Vier normale, deutsche Sekunden

von Marina Davydova

26. Juni 2019. Das deutsche Theatersystem gilt in Russland, ja überall in der Welt, als vorbildlich. Wie effektiv es ist, kann man an den Ergebnissen ablesen. Man braucht sich lediglich das Programm eines beliebigen internationalen Festivals anzuschauen, um zu verstehen: Im internen Ranking belegt das deutsche Theater nach wie vor die vordersten Positionen.

Umso wichtiger ist es zu begreifen, dass sich ein russischer Regisseur, der an einem festen Theater arbeitet, im Vergleich zu einem deutschen Regisseur, der an eben solchem Theater arbeitet, unter Sanatoriumsbedingungen (ohne Übertreibung) befindet. Das klingt paradox, ist aber Fakt.
Zu Beginn ein paar für uns übliche Sätze, die unter den Bedingungen eines deutschen Repertoiretheaters wie ein Witz klingen:

- Wir proben bereits ein Jahr lang "Hamlet"/"Krieg und Frieden“. Um uns besser in die Welt des Autors hineinzuversetzen, sind wir in seine Heimat gefahren – nach Stratford/ Jasnaja Poljana.

Sie können sich so viel Sie wollen in die Welt des Autors hineinversetzen, aber bitte auf eigene Kosten und in der probenfreien Zeit. Für die Proben bekommen Sie sieben bis acht Wochen. Nach Ablauf dieser Wochen müssen Sie auftauchen und ein Ergebnis vorweisen.

Das Premierendatum: unumstößlich

- Die Premiere war für Ende Februar angesetzt, aber wir haben bei den Proben gemerkt, dass wir eine falsche Richtung eingeschlagen haben. Das haben wir inzwischen geändert, ein anderes Bühnenbild gemacht und spielen die Premiere zwei (drei) Wochen (oder sogar Monate) später.

Im Leben eines europäischen Regisseurs können neben der kreativen Suche, die ihn plötzlich in künstlerische Dschungel trieb (wem passiert das nicht mal), unheimlich viele weitaus prosaischere, aber nicht weniger betrübliche Dinge geschehen. Ein Schauspieler bekommt bei der Generalprobe Zahnschmerzen. Die vom Theater engagierten Statisten erscheinen nicht in ihrer vollen Anzahl (nicht, wie vorgesehen) zu Probenbeginn, sondern buchstäblich erst am Vorabend der Premiere. Im letzten Moment sind auf geheimnisvolle Weise sämtliche Audiofiles verschwunden. Man hat versäumt, bei den Übertiteln ganz wichtige Korrekturen einzugeben. Aus Gründen, die von dir nicht abhängen, kann jedenfalls alles passieren. Außer einer Premiere, die "später als zum angegebenen Datum" stattfindet. Die Premiere findet unbedingt statt. Und für das Gesamtergebnis (d.h. auch für anderer Leute Pannen) ist kein anderer als der Autor der Inszenierung verantwortlich.

Die Probenzeiten: gesetzlich geregelt

- Wir haben bald Generalprobe, deshalb proben wir Tag und Nacht.

Sie werden nach dem vorher festgelegten Plan proben. Kein Mensch wird Ihretwegen auch nur eine Pause absagen. Kein Mensch wird eine halbe Stunde länger dableiben. Von wegen halbe Stunde! Ein Regieassistent ist unter deutschen Bedingungen kein Mensch, der fürsorglich fragt: "Pjotr Petrowitsch, wollen Sie vielleicht ein Teechen?" Nein, das ist ein Mensch, der, wenn die Probe laut Plan um 15 Uhr endet, um 15.01 ruft: "Schluss-Schluss, unsere Zeit ist vorbei, wir gehen!" Und sogar wenn auf einmal ein Wunder geschehen sollte und sämtliche Schauspieler mitsamt den Statisten und Bühnentechnikern plötzlich am Sonntag proben möchten, "denn die Premiere steht vor der Tür und wir müssen noch so viel machen", wird ihnen das nicht gelingen: in Deutschland sind Sonntagsproben gesetzlich verboten!

CheckpointWoodstock 1 560 KrafftAngerer uCheckpoint Woodstock im April 2019 am Thalia Hamburg © Krafft Angerer

Übrigens, was die gepriesene deutsche Ordnung anbelangt – die können Sie vergessen. Hier kann man getrost zu spät zur Probe kommen, aber das heißt nicht, dass die verlorenen fünfzehn Minuten dann nachgeholt werden können. Die bleiben einfach verloren.

Und wenn die Bühnentechniker etwas vermasselt haben, werden Sie fragen, dann werden die doch sicher Tag und Nacht schuften, um ihren Fehler auszubügeln? Nein, werden sie nicht. Bestenfalls geben sie ihren Fehler zu, aber über die normale Arbeitszeit hinaus arbeiten, um die Schlappe auszubessern – nein, niemals, schließlich haben wir hier eine Gewerkschaft!

Die Kritik: kennt keine Nachsicht

- Morgen ist Premiere. Karten gibt es an den Theaterkassen, aber die Presse laden wir vorläufig noch nicht ein.

Wen wollen Sie nicht einladen? Die Presse? Die Presse kommt von selbst, ohne Sie um Erlaubnis zu fragen. Und wenn sie, was Gott verhindern möge, schreibt, dass Sie sie nicht einladen, wird man Sie selbst danach nie mehr engagieren.

Nebenbei, zur Presse.

Wenn man deutsche Rezensionen, zum Beispiel zu den Inszenierungen von Frank Castorf, liest und dann unsere Rezensionen heute über praktisch jede Premiere in Russland, kann man das Gefühl bekommen, dass die berühmten deutschen Regisseure durchweg irgendwelche Viererkandidaten des Theaters sind. Während unsere, sogar die nicht besonders berühmten, ein Meisterwerk nach dem anderen herausbringen. Ich versichere Ihnen, das ist nicht so.

Für deutsche (übrigens auch für französische, englische u.a.) Kritiker gibt es einfach keine heiligen Kühe, auch keine heilige Idee, eine Inszenierung nicht zu verreißen, weil

a) das ein großer Regisseur ist, aber nicht mehr ganz jung;
b) der Regisseur ein Anfänger ist und man ihn unterstützen muss;
c) das ein innovatives Projekt ist und soviel Innovationen haben wir nun einmal nicht;

d) die Inszenierung in der Provinz herausgekommen ist und Sie wissen doch, wie schwer es ist, in der Provinz zu arbeiten;

e) das ein soziales Projekt ist – jetzt können Sie selbst fortsetzen...

Die deutsche Presse erscheint bei ihnen am Tag der Premiere und schreibt alles, was sie denkt, über die Premiere, ohne auch nur irgendwelche Begleitumstände zu berücksichtigen. Darunter eben auch die vielen Pannen, die nicht die Ihren waren. Dabei wird man hier nie persönlich. Keiner wird abgeschrieben. Urbi et orbi wird nicht mitgeteilt: der und der hat nichts mehr zu sagen (und war schon immer eine Null) und nur völlige Idioten konnten sich von ihm einlullen lassen. (Ich brauche nicht zu sagen, dass jedes beleidigende und im öffentlichen Raum geäußerte Wort den Schreibenden um seine Karriere bringt.) Hier wird überhaupt niemandes persönliche Angelegenheit auseinandergenommen, sondern immer die konkrete Inszenierung beschrieben (wie man es halt so kann) und unzweideutig die eigene Haltung dazu formuliert (auch wie man kann).

Einfacher ausgedrückt, die Kritik erfüllt hier durchaus angewandte Aufgaben. Während meiner Arbeit in Wien, Berlin und Hamburg habe ich einen ungeheuren Wust von Rezensionen unterschiedlichsten Niveaus gelesen, darunter auch sehr-sehr dumme (bei Gott, der russische Theaterkritiker hat im Ganzen mehr Bildung und Scharfsinn als, zum Beispiel, der aus Österreich). Aber nicht ein einziges Mal ist mir eine Rezension untergekommen, in der der Autor sich um literarische Schönheit bemüht hat, hinter der sich etwa seine wahre Haltung zum Objekt der Beschreibung verloren hätte.

Das System: hochprofessionell, aber zersplittert

Hat diese überaus harte System, dass dem Künstler gegenüber keine Nachsicht kennt, seine Mängel?


Ich antworte darauf mit Punkt 5.

- Los, wir rufen Petrowitsch, der repariert alles im Handumdrehen.

An deutschen Theatern arbeiten viele hochprofessionelle Leute, aber keine universellen Kulibins. (1) Jeder ist verantwortlich für seinen Arbeitsbereich. Hier ein charakteristisches Beispiel. In der Berliner Inszenierung von "Eternal Russia" gibt es ein Grammophon. Es ist nicht nur eine Requisite schlechthin, sondern fast eine Person der Aufführung. Dieses Grammophon ist alt und funktioniert natürlich nicht mehr. Aber auf Bitten des Komponisten Wladimir Rannew hat ein Russe mit goldenen Händen einen kleinen Motor eingebaut. Das Grammophon spielte nicht, aber die Platte darauf konnte sich drehen. Und das war ein wesentlicher Teil des Vorgangs.

eternalrussia 560 DorotheaTuchEternal Russia 2017 im HAU Berlin © Dorothea Tuch

Die intensive Benutzung im Stammhaus und die Aufführungen bei Festivals haben jedoch ihr dunkles Werk getan – der Motor ging kaputt. Ich habe davon beim Gastspiel in Vilnius erfahren. "Jetzt dreht sie sich nicht mehr", sagte der Bühnentechniker Toni und sah mich mit seinen hellblauen Augen an. "Ja, das sehe ich, aber sie wissen doch seit mehr als drei Monaten vom Gastspiel. Warum haben Sie das nicht repariert?" - "Ich? Ich bin doch für Video zuständig." - "Na dann nicht Sie, sondern Mark, zum Beispiel." - "Mark ist für Licht zuständig. Der Motor – das ist...! Das ist ein Motor! Noch dazu in einem Grammophon! Da muss man einen extra Handwerker holen. Dafür haben wir kein Geld eingeplant." Sogar ich, ein technisch völlig blöder Mensch, begreife, dass es um eine Kleinigkeit geht. Aber wo einen Petrowitsch hernehmen? Zum Glück spielt sich das alles in Litauen ab, das zwar Europa ist, aber doch kein uns ganz fremdes Territorium. Die haben ihre eigenen Petrowitschs – geht es mir durch den Kopf. Und genau! Ich weiß nicht, wo sie diesen litauischen Mann mit den goldenen Händen hergeholt haben, der eins-zwei-fix alles repariert hat, aber ich bin sicher, dass er kein enger Spezialist für Grammophonmotoren war. Ihm meine tiefe Verbeugung!

Rudimente einer solchen romantischen Haltung zum künstlerischen Prozess, wo ein Techniker dem Künstler nicht im Rahmen seiner Arbeitsaufgaben, sondern einfach aus Liebe zur Kunst behilflich ist, sind in dem uns nahen Litauen noch nicht ausgerottet und in unseren Weiten überall anzutreffen. Das wärmt mir das Herz.

Der Russe hat es schwer, in einer Welt zu leben, wo alles äußerst formalisiert ist. Und ein russischer Regisseur (besonders wenn er künstlerischer Leiter eines Theaters ist) lebt überhaupt in einer ganz besonderen Welt. Diese Welt ähnelt eher der Welt des alten russischen Gutshofs als der modernen Theaterindustrie.

Vorteile der Formalisierung

Es fällt einem schwer nicht zuzugeben, dass es neben den Mängeln dieser Industrie auch eine große Anzahl von Vorzügen gibt, von denen wir nur träumen können.
Hier wird das Geld sparsam und wohl überlegt ausgegeben. Hier bereichert sich keiner an der Herstellung des Bühnenbilds (ich werde dieses heikle Thema umgehen, aber jeder Theatermensch kann hier etwas erzählen). Hier gibt es keinen aufgeblähten Stab von Theater-Gnadenbrotessern. Hier wird die Arbeit jedes (!) Menschen respektiert und kein noch so großer Künstler kann sich einen unverschämten Umgang mit einem Ankleider oder Maskenbildner erlauben, überhaupt keinerlei hochnäsigen Ton. Hier spielen die großen Theater 20 Premieren pro Spielzeit. Bei einer solchen Intensität muss der Prozess der Endproben einfach formalisiert werden. Man muss überhaupt alles formalisieren.

MarinaDavydova 560 VeraMartynov uRegisseurin, Kuratorin, Autorin: Marina Davydova © Vera Martynov

Die Deutschen zählen nicht einmal so wie wir.
- Tim, ich bitte bereits das fünfte Mal: Bitte schalten Sie das Video vier Sekunden nach dem Ende der Musik an. Zählen Sie bis vier und los.
- Ja-ja, gut!
- Wo ist es denn gut, sie warten jedes Mal zu lange.
- Nein, ich warte nicht zu lange.
- Doch, es dauert zu lange.

Tim kommt runter von seiner Kabine.

- Marina, jetzt klären wir das. Meinen Sie Ihre russischen Sekunden oder unsere normalen – deutschen?
 – Wie meinen Sie das?
 – Na, Sie zählen eins, zwei drei, vier. Wir machen das nicht so.

- Oh Himmel! Wie machen Sie‘s denn?


- (demonstriert gleichmäßig mit der Hand): Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig, vierundzwanzig. Verstehen Sie? Dann sind es nämlich richtige Sekunden.

Erschlagen von der eisernen deutschen Logik bleibt mir die Spucke weg.

Am nächsten Tag schreit die Regieassistentin Simone nach oben: "Tim, Maina bittet darum, hier fünf russische Sekunden zu warten und dann die rechte vorderen Scheinwerfer einzuschalten."

Na, wenigstens etwas haben wir einander beigebracht, denke ich.

 

(1) Kulibin, Iwan Petrowitsch (1735 - 1818). Russischer Uhrmacher, Mechaniker, Brückenbauer und Erfinder. Leitete die mechanische Werkstatt der Sankt-Petersburger Akademie der Wissenschaften.

Erschienen am 22.05.2019 auf colta.ru.

Übersetzung: Andrea Tatjana Wigger

 

Marina Davydova ist Chefredakteurin des Magazins "TEATR", Kolumnistin der Onlineplattform colta.ru und künstlerische Leiterin des NET-Festival. Im Jahr 2016 war sie Schauspieldirektorin der Wiener Festwochen. Ende April fand im Hamburger Thalia Theater die Premiere von Marina Davydovas Inszenierung "Checkpoint Woodstock" statt, deren Coautoren der Bühnenbildner Sinowij Margolin und der Komponist Wladimir Rannew waren. Für colta.ru resümierte Marina Davydova ihre Arbeitserfahrung an einem der führenden europäischen Theater.

 

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