Unter Fleischergesellen

von Dorothea Marcus

Köln, 7. Juni 2019. Die Dokus zum D-Day tosen noch in den Ohren, da geht's noch einmal zurück, tiefer hinein in die Weltkriegsgeschichte des 20. Jahrhunderts. Mit Bertolt Brechts Fragment "Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer" setzt Oliver Frlijć beim ersten Weltkrieg an: Zwölf Feldbetten wachsen im Kölner Depot 2 aus schwarzer Erde, sieben versprengte Soldaten gießen den Boden, dazu läuft eine Abwandlung von Marlene Dietrichs Schlager "Sagt mir, wo die Männer sind".

Ja, Krieg ist furchtbar, aber danach geht es aufwärts, und Männer wachsen bald auch wieder nach, erzählt das Setting von Igor Pauška zunächst. Um diese euphemistische Annahme gleich danach brutal zu unterlaufen, wenn Großscheinwerfer die Zuschauer blenden, Schüsse knattern und die Feldbetten zu Schützengräben und Schutzmauern aufgestellt werden. Wie die Fliegen kippen da die Soldaten tot in den Dreck, offenbart der blindwütige Krieg seine ganze Sinnlosigkeit, vor dem die vier Deserteure Fatzer, Koch, Schröder und Frühhaupt nach Mülheim an der Ruhr in einen Keller fliehen. Der gehört der einsamen Therese Kaumann, die sich nach drei Jahren sexueller Abstinenz auf die Männer stürzt und von Fatzer in die Prostitution treiben lässt – Brecht hatte ja eher eindimensionale Frauenfantasien.

Fatalismus auf 400 Fragmentseiten

Dort wollen sie gemeinschaftlich auf den Aufstand der Massen hinarbeiten, die jetzt doch sicher begriffen haben, dass der Krieg ein kapitalistisches Unterdrückungsinstrument ist. Doch am Ende zerfleischen sie sich vor Hunger buchstäblich gegenseitig. Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, hemmungslos den Primärbedürfnissen ausgeliefert, es gibt weder Werte noch Moral, geschweige denn gesellschaftliche Veränderung. Doch das ist nur die vordergründige Geschichte dieses fatalistischen Anti-Kriegsstücks "Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer", jenes apokalyptischen und anarchistischen Opus Magnum Brechts, das trotz über 25jähriger Arbeit und 400 Seiten Textmaterial nie über den Fragment-Status.

Fatzer1 560 JU uLazarett und Schlachtbank: Das Kölner Ensemble spielt auf einer Bühne von Igor Pauška in Kostümen von Sandra Dekanić © JU

Erst Heiner Müller verwandelte diesen nach seiner Ansicht besten Brecht-Stoff 1978 in ein Stück. Unverkennbar tönt sein kerniger, konzentrierter und poetisch kondensierter Sound aus dem Text. Auch Oliver Frljić nutzt den "Fatzer" als Fragment und dreht die fatalistische Bestandsaufnahme weiter in Richtung Rechtsextremismus, wenn auf Halbmast die Reichsfahne hängt und zu Anfang die erste, verpönte Strophe des Deutschlandliedes gegrölt wird.

In höchster Lautstärke werden auch die Texte gebrüllt, Fatzers Rolle wird durchgewechselt und auch Frau Kaumann wird, durch Wickelkleid und halterlose Strümpfe markiert, glücklicherweise nacheinander von Männern und Frauen gespielt. Etwa von der unbeirrt bodenständigen Nika Mišković, die souverän Brechts Klischee der sexhungrigen Kriegerinnenwitwe zerschellen lässt, oder von Seán McDonagh, der sie in eine resolut zupackende Trümmerfrau verwandelt. Schön ist auch, wenn später alle in Korsagen parallel wackelnd die Sexarbeit verrichten und Clara Zetkin-Texte von der Rolle der Frau im Sozialismus sprechen, während einer noch mit Babypuppe wedelt und der andere von der Sklaverei der Mutterschaft spricht: Die Frau als Multi-Taskerin zwischen den Fronten der Rollenerwartungen.

Brachiale Bildlichkeit

Bald herrscht jedoch der blanke Hunger unter den Kameraden, zunächst serviert ihnen Frau Kaumann die eigenen Lederstiefel, dann essen sie ihre Exkremente, nicht ohne sich mit der auf Halbmast hängenden Reichsfahne den Hintern abzuwischen. Dass Friljć hier in der ihm eigenen brachialen Bildlichkeit den eigenen Kriegsekel verarbeitet, spürt man auch daran, dass neben der Bühne ein Bretterverschlag mit Toilette abgebaut ist, wo eine Statistin diverse Stuhlgänge performt.

Fatzer2 560 JU uKreuzigung des Anarchisten: Szene mit Seán McDonagh, Elias Reichert, Nicolas Lehni, Benjamin Höppner, Nika Mišković © JU

Bald sind aus den hungernden Soldaten ihre eigenen Schlächter geworden, ziehen sich Fleischerschürzen an und schneiden Stücke aus Benjamin Höppner, die kräftig geklopft zu Wurst verarbeitet werden – später wird er dann auch noch gekreuzigt und mit Blut bespuckt. Permanent zieht sich das Wort Fleisch als Ekelbild durch Text und Inszenierung – wenn der Mensch nichts zu fressen hat, wird er sich zur Bestie und zum Kannibalen.

Angriff aufs Publikum

Am Ende wird sogar der Autor "Bertolt" dressiert und abgerichtet, um auf andere Menschen zu schießen. Keine Idee ist mehr tragfähig, letztlich ist Fatzers "Egoismus", wenn er sich mit zwei Fleischergesellen prügelt, ebenso schädlich wie die feigen Kameraden, die ihm nicht zu Hilfe eilen, um die Fleischration nicht zu gefährden. Wo verlaufen die Grenzen von Moral und Eigennutz? Meint es Brecht am Ende ernst, wenn er Russland als Lösung bezeichnet?

Doch Frljić hält sich nicht mit Ideologieverhärtungen oder Anarchistenverzweiflung auf, sondern lässt Schauspieler Höppner den Bühnenrand übertreten. Bedrohlich improvisierend erinnert er daran, dass unser 70jähriger europäischer Frieden mit Kriegen woanders erkauft wird – und verlässt leider dann doch lieber schnaubend den Raum, anstatt die Zuschauer ernsthaft zum Gespräch zu bitten: am Ende sind die Provokationen eben doch nur aufgesetzt.

Am Schluss legen die Menschenscheusale alle Masken ab und kriechen, von Yuri Englert domptiert, als röchelnde Schweine in den umzäunten Stall – um wieder "Deutschland über alles" zu grölen. Frljić bebildert kräftig die erwachenden Gespenster unserer Zeit. Nichts gegen Symbole, die hoffnungslose Botschaften wirkungsmächtig in Köpfe hämmern. Doch wissen wir das nicht alles schon längst? Ist das die Erzählung, die uns weiterbringt? Muss sie bis zur Heiserkeit herausgeschrieen werden?

 

Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer
von Bertolt Brecht
Regie: Oliver Frljić, Bühne: Igor Pauška, Kostüme: Sandra Dekanić, Licht: Jan Steinfatt, Dramaturgie: Sarah Lorenz.
Mit: Yuri Englert, Benjamin Höppner, Nicolas Lehni, Sean McDonagh, Nika Mišković, Hannah Müller, Elias Reichert.
Premiere am 7. Juni 2019
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.schauspiel.koeln

 

Kritikenrundschau

Frljic gelingen aus Sicht von Christian Bros im Kölner Stadt-Anzeiger (11.6.2019) immer wieder plakative, drastische und erhellende Momente - auch wenn die Gesellschaftskritik gelegentlich für den Geschmack des Kritikers etwas schlagzeilenhaft ausfällt. Das Ensemble wird als toll und keine Grenzen scheuend sehr gelobt.

Oliver Frljić schafft in seiner Inszenierung aus Sicht von Axel Hill von der Kölnischen Rundschau (11.6.2019) "immer wieder verblüffende, aber manchmal auch arg platte Bilder."

Frljić tue, was ein politisch denkender Künstler tut, so Cornelia Fiedler in der Süddeutschen Zeitung (26.6.2019). "Er legt in provozierender Deutlichkeit offen, wo eine Gesellschaft versagt. Immer wieder." Brechts "Fatzer" liefere dafür bestes Material. Fatzers gefährliche Alleingänge, der Pragmatismus seines Genossen Koch, die Stumpfheit der Bevölkerung, die ekelhafte Idee der Deserteure, die Frau, die ihnen Zuflucht gewährt, als Prostituierte arbeiten zu lassen – all das führe Frljić nicht als individuelle Taten vor. "Die Rollen wechseln, jedes Handeln wird zum Symptom einer Gesellschaft, die auf Krieg, Nationalismus und Ausbeutung programmiert ist. Hier geht nicht der alte Egoist Johann Fatzer unter mit seiner Utopie von einer solidarischen neuen Welt, sondern der heutige Egoist Mensch."

 

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