"Hoffentlich lebe ich noch so lange"

3. Juni 2019. Für die FAZ führten Simon Strauss und Hubert Spiegel aus Anlass des 95. Geburtstag ein Gespräch mit Günther Rühle, dem ehemaligen Feuilletonchef der Zeitung und Chronisten des deutschsprachigen Theaters. Wir fassen einige Partien zusammen.

Der erste Theaterbesuch

Fand 1932 statt. In Frankfurt stand "Götz von Berlichingen" zur Eröffnung der Römerberg-Festspiele auf dem Programm. "Die ganze Altstadt war abgesperrt, Hunderte von Bauernstatisten und viele Pferde warteten auf ihren Auftritt. Heinrich George stand als Götz auf dem Römer-Balkon und brüllte herab: 'Sage er seinem Herrn, er solle mich im Arsche lecken'. Unvergesslich."

Wie wurden Sie Theaterkritiker?

Begonnen habe er Rühle, 1954 bei der Frankfurter Neuen Presse als "Feld-und-Wiesen-Redakteur". Als er 1960 zur FAZ geholt worden sei, habe es keinen festen Theaterkritiker gegeben.

1984 wurde Rühle Intendant am Frankfurter Theater. Der größte Unterschied zwischen dem Feuilletonchef und dem Intendanten?

Das Feuilleton sei ein loser Verbund. Im Theater habe man es "mit einem Haufen von Irren zu tun, da muss man Seelenpfleger, Pläneschmied, Kunstkenner, Innen- und Außenminister in einer Person sein".

Der Fassbinder-Skandal

Rühle nimmt für sich in Anspruch bei dem Skandal um das Stück "Der Müll, die Stadt und der Tod" von Rainer Werner Fassbinder 1975 zum wachsenden Selbstbewusstsein der jüdischen Gemeinde - deren Vertreter damals die Theaterbühne besetzten, um die Aufführung des Stücks zu verhindern - beigetragen zu haben: " Die Jüdische Gemeinde und Frankfurt haben tatsächlich angefangen, miteinander zu sprechen. Für die Jüdische Gemeinde ist vermutlich bis heute wichtig, was sie damals an Selbstbewusstsein gewonnen hat."

Aber …

Von Trude Simonsohn hätten "wir" damals "etwas Wichtiges" gelernt, für Holocaust-Überlebende mache es keinen großen Unterschied, "ob eine antisemitische Aussage in der Realität oder im Zusammenhang einer Fiktion, einer Figurenrede fällt." Ein Satz wie 'Die Juden müssen vergast werden', der im Stück fällt, sei für sie "so oder so unerträglich. Das zu erfahren hat uns damals sehr bewegt."

Was ist ein gutes Stück?

Neunzig Prozent der Stücke, die am Theater gezeigt würden, taugten nichts. "Ein Stück muss ein Thema haben, und es muss spielbar sein." Mit der "Dauer-Verwurstung von Romanen" lasse sich nichts anfangen, davon gehe "nichts Anregendes, nichts Neues" aus. Das Theater müsse sich "geistige Themen" setzen. Die Gesellschaft sei voller Themen, aber das Theater sei von "den Autoren, die solche Themen gestalten könnten, völlig verlassen".
Seit der Wende taumele das Theater herum.

Welche Figuren gibt es heute noch?

Er, Rühle, sähe nur zwei Regisseure, die "im Augenblick noch einen Namen haben und sich darum bemühen, mit der Form zu arbeiten. Ich meine Thalheimer und Rasche." Ansonsten werde "weder mit der Form noch mit der Sprache gearbeitet". Dabei habe die "jetzige Theatergeneration" die "große Chance", mit "zwei großen Komplexen der Kulturgeschichte arbeiten zu können: der Weimarer Klassik und der Nach-Klassik, die mit Ibsen beginnt und mit Heiner Müller endet". Sonst gingen "Inhalte, Substanzen, geistige Errungenschaften" verloren, "große Beispiele", "enorme Dichtungspotentiale und politische Stimulanzen".

Günther Rühles große Theatergeschichte, Band 3, wie es damit stehe?

Er, Rühle, sei angewiesen auf "Daten, Spuren, Spielpläne, Briefe, Indizien". Er müsse aus den verschiedenen Kritiken, die er seinen "Rekonstruktionen" zugrunde lege, die "Essenz eines Theaterabends" herausfiltern.
Man brauche immer "mindestens drei Kritiken und nach Möglichkeit Briefe" dazu. Und dann müsse er sich ein Bild machen. Eine "permanente Ergänzungsarbeit". Er brauche sicherlich noch zwei, drei Jahre und hoffe, so lange zu leben. "Ich würde das gerne fertig machen."

(jnm)

 

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