Frischer Wind am Broadway

von Verena Harzer 

27. Juni 2019. New York – Samstagabend, Booth Theatre am Broadway. Der Theaterraum ist gut gefüllt. Hier haben schon Bette Midler und Bradley Cooper Erfolge gefeiert. Jetzt steht Broadway-Star Nathan Lane auf der Bühne und prügelt Stoffleichen Fürze aus dem Leib. Minutenlang. Mal mit der Handkante, mal mit dem Ellbogen, mal mit groben Fußtritten. Und nochmal drauf und nochmal drauf. Furz, Furz, Fuuuuuuuuurz. Das Stück, in dem er auftritt, heißt "Gary: A Sequel to Titus Andronicus". Eine wirkliche Handlung ist kaum zu erkennen. Dafür gibt es philosophische Gedankenspiele, Stoffleichenberge auf der Bühne und ein Männerballett mit mechanisch tanzenden Penissen. Es geht um die Frage, wer den Dreck wegmacht, nachdem die Mächtigen ihre Schlachten geschlagen haben. Eine alles in allem wahnwitzig intelligente Politsatire.

Der Autor des Stückes, Taylor Mac, ist auch für New Yorker Verhältnisse ein Paradiesvogel. Er zeigt sich gerne in schillernden Fantasiekostümen. 2016 hat er sich mit einer vierundzwanzigstündigen Performance einen Namen gemacht: "A 24-Decade History of Popular Music". "Gary" ist sein erstes Broadway-Stück. Dass es dazu gekommen ist, gilt als kleines Wunder. Der Produzent Scott Rudin hatte offensichtlich Lust, eine ungewöhnliche Komödie auf eine kommerzielle Broadway-Bühne zu bringen. Und dafür das volle finanzielle Risiko zu tragen. Mit diesem Bekenntnis zum Sprechtheater steht er diese Saison nicht alleine da.

BoothTheatre 560 wikiDas Booth Theatre am Broadway in NYC © Jim.henderson - Own work, CC BY-SA 3.0

Unter den 34 Premieren am Broadway in der Saison 2018/19 waren 21 Schauspiele. Viele davon neu und von amerikanischen Autoren geschrieben. "Diese Broadway-Saison geht's ums Sprechtheater", jubelte die New York Times. Der Broadway boomt. Noch nie wurden so viele Tickets für so viel Geld verkauft wie diese Saison. Dazu trägt die steigende Zahl an Touristen bei, die nach New York kommen. Ein Besuch am Broadway gehört meistens zum Standard-Programm. Doch auch die ungewöhnliche Vielseitigkeit der Broadway-Produktionen ist Teil des Erfolgsrezepts. "Es gibt ein außergewöhnlich großes Angebot und Broadwayproduzenten werden immer schlauere Vermarkter", analysiert Broadwayproduzent David Binder

Ein Vielfältigkeits-Boom

Dass das Sprechtheater am Broadway wieder solche Erfolge feiern würde, damit hatte kaum noch einer gerechnet. Die strukturelle Entwicklung zeigte in eine ganz andere Richtung. In den Neunzigerjahren begann der Umbau des Broadways zum Touristen-Hotspot. Der anhaltende Erfolg der Musicals von Andrew Lloyd Webber regte viele kommerzielle Theater an, stärker auf Musicals zu setzen und mit Reiseveranstaltern zu kooperieren. Zeitgleich eroberte Disney mit seinen Musicalproduktionen den Broadway. Die in ganz Manhattan seit den Achtzigerjahren anziehenden Miet- und Lebenshaltungskosten ließen auch die Kosten für Theaterproduktionen steigen. Das Risiko für Theatermacher vergrößerte sich und die Ticketpreise schnellten in die Höhe.

Ferryman1 560 Joan Marcus uIrland im Schatten der IRA: Holley Fain und Brian d'Arcy James in "The Ferryman" © Joan Marcus

Das Ziel-Publikum fürs Sprechtheater waren und sind Theaterliebhaber aus New York oder dem New Yorker Umland. Die geben ungern die astronomischen Summen für Tickets aus, die Touristen bereit sind, für ein once-in-a-lifetime Erlebnis zu zahlen. Wenn Sprechtheater am Broadway, dann als kostengünstiges Kammerspiel mit kleinstmöglicher Besetzung. Oder wenn ein Stück DIE Rolle für einen weltberühmten Star zu bieten hatte.

Ensemble-Theater, neue Perspektiven auf kanonische Stoffe

Und dann, diese Saison: "The Ferryman". Der Bühnenboden biegt sich geradezu unter dieser opulenten Inszenierung mit 21 Sprechrollen, lebenden Tieren und einem Baby auf der Bühne. Jede Figur ist eine bis ins letzte Detail ausformulierte Persönlichkeit. Ein echter Ensembletraum. Ganz ohne Starbesetzung. Das von Sam Mendes inszenierte Stück von Jez Butterworth erzählt von einer Großfamilie im Schatten der IRA-Aufstände im Irland der Achtzigerjahre. Über drei Stunden lang. Das ist ungeheuer viel Zeit für die vielbeschäftigten New Yorker. Doch die nehmen sich viele. "The Ferryman" ist ein Erfolg am Broadway und konnte vier Tony Awards, die Broadway-Oscars, unter anderem für das beste Stück und die beste Regie einsammeln. 

Mockingbird 560 Julieta Cervantes uGerichtsdrama: Jeff Daniels und Gbenga Akinnagbe in "To kill a Mockingbird" © Julieta Cervantes

Oder Aaron Sorkins Bühnenfassung von Harper Lees Roman "To kill a Mockingbird". Das Stück spielt Woche für Woche neue Rekordzahlen ein. Sogar höhere als viele Musicals. Der für seine Film- und Fernsehdrehbücher bekannte Autor ("Steve Jobs" oder "Westwing") ist nicht der erste, der sich an die Dramatisierung des Lieblingsbuchs von Generationen von Amerikanern wagt. Aber der erfolgreichste. Jeff Daniels spielt Atticus Finch. Den Rechtsanwalt, der sich in einer kleinen Südstaatenstadt für einen schwarzen Jungen einsetzt, der eine weiße Frau vergewaltigt haben soll. Daniels berühmter Name trägt sicherlich zum Erfolg der Produktion bei. Aber auch die intelligent dramatisierte Bühnenfassung, die sich hauptsächlich auf den juristischen Prozess konzentriert. Und, anders als im Roman, auch die schwarzen Protagonisten zu Wort kommen lässt.

Eine weitere Erfolgsgeschichte ist "Network". Diesmal mit Starbesetzung. Bryan Cranston ist vor allen Dingen als Walter White aus der Fernseh-Serie "Breaking Bad" bekannt. In "Network" spielt er den an seiner eigenen Branche verzweifelnden Fernsehmoderator Howard Beale. Die Vorlage ist der gleichnamige Film aus den Siebzigerjahren. Der genießt in den USA Kultstatus. Regisseur Ivo van Hove, der mit avantgardistischen Off-Theater-Produktionen bekannt wurde, setzt viele live Videoaufnahmen auf der Bühne ein. Die Bilder werden in einem auf der Bühne sichtbaren Fernsehstudio produziert. Wer viel Geld für seine Tickets bezahlt, wird Teil der Inszenierung und bekommt im Bühnenbild während der Show ein Menü serviert. Mit der Option, dass sich Bryan Cranston alias Howard Beale zu einem an den Tisch setzt. Alles nicht wirklich neu. Aber für Broadway-Maßstäbe doch eher ungewöhnlich. In London hat "Network" bereits funktioniert. Und jetzt auch in New York. Das Stück ist fast durchgehend ausverkauft.

Neues Geschäftsmodell: Non-Profit-Theater

Dass das Schauspiel am Broadway wieder stärker vertreten ist, verdankt sich auch einer anderen Entwicklung. Die Anzahl an Non-Profit-Theatern am Broadway hat zugenommen. Ihr finanzielles Überleben hängt nicht vom Ticketverkauf ab, sondern wird von Abonnenten und Spendern gesichert. Das ermöglicht diesen Häusern eine weitsichtigere finanzielle Planung. Inzwischen gehören sechs der 41 Broadway-Theater Non-Profit-Organisationen. Ein historisches Hoch.

straightWhiteMen 560 JoanMarcusStephen Payne als Ed, Josh Charles als Jake, Armie Hammer als Drew und Paul Schneider als Matt in "Straight White Men"   © Joan Marcus

Diese Häuser sind es, die zeitgenössischen amerikanischen Autoren ein Heim am Broadway bieten. Außerdem sorgen sie für mehr Diversität. Während alle neuen Stücke an kommerziellen Broadway-Theatern diese Saison von weißen Männern stammen, haben die Non-Profit-Theater auch weibliche und nicht weiße Autoren im Programm. Mit "Straight White Men" von Young Jean Lee war diese Saison zum ersten Mal ein Stück von einer asiatisch-amerikanischen Frau am Broadway zu sehen. Gezeigt wurde es am Helen Hayes Theater, das im Jahr 2015 von der Non-Profit-Organisation Second Stage gekauft worden ist.

New Musicals

Dass ein frischer Wind über den Broadway weht, war diese Saison auch im Musicalbereich zu spüren. Die meisten Tonys, darunter auch die wichtigsten für "Best Musical", "Best Direction" und "Best Original Score" sammelte eine Musicalproduktion ein, die ihre Wurzeln im Off-Broadway-Bereich hat. "Hadestown" basiert auf dem griechischen Mythos von Orpheus und Eurydike und besticht durch eine düstere Steam-Punk-Atmosphäre. Es ist das erste Musical der amerikanischen Singer-Songwriterin Anaïs Mitchell. Uraufgeführt wurde es 2017 im New York Theatre Workshop.

Gleiches gilt für das Musical, das den Tony für "Best Musical Revival" gewann. Der Regisseur Daniel Fish zeigte seine Interpretation des Rodgers & Hammerstein Klassikers "Oklahoma!" zum ersten Mal am liberalen Bard College. Es folgten ausverkaufte Vorstellungen an der Off-Broadway-Bühne St. Ann's Warehouse. Dass diese Inszenierung, die das Stück von allen Romantizismen befreit, jemals am Broadway zu sehen sein würde, hat damals wohl keiner zu hoffen gewagt. Jetzt, 2019, ist es sogar ein mit zwei Tonys gekrönter Broadway-Erfolg. 

Experiment oder Geld

Natürlich, die finanziell erfolgreichsten Produktionen am Broadway sind nach wie vor Musicals wie "König der Löwen", "Phantom der Oper" oder "Frozen". Und das wird sicherlich auch so bleiben. Auf Produzenten- und Zuschauerseite aber gibt es eine spürbare Lust auf originelle Stoffe und anspruchsvolle Inszenierungen. Das lässt für die kommenden Spielzeiten hoffen.

Das Stück "Gary" war dann übrigens doch eine Broadway-Überforderung. Obwohl von vielen Kritikern als bahnbrechendes Experiment gewürdigt, musste es dieses Wochenende wegen zu niedrigen Ticketverkäufen schließen. Es hat sich ausgefurzt. Sieben Wochen früher als geplant.

VerenaHarzer 140Verena Harzer studierte in Berlin und Paris Theater-, Literatur- und Kunstwissenschaften. Als Dramaturgin war sie unter anderem für die Oper Dortmund, German Theater Abroad, posttheater, spreeagenten Berlin, die Internationalen Gluck Opern-Festspiele und writtenotwritten tätig. 2014 leitete sie den Stückemarkt des Berliner Theatertreffens. Seit 2017 lebt sie in New York und arbeitet dort als Kulturjournalistin.

 
Zu den Preisträger*innen der Tony Awards 2019.

Mehr über Theater in den USA finden Sie in der Rubrik International.

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