Nazis im Höllenschlamm

von Gerhard Preußer

Wuppertal, 6. Juli 2019. Zu wirr fanden die Freunde Else Lasker-Schülers das Manuskript von "IchundIch", zu unfertig, um veröffentlicht zu werden. So dauerte es lange bis zur Veröffentlichung und noch länger zur Uraufführung. 1979 in Düsseldorf war sie eine Andachts-Zeremonie, kurz darauf in Wuppertal sah man das Stück als ein Zirkus-Panoptikum mit Clowns. Nun wieder, zum 150. Geburtstag der Autorin, in ihrer Geburtsstadt Wuppertal etwas ganz anderes: ein Tanz-Sprechtheater, Körperkunst, Wortspielerei und Rätselbild.

Herzensbühne der Verkündigung

Das Wuppertaler Schauspiel schlägt sich tapfer mit immer weiter reduzierten Mitteln, aber ab und zu will Wuppertal zeigen, was es wirklich kann, mit Hilfe von Sponsoren und Stiftungen. In einer alten Fabrikhalle, die heute einer Firma für Kommunikationstechnik gehört, werden die kulturellen Kräfte gebündelt. Nach Romeo und Julia und "Don Quichote" folgt nun "IchundIch" mit Tänzern aus dem Umkreis des Pina-Bausch-Ensembles und Mitgliedern des Schauspielensembles.

IchundIch2 560 Uwe Schinkel uTanz den Wüstensturm: Das Wuppertaler Ensemble im Bühnenbild von Kirsten Dephoff © Uwe Schinkel

Die Wirrheit, die Mischung aus "Herzensbühne und Höllenspiel" (wie es die Autorin nennt), aus Politsatire, privatreligiöser Verkündigung, Literatursatire und melancholischer Späterotik ist so diffizil wie faszinierend. Wer das wörtlich nehmen will, muss scheitern. Die israelische Regisseurin Dedi Baron hat einen gangbaren Weg gefunden durch dieses unwegsame Textgestrüpp. Eine kühne Metapher und ein großes Spielfeld ist die Bühne: ein kreisrunder, flacher Sandhügel, umringt von etwa 200 Militärstiefeln. Krieg in der Wüste, passend für ein Stück, das, 1941 während der deutsche Siege im zweiten Weltkrieg im Jerusalemer Exil geschrieben, den Untergang der Naziführung und ihrer Krieger im heißen Schlamm der Hölle prophezeit.

Diskussion zwischen Faust und Mephisto

Zwei Schauspielerinnen, zwei Schauspieler, eine Tänzerin und drei Tänzer bilden das Ensemble. Die Texte wirft man sich zu, Rollen gibt es selten. Nur die fragile Julia Wolff gibt im stilechten Else-Kostüm konstant die Autorin und umkreist unentwegt den zirkulären Sandkasten. Sonst teilen sich Körper und Sprache den Abend zu gleichen Teilen. Die Aktionen im Sand sind anfangs mäßig. Die Diskussion zwischen Faust und Mephisto, ob Gott wirklich die Welt und auch den Teufel so erschaffen hat, bekommt man in vierfacher Brechung vier Mal von unterschiedlichen Personen serviert. Es geht nicht um Abbildung von Handlungen, es geht um Sprache. Und um Körper.

IchundIch3 560 Uwe Schinkel uElse-Lasker-Schüler-Lookalike: Julia Wolff als Wiedergängerin der Autorin © Uwe Schinkel

Im Laufe des Abends steigert sich die Intensität der Tanzaktionen. Zum dritten Akt erscheinen alle in Fatsuits, mit Papierkronen und Pelzmänteln und verwickeln sich in grobe, oft artistische Handgreiflichkeiten. Das ist die Verhandlung der Nazigrößen mit Mephisto, ob sie aus der Hölle eine Ladung Panzertreibstoff erhalten können. Und vor den Füßen des Publikums rattert ein kleiner ferngesteuerter Spielzeugpanzer vorbei. Krieg, Kinderspiel und Gottesschau – alles ist bei Lasker-Schüler eins. Ziemlich unvermittelt bricht die Gegenwart ein ins poetische Spiel. Studenten der Universität Tel Aviv, an der die Regisseurin unterrichtet, und der UdK Berlin verlesen dazu einen Brief an die Autorin, der sich gegen das Hegemoniestreben der antisemitischen Rechten in Deutschland wendet.

Ein Walzer wie von Pina Bausch

Schwarze Tüllröcke fallen aus der Höhe herab, alle ziehen sie an und dazu leuchtende Kugelketten. Es folgt ein langsamer Walzer im Halbdunkel, untermalt mit Störgeräuschen – ein Bild von verstörender Schönheit wie von Pina Bausch. Dann sitzen alle bis zum Hals in diesen schwarzen Tüllröcken versteckt herum, watscheln durch den Sand – eine komische Truthahnversammlung. Daraus entsteht ein wilder Tanz zu orientalischer Musik – ein Höllengewitter im aufgewirbelten Sand. Den vierten Akt spart man sich in Wuppertal, er wird nur in moderne Nachrichtensprache verpackt von Thomas Braus als Sprecher auf Videobildschirmen verkündet.

IchundIch4 560 Uwe Schinkel uMit Spielzeugpanzer: Das Wuppertaler Ensemble zeigt den Untergang der Nazi-Krieger im heißen Wüstensand © Uwe Schinkel

Im fünften Akt folgt dann die rätselhafte Lösung des rätselhaften Titels, mit dem Lasker-Schüler das feministische große Binnen-"I" erfand: "Durch das wiederum Entfalten / Des IchundIch / Komm ich geklärt / und pfingstgeläutert ich zu mir!" Das kann heißen: Bewusstsein lässt sich nicht vereinheitlichen, nur reflexiver machen. Nicht ein einheitlicher Klumpen ist stabil, sondern ein vielfach verschränkter, verstrebter, lockerer Bau. "Ich rate jeder der Gestalten im Publikum / Versuch den königlichen Schnitt an dir. / Er führt zur klaren reinen Fuge." So werden wir belehrt: Durch die deutliche Trennung der gegensätzlichen Seiten des Ichs, soll eine Verbindung der Teile der Persönlichkeit entstehen, die die Polymorphie des Ichs nicht leugnet.

Dass am Ende alle Mitwirkenden noch per Video bekanntgeben dürfen, was für sie die Hölle ist, ist überflüssig. Nur der Epilog im Himmel fehlt. Die Else-Darstellerin legt sich, nun im Kostüm von Prinz Jussuf, Elses Wunschrollenbild, in den Sand, und das mit sich selbst versöhnte IchundIch stirbt. Dann tönt aus den Lautsprechern der letzte Satz "Klumbumm, klummbumm. Gott ist da." In Wuppertal vergaß man nur, dass Elses Gott lächelt.

 

IchundIch
von Else Lasker-Schüler
Regie: Dedi Baron, Bühne und Kostüme: Kirsten Dephoff, Musik: Frank Schwiklewski, Video: Yoav Cohen, Thomas Dickmeis, Dramaturgie: Barbara Noth. Mit: Thomas Braus, Konstantin Rickert, Léonor Clary, Julia Reznik, Doug Letheren, Kenji Takagi, Pascal Merighi, Julia Wolff. Studierendenprojekt: Sina Ahlers, Matan Amsalem, Natalie Glick, Yotam Gotal, Maayan Michal Hamo, Ilil Lev Kenaan, Elias Kosanke, Johannes Koch, Peter Neugschwentner.
Premiere am 6. Juli 2019
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.schauspiel-wuppertal.de

 

Kritikenrundschau

Mit "Die Wupper" hatte Else Lasker-Schüler ihrer Heimatstadt ein Denkmal gesetzt. "Dagegen gilt das Fragment gebliebene Stück 'IchundIch', eine Nazi-Höllenfahrt als Überschreibung von Goethes 'Faust', als schwierigr", schreibt Anne Linsel in der Süddeutschen Zeitung (9.7.2019). Man könne "Ichundich"  als eine visionäre Parabel auf die leidvolle Existenz einer deutsch-jüdischen Dichterin und Emigrantin verstehen. Dedi Baron inszeniert es als Polit-Stück mit aktuellen Bezügen. Das zahlreiche Personal wurde auf acht Schauspieler und Tänzer verknappt, "ambitioniert", aber Dedi Barons Regie kapriziere sich ausschließlich auf die ernste Seite der Dichterin. "IchundIch" hätte aber viel mehr zu bieten.

Als un­auf­führ­bar gilt das Thea­ter­stück "Ich und Ich", schreibt auch Simon Strauss im Feuilleton-Aufmacher der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (9.7.2019). Dedi Barin versucht es, "in­dem sie Schau­spiel, Per­for­mance und Tanz auf eben­so wir­re Wei­se mit­ein­an­der mischt wie der Text sei­ne Sze­nen." Heraus komme "leider nichts Hal­bes und nichts Gan­zes." Der Abend wirke be­müht wild und mit sei­nen pseu­do­sur­rea­lis­ti­schen Kör­per­zu­ckun­gen und schlecht be­ton­ten Rei­men eher durch­ex­er­ziert als in­sze­niert. "Die von Kirs­ten De­phoff kon­zi­pier­te, mit fein­kör­ni­gem Sand be­streu­te Büh­ne ist al­ler­dings wirk­lich spek­ta­ku­lär (...) und am liebs­ten schaut man der Marthe Schwerdtlein zu, die Léonor Cla­ry auf un­prä­ten­ti­ös aus­sichts­lo­se Wei­se spielt. Im­mer wie­der knickt sie in den san­di­gen Un­tie­fen ein, dreht sich halb, has­tet wei­ter, stockt wie­der und schlägt sich die Haa­re ins Ge­sicht. Bei ihr fühlt man von fer­ne je­nen fla­ckern­den Wahn, der ei­gent­lich das gan­ze Stück durch­zie­hen müss­te."

"In ausdrucksstarken, emotionalen Bildern gestaltet Regisseurin Dedi Baron das letzte Drama 'Ich und ich' der Wuppertaler Dichterin Else Lasker-Schüler", schreibt Tanja Heil in der Westdeutschen Zeitung (8.7.2019). "Bilder dominieren: Die Tänzerin, die ihren Kopf in den Sand steckt und mit den Beinen zappelt. Soldaten in Stiefeln zum (zu kurzen) Anzug, die in Reihe marschieren. Blut, das aus den Soldatenstiefeln quillt." Fazit: "Ein beeindruckendes Gesamtkunstwerk."

 

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