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Zur Gehorsamkeit verdammt

von Shirin Sojitrawalla

Wiesbaden, 16. Juni 2019. Auch wer nicht wüsste, dass Johanna Wehner die Regisseurin des Abends ist, könnte es merken: An der Art, wie die Schauspieler*innen zuweilen ihren Körper nach links und rechts biegen, an den tropfenden Geräuschen, der Unwirtlichkeit und Düsternis der Bühne, am splitterndem Text sowie am trostlosen Gestus des Ganzen. Für Weltuntergangsstimmung auf dem Theater scheint Johanna Wehner ein Faible zu haben.

Volker Hintermeier hat ihr für "Kabale und Liebe" die nach hinten hin immer nebelverhangenere Bühne mit verschieden großen Podesten zugestellt, kleine Bühnen, auf denen die Figuren einzeln oder zusammen auftreten. An den Seiten und an der Decke befinden sich rechteckige Elemente, die den Raum teilen und das Oben, Unten und Dazwischen verschmelzen.

Gefangene ihrer Zwänge

Zu Beginn schält sich Hofmarschall Kalb heraus und begrüßt das Publikum nach Art eines Conferenciers, erzählt den neuesten Klatsch, und schon ist man mitten drin in Schillers Trauerspiel. Darin liebt die Stadtmusikanten-Tochter Luise (Mira Benser) Major Ferdinand (Tobias Lutze), den Sohn des Präsidenten. Um die nicht standesgemäße Verbindung zu verhindern werden allerlei Intrigen in Gang gesetzt, bis die beiden einen "Liebestod mit Limonade" (Bert Brecht) sterben.

KabaleLiebe1 560 Karl Monika Forster uMira Bensera als Luise und Tobias Lutze als Ferdinand in Johanna Wehners "Kabale und Liebe" © Karl Monika Forster

Doch bei Johanna Wehner sind sie nicht nur Opfer und die anderen Täter. Vielmehr handeln alle so, wie sie handeln müssen, um zu überleben. Moralische Sieger hin oder her, Verloren(e) sind sie alle. Das spiegeln auch die prägnanten Kostüme von Su Bühler. So kommen die drei Frauen alle ähnlich gewandet daher, in das Gestern dezent zitierenden Kleidern. Später wird Lady Milford (Karoline Reinke) mit ihrem Geschmeide wie mit Kerkerketten rasseln. Die Männer stecken allesamt in dunklen Anzügen, die sich in Länge und Stil unterscheiden und durch Kleinigkeiten wie Rüschen oder fehlende Ärmel ihre Träger charakterisieren. Musikus Miller, den Benjamin Krämer-Jenster als Mischung aus Udo Lindenberg und Vorstadtprolo gibt, guckt als einziger ziemlich verkleidet aus der Wäsche.

Wortgefechte

Von allen Figuren heißt es im Programmheft, dass man sie nur beim näheren Hinsehen erkenne und sie im Hintergrund Umrisse, Geister, das Gewissen, die Seele, das Innere oder so blieben. Schöne Idee, die sich aber auf der Bühne nicht vollkommen verwirklicht. Für bloße Schimären bleiben sie alle zu scharf konturiert, mit den Gespenstern ihrer eigenen Vorstellungswelt kämpfen sie aber doch. Die Bühne könnte zudem der Ort sein, an dem Luise ihren Ferdinand wieder zu treffen hofft. Im Jenseits. Oder im Traum.

KabaleLiebe2 560 Karl Monika Forster uRaum mit Brüchen, Ebenen und verschiedenen Podesten in "Kabale und Liebe" © Karl Monika Forster

Dazu passte die eigenwillig artifizielle Textcollage, die Sätze wiederholt und auf mehrere Sprecher*innen verteilt, viel mit Einwortsätzen arbeitet. Mehrere Dialoge werden parallel dargeboten, oft wird chorisch gesprochen, und immer wieder legen die Schauspieler*innen einzelne Worte frei: "Glück" ist so ein Signalwort oder "frei". Zuweilen kommentieren die einen, was die anderen sagen, Zwischenrufe geben dem Text Struktur. Heraus kommen Sätze und Dialoge wie nicht von dieser Welt, auch wenn Alltagssprache sie immer wieder ironisch bricht. Dem zu folgen ist nicht unanstrengend. Als der Abend beinahe vorüber, gelingt diesbezüglich der perfekte Moment, in dem sich der Präsident, Wurm und Hofmarschall Kalb ein ebenso stichfestes wie amüsantes Wortgefecht liefern. In pfeilschneller Geschwindigkeit fallen Janning Kahnert, Atef Vogel und Felix Strüven sich ins Wort, touchieren mit Ausrufen und ironischen Wendungen. Ein Wortgefecht wie ein Maßanzug.

Neuer Dreh

Das klappt nicht immer so vorzüglich, wie überhaupt der Eindruck entsteht, hier habe noch Probenzeit gefehlt. Manches wirkt ungeschliffen. Dabei gelingt es Johanna Wehner, dem Stück, das zur Zeit in der Schule beliebter scheint als auf dem Theater, einen neuen Dreh zu geben. Selbst die undankbarste Rolle des Stücks, die der Frau Miller (Evelyn M. Faber), erhält bei ihr Würde und obendrein ein paar mehr Auftrittsmöglichkeiten. Da mag Herr Miller noch so oft verächtlich "Weib" blöken.

Der Gedanke, dass alle diese Leute, so unterschiedlich temperiert, akzentuiert und gestellt sie sein mögen, unter dem Fluch "Ich muss" stehen, hält die auch schon mal zäh fließende Inszenierung zusammen. Sie müssen gehorchen, klein beigeben, sich dem Schicksal unterwerfen, souverän tun, Intrigen schmieden, lieben, hassen, rächen, fliehen. Jede Figur kämpft hier mit eigenen Dämonen. Und es ist der empathische Blick auf sie, der diese Inszenierung adelt.

 

Kabale und Liebe
von Friedrich Schiller
in einer Fassung von Johanna Wehner
Regie: Johanna Wehner, Bühne: Volker Hintermeier, Kostüme: Su Bühler, Musik: Felix Johannes Lange, Dramaturgie: Anika Bárdos.
Mit: Mira Benser, Evelyn M. Faber, Janning Kahnert, Benjamin Krämer-Jenster, Tobias Lutze, Karoline Reinke, Felix Strüven, Atef Vogel.
Premiere am 16. Juni 2019
Dauer: 2 Stunden und 10 Minuten, keine Pause.

www.staatstheater-wiesbaden.de

 

Mehr Kabale und Liebe-Inszenierungen der jüngeren Zeit: Simon Solberg hat das Schiller-Drama zum Beispiel 2014 am Schauspiel Köln inszeniert.

Kritikenrundschau

"Wehners düstere, fast futuristische Inszenierung deutet schon optisch ihre Sicht auf das Drama an", schreibt Birgitta Lamparth in der Mainzer Allgemeinen Zeitung (18.6.2019). "Eine verschachtelte Schattenwelt", dessen sprachlichen Differenzierungen setze Johanna Wehners Fassung universale Aussagen entgegen: Alle stecken in eigenen Zwängen und alle haben keinen Plan. "Ich muss... was? Was muss ich tun? Was kann ich...?" Solche Sätze werden mantraartig wiederholt. "Wenn das Timing stimmt, ist dieser choreographierte Textrhythmus wie ein dichtes, faszinierend schillerndes Gewebe menschlicher Befindlichkeiten. Stimmt das Timing nicht, wirkt das Ganze bemüht und künstlich." Am Ende viel Applaus für einen nicht unanstrengenden Abend, auf beiden Seiten.

"Einleuchtend und konzentriert", heißt es von Sylvia Staude in der Frankfurter Rundschau (18.6.2019). Johanna Wehners Fassung sei zwar nüchtern, "legt aber in ihrer Strenge die fatalen Bindungen, die tödliche Maschinerie der Standesunterschiede, die Arroganz der Macht offen". Aus dem Schillerschen Text sind prägante Leitsätze destilliert, manches sei auch hineingeschrieben. "Die Schicksalsmühlen mahlen schnell an dem Abend. "Aber es kommt doch alles vor, was nötig ist, um den Konflikt und die Intrige zu verstehen. Und die Verdichtung macht anschaulich, wie die Figuren im Schraubstock ihrer gesellschaftlichen Rollen stecken."

"Es geht um die Pflicht, die Ehre, das Müssen, die alle Figuren quälen, um die Frage danach, ob es etwas wie das Glück überhaupt gibt und die Liebe", schreibt Eva-Maria Magel in der FAZ (18.6.2019). "Diese Gewissensfragen und Zwänge entfaltet die Regie als Stimmen, kunstvoll zusammengesetzt aus Fragmenten des Originaltexts. Weil aber zu viel geplappert wird, Zitate mehrfach wiederholt und anders zugeschrieben werden, verzerrt sich der Fortgang der Tragödie, gibt es hier Sprünge und dort Szenen, die sich ziehen wie Kaugummi, überbrückt durch Turnereien auf Podesten." Sinn und Form fänden nicht zusammen.

Johanna Wehner habe das Stück "neu und vielstimmig zu einem eigenen und doch ganz im Sinne Schillers zugespitzten Text zusammensetzt", so Maja Hattesen im SWR (17.6.2019). Die musikalisch rhythmisierte Textfassung verlange die höchste Aufmerksamkeit und entwickle bis zuletzt einen eigentümlichen Sog.