House trat einem am Ende die eigene Lust am Gaffen und Voyeurismus gleichsam als ein abscheuliches Ungeheuer entgegen. Dagegen schwankte eine Minderheit des Publikums angesichts des von der Mehrheit frenetisch bejubelten Hamiltonkomplex aus dem Repertoire des Bochumer Schauspielhauses zwischen Entsetzen und Selbstbefragung. Handelte es sich bei den Auftritten einer kreischigen Riege von 13jährigen Mädchen um unzulässige Sexualisierung von Abhängigen oder doch um eine Befreiungsaktion, die den Kindfrauen ermöglicht, die Rolle des potentiellen Opfers sexueller Gewalt abzutun? Noch einmal Jens Roselt: Solche "Ambivalenzen" stellten das Zuschauen "stets als ästhetische und als ethische Praxis in Frage". Darauf hinzuweisen, dass "jede Form des Zuschauens im Theater eine ethische Dimension" habe, sei die genuine Leistung der Bürgerbühnen.

Vorreiter des Partizipativen

Auf der Suche nach Gründen für die Konjunktur der partizipativen Formen im Gegenwarts-Theater ist der Einfluss der Gruppe Rimini Protokoll mit ihren "Experten des Alltags" kaum zu überschätzen. In Polen, Italien oder Griechenland, erfuhr man aus den "Our Way"-Praxis-Berichten von Theaterschaffenden aus den jeweiligen Ländern, gaben Festival-Auftritte von Rimini die Initialzündung.

Dabei ist die Idee, das einstmals bürgerliche Theater einerseits zu den Zuschauern hin, andererseits für das "echte Leben" zu öffnen, uralt. Schillers Diktum vom Menschen, der Mensch nur sei, wenn er spielt, ist wie eine Urkunde im Grundstein der Bewegung eingemauert. Lessings Authentizitäts-Forderung nach "gemischten Charakteren", Brechts Lehrstück, das zuerst die Spielenden selber belehren sollte, das Lehrlings-, Schüler- und Studententheater der 68er Bewegung gehören in dieselbe Tradition. Die Mittel waren unterschiedlich, aber immer ging es darum, dass der "echte", der quasi nicht-literarische Mensch, der Bürger, Arbeiter, Lehrling mit seinen Anliegen die Bühne erklimmen sollte.

Stadium OurStage 560 Klaus Gigga uDie Bühne dem Publikum, hier in der Pause von "Stadium",einer Produktion von Mohammed El Khatib & Collectif Zirlib mit Fans des französischen Fußballklubs RC Lens. © Klaus Gigga

Mit Christoph Schlingensiefs Truppe, in der auch Menschen mit Behinderung auftraten, wurde die Sache ernst. Schlingensief stellte das Beteiligungs- und Mitwirkungsrecht der Minderheiten zur Diskussion. In der freien Szene haben sich die inklusiven Formate in den letzten 25 Jahren durchgesetzt. Das Staats- und Stadttheater kaut weiter an seinem Nachholbedarf. Doch wiederholt sich die Diskussion der 90er Jahre heute auf anderem Feld. Seinerzeit wurde darüber diskutiert, ob Schlingensief die Menschen mit Behinderung auf seinem Theater ausstelle, also ausbeute, oder ob sie sich durch ihre spielerische Sichtbarwerdung einen selbstbestimmten Ausdruck verschafften.

Ausbeutung oder Ausdruck?

Heute ist diese Frage in die Debatte um Postkolonialismus eingewandert. Zur Eröffnung der Tagung der mit "Our Stage" kooperierenden European Theatre Convention (ETC) rief der Brüsseler Dramaturg Tunde Adefioye am Freitag im besten Martin-Luther-King-Predigerton, er sei "krank und müde" der "feuchten Träume" von weißen Regisseur*innen wie Milo Rau oder Constanza Macras, die sich für ihre anti-kapitalistischen, anti-kolonialistischen Sehnsüchte schwarzer Leiber nur bedienten. Der Angriff zielte auf diejenigen, die am Vorabend der Constanza Macras-Produktion Hillbrowification begeistert zugejubelt hatten. Wer es ernst meine mit der De-Kolonisierung im eigenen Schädel, müsse Geld und Entscheidungsgewalt den Menschen in Afrika selbst oder ersatzweise den People of Colour in Europa übereignen, ließ Adefioye die (fast komplett weiße) Konferenz der ETC wissen.

Adefioyes Kritik kein eigenes, diese Fragen weiterdenkendes Diskussionsforum gegeben zu haben, gehörte zu den Misslichkeiten des Festivals, das ansonsten mit einer beeindruckenden Vielfalt an Berichten, Diskussionen und Produktionen zum hoch diversifizierten Stand des partizipativen Theaters aufwartete.

Mensch-Maschinen

Den Publikumspreis gewann die Produktion "Every Body Electric" von Doris Uhlich. Hier presste der Formwille der Regisseurin die enormen Fähigkeiten der Darsteller*innen nicht in ein vorbestimmtes Format, er beförderte sie. Die Kombination aus Fett-Tanz und Rollstuhlchoreographie schien die nackten Körper der professionellen und nicht-professionellen Darsteller*innen mit Behinderung in "Every Body Electric" über ihre Einschränkung geradewegs hinauszuführen. Nicht Menschen mit Behinderung, sondern merkwürdige Mensch-Maschine-Tänzer agierten im Festsaal von Hellerau.

Dresden every body electric 1 560 foto theresa rauter u"Every Body Electric": Die Akteure fanden sich in einem Workshop von Doris Uhlich. © Theresa Rauter

Obwohl des Festival im Titel von Bürger Bühnen sprach, waren nicht bloß die drei Handvoll fester Bürgerbühnen eingeladen, sondern potentiell jede professionell gefertigte Arbeit, in der nicht-professionelle Darsteller*innnen eine tragende Rolle spielten. Wohl nicht von ungefähr kam der Großteil der von Kuratorin und Bürgerbühnen-Pionierin Miriam Tscholl eingeladenen Produktionen aus der Freien Szene. Inklusion, Arbeit mit sogenannten Randgruppen oder Auftritte von "Expert*innen ihres Alltags", also kurz: die Öffnung der Bühnen zur Gesellschaft, sind genauso Themen des Offs wie sie hier als Themen von Bürgerbühnen firmierten. Innovation kommt noch immer zumeist von den Rändern her, prekär produziert und meistens erst nach abrechenbarem Erfolg von den Stiftungen und Theaterhäusern unter die geldbefiederten Schwingen genommen.

 

Every Body Electric
von Doris Uhlich
Choreografie: Doris Uhlich, Dramaturgie: Elisabeth Schack, Ton: Boris Kopeinig, Licht & Raum: Gerald Pappenberger, Kostüm: Zarah Brandl, Produktion: Marijeta Karlovic Graf & Margot Wehinger.
Mit: Yanel Barbeito Delgado, Adil Embaby, Karin Ofenbeck, Thomas Richter, Vera Rosner-Nógel, Katharina Zabransky.
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

Hillbrowification
von Constanza Macras | DorkyPark
Regie: Constanza Macras, Choreographie: Constanza Macras und Lisi Estarás, Dramaturgie: Tamara Saphir, Kostüme: Roman Handt, Bühne und Requisiten: Roman Handt und Outreach Foundation Boitumelo (Sibonelo Sithembe, Roggerio Soares), Licht und Technik: Sergio De Carvalho Pessanha, Sound Design: Stephan Wöhrmann, Regieassistenz: Helena Casas und Linda Michael Mkhwanazi.
Mit: Miki Shoji, Emil Bordás, John Sithole, Zibusiso Dube, Bigboy Ndlovu, Nompilo Hadebe, Rendani Dlamini, Karabo Kgatle, Tshepang Lebelo, Brandon Magengele, Jackson Magotlane, Bongani Mangena, Tisetso Maselo, Vusi Magoro, Amahle Meine, Sandile Mthembu, Thato Ndlovu, Simiso Ngubane, Blessing Opoka, Pearl Sigwagwa und Ukho Somadlaka.
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

Pending Vote
Regie: Roger Bernat, Text: Roberto Fratini, Visualisierungen der Daten: Mar Canet, Geräte und Software: Jaume Nualart, Licht: Ana Rovira, Ton: Juan Cristobal Saavedra, Musik: The Sinking of the Titanic by Gavin Bryars, PatchWorks, Bühnengrafik: Marie-Klara González, Spezialeffekte: Cube.bz.
Dauer: 2 Stunden, 20 Minuten, 1 Pause

Addressless
von Lifeboat Unit
Text: Gábor Fábián und die Spieler*innen, Regie: Martin Boross, Dramaturgie: Ambrus Ivanyos, Musik: István Rimóczi, Bühne und Kostüm: Zita Schnábel, Grafikdesign: Luca Szabados, Spielentwicklung: Ágnes Tar, László Bass, Bálint Csató, Márton Gosztonyi, Róbert Jakus
Produktionsleitung: Dóra Trifonov.
Mit: Gyula Balog, Mária Kőszegi, Zola Szabó, Réka Szenográdi.
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause

Long live Regina
von Self-Theatre
Projektkoordination: Kata Horváth, Regie: Edit Romankovics, Community Managment: Irén Lázár, Dramaturgie: Eszter Gyulay, Kata Horváth, Digital Storytelling: Anita Lanszki, Sociodrama: Judith Teszáry.
Mit: Renáta Báder, Rita Róbertné Horváth, Zsanett Horváth, Valéria Gergőné Kállai, Noémi Rudolfné Lakatos, Ilona Orgon, Anita Rácz, Judit Suha, Fruzsina Háda, Gitarre: Róbert Horváth.
Dauer: 1 Stunde

Invited
von Seppe Bayens / Ultima Vez
Regie & Choreografie: Seppe Baeyens, Dramaturgie: Kristin Rogghe, Licht & Raum: Ief Spincemaille, Kostüm: Lieve Meeussen, Bewegungsassistenz: German Jauregui, Künstlerische Beratung: Wim Vandekeybus. Von & mit: Emile Van Puymbroeck, Luke De Bolle, Chisom Onyebueke Chinaedu, Leonie Van Begin, Rosa Boateng, Oihana Azpillaga, Ischa Beernaert, Esther Motuanya, Roel Faes, Trui De Mulder, Adnane Lamarti, Seppe Baeyens, Frank Brichau, Stephan Verlinden, Elisabeth Wolfs, Leon Gyselynck, Live-Musik: Stef Heeren, Kwinten Mordijck, Karen Willems.
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten

Der Hamiltonkomplex
von Lies Pauwels
Konzept, Text & Regie: Lies Pauwels, Bühne: Chloe Lamford, Kostüm: Johanna Trudzinski, Bewegung: Lisi Estarás, Dramaturgie: Cathrin Rose, Dorothea Neweling.
Mit: Letizia Altmann, Aleyna Su Çoban, Robine Goedheid, Stefan Gota, Daria Anna Halander, Ema Hamulic, Emily Lück, Louisa Marti y Schiebel, Rhama Meinert, Gizem Özdemir, Rojna Lavina Parlak, Arina Ponomarenko, Gresa Qalaj, Elise Spohr.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause
Schauspielhaus Bochum 2018

www.staatsschauspiel-dresden.de

 

Lesen Sie hier den Auftaktbericht zur Eröffnung des 4. Europäischen Bürgerbühnen Festivals "Our Stage" in Dresden. Einen Zwischenbericht gibt es hier.

Mehr zu den Bürgerbühnenfestivals: Das 3. Bürgerbühnenfestival fand 2017 in Freiburg statt und widmete sich der Zusammenarbeit von Profis und Laien. Zum 2. Festival 2015 in Mannheim dachte Jens Roselt für uns über die Bürgerbühnen nach.

 

Kommentar schreiben