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Vom Donnern der Revolution

von Karin E. Yeşilada

Paderborn, 7. Juni 2019. Die "Revolution" hat schon vor zwei Wochen stattgefunden, als bei der Europawahl ein Drittel der Stimmberechtigten im schwarzen Paderborn die Grünen wählte. Werden die ihr Versprechen halten? Während draußen ein Gewittersturm über Paderborn hinwegtobt, rumst es auch drinnen ganz gewaltig. Das Scheitern und der Verrat an der französischen Revolution werden in Alice Buddenbergs Inszenierung gewaltvoll und leidenschaftlich durchexerziert.

Auf Suche nach dem Auftrag

Vom Schreibtisch aus empfängt eine Büroangestellte (Josephine Mayer) das hereinströmende Publikum mit der Zurechtweisung, es sei zu spät. Sie sitzt, sieht man dann, in einem Großraumbüro, wo jeder der 15 in drei Achsen aufgereihten Schreibtische peinlich genau mit den gleichen Utensilien bestückt ist. Den erhofften Auftrag vom Chef bekommt die Büroangestellte nicht, denn unterwegs zur Chefetage verheddert sie sich und hetzt am Ende panisch durchs vermeintliche Treppenhaus.

Auftrag3 560 Tobias Kreft u Die Revolution bginnt mit Maß, Papier und Anzug im Büro. Robin Berenz, Josephine Mayer, Ogün Derendeli © Tobias Kreft Wenn Josephine Mayer da um die Bürotische wetzt, dass ihr Angstschweiß noch im Zuschauerraum zu riechen ist, wird es im Betonkubus des Paderborner Kellerstudios klaustrophobisch und angespannt, die gesellschaftlichen Missstände drücken gewaltig und auch den Zuschauern steigt das Grauen "bis in die Haarwurzeln". Heiner Müllers Monolog "Mann im Fahrstuhl" wird hier (ja, wieder mal von einer Frau) temporeich gespielt. Voller Körpereinsatz, das ist das Markenzeichen dieser Inszenierung, in deren Verlauf noch getobt, gerauft, geschlagen und getreten, geknutscht, aus Leibeskräften gebrüllt und mit Bürostühlen geworfen wird.

Wehende Fahnen, fliegende Bürostühle

Als zwei weitere Bürohengste unter den Tischen hervorkriechen, kommt Leben in die Bude: Hefter und Locher werden zu sprechenden Handpuppen, der Brief des letzten überlebenden Revolutionärs wird zu Locher-Konfetti. Und kaum haben sich Galloudec (Mayer) und Sasportas (Robin Berenz) zum revolutionären Triumvirat um Debuisson (Ogün Derendeli) formiert, bricht Anarchie los: die Tische werden in den hinteren Bühnenraum gestoßen, die Bürostühle (fast) ins Publikum geworfen – hei, wie es rumst! –, Parolen an die Wände geschmiert. Dann reißen sie sich die Anzüge von den Leibern und rufen fahnenschwingend die Revolution aus – mit Glitzerrock und Revolutionsmütze, mit offenem Hemd, nacktem Oberkörper und langer Unterhose (Kostüme: Sandra Rosenstiel), als urkomische Persiflage von Eugène Delacroix‘ berühmtem Freiheits-Gemälde.

Auftrag4 hoch 280 Tobias KreftDer Engel der Verzweiflung spricht  © Tobias KreftWitzig auch, wie erst verschiedene Revolutions-Hits von der Internationalen bis zur Arabellion durchprobiert werden (Musik: Caroline Kühner), bevor man bei Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit anlangt. Die Drei vom Großraumbüro sind großartig und spielen sich munter die Bälle zu. Schön auch, dass die Rollen gegen das Klischee besetzt wurden und der Deutschtürke mal nicht den "N****" spielt: "Alter, du bist doch gar nicht schwarz", kommentiert Ogün Derendeli trocken die antirassistischen Parolen seines Kollegen Robin Berenz, der den Schwarzen Sasportas gibt, der sich prügeln und demütigen lässt und voller Zorn und Verve dagegen ankämpft.

Zauberhafte Demaskierung des Verrats

In diesem turbulentem Chaos geht mitunter die historische Szenerie verloren: Immerhin führt Heiner Müllers episodischer Text die drei Kämpfer der französischen Revolution nach Haiti, wo sie unterdrückte Sklaven gegen ihre Herren aufwiegeln sollen. Die Inszenierung bleibt hier zwar eher texttreu, bricht aber die Geschichte nicht auf aktuelle Verhältnisse um. Andererseits bereitet das wilde Durcheinander genau den Boden, auf dem die Revolution eben nicht gedeiht und in ihr Gegenteil umschlägt.

Wenn Debuisson am Ende doch wieder zu seiner ursprünglichen Sklavenhalter-Identität zurückfindet, kämpfen überdimensionierte Schaumstoff-Masken miteinander: Da frisst die Revolution als großer Löwe ihre Kinder, hier: den Riesenwasserkopf Danton (Puppen- und Maskenbau: Sandra Rosenstiel). Bezaubernd hingegen ist das Erscheinen des "Engels der Verzweiflung", der dem Verräter nochmal ins Gewissen redet, mit sanfter Off-Stimme. Die überlebensgroße, von Mayer und Berenz bewegte Puppe wirkt grotesk und betörend zugleich. Damit sorgt Regisseurin Alice Buddenberg für einen zauberhaften Gänsehautmoment im Paderborner Theater. Dagegen fällt das Ende etwas ab: Die Revolution scheitert, der Verräter triumphiert, und das mit frustrierendem Geschrei. Auf den schwarzen Unterseiten der nun zur Klagemauer angeordneten Tische sind die Jahreszahlen vergangener Revolutionen eingraviert, Galloudec streut Asche, und Müllers Untertitel zum Stück, "Erinnerung an eine Revolution" macht nachdenklich. Fast ein bisschen zäh, dieser Abgesang. In Erinnerung bleiben wird das Spiel dreier Energiebündel. Unter begeistertem Applaus verneigt sich auch die Engelspuppe.

 

Der Auftrag
von Heiner Müller.
Regie: Alice Buddeberg, Ausstattung und Puppen- & Maskenbau: Sandra Rosenstiel, Choreographie Objekte & Puppe, Musik: Caroline Kühner, Dramaturgie: Daniel Thierjung, Licht: Fabian Cornelsen, Ton: Till Herrlich-Petry.
Mit: Ogün Derendeli, Josephine Mayer, Robin Berenz.
Premiere am 7. Juni 2019
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause.

www.theater-paderborn.de

 

Kritikenrundschau

Sonja Möller schreibt im Westfälischen Volksblatt (11.6.2019): Die Verwirrung um den Auftrag ziehe sich durch das ganze Stück. Die drei Revolutionäre scheiterten schon "beim fehlerfreien Aufsagen der Parole". Das Publikum lache. Sollten die Exporteure der Revolution nicht wissen, für was sie stehen? Alice Buddeberg setze Puppen und Masken ein. Besonders eindrucksvoll sei die überlebensgroße Puppe mit drei Brüsten, Debuissons erste Liebe, gleichzeitig seine Mutter. Nach 80 Minuten ohne Pause feiere das Premierenpublikum die drei Darsteller und die Regisseurin "mit viel Applaus und Zurufen".

In der Neuen Westfälischen schreibt Holger Kosbab (12.6.2019): Regisseurin Alice Buddeberg mache aus dem Drama "ein aktionsreiches und wortgewaltiges Spektakel". Die Revolution vollziehe sich zwar auch strategisch, vor allem aber sei sie in dieser Inszenierung "körperlich". Die bringe "Müllers bildmächtige, symbolschwere Sprache in ebenso wuchtigen Bildern auf die Bühne". Dass am Ende nach viel Aktion "nur noch geredet" werde, schaffe die Möglichkeit, "alles schon mal ein bisschen sacken zu lassen". Josephine Mayer, Ogün Derendeli und Robin Berenz bereiteten "dem Revolutionsgedanken ein starkes Requiem". Das Premierenpublikum habe die "mit starker Physis und stillen Momenten erbrachte Leistung" mit lautem und langem Applaus "honoriert".