Lass mich leer sein

von Alexander Jürgs

Frankfurt, 6. Juni 2019. Der Eindruck, dass man es hier mit einem in die Jahre gekommenen Text, mit einer Geschichte aus einer vergangenen Zeit und einer anderen Welt zu tun haben könnte, soll gar nicht erst entstehen. Kein Dekor ist auf der Bühne, nur ein sich nach hinten spitz verengender schwarzer Kasten. Die Kostüme sind betont heutig: enge Jeans, Streetwear, leuchtend-gelbe Asics-Sneaker, Hoodie. Zwischendurch erklingt aus dem Off Autobahnlärm. Fünf Darsteller erzählen vom Brahmanen Siddhartha, einer Dichtung von Hermann Hesse, dem Säulenheiligen der Beatniks, Dropouts und Esoteriker, aufgeschrieben zwischen Dezember 1919 und Mai 1922. Jeder Räucherstäbchen-Verdacht soll vermieden werden.

Auf dem Weg zur Erleuchtung

Siddhartha ist ein Sinn- und Erkenntnissucher, seine Geschichte steckt voller Verweise auf Buddhismus und Hinduismus, nach ihrer Erstveröffentlichung bei S. Fischer wurde sie ein riesiger Erfolg und feierte in den umbruchseligen sechziger Jahren ein Comeback. Mit dem Siddhartha, der "leer werden, leer von Durst, leer von Wunsch, leer von Traum, leer von Freude und Leid" wollte, traf Hesse einen Nerv. Die Suche des Brahmanen, die ihn mal zum Asketen und Bettler, mal zum Liebenden und Händler, zum verinnerlichten Fährmann und schließlich zum Erleuchteten machen sollte, wurde zum Sinnbild für gleich mehrere Generationen.

Siddhartha 560a robert schittko uIn der Schwärze. Bühnenentwurf von Oliver Helf. © Robert Schittko

Regisseurin Lisa Nielebock hat die Erzählung für ihre Bühnenfassung zwar verknappt, bleibt aber nah am Original. Ihre Inszenierung in den Kammerspielen des Frankfurter Schauspiels stellt den Text mehr aus, als dass sie ihn befragt. Besonders die Passagen darin, die um philosophische Fragestellungen kreisen, lassen den Abend gelegentlich ins Proseminarhafte kippen.

Rastloser Sinnsucher

Zum Ereignis wird er trotzdem – durch Jana Schulz, die den Siddhartha spielt. Ihr Sinnsucher ist ein Rastloser. Wie sie, dieser trotzige Tomboy, den Körper spannt, sich reckt, mit den Händen sucht und giert, wie sie zittert und mit irren Augen in den Raum starrt, den Arm um den Freund Govinda wirft, als wolle sie mit ihm verschmelzen, das ist fesselnd und aufwühlend. Ihr Spiel hat so wunderbar wenig Konvention, bleibt immer überraschend. Jana Schulz, 2016 ausgezeichnet mit dem begehrten Gertrud-Eysoldt-Ring, betont das Stoische der Figur, das Stürmische und Drängende, die Ungeduld.

Siddhartha 560 robert schittko uAuf der Suche: Anna Kubin, Wolfgang Vogler, Jana Schulz, Torsten Flassig © Robert Schittko

Das kann auch ins Humorvolle gleiten. Eine Szene erzählt davon, wie Siddhartha bei der Kurtisane Kamala die Liebe lernen will. Ungestüm, zappelnd nähert Schulz sich ihrem Gegenüber, drängt mit dem Mund, den Händen vorwärts, zielgerichtet statt spielerisch. Doch Anna Kubin als Kamala bremst sie aus. Immer wieder stupst sie Siddhartha zurück. Das Ganze bekommt etwas von einem Tanz.

Achtsamkeit anstatt Askese

Worauf Nielebock mit ihrer Inszenierung hinaus will, wird bald deutlich: Siddhartha ist für sie eine Figur der Gegenwart. Die fiebrige Suche nach dem Lebenssinn lässt uns auch heute keine Ruhe. Wo sich Hesses Siddhartha in Askese, Versenkung oder Liebesspielen mit Kamala ausprobierte, stürzen wir uns in Achtsamkeit, Power-Yoga oder Extremsport. In der engen Spitze des Bühnenkastens wirft sich Jana Schulz mit voller Wucht gegen die Wand – und prallt immer wieder zurück. Aus dem Hamsterrad zur Erleuchtung führt so schnell kein Weg hinaus. Als Erkenntnis ist das vielleicht etwas dürftig. Wie es gespielt wird, beeindruckt aber sehr.

 

Siddhartha
von Hermann Hesse
in einer Fassung von Lisa Nielebock
Regie: Lisa Nielebock, Bühne: Oliver Helf, Kostüme: Ute Lindenberg, Musik: Thomas Osterhoff, Dramaturgie: Ursula Thinnes.
Mit: Jana Schulz, Uwe Zerwer, Wolfgang Vogler, Anna Kubin, Torsten Flassig.
Premiere am 6. Juni 2019
Dauer: 1 Stunde und 50 Minuten, keine Pause

www.schauspielfrankfurt.de



Kritikenrundschau

Lisa Nielebocks Inszenierung künde in ihrer reduzierten, eher auf Deklamation denn auf Spiel abgestimmten Anlage von einer "ungefilterten, unbefragten Faszination" für Hesses Prosawerk, schreibt Michael Hierholzer in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (online 8.6.2019). Der Diskurs "klingt manchmal wie in einer Wohngemeinschaft von Philosophiestudenten und hat oft etwas Papierenes, Hergebetetes, jedenfalls Undramatisches." Auf die Einwände folgt Lob: "Dass dieses Stück, das keines ist und das zu einem zu machen auch keiner versucht hat, nachhaltigen Eindruck hinterlässt, ist der einzigartigen Jana Schulz in der Titelrolle zu verdanken, die Verzweiflung und Verachtung, Unrast und Unmut, die Qual des Denkens und das Glück des richtigen Augenblicks meisterlich zum Ausdruck bringt."

"Die Regisseurin Lisa Nielebock geht mit dem Text sehr sorgfältig um, konzentriert sich aufs Wesentliche, treibt ihm über weite Strecken sogar sehr energisch das Hohltönende aus", berichtet Christian Gampert im Deutschlandfunk (7.6.2019). Jana Schulz "mit ihrem kindlich-jungenhaften Fordern und Drängen trägt die Aufführung", sagt der Kritiker. "Aber je länger man dem von der Regisseurin radikal entschlackten, auf Sprache und Körper reduzierten Spiel zusieht, desto mehr stellt sich auf der Bühne – leider – die Stimmung eines Selbstfindungs-Workshops ein, einer theatralischen Vor-Übung für etwas Größeres, das dann aber gar nicht stattfindet."

Eine "unsinnliche Nacherzählung" hat Jürgen Berger gesehen und schreibt in der Süddeutschen Zeitung (12.6.2019): "Die Regisseurin Lisa Nielebock erstellte eine auf das Wesentliche reduzierte Bühnenfassung der Vorlage, inszenierte auf einer nach hinten verengten Bühne und ließ Jana Schulz genügend Raum, dass sie wie ein zwischen den Geschlechtern changierendes Menschenwesen alle Gefühls- und Reflexionslagen des Siddhartha auskosten kann. Das war es aber auch schon."

 

 
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