Fick dich ins Knie, Melancholie

von Alexander Jürgs

Marburg, 1. Juni 2019. Ohne Slapstick geht es nicht. Der König bekommt seinen verwirrten Auftritt im Nachthemd, sein Hofstaat rennt und schlittert über die Bühne, einer verheddert sich mit den Hosenträgern, es wird geseufzt und gegrunzt. Valerio begräbt sich unter einem Haufen aus Koffern, und als der Name der Hochzeitskandidatin – Prinzessin Lena vom Reiche Pipi – verkündet wird, kriegen sie sich gar nicht mehr ein vor Gekicher. Natürlich geht es nicht ohne Slapstick. Schließlich sind wir hier ja im Sommertheater.

Auf in die Idylle

Nicht den Shakespeare’schen, sondern den deutschen "Sommernachtstraum" bringt Eva Lange, Co-Intendantin des Hessischen Landestheaters Marburg, auf die Open-Air-Bühne: Georg Büchners "Leonce und Lena", 1836 geschrieben, aber erst 1895 uraufgeführt. Mit dem Verwirrspiel, das von zwei Adligen erzählt, die einander versprochen wurden, vor dieser arrangierten Ehe aber jeweils Reißaus nehmen, um sich per Zufall dann doch ineinander zu verlieben, hatte Büchner einen Schreibwettbewerb gewinnen wollen. Doch der Dichter ging leer aus, weil er sein Stück zu spät einschickte. In Marburg wird die Komödie nun hoch über der Stadt, auf der Schlossparkbühne, wo sonst Open-Air-Kino läuft, gespielt. Allein der Weg hinauf, über Kopfsteinpflaster und grüne Wiesen, ist Idylle genug für einen halben Monat.

LeonceLena3 560 Jan Bosch uDas Wetter meint es gut mit ihnen. Mechthild Grabner, Artur Molin © Jan Bosch

Was die Inszenierung ausmacht, ist der Einsatz von Musik. Langes "Leonce und Lena" ist eine musikalische Revue geworden, eine Zeitreise durch die westliche Popkultur – von den Beatles und Italo-Pop bis zu Bilderbuch. Die Stücke, zusammengestellt von Michael Lohmann, passen meist hervorragend zu den Szenen. Da illustriert Artur Molin als Prinz Leonce vom Reiche Popo, mit rokokohafter Föhnfrisur und goldglitzerndem Anzug ausgestattet, sein ganzes Wehleid und seine Langeweile, in dem er Radioheads "No surprises" anstimmt. Da singt Mechthild Grabner als vom Prinzen zurückgewiesene Mätresse Rosetta den gefühlskalten Hit "When the party's over" von Billie Eilish. Da verliert sich der Prinz in Todessehnsucht und intoniert "Hurt" von den Nine Inch Nails, das in der düsteren und tieftraurigen Version von Johnny Cash zu einem Klassiker wurde. Eine Liveband, auf der linken Bühnenseite untergebracht in einem Kabuff aus Kunststoff, darüber in Leuchtschrift der Schriftzug "Love", spielt die Stücke in schöner Indiepop-Manier und mit viel Posaune, der Abend wirkt oft wie eine große Liebeserklärung an die Popkultur.

Die Liebe knallt

Büchner hatte seine Komödie auch für eine Abrechnung mit dem politischen und gesellschaftlichen Status Quo genutzt. Er lästert darin recht unverhohlen über die deutsche Kleinststaaterei – auf der Flucht in Richtung Italien durchquert sein Prinz ein ganzes Dutzend von Fürstentümern in gerade mal einem halben Tag. Und er zeichnet ein satirisches, wenig schmeichelhaftes Bild von einem selbstgefälligen Adel. In Eva Langes Inszenierung spielt das Satirische jedoch keine allzu große Rolle. Sie konzentriert sich darauf, wie die Liebe die Menschen verändern – und auch heilen kann. Das unerwartete Aufeinandertreffen, der plötzliche Liebesknall bläst die Schwermut von Prinz und Prinzessin davon, Victoria Schmidt als Lena und Artur Molin spielen es mit viel Lebendigkeit. Und auch hier illustriert ein Lied den Wandel: "Fick dich ins Knie, Melancholie", ein Stück des Hamburger Singer/Songwriters Gisbert zu Knyphausen, gesungen von Schmidt.

LeonceLena1 560 Jan Bosch uDas Liebespaar: Victoria Schmidt, Artur Molin © Jan Bosch

Prägnante Bilder, die sich einprägen, gibt es einige an diesem Abend. Zum Beispiel der erste Auftritt von Lena. Da zerrt die Prinzessin einen überdimensional groß geratenen Brautschleier über die Bühne. Wohl zehn Meter lang ist das Ungetüm, das sie in die geduckte Haltung zwingt. Beim Weg hinauf lässt es sie ächzen und stöhnen, von Eleganz ist kein Funken mehr übrig, beim Weg hinunter verheddert und verknotet Lena sich in den Stoffmassen. Wie stark die Konventionen einen ausbremsen, wie sie einen aus der selbstgewählten Bahn werfen: Dafür ist diese Szene eine starke Metapher.

Love is in the air

Nach und nach wirft Lena die Last ab. Erst fällt die Perücke, dann der Schleier, zur Hochzeit erscheint sie im Freizeit-Outfit. Ihr neuer Mann, den man ihr erst aufzwingen wollte, den sie dann aber ganz frei auswählte, verspricht ihr ein paradiesisches Reich, in dem die Uhren zerschlagen und die Kalender verboten werden. "Just the two of us", singen die beiden, die Band spielt, das "Love"-Wort leuchtet strahlend im nun dunklen Nachthimmel. Kitsch? Ja, aber einer, der Spaß macht.

 

Leonce und Lena
von Georg Büchner
Regie: Eva Lange, Bühne und Kostüme: Gabriela Neubauer, Musik: Michael Lohmann, Dramaturgie: Christin Ihle.
Mit: Saskia Boden-Dilling, Mechthild Grabner, Lisa Grosche, Jürgen Helmut Keuchel, Artur Molin, Ben Knop, Victoria Schmidt, Musiker: Andreas Jamin, Christian Keul, Michael Lohmann, Olaf Roth, Holger Schwarzer.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.hltm.de

 


Kritikenrundschau

"Es muss sich auch nicht alles in dieser mit Witz und Slapstick gespickten Inszenierung erschließen", schreibt Martin Schäfer in der Gießener Allgemeinen (online 2.6.2019). Viel Lob fällt auf die Arbeit der Darsteller. "Herausragend war auch die Musik, von Michael Lohman neu arrangierte, bisweilen zur Stimmung im Stück transponierte Songs aus Rock, Pop und Schlager englischer oder italienischer Couleur."

 Die "luftig-leichte und freche Komödie" inszeniere Lange mit "viel Witz, Tempo und sieben tollen Darstellerinnen und Darstellern", so Uwe Badouin in der Oberhessischen Presse (3.6.2019). Ein "Heidenspaß" sei das Ganze. "Nichts wie hin in den Schlosspark."

 
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