Reich mir die Hand, liebes Publikum!

von Martin Thomas Pesl

Graz, 12. Juni 2019. Jede Zeit hat ihre Themen, und das Top-Theater-Thema diesen Juni sind offenbar Souffleusen. Gerade erst ließ Tiago Rodrigues seine ganz konkrete Stammsouffleuse bei den Wiener Festwochen poetisch ihre Lebensgeschichte flüstern, jetzt tritt in Graz ihre ironisch abstrahierte Kollegin vor den Vorhang. In Gestalt Hanna Binders gibt sie sich so schüchtern, dass ein Premierengast "Lauter!" ruft. Dann verrät sie, dass sie immer da ist und dass sie auf ihren Textbüchern heimlich Beobachtungen aufschreibt. Und ihr dann Dinge einfallen, wie dass das Theater wie Kaugummi ist und das Leben auch.

Rückkehr zu den Wurzeln

Die Wienerin Miroslava Svolikova gehört zu den Darlings aus dem berühmt-berüchtigten Grazer Schreibforum UniT. Wenn die Premiere ihres neuesten Werks im Rahmen des Dramatiker*innenfestivals ebendieser UniT stattfindet, ist das für die 33-Jährige also wie eine Rückkehr zu den Wurzeln. Obendrein ist "Der Sprecher und die Souffleuse" das Gewinnerstück des Autor*innenpreises der Österreichischen Theaterallianz. Dieser besteht stets in einer Uraufführung, die dann landesweit an Theatern in sechs Bundesländern zu sehen ist. Die Hauptverantwortung für die Produktion wechselt im Rund. Dass sie diesmal beim Grazer Theater am Lend liegt, ist bemerkenswert, da sich der Spielplan hier sonst eher nur aus eingekauften Gastspielen zusammensetzt. Schließt aber perfekt den Kreis.

SprecherSouffleuse 560 Nikola Milatovic uMit Lust auf Sinnfreies: Patrick Berg als Sprecher, Florian Tröbinger als Bote und Hanna Binder als Souffleuse © Nikola Milatovic

Svolikovas letzte beiden Arbeiten Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen und europa flieht nach europa wurden in Wien von Franz-Xaver Mayr inszeniert, der gerne chorisch, rhythmisch, hochtourig und rasant arbeitet, sodass man gar nicht zum Durchatmen oder geschweige denn dazu kommt, nach einem Inhalt zu fragen. Für "Der Sprecher und die Souffleuse" wählte man mit Pedro Martins Beja eher einen Kandidaten für epische Breite und archaische Bilder – eine 180°-Wende.

Virtuoses Over-Acting

Viel Episch-Archaisches ist hier aber eh nicht zu holen, ebenso wenig wie Chorstellen. Dafür gibt es so etwas wie Figuren, Theatermenschen eben. Da ist der Sprecher, der eigentlich nur sagen soll, dass es gleich losgeht: Vielfältig meistert Patrick Berg die Aufgabe, möglichst panisch um Ruhe zu bitten. Da ist ein "Bote" (Florian Tröbinger), der permanent ein Telefonat wegen ca. 200 noch im Stau stehender Schauspieler führt, darin aber auch Liebesgekicher unterbringt. Ein sehr engagierter Hauselektriker (Lukas David Schmidt) erklärt zärtlich, wie Strom funktioniert.

Sie alle betreiben virtuoses Over-Acting, wie das ein bewusst mit Sinnfreiheit kokettierender Text voller Leerstellen und Wiederholungen anbietet. Das eigentlich witzige Kontrastprogramm dazu bietet Gerhard Balluch, Grand Seigneur am Schauspielhaus Graz, der oben ohne, mit einem Schnürlsamtvorhang auf einer Schulter, ab und an als verirrter König Lear den Raum einnimmt. Mit anachronistischem Roll-R deklamiert er Shakespeare-Originalszenen (fast) völlig ernsthaft, so wie er den Lear wahrscheinlich wirklich spielen würde, ließe eine ausreichend altmodische Regie es zu.

Faible fürs Altmodische

Tatsächlich scheinen Beja und die Ausstatterin Elisabeth Weiß die Textvorlage in ihrem gar allgemein gehaltenen Existenzialismus nicht ganz zu Unrecht für etwas altmodisch gehalten zu haben. Deshalb wohl wurde Hanna Binders Souffleuse hingestellt wie eine Klemmbrett-Sekretärin, die in dem Sechzigerjahre-Film, aus dem sie entsprungen ist, unglücklich in Rock Hudson verliebt wäre. Stattdessen – eine kleine, verpuffende Nebenpointe – lieben sie und der Sprecher einander seit Sandkastenzeiten.

SprecherSouffleuse1 5609 Nikola Milatovic uWie in alter Zeit: Gerhard Balluch gibt den König Lear betont antiquiert und Patrick Berg fängt den hohen Ton ein © Nikola Milatovic

Noch stärker sind beide aber auf das Publikum fixiert, darauf, dass es "da ist" und "dableibt". "Es sind immer andere", weiß Binder resigniert, aber reicht der ersten Reihe trotzdem wohlwollend und etwas creepy die Hände. Berg bietet an, den Saal zu versperren, damit wir auch bestimmt "dableiben". "Es geht doch immer nur um Sie", lässt sich Binder dann zu einem verbitterten, ebenfalls durchaus virtuosen Ausbruch hinreißen. Man ahnt bereits, wer die am Ende doch noch aufgefundenen ca. 200 Schauspieler sind. "Wir?", lautet das Motto des diesjährigen Dramatiker*innenfestivals.

Meta-Stücke über das Theater selbst zu sehen kann immer wieder ganz nett, sogar schmerzhaft bis heilsam sein. Hier aber irritiert, wie vage, harmlos und uninteressant das Theater ist, das Svolikova aufs Korn nimmt. Es ist das Theater, das sich jemand vorstellt, der noch nie dort war, geschweige denn hinter den Kulissen. Und der es eigentlich sinnlos findet. Mag ja sein, dass es so ist. Aber warum, das erfahren wir heute Abend nicht.

 

Der Sprecher und die Souffleuse
von Miroslava Svolikova
Uraufführung
Regie: Pedro Martins Beja, Bühne: Pedro Martins Beja, Elisabeth Weiß, Kostüm und Maske: Elisabeth Weiß.
Mit: Gerhard Balluch, Patrick Berg, Hanna Binder, Lukas David Schmidt, Florian Tröbinger.
Premiere am 12. Juni 2019
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.theateramlend.at
www.dramatikerinnenfestival.at

 
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