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Bewegtes Stillleben

von Gabi Hift

Wien, 13. Juni 2019. "Missing people" – das sind etwa 250 Obdachlose, mit denen Béla Tarr bei den Wiener Festwochen zusammengearbeitet hat. Es sind dem sozialen Leben Verloren Gegangene - und wir, die Besucher werden sie am Ende vermissen. "Missing people" kann ja auch ein Gefühl bedeuten: "How are you?" "I am sad. Missing people". Und dann ist auch Béla Tarr selbst jemand, der von Vielen schmerzlich vermisst wird. Er, der als einer der wichtigsten Filmemacher seiner Generation gilt, hat 2011 verkündet, dass sein Film "Das Turiner Pferd" sein letzter gewesen sei.

Frühmorgens nach der Party

Viele seiner Anhänger sind deshalb geradezu verzweifelt. Weil er Filme machen kann, die an die an die letzten Dinge rühren, ohne selbst ein Mystiker zu sein und manche diese Filme brauchen wie ein Lebensmittel. Und andererseits, weil gerade sein angeblich letzter Film, "Das Turiner Pferd", so hoffnungslos und düster ist wie keiner davor. Dass der Meister gerade damit sein Lebenswerk abschließen will, erscheint vielen unerträglich. So pilgerten nun alle zu "Missing People", voller Hoffnung, dass es doch weiter gehen wird, dass Béla Tarr das letzte Wort noch nicht gesprochen habe.

Missing People3 560 Nurith Wagner Strauss uDie Gäste sind fort und niemand hat aufgeräumt: Bühne in "Missing People"©  Nurith Wagner-Strauss

Im Vorfeld hat Béla Tarr allerdings versichert, dass es kein Film sein werde, sondern etwas Anderes, eine Performance, eine Installation mit bewegten Bildern. Und wirklich: Statt in ein trostloses Obdachlosenheim kommen wir in einen barocken Prunksaal, in dem offenbar vor Kurzem eine Cocktailparty aus dem Ruder gelaufen ist. Die Gäste sind fort und niemand hat aufgeräumt. Rote Läufer, Stehtische, auf denen dreckige Gläser und Teller mit Essensresten stehen, auf den Teppichen Flecke, Kippen, Flitter. Wir setzen uns auf Stufen entlang der Wände, und nun beginnt ein Film, der genau diesen Raum zeigt - nur wir, die wir an den Rändern sitzen, fehlen.

Sehnsucht nach letzten Dingen

Das Bild ist – für Béla Tarr Fans, die an sein düsteres Schwarz-weiß gewohnt sind, schockierend: Es leuchtet in satten, prächtigen Farben. Die Kamera (wie in allen seinen Filmen Fred Kelemen) umkreist tänzerisch die Tische voller Müll, lässt Gläser, in denen Zigarettenstummel schwimmen, funkeln wie Kristall, verschiebt fließend den Fokus von einem prachtvollen Stillleben zum nächsten. Blumen und verklebte Teller, das helle Rot der verdreckten Tischdecken, all das glüht ekelhaft und verführerisch, wie auf Gemälden alter Meister, Flitter glitzert und gleißt auf Tischen und Teppichen. Nach einer vollen Runde um den leeren Saal beginnen dann die Farben zu verblassen, und als die ersten Menschen erscheinen, ist das Bild zurückgekehrt in Bela Tarrsches Schwarz-weiß.

An die hundert Menschen kommen im Film in den Saal und stellen sich mit ernsten Mienen in eine Reihe. Manche Gesichter erkennt man wieder, Straßenzeitungsverkäufer*innen, Menschen, die einen schon einmal um Geld gebeten haben. Im zweiten Bild umkreisen sie den Saal in einer Art Polonaise und dann sieht man das Gelage, zwischen dessen Resten wir sitzen. Wir hören nicht, was vor sich geht, bis auf wenige Szenen besteht die Tonspur aus monoton orgelnden Loops, die Totentänze früherer Filme.

Zeigenwollen

Dann haben etwa zwanzig von den Teilnehmern des Gastmahls ihre eigenen Szenen vor dem Vorhang, und die fühlen sich oft künstlich und bemüht an. Béla Tarr hat viel Zeit mit diesen Menschen verbracht. Er war monatelang mit ihnen in den Nachtquartieren, auf der Straße, hat ihr Misstrauen besänftigt, versucht zu verstehen, was mit jedem und jeder Einzelnen los war um es dann in eine Art kleiner Performance vor der Kamera zu transformieren.

Sie sollten etwas von sich zeigen und es ist deutlich, dass sie das auch wollten, aber es funktioniert nur bei denen, die ohnehin Performer sind. Ein alter Mann mit Bommelmütze und weißem Bart spielt auf Panflöte und Rassel und singt dazu - für die Dauer seines Songs gehört ihm ausnahmsweise auch die Tonspur- er ist ein charmanter Alleinunterhalter mit unwiderstehlichem groove, ein Profi. Faszinierend ist auch jener Mann, der sich sorgfältig Gesicht und Hände mit etwas Glänzendem einsprüht, und erst als er sich ankleidet, erkennt man die lebende goldene Statue aus der Fußgängerzone.

Darsteller im fremden Kunstraum

Aber das Tun von Anderen, die keinen Kunst-Act haben, den sie vorführen könnten, wirkt oft verloren: ein älterer Mann kleidet eine Babypuppe an, eine Frau stickt eine Petit Point Stickerei - vielleicht Reminiszenzen an ihr früheres Leben, einer führt alle Handlungen aus, die er wohl jeden Tag macht um sich schlafenzulegen, all das betreiben sie mit großem Ernst. Nur eine junge Frau, die einer anderen die Haare kämmt, muss immer wieder lachen und nimmt sich dann sichtbar zusammen, dabei wird einem bewusst, dass auch den Anderen der heilige Ernst wohl oft schwer gefallen sein dürfte.

Missing People4 560 Nurith Wagner Strauss u © Nurith Wagner-Strauss

Es ist schön, dass Béla Tarr auch dieses Lachen einmal zugelassen hat, aber was in seinen Filmen so beeindruckt: dass man glaubt, das Wesen der menschlichen Existenz zu sehen, gelingt hier nicht. Die Leute führen als Laiendarsteller ihrer selbst Handlungen aus, die in diesem fremden Kunstraum, in den sie verpflanzt sind, keinen Sinn ergeben, was sie sichtbar verunsichert.

Am Ende legen sich alle auf dem Boden des Ballsaals schlafen, nur einer wacht, und fährt im Rollstuhl alles ab, mit todernster Miene. Als der Film zu Ende ist, bleibt Béla Tarr, der vielgeliebte Filmemacher, eine "missing person".

Späte Öffnung vor der Kamera

Aber die Performance endet nicht mit dem Film. Es geht weiter. Der Vorhang am Kopfende des Saals öffnet sich, dahinter stehen Bierbänke, es gibt gratis Getränke an der Bar, eine junge Frau spielt melancholische Melodien auf dem Akkordeon, und vorne läuft ein Video mit großen Porträts aller Teilnehmer, sie halten still und schauen uns direkt an.

Béla Tarr hat sie großartig fotografiert, bei diesen Aufnahmen hat er sie dazu gebracht, sich ihm und der Kamera völlig zu öffnen. Unwillkürlich überlegt man, in wie viele von ihnen man sich wohl verlieben könnte, wenn man im Leben je in die Situation käme, dass sie einen so ansehen? In die allermeisten. Und da sitzt man dann noch eine ganze Stunde mit seinem Bier auf einer Bank, schaut den Leuten da oben direkt ins Herz und denkt – nach einem Abend, den man zuvor schon, verfrüht, für nicht sonderlich gelungen gehalten hat – ganz beseligt: Wie schön die Menschen doch sind!

 

Missing People
Von: Abdelaal Ahmed Shehata Faysal, Abedin James, Aghová Monika, Alkan Renate, Aradi Zsolt, Aranyosi Cintia, Aurel Dănăilă, Babušák Gabriel, Badić Amir, Balázs Ernest, Balint Peter, Balog László, Balog Nikolasz, Baluţă Ilie, Bancsók Ernő László, Bancsók Zsolt, Bense Attila, Bercea Cătălin, Berger Fütz, Bluma Christian, Böcz Balazs, Bogdán Iván, Bogdán Lajos Péter, Bogdán Viktória, Bogenberger David Georg, Bordás Tamás, Boros Zoltán, Bosmea Aurel, Bostorogu Adrian-Costin, Botoš Karol, Botošová Mária, Braunerová Ingrid, Brinsky Robin, Brugovszky István, Buljubašić Edis, Burai Attila, Causemann Vivienne, Cezar-Luzian Ivan, Cică Florin, Condrate Augustin, Cselényi Zoltán, Csergő Szabolcs, Csiki Zsolt, Csirke Mihály, Csizmás János, Damian, Deisenreiter Rene, Demmer Deniz, Diac Julian, Diaz Maja Juan, Dinca Florin, Dömenyi Ernő, Dono Július, Dragomirescu Sorina, Dubkowski Alex, Dufenzl Violetta, Duy Florian, Edelweiss Alicia, Eder David, Elisabeth, Endresová Monika, Epp Karl, Farkas Gergely, Farkas Marcell, Farkas-Csipkés Lajos, Fazekas Julianna, Fazekas-Gyermán Róbert, Fencz Günter, File Géza, Flicker Herbert, Florin Ramian Petra, Földes László, Gábor Milan, Galgoczi Norbert, Galicz Viktória, Gašparová Petra, Gebauer Béla, Genya Tomas, Gerin Werner, Gheorghe Nutu, Gherase Mihai, Ginzvean Rudolf, Gollner Johanna, Gombar Radoslav, Grundmann Max, Gstraimer Oliver, György László, Halper Jürgen, Herta Lupa, Hetesi Árpád, Holics István, Hornyak Ladislav, Horvath Andrea, Horváth Julius, Horváth Michelle, Horvath Stefan, Huber Maximilian, Huljev Sandra, Husaruk Margarita, Ibrahim Juan, Ibryamov Gyulbeyan, Ihsenak Ladislav, Imre Rosmarie Stefanie, Ionescu Pia, Ionuţ Toma, Iovanovic Todorior, Ivanov Nikola,Jaciut Rafael, Jacubicova Louisa, Jánosa László, Jánossa Tamás, Janschek Daniela, Johnson Jerry, Jovanović Tomo, Judex Fabian, Károly Tibor József, Kárpáti Zoltán, Kaso Stanislav, Kelemen Fred, Kocs Zoltán, Koller Petra, Kondakorová Magdaléna, Könemund Arlyn, Korntinal Erwin, Kos Vedran, Kostov Kamen, Kostova Dafina, Kőszegi Zoltán, Kovacs Hajnal, Kovács József Zsolt, Kovács Zoltán Attila, Krischan Michael, Kristófi Zsófia, Krska Zdenek, Kudzia Waldemar, Küllner Frank, Kurucsová Katarína, Kvasnica Dušan, Laczkó Gábor, Lajtárné Kovács Matilda, Lakatoš Pavol, Leitner Lyubov, Lengyel Lea, Liliana Saicu, Liska Filip, Lőrniczi János, Lucaci Alexandru, Mága Dezsőné Éva, Mahdjobian Dieter, Makrai László, Manzano Markó István, Matache Gabriel-Leonard, Mateička Dušan, Matoiu Claudio, Mayer Mario, Meklas Rafael, Meszarosová Anna, Meyer Marion, Milo Ján, Molnár Szilveszter, Molnárné Szilágyi Szilvia, Mörtel Gábor, Mücková Renáta, Murić Safet, Nagy Ádám, Nagy Iván Miklós, Nagy Pálma Liana, Negru Dumitru, Niederkofler Lee, Nikovics Tamás, Ocovanova Alena, Oláh Alexander, Olahová Denisa, Omerović Benjamin, Omorogbe Edna, Onac Marian, Onwusaka Monika, Orsós Miklós, Pacaj Adam, Parkes Helen, Peca Sorin-Virgil, Pepcsu Florian, Perepelin Igor, Petrov Lyuben, Petrova Elenka, Plačko Vladimír, Plascuka Nicole, Ponjević Milan, Pöschl Monika, Prader Georg, Püsök Tibor, Racs Ludislav, Rácsai Lajos, Raczová Katarína, Radnai József, Radu Teodoru, Ramović Amila, Reisinger Ivan, Reza Zayani, Rigová Valéria, Ristov Srebro, Ritter Dietmar, Romanowska Nicole, Rostás József, Rostás Lajos Attila, Rudolf Karalo, Rupnik Rene, Rusu Ardelean, Sagharichi Mohammad, Samková Andrea, Schalt Susanne, Schitta Daniel, Schmid Kim, Schmidt Violeta, Schranz Hubert, Schuster Gottfried, Šereš Ladislav, Shterev Dimcho, Spisák Gabriel, Spitt Hermann, Starz Hannes, Stelzner Hendrik, Stika Sabine, Stojková Eva, Stozinić Nikola, Strpsko Nikola, Stummer Ernst, Swirko Steven, Szabó Gyula, Szabo Mugur, Szajko Mikulas, Szász Edvárd, Szatmári Andrásné, Szedunka Szabolcs, Szeiler József, Szijártó Balázs, Szilagyi Alexandra, Szokaly Diana, Szőke Sándor, Sztojka Imre, Sztraka Ferenc, Taiwo Funmi, Takács Zoltán, Tarr Béla, Tayfur Bülent, Tóth Izsák, Tóth Janó, Tóth József, Tsymbuyanga Jean, Tüchler Hans Martin, Tvarůšková Marta, Ulz Valentin, Vadász Zoltán, Van Hien Bui, Varga Dávid, Varjú Péter, Vasilev Mario, Veres István, Vida Tibor, Víg Mihály, Vörös László, Walcz Tamas, Wangela George, Watzinger Ernst, Weber Denis, Widlak Doreen, Starkowski, Woletz Herbert, Wolftraud Mihali-Nagl, Yadin Kaya, Yavuz Sarikaya, Yildiz Alexandra, Zahortea Flaviu-Ionel, Zehliha Ali, Zöchlin Engelbert, Zöllner Michael.
Premiere am 13. Juni 2019
Dauer: Film 1 Stunde 30 Minuten, Gesamtperformance: bis zu 3 Stunden ad libitum

www.wienerfestwochen.at

 

Kritikenrundschau

"Béla Tarrs Zugang ist einer der aufrichtigen Demut – da gibt es keinen doppelten Sinn zu entdecken, sondern nur die eigene Bereitschaft, sich aus seiner Blase ein Stück weit herauszuwagen, hin zu existenzieller Not", schreibt Dominik Kamalzadeh in Der Standard (15.6.2019). "Das letzte Drittel des Abends öffnet die vierte Wand dann folgerichtig zu einer geselligeren Runde. Ein Festwochen-Finale, das noch einmal entschlossen Grenzen überwinden will."

"Es sind eindrückliche Geschichten, die in Tarrs ruhigen, von langen Kameraeinstellungen geprägten Schwarz-Weiß-Bildern entstehen", schreibt lietz in der Tiroler Tageszeitung (15.6.2019). "Bewegend und von vorsichtiger Zärtlichkeit getragen, gelingt Tarr gemeinsam mit dem Riesen-Ensemble seiner Protagonisten ein aufwühlendes Dokument der Selbstermächtigung. Ein weiteres Beweisstück für die gelungene Wiedergeburt der Wiener Festwochen."