Volk im Schlafsack

von Daniela Barth

Hamburg, 6. September 2008. Reclams Schauspielführer von 1953 ist immer für eine Pointe gut. Denn der versteht sich wirklich noch als solcher – als Führer nämlich – und gibt auch gerne subtile Hinweise zur Regie. Zu Georg Büchners satirischem Lustspiel "Leonce und Lena", das aus heutiger Sicht hart am Absurden vorbei schrammt, aber dem es genau deshalb an aktuellen Parallelen nicht mangelt, ist beiläufig bemerkt: "Ein äußerst feines Stilgefühl beim Regisseur ist unbedingte Voraussetzung für die Wirkung des Stückes auf der Bühne."

Das Fernseh-Theater-Vehikel Wilson/Grönemeyer, das "Leonce und Lena" vor fünf Jahren auf die Bühne des Berliner Ensembles befördert hat, mag um derlei bemüht gewesen sein. Dimiter Gotscheff indessen hat Büchner so außer Fassung gebracht und entleibt, wie dieser Vormärz'sche Ausnahmedramatiker seine Figuren sich selbst brutal entleiben lässt. Der 65-jährige, aus Bulgarien stammende Regisseur hat "Leonce und Lena" bulgarische Gesänge und, wie allen seinen Inszenierungen, ein wenig Heiner Müller beigegeben. Und die großartigen Schauspieler des Thalia Theaters dürfen/müssen/wollen sich zweieinhalb Stunden lang mit bis ins Unerträgliche gesteigerter Hysterie entäußern.

Gruselkabinett der Müßiggänger

Doch daran entzündet sich der Unmut nicht. Woran liegt es dann, dass die Inszenierung so zäh wirkt? Vielleicht an deren seltsamer Brüchigkeit? Katrin Bracks lebendiges, sich hin und her windendes Bühnenbild aus auf einer schiefen Ebene drapiertem Volk in Schlafsäcken konterkariert die skurrilen, verbogenen – zum Teil geschickt ausgeleuchteten – Ausbrüche des senilen, moralisch verlogenen Königs Peter (Peter Jordan), des übergelangweilten Leonce (Ole Lagerpusch) oder der gleichwohl übergelangweilten Lena (Katrin Wichmann).

Was für abgedrehte Gestalten hier in diesen Fäkalreichen Popo und Pipi gewaltig walten! Da kann, da soll einem Angst und Bange werden! Ein schattiges Gruselkabinett der Müßiggänger, eine Geisterbahn der Machthaber. Der Chor – rekrutiert aus des Königs Leibgarde – verleiht der Leonce-und-Lena-Maschinerie den Hauch des antiken Dramas. Gotscheffs Büchner-Personal erlaubt kaum Sympathie.

Allein Valerio (Andreas Döhler), dem ein ärgerlich pennerhaftes Ostler-Stigma anhaftet, macht eine Entwicklung durch: vom hündischen großmäuligen Mitläufer zum tragisch deprimierten Helden. Zerknirscht verlässt er in der Gotscheffschen Version die Szenerie, während er bei Büchner die Macht an sich reißt. Vermutlich wird er in Nostalgie versinken, während der Regisseur mit dem Zaunpfahl winkt. Die fetten Jahre sind hier nämlich noch längst nicht vorbei. Den Rest von Valerios Part übernimmt in dieser Inszenierung Lenas schrille Gouvernante (Victoria Trauttmannsdorff). Sie ist es auch, die Leonce und Lena vom Suizid abhält.

Wo ist meine Hose (von D&G)?

Die spaßgesellschaftsverfetteten, emotional verstümmelten gefräßigen Staatsautomaten, die von sich selbst meinen, sie seien Individuen mit freiem Willen, indem sie sich selbst stets in Frage stellen: "Ich bin ich. Wo stehe ich? Und wo ist meine Hose (von Dolce & Gabbana)?", dürfen sich nehmen, was sie wollen und bekommen es auch, weil das blöde Volk im Kokon verharrt und die Metamorphose zum Schmetterling nicht vollzieht.

Man setzt der Masse einen "Brei von Lügen und Phrasen vor". Gotscheff und seine wirklich expressiv agierenden Protagonisten entlarven indes den Selbstbetrug. Schwülstiges Palaver im Doppelpack wird als verbaler Nonsens vorgeführt. Denn Leonce und Lena sind hier eine Art doppeltes Lottchen, was heißt, dass wir Monologe doppelt hören, wiewohl in Stereo. Um Liebe, Liebe, die wahre, warme, innige Liebe geht es hier wohl kaum.

Oder doch? Denn finden sich schließlich zwei, die Eins sein könnten und auch werden, gewinnt die Liebe zu sich selbst die Oberhand: Gleich und gleich gesellt sich gern. Staatlich verordnet war die Heirat von Leonce und Lena ja sowieso – zur Potenzierung der Macht. Ist es purer Fatalismus, dass die beiden zueinander finden? Die Aussichten, die dieses teuflisch grinsende Pärchen als aufgeblähter Kopf einer Gesellschaft – eine Hybris der Langeweile – verheißt, sind jedenfalls nicht anders als sadistisch zu nennen.

Der Regisseur beantwortet die Frage nach der blinden Notwendigkeit nicht mit einem hundertprozentigen Ja. Aber die Tendenz ist doch ausgesprochen kulturpessimistisch – und das grunzende und eingelullte Volk unterscheidet sich insofern nicht von den regierenden Mächten, als es sein Dahinvegetieren offenbar als schicksalhaft hinnimmt. Und so die Revolution verschläft.

 

Leonce und Lena
von Georg Büchner
Regie: Dimiter Gotscheff, Dramaturgie: Claus Caesar, Bühne: Katrin Brack, Kostüme: Ellen Hofmann, Musik: Sir Henry. Mit: Andreas Döhler, Birger Frehse, Betty Freudenberg, Isabelle Giebeler, Olivia Gräser, Peter Jordan, Orlando Klaus, Ole Lagerpusch, Jakob Leo Stark, Sebastian Moske, Gabriel Rodriguez-Silvero, Theresa Rose, Victoria Trauttmansdorff, Katrin Wichmann.

www.thalia-theater.de

 

Die letzten Inszenierungen von Dimiter Gotscheff: Im Mai 2008 brachte er an der Volksbühne Berlin Ubukönig von Alfred Jarry heraus. Im Deutschen Theater Berlin im November 2007 Anatomie Titus Fall of Rome von Heiner Müller, im September 2007 dessen Hamletmaschine.

 

Kritikenrundschau

Dimiter Gotscheff inszeniert Büchner, "und die zwei sind sich so einig, dass kein Blatt zwischen sie passt", findet Anke Dürr in der Frankfurter Rundschau (8.9.2008) "Das sitzt, wackelt nicht und - kriegt keine Luft." Schon der erste Auftritt von König Peter gerate so überdeutlich, "dass es zum Gähnen ist". Die Bühnenbildnerin Katrin Brack habe mit den Schlafsäcken wieder mal ein "tolles, wenn auch diesmal allzu eindeutiges Sinnbild" für die ganze Inszenierung geschaffen: "Das Volk ist sediert; es erhebt sich nicht, außer, um mal kurz einen Schluck zu trinken." Fazit: "Leonce und Lena leiern die Sätze herunter wie ein viel zu oft gesprochenes, längst nicht mehr geglaubtes Gebet. Keine Revolte, nirgendwo; die Müdigkeit hat endgültig alle erfasst."

Der Vorhang sei noch nicht geöffnet, schreibt Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (8.9.2008), da blecken Leonce und Lena die Zähne, "dass sich anwesende Zahnärzte trotz der späten Stunde vermutlich wie im Dienst fühlen". Beim Originaltext indes bekämen "sie eine Art phonetischen Zahnschmerz, ziehen die Vokale grimmig in die Länge ... kauen in seltsamer Genügsamkeit gewöhnliche Worte wieder". An Büchners Satire "beißen sie sich mit ihrer Schrei- und Schmunzeltaktik allesamt die Zähne aus". So viel aber Dimiter Gotscheff und sein Ensemble auch "winken mögen und witzeln und wichtigtun, der Zug zu Georg Büchner ist für dieses Mal abgefahren, Schlafsäcke hin, Zähneknirschen her".

Endlich spielt der Schlafsack einmal die entfesselte Rolle, die ihm gebührt, freut sich Stefan Grund in der Welt (8.9.2008) 80 Stück liegen auf der Bühne wie auf einer schiefen Bahn, "die wir zweifellos als sisyphos'schen Hügel aus der Unterwelt deuten dürfen". Vor den Säcken, zwischen den Säcken, über den Säcken spiele Ole Lagerpusch als Prinz Leonce mit Worten wie mit Menschen. "Und wie dieser Lagerpusch geradezu irre auf Rasiermessersklingenbreite zwischen Sympathieträger und Widerling tänzelt, macht emotional ein wenig schwindelig." Katrin Wichmann als "prächtig verderbte Prinzessin Lena ist ein ebenbürtiges Gegenüber". Wenn sich nun Lena und Leonce "nach einem auf knapp zwei Stunden gezogenen absurden Moment" einander begegnen, komme "Knall auf Fall die ganze Größe dieser Regieleistung zum Vorschein": Die gesammelte Bosheit der Herrschenden schütze sie doch vor der Liebe und ihren unmittelbaren Folgen nicht.

"Selbst ein leichtes Spiel wie 'Leonce und Lena' wird zu einem beleidigenden Lamento, wenn man sich entschließt, die Hauptfiguren als Fratzen zu zeigen", schreibt Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (8.9.2008) Die Verblödung wird von Ole Lagerpusch so beharrlich ausgestellt, "dass es an Narkose grenzt, zumal im Hintergrund dieser zweieinhalbstündigen Auswalzung einer knackig-kurzen Salon-Satire unaufhörlich Klassik-Musik dudelt". Durch die schräge Bühne mit 80 bunten Schlafsäcken, "entsteht zwar der Ansatz eines poetischen Bildes". Aber letztlich unterstütze auch diese Kulisse nur die komikresistente Eindeutigkeit einer Anklage, "die von Kulturpessimismus, Hochmut und Unwissen getränkt ist". Und weiter: "Das obszöne Verreißen von Büchners Text zum Zwecke der Pädagogik, das Gotscheff hier betreibt, zeugt hauptsächlich von schlampiger Medienbeobachtung und einem unguten Hang zur Geringschätzigkeit. Vor allem aber lässt es all die Ambivalenz und Zweischneidigkeit vermissen, aus der guter Humor sich speist". Fazit: "Eine intelligente Satire fände ihre Scherze in den Lücken zwischen Sein und Schein, nicht in der blasierten Übertreibung menschlicher Verkleidungen. Dafür könnte man nach dieser Inszenierung den Begriff vom Schlafsacktheater einführen."

Klaus Witzeling schreibt im Hamburger Abendblatt (8.9.2008), dass Gotscheff den Zuschauern statt eines ästhetischen, leichtfüßig philosophierenden Lustspiels einen kantigen, schweren Brocken vor die Füße werfe, der manchem im Magen liegen bleiben mag. "Oft sprechen Katrin Wichmann und Ole Lagerpusch mit einer Stimme - zwei Einsame in der Gemeinsamkeit." Von Liebesmärchen aber keine Spur. "An Deutlichkeit lässt Dimiter Gotscheffs Inszenierung in Katrin Bracks tristem Raum nichts zu wünschen übrig, er übertreibt ihre Stoßrichtung bisweilen unnötig bis zur Plattheit." Der "Zweifrontenkrieg zwischen Arm und Reich" sei Büchners Stück jedoch nicht aufgepropft: "Es ist sein blanker Kern unter der literarischen Märchen-Camouflage."

 

 
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