Raus aus den Kisten

von Sascha Westphal

Bochum, 29. Juni 2019. Wer darf wen spielen? Welche Freiheiten genießt sie oder er dabei? Und wer agiert im Hintergrund und hält die Strippen der anderen in der Hand? Fragen wie diese durchziehen Peter Weiss' 1964 uraufgeführtes Stück "Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter der Anleitung des Herrn de Sade". Allerdings konkurrieren sie fortwährend mit den politischen und gesellschaftlichen Fragestellungen, die im Spiel im Spiel verhandelt werden. So präsent Coulmier, der Direktor der Heilanstalt Charenton, als Regisseur im Stück durch seine ständigen Zwischenrufe und versuchten Eingriffe auch ist, der zentrale Konflikt verläuft doch entlang der Argumentationslinien Jean Paul Marats und des Marquis de Sade. Während der ermordete Revolutionär als Vordenker sozialistischer Ideen für eine radikale Auflösung aller gesellschaftlichen und materiellen Unterschiede eintritt, fordert de Sade einen nicht weniger radikalen Individualismus, der jeglichen sozialen und nationalen Zusammenhalt negiert.

Authentizität als gesellschaftliches Konstrukt

Das Performancekollektiv Monster Truck verschiebt diese Gewichtungen nun ganz deutlich in seiner Bearbeitung von Peter Weiss' Lehrstück-Klassiker. Ausgehend von dem Schauplatz des Spiels, dem Hospiz zu Charenton, in dem zu Napoleons Zeiten neben psychisch Kranken und geistig oder körperlich behinderten Menschen auch Homosexuelle und politische Dissidenten eingesperrt waren, arbeitet die Gruppe in "Marat / Sade" vor allem mit Menschen mit geistigen Behinderungen oder psychischen Krankheiten. Die Frage danach, wer wen spielt, bekommt so von Anfang an eine ganz andere Bedeutung. Auf der einen Seite suggeriert die Form der Besetzung eine besondere Authentizität. Kurze biographische Texte, die im Verlauf des ersten Teils der Inszenierung auf das obere Bühnenportal projiziert werden und die Spielerinnen und Spieler mit ihren Krankheiten und Behinderungen vorstellen, verstärken diesen Eindruck noch.

MaratSade9 560 FlorianKrauss uJörg Eiben, Rolf Fey, Dasniya Sommer, Lino Reifferscheidt, Sabine Schrader © Florian Krauss

Auf der anderen Seite untergräbt die Inszenierung konsequent jede Art von Zuschreibung. Und was ist Authentizität anderes als ein weiteres gesellschaftliches Konstrukt, das von mehr oder weniger willkürlichen Zuschreibungen ausgeht? Wenn die Performerinnen und Performer zu Beginn aus dem Saal heraus auf die Bühne treten und sich dort in einer langen Reihe vor dem noch geschlossenen roten Samtvorhang aufstellen, werfen sie die Blicke auf das Publikum zurück. Sie fordern einen erst einmal dazu heraus, sie über ihr Äußeres, ihre Einschränkungen und Behinderungen, zu definieren. Man wird sich eines Voyeurismus bewusst, der Menschen willkürlich kategorisiert und damit zugleich abstempelt.

Theater als Zwangssystem

Diese Mechanismen, nach denen im Alltag Normalität konstruiert wird, greifen Sahar Rahimi und Manuel Gerst, die bei "Marat / Sade" als Regieteam fungieren und zugleich auch in der Rolle Coulmiers auftreten, im ersten Akt der Performance radikal auf. Ein großes, halbhohes Podest dominiert die ansonsten bis auf eine Topfpflanze leere Spielfläche. Die Tänzerin Dasniya Sommer und der dem Bochumer Ensemble angehörende Schauspieler Lukas von der Lühe schieben nach und nach vier große weiße Kisten auf und vor das Podest, in denen sich Sabine Schrader, Rolf Fey, Roswitha Kons und Renate Stahl verbergen. Sie verkörpern die zentralen Figuren des Stücks, den Ausrufer, Marat, dessen Mörderin Charlotte Corday und den Marquis de Sade. Doch meist sind nur ihre Köpfe zu sehen, die sie oben aus der Kiste herausstrecken. Sobald eine ihrer Figuren Text hat, tritt entweder Dasniya Sommer oder Lukas von der Lühe hinter sie, nimmt ihren Kopf in beide Hände und bewegt ihre Lippen. Sie selbst bleiben stumm. Ihre Worte, die elektronisch gepitcht und so jeglicher Natürlichkeit beraubt werden, übernehmen Sommer und von der Lühe.

MaratSade14 560 Florian Krauss uDasniya Sommer, Rolf Fey, Alexandra Kamulski, Lukas von der Lühe, Sabine Schrader © Florian Krauss

Aber nicht nur den vier Hauptdarstellerinnen und Hauptdarstellern wird in diesem ersten Teil des Abends ihre individuelle Persönlichkeit genommen. Während mit ihnen wie mit Puppen gespielt wird, treten die übrigen Ensemblemitglieder meist als "Gespenster" auf. Weiße Bettlaken, die ihnen übergeworfen wurden, nehmen ihnen die Sicht, so dass sie von Sommer und von der Lühe über die Bühne geführt werden müssen. Wenn sie einen Einsatz haben, werden die Laken kurz zurückgeschlagen, so dass ihre Gesichter zum Vorschein kommen. Aber sprechen dürfen sie auch dann nicht. Das übernehmen wiederum die beiden Performer. So erweist sich das Spiel im Spiel als Ausdruck radikaler Fremdbestimmung. Das Ensemble besteht nurmehr aus Körpern und Köpfen, die hin und her geschoben werden. Was sie verkörpern, hat nichts mit ihnen und alles mit den Vorstellungen einer höheren Instanz zu tun. Das Theater erscheint als Zwangssystem, das kollektive Prinzipien vor sich herträgt, aber in seinem Inneren streng hierarchisch organisiert ist.

Revolution als Kindergeburtstag

So dekonstruiert Monster Truck aber nicht nur die Verabredungen des Theaters, die das Publikum oft viel zu selbstverständlich akzeptiert. Die Inszenierung schlägt zugleich einen Bogen zu Marats sozialistischen Ideen und deutet an, wohin sie in der Realität führen können. Folglich löst sich das System der Fremdbestimmung erst mit Marats Ermordung und seinem Begräbnis auf. Die Spielerinnen und Spieler legen ihre Betttücher ab und werfen sie in Marats Kiste, die nun nicht mehr Badewanne, sondern Grab ist. Auf den streng choreographierten ersten Teil folgt ein viel freierer zweiter Akt, in dem die Mitglieder des Ensembles sie selbst sein können und sich mit ihren eigenen Ideen und Talenten in Szene setzen. Aber auch dieser Individualismus bringt in Gestalt des von der Drag Queen Renate Stahl dargestellten Marquis de Sade wieder Zwang hervor.

MaratSade2 560 Florian KraussDaniel Beisbart, Renate Stahl, Lino Reifferscheidt, Roswitha Kons © Florian Krauss

Die Revolution wird zu einer Art Kindergeburtstag mit einem Schaumbad in einem aufblasbaren Flamingo-Becken und einem riesigen Krokodil, in dessen Maul de Sade schließlich verschwinden wird. Ein wunderbar komisches und doch auch erschreckendes Bild. Die Revolution frisst ihre Kinder, und ein Napoleon-Darsteller ergreift die Macht. Aber die anderen folgen ihm nicht, sondern ziehen sich schwarze Sturmhauben über und strecken die geballte Faust in die Höhe. Der Widerspruch zwischen Gemeinschaft und Individuum, Anarchie und Diktatur, bleibt bestehen. Eine Lösung kann auch das Theater nicht anbieten, selbst wenn es so revolutionär ist wie bei Monster Truck.

Marat / Sade
nach Peter Weiss "Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter der Anleitung des Herrn de Sade"
Von und mit: Daniel Beisbart, Jörg Eiben, Rolf Fey, Manuel Gerst, Alexandra Kamulski, Ralf Kons, Roswitha Kons, Anne Nilson, Sahar Rahimi, Lino Reifferscheidt, Nicole Schnippenkötter, Sabine Schrader, Mark Schröppel, Sandra Siewert, Dasniya Sommer, Renate Stahl, Andreas Stebner, Lukas von der Lühe.
Regie, Bühne, Kostüme: Monster Truck, Dramaturgie: Tobias Staab, Leiterin der Theatergruppe der Lebenshilfe im Zentrum Neue Wege: Ulrike Schweinitz, Betreuerin: Cornelia Barke, Produktionsleitung: ehrliche arbeit.
Koproduktion mit Monster Truck und dem NTGent in Zusammenarbeit mit der Lebenshilfe Bochum e.V. mit Unterstützung der Psychiatrischen Klinik Bochum-Ehrenfeld
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.schauspielhausbochum.de

 

Mehr zu Marat / Sade-Inszenierungen: Tina Lanik hat Peter Weiss' Stück im September 2018 am Residenztheater München inszeniert, oder Stefan Pucher im November 2016 am DT Berlin daraus eine große Grand-Guignol-Revolution gezaubert.

 

Kritikenrundschau

"Man könnte sagen, sie lassen das Stück zerschellen und plündern dann das Wrack," schreibt Sven Westernströer über diese Peter-Weiss-Adaption von Monster Truck in der WAZ (30.6.2019). Auf entsprechend wackeligen Füssen steht seinem Eindruck zufolge die Dramaturgie des Abends, dem er trotzdem etwas abgewinnen kann.

Von Peter Weiss' Stück sei nur ein rudimentäres Korsett übriggeblieben, so Bernd Aulich in der Recklinghäuser Zeitung (2.7.2019). "Damit wird das Stück entpolitisiert und an die Stelle des Theaters der Grausamkeit mit seinen monströsen Exzessen im Sinne des Theatertheoretikers Antonin Artaud tritt harmloses Lachtheater." Doch auch hier werden Aulich zufolge "verstörende Dimensionen" erreicht.

 

 
Kommentar schreiben