Was nicht erzählt wird, das verschwindet

von Jan Fischer

Hannover, 21. Juni 2019. Nach zweieinhalb Stunden tanzt auch das Publikum auf dem Balkon. Da hat es schon eine halbe Stunde flackerndes Stroboskoplicht hinter sich, untermalt von geradezu schmerzhaft brachialem Deep House und Dubstep, während sich die Figuren in Łukasz Twarkowskis "Lokis" ins Vergessen der unerzählbaren Geschichten tanzen.

Beat- und lichtlastiges Verwirrspiel

Zwei Stunden vorher: Einer der Darsteller steht auf der leeren Bühne des Schauspiel Hannover, erzählt, er sei der Regisseur Łukasz Twarkowski, stellt die anderen Darsteller und Darstellerinnen als Bühnenbildner, Choreographen, Dramaturgin, Sounddesigner vor, und meint: "Die Schauspieler in Litauen brauchen ein psychologisches System. Wer ist meine Figur? Was ist der Hintergrund meiner Figur? Manchmal tanzt man aber und hebt dabei eine Hand, das kann man nicht psychologisch erklären."

Lokis 560 D Matvejev uAlles was zählt, ist, wie's erzählt wird? "Lokis" © D. Matvejev

Und so geht es los, Twarkowskis beat- und lichtlastiges Verwirrspiel auf der Suche nach Wahrheit in drei Geschichten um einen (gewaltsamen) Tod: Prosper Mérimées Novelle "Lokis", der Geschichte des litauischen Fotografen Vitas Luckus, der 1987 unter nicht genau geklärten Umständen ums Leben kam, und die Geschichte von Bertrand Cantat, Sänger der französischen Band Noir Désir, der 2003 in Vilnius seine Frau Marie Trintignant ermordete. Allen Geschichten ist gemeinsam, dass die Details der jeweiligen Morde ungeklärt sind: Bei Mérimée wird nie ganz klar, warum Michael seine Braut Julka in der Hochzeitsnacht zerfleischt; Luckus hatte einen Streit mit seinem Freund, war aber auch Kritiker des damaligen Sowjetregimes ins Litauen; Cantat rief stundenlang, nachdem er Trintignant schlug, keinen Notarzt – was in diesen Stunden passierte, weiß niemand.

Grandioses Dauergeballer der Eindrücke

Twarkowskis Truppe versucht den Geheimnissen und Leerstellen mit Re-Enactments und Quellen von außen auf die Schliche zu kommen, die kulminieren in hektischem Bühnenlicht, Kamerafahrten und mehreren sich überschneidenden audiovisuellen Erzählebenen sowie Beats, die die Sitze vibrieren lassen. Dazu lässt Twarkowski seine Handlung in Trance induzierender Langsamkeit voranschreiten. So lange, bis sich, in der Unmöglichkeit, die Wahrheit in den Geschichten zu greifen, alle auf einer gigantischen Elektro-Party miteinander verquicken und während der Zigarette danach dann doch zugegeben werden muss, dass es keine Lösung gibt.

Wie im Februar mit "Es war einmal… das Leben" am Schauspiel Hannover schleust Twardowski Quellen und Vorlagen so lange durch die Beat- und Lichtmaschine, bis alles in einem gigantischen, augenzwinkernden Knall zu feinem Pulver verrührt ist und das Hirn matschig wird vom grandiosen Dauergeballer der Eindrücke.

Sich verflüchtigende Erinnerungen bewahren

Mit einem ähnlichen Ansatz, aber absolut gegenteiligen Methoden, macht sich "Aleppo. A Portrait of Absence" daran, Erinnerungen als Geschichten zu greifen. Der syrische Autor Mohammad Al Attar wollte die Erinnerung an seine Heimatstadt Aleppo bewahren, aus der er vor dem Bürgerkrieg flüchtete – bei seinen eigenen Erinnerungen, so heißt es im eingesprochenen Einleitungstext der Inszenierung, bemerkte er, wie sie sich Stück für Stück verflüchtigten. Also fragte er Freunde und Bekannte, allesamt Geflüchtete und über die halbe Welt verteilt, nach ihren Erinnerungen an Lieblingsorte.

Aleppo 560 Christian Altorfer uIch erzähle Dir, was sonst vergessen ist: "Aleppo. Portrait of an Absence" © Christian Altorfer

Diese persönlichen Geschichten, subjektive, verfremdete Erinnerungen von Menschen an eine Heimat, die es so nicht mehr gibt, werden einem Publikum von jeweils zehn Menschen in intimen 1:1-Situationen in übersetzter Fassung von Schauspielern und Schauspielerinnen erzählt. Ruhig schwirren sie durch den Raum, der mit zehn Tischen mit je zwei Stühlen und jeweils einer Lampe ausgestattet ist. Am Ende sind die Zuschauer noch eingeladen, eine eigene Erinnerung an einen Ort in ein Diktiergerät zu sprechen – eine Erinnerung im Austausch für eine Erinnerung, sozusagen.

"Untold stories disappear" steht auf den Beuteln, die am Merchandise-Stand von Theaterformen verkauft werden. Kein offizielles Motto, aber sowohl "Lokis" als Eröffnungsinszenierung wie auch "Aleppo. A Potrait of Absence" zeigen, dass das in Bezug auf das Festival nicht nur leere Worte sind: Zwei dieser Geschichten die sonst verschwunden wären, sind erzählt – eine mit gewaltigem Druck, die andere mit fast zarter Ruhe. Beeindruckend sind sie beide.

 

Lokis
von Prosper Mérimée
Regie: Łukasz Twarkowski, Bühne: Fabien Lédé, Kostüm: Dovilė Gudačiauskaitė, Musik: Bogumił Misala, Choreografie: Paweł Sakowicz, Video: Jakub Lech, Licht: Eugenijus Sabaliauskas, Assistenz Autorin: Teklė Kavtaradze, Produktion: Vidas Bizunevicius, Regieassistenz: Giedrė Kriaučionytė.
Mit: Darius Gumauskas, Rytis Saladžius, Vainius Sodeika, Saulius Bareikis, NelėSavičenko, Elžbieta Latėnait, Airida Gintautaitė, Dovilė Šilkaitytė, Gytis Ivanauskas, Arnas Danusas.
Produktion: Lietuvos nacionalinis dramos teatras
Festivalpremiere am 20. Juni 2019
Dauer: 3 Stunden 15 Minuten, eine Pause

Aleppo. Portrait of Absence
Text, Konzept, Umsetzung: Mohammad Al Attar in Zusammenarbeit mit dem Regisseur Omar Abusaada und der Bühnenbildnerin Bissane Al Charif
Interviews: Sadik Abdul Rahman, Marcell Shehwaro, Odai Al Zoubi, Stadtkarten-Design: Alia Ramadan, Übersetzung: Sandra Hetzl, Produktionsleitung: Meret Kiderlen
Mit: Jan Andreesen, Eric Bouwer, Florian Denk, Hans-Caspar Gattiker, Martin Heesch, Maximilian Klas, Irma Mandler, Anke Retzlaff, Jens Schäfer, Patrick Yogajaran.
Koproduktion: Haus der Kulturen der Welt (HKW), Zürcher Theater Spektakel, Festival Theaterformen
Festivalpremiere am 21. Juni 2019
Dauer: ca. 30 Minuten, keine Pause

www.theaterformen.de

 

Kritikenrundschau

"Theater aus dem Geist der Technobewegung" hat Roland Meyer-Arlt von der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (22.6.2019) bei Twarkowski gesehen – mit Bildern, wie sie "Frank Castorf an der Berliner Volksbühne bereits vor mehr als zehn Jahren schuf: Innenansichten aus Spielkästen, die dem Publikum als Videos präsentiert werden". Twarkowskis Theater ziele nicht auf den Kopf, sondern auf den Bauch, "es möchte überwältigen, aber es unterwältigt". Vielleicht sei das Mittanzen im Rang, das Meyer-Arlt nach der Pause beobachtet, die richtige Reaktion auf das "Tanzangebot". "Fraglich ist natürlich, ob es ein Ausweis inszenatorischen Könnens ist, die technischen Möglichkeiten der Theaterbeschallung und der Kunstnebelproduktion bis zum Anschlag zu nutzen", schließt der Kritiker. "Im Grunde eher nicht."

"Die Bässe wummern, die Live-Videos fahren Attacke": für Stefan Gohlisch von der Neuen Presse (22.6.2019) ist "Lokis" ein ziemlicher "Radau". Vorgeblich erzähle Twarkowski "drei Geschichten über fatalen Kontrollverlust", über Wahrheit und Lüge. Multiperspektivisch erschließe er jedoch ganz viele Geschichten – "und am Ende keine". Kurz: "Strapaziös."

Über "Aleppo. A Portrait of Absence" schreibt Ronald Meyer-Arlt in der Online-Ausgabe der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (23.6.2019, 11:08 Uhr): An Schreibtischen mit Leselampen erzählten "Darsteller" Geschichten aus der syrischen Stadt Aleppo. Das "Verrückte" daran sei, dass für jeden einzelnen Zuschauer jeweils ein Akteur zur Verfügung stehe. Am Ende würden die Zuschauer aufgefordert, demjenigen, dessen Geschichte sie gerade gehört haben, einen Gruß ins Aufnahmegerät zu sprechen. "Schwierig. Was soll man Menschen sagen, die erlebt haben, wie ihre Stadt, ihr Viertel, ihr Haus zerstört wurde? Und wie soll man sich bei dem Akteur bedanken, der einem am Tisch sitzend die Geschichte aus der sterbenden Stadt eindringlich und mit leiser Stimme vorgetragen hat und am Ende einfach aufsteht und einen mit dem Aufnahmegerät zurücklässt?"

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