Hallo Wien, gibt's hier WLAN?

von Martin Thomas Pesl

Wien, 7. Juni 2019. Einmal passierte der Versprecher tatsächlich, und Kay Voges sagte "Volksbühne". Nachdem der 47-jährige angekündigt hatte, seine Intendanz am Schauspiel Dortmund über das Jahr 2020 hinaus nicht zu verlängern, weil er nach einer größeren Stadt, einem größeren Haus strebe, hatten ihn die deutschen Feuilletons eher dort avisiert, in Berlin an der Volksbühne.

Dass es auch das Volkstheater werden könnte, hatte irgendwie niemand auf dem Schirm. Dabei geht es sich, wie wir in Wien sagen, perfekt aus: Die kommende Spielzeit wird die letzte der aktuellen Intendantin Anna Badora sein. Und da es mit der Bestellung für ihre Nachfolge nun wirklich sehr, sehr knapp wurde, war es ganz praktisch, jemanden zu finden, der eh Zeit hat und nicht Hals über Kopf aus einem bestehenden Vertrag aussteigen muss.

Lustvolle Österreicher

Am heutigen Freitagmorgen stellte sich Kay Voges bei einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz im Rathaus vor. Dass sein Name schon am Vorabend durchgesickert und zunächst auf der Website des Magazins "News" veröffentlicht worden war, führte am Ende des Termins zu einem recht peinlichen Detektivspiel eines Kultur-/Tratschjournalisten und einem viel zu langen Geplänkel mit Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler, wer die Information geleakt haben könnte. Kay Voges blickte nachdenklich vor sich hin und fragte sich womöglich zum ersten Mal, wo er da nur hineingeraten war?

Kay Voges 560 Marcel Urlaub uEin "Piefke" als neuer regieführender Intendant: Kay Voges wurde 1972 in Düsseldorf geboren. © Marcel Urlaub

Im Burgtheater fand parallel zur Pressekonferenz die Bauprobe für Voges' Inszenierung "Dies Irae" statt, die dort laut gestern veröffentlichtem Spielzeitheft noch diesen Winter Premiere haben wird. Es wird bis auf weiteres seine einzige dort bleiben, obwohl sein langjähriger Wegbegleiter Alexander Kerlin unter Martin Kušej Dramaturg wird. Denn zumindest im ersten Jahr möchte Voges ganz für das Volkstheater da sein. Mit ihm im Leitungsteam werden auch seine Dortmunder Stellvertreterin Mirjam Beck und der Komponist Paul Wallfisch sein. Überhaupt, das ist eine Neuerung, soll es sehr musikalisch werden am Volkstheater. Außerdem wolle er "lustvolle österreichische Autor*innen" zeigen, er sei ein großer Fan von Jelinek, Schwab und Bernhard.

Technischer Fortschritt

Nachdem er verraten hatte, erst vor zweieinhalb Wochen von der Jury angerufen und zur Bewerbung aufgefordert worden zu sein, verlas Voges ein vorbereitetes Statement zum Theater als Ort für alle, ein Bekenntnis zum Ensembletheater. Er versuchte es mit Charme, als er zugab, das Volkstheater sei noch schöner als das Schauspielhaus Hamburg, und sich selbst demütig als "Piefke" bezeichnete, der nun in aller Ruhe die Stadt, das Theater, die Gewerke und das Ensemble kennenlerne wolle. Eigentlich sollte es nicht überraschen, dass Voges vorhat, einige Schauspieler*innen zu behalten – "um das Ensemble zu vergrößern und mit weniger Gästen zu arbeiten", wie er sagte. De facto verblüfft es aber, herrscht doch im Haus seit einem Jahr allgemeine Endzeitstimmung.

Borderline1 560 Birgit Hupfeld uKay Voges' Erfolgsinszenierung aus dem Jahr 2016: Die Dortmunder "Borderline Prozession" wurde 2017 zum Berliner Theatertreffen eingeladen. © Birgit Hupfeld

Voges gilt ja als der Mann, der das digitale Zeitalter ins Theater und das Theater ins digitale Zeitalter gebracht hat. Diejenigen, die von ihm als Regisseur technisch ausgeklügelter Arbeiten wie Die Parallelwelt oder Die Borderline Prozession gehört haben, beruhigten er und Kaup-Hausler: Es werde Schauspieltheater geben, mit "Menschen aus Fleisch und Blut". Möglicherweise werde er mit seiner in Dortmund gegründeten Akademie für Digitalität und Theater kooperieren und junge Regiehandschriften in der Nebenspielstätte Volx/Margareten zeigen. Was aber die Ausstattung betrifft, wolle er das Volkstheater zum "fortschrittlichsten Theater Österreichs" machen. Angesichts des dringend renovierungsbedürftigen Hauses, in dem derzeit die Internetverbindung ausgerechnet in der Technikkabine am schlechtesten funktioniert, hört sich das im ersten Moment wie ein großartiger Witz an.

Nicht nur deshalb ist das fast ein surrealer Moment. Wie Voges mit seiner wohltemperierten, angenehmen Stimme zu den Wiener*innen spricht wie ein Schauspieler oder Nachrichtenmoderator. Wie er müde und nervös wirkt und trotzdem versucht, im Fragenhagel halbwegs konkrete Antworten zu geben. Und dass dieser Intendant – erstmals seit 1948 ein Deutscher – jetzt überhaupt da ist.

Wiener Großbaustellen

Die Ernennung der neuen Direktion war lang herbeigesehnt und von vielen Diskussionen begleitet worden. Als Kulturstadträtin Kaup-Hausler vor seit gut einem Jahr ihr Amt auf einem SPÖ-Ticket des neuen Wiener Bürgermeisters antrat, musste sie sich sofort mit drei Großbaustellen beschäftigen, die sie der Reihe nach abarbeitete: Tomas Zierhofer-Kin verließ die Wiener Festwochen, Nicolaus Schafhausen die Kunsthalle, und Anna Badora erklärte, sich nicht um eine Verlängerung ihrer Intendanz am Volkstheater zu bemühen. Grund war neben harscher Kritik an dem in ihrer Amtszeit zunehmenden Publikumsschwund die chronische Unterdotierung des 130 Jahre alten Stadttheaters. "Die stärkste Kraft in Wien ist die, die verhindern will, dass sich etwas verändert", ätzte sie einmal.

BADORA A lupi spuma uDie aktuelle Intendantin Anna Badora ist seit 2015 im Amt. Zuvor leitete sie das Schauspielhaus Graz. © Lupi Spuma

Es ist Kay Voges zu wünschen, dass er sich bald mit ihr auf einen langen Kaffee zusammensetzen kann. Badora hat versucht, das unter ihrem Vorgänger Michael Schottenberg eher auf gefällige Unterhaltung und Klassikerpflege abzielende Programm durch ein politischeres zu ersetzen, neue Regiehandschriften zu zeigen und das Volkstheater wieder in die überregionalen Feuilletons zu bringen. Letzteres ist ihr gelungen, aber zu dem Preis, dass die Abonnent*innen in Scharen davonliefen. Für den tiefenentspannten Aufbau eines neuen Stammpublikums fehlten letztendlich Zeit und Nerven. "Auch bei mir wird die Auslastung nicht sofort auf 85 Prozent steigen", erklärte übrigens Voges. "Das muss sich entwickeln."

Beratung mit der Stadtgesellschaft

Polit-Quereinsteigerin Veronica Kaup-Hasler, zuvor selbst Intendantin (beim Steirischen Herbst), hat eine originelle, aber zeitaufwändige Art gewählt, ihre Baustelle Volkstheater in Angriff zu nehmen. Sie setzte sich ein paar Monate lang täglich um neun Uhr morgens in ein Café, wo man sich mit ihr verabreden konnte, um über das Volkstheater zu reden. Im Haus selbst veranstaltete sie Podien, an denen Kaliber wie Daniel Wetzel von Rimini Protokoll, Stefan Bläske vom NT Gent oder Barbara Mundel (demnächst Münchner Kammerspiele) dem etwas ratlosen Publikum etwas über Stadttheaterformen der Zukunft erzählten. Nicht öffentlich, aber intensiv wurde indes in der Stadt auch gefragt, ob das Volkstheater überhaupt noch einen eigenen Spielbetrieb brauche, oder ob es als Haus für eingekaufte Tourneeproduktionen nicht besser aufgehoben wäre.

VT ARCHITEKTUR 13 c Lupi Spuma uDas Volkstheater Wien wurde 1889 im 7. Bezirk erbaut © Lupi Spuma

Es folgte eine angesichts der aufgeregten Diskussionen relativ normale Ausschreibung, und eine Jury wurde ernannt, der unter anderem die schon erwähnte Barbara Mundel, Noch-Burgtheater-Direktorin Karin Bergmann und Lukas Crepaz, der kaufmännische Direktor der Salzburger Festspiele, angehörten. Die Jury ersuchte Kaup-Hasler jedoch nach einigen Hearings, den Findungsprozess zu stoppen, da unter den gegebenen finanziellen Bedingungen (12,4 Millionen Euro Jahressubvention) keine seriösen Kandidat*innen zu finden seien.

Die Stadt stellte zwei weitere Millionen in Aussicht, sollte sich auch der Bund mit einer Million beteiligen. Der kleine Erpressungsversuch beim damaligen Kulturminister Blümel (ÖVP) scheiterte, die zwei Millionen der Stadt kommen nun trotzdem dazu. So konnte der Prozess fortgesetzt werden, ein Dreiervorschlag wurde der Kulturstadträtin unterbreitet. Die Belegschaft des Theaters wurde indes mit Recht unzufrieden, weil sie aufgrund der nun praktisch zwischen die Intendanzen gerutschten Generalsanierung des Hauses längere Arbeitslosigkeit befürchtete.

Der Ruf "Weniger Mut!"

Diese könnte nun tatsächlich eintreten. Kaup-Hasler gab bekannt, dass Voges – als Puffer sowohl für seine knappe Vorbereitungszeit als auch für den Zeitplan der Sanierung – erst im Januar 2021 starten darf. Das wird noch Diskussionen geben. Auch nachdem der designierte Intendant schon das Rathaus verlassen hatte, um sich im Volkstheater selbst vorzustellen, wurde die Kulturstadträtin bestürmt. Mag sein, dass Voges in Dortmund sein Theater füllt, hieß es, aber das habe ja auch nur 500 Plätze und nicht 900 wie das Volkstheater. "Weniger Mut!", rief tatsächlich einer. Mit Experimenten werde man doch das Publikum nicht zurückbringen.

Leicht wird es Voges also schon deshalb nicht haben, weil alle in Wien lange genug Zeit hatten, sich zu überlegen, wer der einzig perfekte Intendant ist: die Burgschauspielerin Maria Happel, der Rabenhof-Direktor Thomas Gratzer, oder vielleicht ein Kollektiv? Einige Vorteile gegenüber seiner Vorgängerin hat Voges aber: Ihm steht ein frisch saniertes Haus und immerhin ein bisschen mehr Geld zur Verfügung. Und: Während man 2015 Anna Badora noch hoffnungsvoll zutraute, das kolossal regietheaterfeindliche Volkstheaterpublikum abzuholen und zu interessanterem Theater zu erziehen, glaubt man mittlerweile nicht mehr, dass das überhaupt geht. Voges hat also nichts zu verlieren, sondern kann sich im Gegenteil als Zauberer profilieren, der den Phönix Volkstheater aus der Asche holt. Vorausgesetzt, er findet ein WLAN-Netz.



Presseschau

"Voges gilt selbst als Pionier der Aufrüstung des Theaters mit Digitalem und audiovisuellen Medien", schreibt Thomas Kramar in der Presse (7.6.2019). Voges wolle das Volkstheater als "Arbeitertheater" gegen das stärker auf Repräsentation abonnierte Burgtheater positionieren; "weniger Sekt als vielleicht Bier aus der Flasche", zitiert Kramar aus der Pressekonferenz und gibt zu bedenken: "Voges kommt aus Dortmund, wo das Schauspielhaus gerade 60.000 Besucher pro Jahr hat und wo es nicht wie in Wien eine Vielzahl von meist experimentell ausgerichteten Kleinbühnen gibt, die viel von dem, was sich Voges wünscht, schon längst machen – und zwar meist ohne damit das ersehnte neue Publikum anzulocken. Und gerade das klein- und bildungsbürgerliche Publikum, das Wien zur Theaterstadt macht, hängt an traditionellen Formen. Wird Voges offen genug sein, um das in Wien zu lernen?"

Als "Kind des Stadttheaters" stellt Margarete Affenzeller im Standard (7.6.2019) vor. "Zwar gehe es ihm darum, das Volkstheater 'für die digitale Moderne fit zu machen', eine 'Factory für Theaterkunst' zu etablieren, aber dennoch soll es hier 'richtiges Schauspielertheater' geben". Für zweieinhalb Wochen Vorbereitungszeit klängen Voges' Pläne für das Volkstheater "schon ziemlich konkret", schreibt Affenzeller. "Vermutlich setzt Voges nun konzeptuelle Grundpfeiler, die er für die Volksbühne Berlin im Talon hatte, nun in Wien um."

"Voges steht für Stück- und Stoffbearbeitungen mit reichlich Einsatz von Multimedia und Musik", schreibt die Feuilletonleiterin der Wiener Zeitung (7.6.2019) Christina Böck. "Dass ich Intendant vom Volkstheater werden darf – Theater für das Volk –, kommt meiner Idee von Theater entgegen", zitiert sie Voges aus der Pressekonferenz. Theater sehe Voges als "Raum für 'Denkreflexion und Diskurs für die Stadt', es sei für alle da, von Jung und Alt, Arm und Reich, mit und ohne Zuwanderungsgeschichte. Das Theater sei ein Ort zum Feiern und Reflektieren, eine 'friedenserhaltende Maßnahme'".

In der Sendung "Rang 1" auf Deutschlandfunk Kultur (8.6.2019) im Interview mit Susanne Burkhardt spricht Kay Voges über die Gründe seiner Entscheidung fürs Volkstheater Wien und sein Vorhaben das Haus zum "Volkstheater für die digitale Moderne" zu machen.

 

 

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