It's the economy, stupid!

von Falk Schreiber

29. Mai 2019. Ohne Superlative geht es nicht. Also wird Milo Rau im Klappentext des Bandes "Das geschichtliche Gefühl" mit hymnischen Pressezitaten gewürdigt, als "einflussreichster" (Die Zeit), "interessantester" (De Standaart) oder "ambitioniertester" (The Guardian) Theatermacher der Gegenwart. Was inhaltlich zwar wenig aussagt, aber zumindest klarstellt, dass Rau sehr international wahrgenommen wird, im durch Sprachgrenzen eingehegten Sprechtheater bis heute eher unüblich. Anders ausgedrückt: Ob Rau als Künstler nun wirklich interessant ist oder nicht, ist nicht das Thema, wichtig ist, dass man es hier mit einem prototypisch europäischen Künstler zu tun hat. Und die Tatsache, dass Rau aus der Schweiz stammt, einem Land, das schon immer über Sprachgrenzen hinwegdenken musste, ist für diese Einschätzung womöglich auch nicht irrelevant.

Nichts Minderes als das Weltgeschehens

Die für Raus Ästhetik wichtige europäische Einigung jedenfalls ist ein ursprünglich ökonomischer Prozess – der Vorläufer der EU war mit der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft von 1957 bis 1992 eine Handelsunion. Und es ist vielleicht auch kein Zufall, dass Rau seit 2018 Intendant ausgerechnet in Gent ist, im EWG-Gründungsland Belgien. Es ist also nachvollziehbar, dass Rau seine drei Vorlesungen im Rahmen der Saarbrücker Poetikdozentur für Dramatik 2017, die Johannes Birgfeld im Alexander Verlag herausgegeben hat, nicht auf einer ästhetischen, sondern auf einer wirtschaftlichen Basis aufbaut: Erst kommt das Wissen über den Rohstoffraubbau im Ostkongo, dann kann man über Kunst reden. Das ist fast Brecht: Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.

Cover Milo RauAllerdings redet Rau gern über Moral. Der 42-Jährige ist, um ehrlich zu sein, ein kaum erträglicher Moralist, dessen Unbedingtheit auch nicht dadurch gerettet wird, dass sie wirtschaftlich seriös unterfüttert ist, im Gegenteil: Gerade weil der studierte Soziologe so wahnsinnig viel weiß, gerade weil jeder seiner Sätze noch zwei, drei, viele unausgesprochene Wissensschichten beinhaltet, hat man bei ihm oft das Gefühl, einem Besserwisser zuzuhören. Die heftige Ablehnung, die seine Stücke manchmal provozieren, hat auch damit zu tun, dass man hier die Arbeit eines selbstgerechten Moralisten vermutet, der diskursiv immer schon eine Ebene weiter ist als man selbst. Dass der Rau'sche Moralismus sich dabei auch einmal überschätzt, zeichnet die Reportage im SZ-Magazin nach, die die Entstehung von Orest in Mossul beschreibt.

In seinen Vorlesungen jedoch gibt Rau sich als reflektierter, unterhaltsamer, durchaus auch selbstkritischer Künstler, der zwar weiß, dass postmoderne Ironie häufig wirtschaftliche Machtverhältnisse verschleiert, der aber die Ironie dennoch dosiert zur Auflockerung seiner Thesen einzusetzen weiß. "Das geschichtliche Gefühl" ist also ein locker lesbarer Band, der komplexe Problemstellungen ohne große intellektuelle Verkrampfungen darlegt. Und so die heterogene Rau-Ästhetik zumindest in Ansätzen fassen kann.

Dialektische Unbedingtheit

"Das geschichtliche Gefühl" dokumentiert drei Vorlesungen, die sich drei Perioden von Raus künstlerischer Karriere widmen: zunächst den Reenactments, in denen er historische Geschehnisse wie das Ende des rumänischen Ceausescu-Regimes (Die letzten Tage der Ceausescus, 2009) oder den Genozid in Ruanda (Hate Radio, 2011) nachstellte, dann seine Phase des verhältnismäßig konventionellen Erzähltheaters mit der "Europa-Trilogie" (2014–16) und den sogenannten repräsentationskritischen Stücken Five Easy Pieces und Mitleid (beide 2016), schließlich seine Polit- und Prozessstücke, in denen er performative Formen im parlamentarischen und juristischen Umfeld untersuchte, unter anderem mit Die Moskauer Prozesse (2013) und Das Kongo Tribunal (2015). Ergänzt wird der Band durch zwei Gespräche mit dem Philosophen Rolf Bossart und dem Soziologen Harald Welzer und einen Essay von Herausgeber Birgfeld.

Deutlich wird hier einerseits der extrem genaue Rechercheprozess, der diesem Theater zugrunde liegt, und wie intensiv Rau eine wirtschaftliche und soziale Basis konstruiert, bevor seine Stücke eine Form annehmen. Als Theater ist das extrem inhaltsgetrieben, und der Inhalt ist, wie oben erwähnt, in erster Linie die Ökonomie: die wirtschaftlichen Interessen einer Weltgemeinschaft, die sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion neu formierte, entlang der Ausbeutung zentralafrikanischer Bodenschätze etwa. Ein weiterer Aspekt von Raus Kunst fällt dabei ein wenig unter den Tisch, ist aber mindestens genauso wichtig: Die Frage, wer spricht, die Frage, wer zusieht. Es ist kein Zufall, dass sich die zweite Vorlesung der Repräsentationskritik widmet.

Extrem positioniert

Indem er sich mit "Das geschichtliche Gefühl" explizit repräsentationskritisch positioniert, nähert sich Rau postmodernen Positionen an, die sich ebenfalls mit Repräsentation auseinandersetzen – freilich tut er es nicht, ohne die Tendenz der Postmoderne zum Restaurativen anzuprangern. Und vielleicht ist es das, was Rau tatsächlich zum interessantesten Theatermacher der Gegenwart macht: Hier spricht einer, der weiß, dass die Postmoderne seiner politischen Positionierung entgegensteht, ein Ironiker, der mit Ironie im Grunde wenig anfangen kann. Ein schillernder Künstler, der sich nicht so leicht fassen lässt, wie man angesichts seiner klaren moralischen Standpunkte eigentlich denken könnte. Und, ja, das ist interessant.

Das geschichtliche Gefühl
Wege zu einem globalen Realismus
Von Milo Rau, herausgegeben von Johannes Birgfeld
Alexander Verlag, 176 S., 16 Euro

 

 
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