Aus dem Fenster des abfahrenden Zugs

von Thomas Rothschild

Stuttgart, 21. Juni 2019. Acht Uhr fünfundfünfzig. Ein Bahnhofsvorsteher bläst seine Trillerpfeife. Eine Kellnerin lässt eine Kaffeetasse fallen, die in tausend Scherben zerspringt. Im Radio läuft Bette Davis Eyes. Die Szene wiederholt sich mehrmals in leicht variierter Form, wie der Refrain eines Songs. Kurz vor dem Ende fällt die Tasse wie in Zeitlupe ein weiteres Mal zu Boden. Aber sie zerspringt nicht. Ein Mann – wir ahnten es – kann sie gerade noch auffangen. "Gerade nochmal gut gegangen."

Sage da eine oder einer, das epische Theater, Modell Brecht oder Modell Thornton Wilder, hätte keine Auswirkung gehabt oder sich auch nur erschöpft. Da steht im Jahr 2019 ein Mann auf der Bühne, schaut ins Publikum, weiß nicht, wie er beginnen soll, und eine Frau sagt: "Ein Mann weiß nicht, wie er beginnen soll."

Hundert Jahre nach Tschechow

So fängt das jüngste Stück von Roland Schimmelpfennig an, dessen Uraufführung im schwedischen Örebro als Auftragsarbeit des dortigen Landestheaters stattgefunden hat und dessen Titel einen Liederabend anzukündigen scheint. Tatsächlich ist in "100 Songs" viel von Liedern die Rede, und musikalische Strukturen sind auch im Text unübersehbar. Mit der seit Wittenbrink grassierenden, stets erfolgversprechenden Anbiederungsmode hat der Abend trotzdem nichts zu tun.

100 songs 2 560 bjoern klein uRaum für simultane Geschichten: Roland Schimmelpfennig entwarf auch die Bühne für sein Stück © Björn Klein

Schimmelpfennig-Verächter mögen bei der Doppelung von Erzählen und Zeigen von einer Masche sprechen. Freundlich Gesinnte nennen das Handschrift oder Personalstil. Dass sie an Faszination verloren hat, kann man im vorliegenden Fall nicht behaupten. "100 Songs" präsentiert das Leben – nur vage angedeutet: die letzten Sekunden vor der Explosion einer Bombe – als eine Folge von Banalitäten, von Dialogen, die auch mehr als hundert Jahre nach Tschechow zu keinerlei Kommunikation führen, als eine Folge von Geräuschen und eben von Songs. Was in unzähligen Inszenierungen als Zierat ohne Sinn und Zweck fungiert – das angloamerikanische Repertoire der Popmusik –, wird hier zum Thema und zum Ausdruck eines omnipräsenten Referenzrahmens.

Kunst der Andeutung

Roland Schimmelpfennig geht kein Risiko ein. Er führt bei der deutschen Erstaufführung im Stuttgarter Kammertheater selbst Regie. Nicht so konsequent wie René Pollesch, aber immerhin regelmäßig sorgt er dafür, dass dem Autor, also ihm, Gerechtigkeit widerfahren kann. Eine Alternative zu dem Befund, den Karlheinz Braun auf nachtkritik erstellt hat, "dass die Autoren oft nur noch Stückvorlagen schreiben, weil sie wissen, dass die Regisseure daraus nur ihre eigenen Stücke realisieren, und wer gibt sich schon dafür her?".

100 songs 4 560 bjoern klein uFabelhaftes Ensemble: Alexandra von Schwerin und Anne-Marie Lux (vorn), im Hintergrund: Sebastian Röhrle und Reinhard Mahlberg © Björn Klein

Schimmelpfennigs "100 Songs" hätten dennoch in die Hosen gehen können, wenn dem Autoren-Regisseur nicht ein so fabelhaftes Ensemble zur Verfügung stünde. Es beherrscht die Kunst der Andeutung. Es lässt sich gutmütig ausbremsen, wenn es in Versuchung zu geraten droht, einen leichtfüßigen Entwurf mit Nachdruck auszuführen. So locker, so wenig forciert und mit so viel subtilem Witz hat man lange keine Schauspieler*innen auf einander eingehen sehen.

Das Bühnenbild, für das Schimmelpfennig ebenfalls verantwortlich zeichnet, besteht im Wesentlichen aus schwarzen Stühlen und einem schwarzen Querbalken, an dem Mäntel und Jacken hängen. Sie dienen den Darsteller*innen, um Figuren herbei zu zitieren und sogleich wieder zu entlassen. Für Sekunden wird mit Hilfe von Requisiten angedeutet, wer diese Figuren als Kinder waren. Eine Krone, ein Totenkopf, eine Ukulele, ein Pfeilbogen, an der Rampe von den Spieler*innen in den Händen gehalten, erinnern an Lautréamonts Formulierung, die sich die Surrealisten zur Selbstcharakterisierung angeeignet haben: "die zufällige Begegnung einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch".

Bedeutung des Augen-Blicks

"100 Songs" liefert Ansätze von Geschichten, die nicht erzählt werden. Eine Prozession verschleierter Frauen. Soldaten, bis an die Zähne bewaffnet. Ein einzelner Rosenverkäufer aus Bangladesh. Ein Pfarrer, der aus dem Fenster eines anfahrenden Zuges in den Wolken am Himmel vier Reiter sieht. Der Polizist, der seinen Bruder besucht, mit ihm trinkt und Deep Purple hört, weil sie einander nichts zu sagen haben. Die fromme Stripperin, die darüber nachdenkt, was sie ihrem fünfjährigen Sohn zum Geburtstag schenken soll. Die Studentin, die über die dramaturgischen Gesetze der romantischen Komödie faselt. Schimmelpfennig verwirklicht auf der Bühne, was Robert Altman mit Nashville in die Filmgeschichte eingebracht hat, allerdings mit viel kürzeren Partikeln.

Eine der zahlreichen simultanen Geschichten erzählt von dem Mann, der aus dem Fenster des abfahrenden Zuges eine Frau sieht und denkt: "Vielleicht wäre das ja die Frau meines Lebens gewesen." Die hat auch Erich Kästner schon erzählt. Aber der Gedanke hat nichts von seinem Reiz verloren. Es ist der Gedanke von der anhaltenden Bedeutung des Augen-Blicks. Und im Radio läuft "Bette Davis Eyes".

 

100 Songs
von Roland Schimmelpfennig
Deutschsprachige Erstaufführung
Regie und Bühne: Roland Schimmelpfennig, Kostüm: Lane Schäfer, Komposition: Hannes Gwisdek, Licht: Stefan Schmidt, Dramaturgie: Gwendolyne Melchinger.
Mit: Katharina Hauter, Anne-Marie Lux, Reinhard Mahlberg, Sebastian Röhrle, Robert Rožić, Alexandra von Schwerin.
Premiere am 21. Juni 2019
Dauer: 1 Stunde, 40 Minuten, keine Pause

www.schauspiel-stuttgart.de

 

Kritikenrundschau

Adrienne Braun schreibt in den Stuttgarter Nachrichten (online 22.6.2019, 12:55 Uhr): Die drei Minuten vor dem Attentat seziere Schimmelpfennig akribisch wie ein Chirurg. In diesen Minuten präsentiere sich das Leben "mit seiner ganzen Kraft und Frische", es bäume sich förmlich auf, als wolle es gegen den Tod anspielen. Mit leichter Hand gelingt es ihm, "große wie kleine Tragödien tragikomisch auszuloten". Dabei sei er "nah an der Gegenwart, witzig und immer auch ein bisschen verrückt". Die nüchtern-dokumentarischer Beschreibung der Vorgänge werde gebrochen. "Mit beiläufigen Hinweisen und Anspielungen" erschaffe Schimmelpfennig "prägnante Typen". Aber Schimmelpfennig fliechte auch "raffiniert" Motive wie die apokalyptischen Reiter oder "die Liebe" ein, die das Unheil verhindern könne. Der Autor zeige sich als kluger Soziologe, der wisse, dass "Identität und Lebensstil auch von einem schnöden Partykracher geprägt sein können". Die sechs Schauspieler seien großartig, der Abend absolut sehenswert.

Jürgen Berger schreibt in der Schwäbischen Zeitung (online 24.6.2019): Schimmelpfennig liefere ein "Rundum-Sorglos-Paket" und er mache das "sorgfältig perfekt", die Stuttgarter Ensemblemitglieder inszeniere er "schnörkellos und mit einem genauen Blick für die tragikomischen Färbungen des Lebens". Das Genre der "mit knappen Schnitten erzählten Lebensdramen und –komödien" beherrsche Schimmelpfennig "wie kein zweiter". Er jongliere mit Erzählfragmenten und dem schnellen Wechsel von biografischen Schnipseln.

 Martin Halter kommt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (24.6.2019) nicht auf "100 Songs", sondern nur auf "sechs­und­zwan­zig und ein paar zer­quetsch­te". Schim­mel­pfen­nig habe ei­ne "über­ra­schungs­freie Play­list", aber mehr im Sinn. Doch die "plötz­li­che, im Wurm­loch der Zeit ir­gend­wie re­ver­si­ble Apo­ka­lyp­se" gehöre "eigentlich" zu je­dem neue­ren Dra­ma des Au­tors. Es seien "hüb­sche klei­ne Ge­schich­ten", aber es fehle ih­nen "an Ei­gen­art und Ge­heim­nis". Auf der Büh­ne gehe es zu wie in "ei­ner Um­klei­de­ka­bi­ne". Die Dar­stel­ler ho­lten sich "ty­pi­sche Re­qui­si­ten, In­stru­men­te und Kos­tü­me vom Ha­ken" und ver­kör­perten "zeit- und ver­suchs­wei­se" gut zwei Dut­zend Rol­len. Es gebe "kei­ne Va­ria­ti­on, kei­ne Ent­wick­lung, nur Wie­der­ho­lung, pris­ma­ti­sche Bre­chung und Ne­bel­ma­schi­nen". Fi­gur reihe sich an Fi­gur, Sze­ne an Sze­ne, Song an Song. "Gut, wenn Män­ner zwi­schen he­roi­schem Schwei­gen, Er­klä­ren und Be­feh­len auch mal zar­te­ren in­ne­ren Me­lo­di­en nach­hö­ren. Aber sie soll­ten viel­leicht auch ei­ne Idee da­von ha­ben, was sie sa­gen und hö­ren wol­len." Sonst werde es nur "ei­ne Art Wunsch­kon­zert zum Welt­un­ter­gang".

 

 
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