Justitia ab

von Anna Landefeld

München, 11. Juli 2019. Es ist die ganze große Linie, die Regisseurin Christiane Mudra in ihrer aktuellen Arbeit "Kein Kläger" zieht, von Hitler über die Auschwitzprozesse und die Anfänge der bundesrepublikanischen Justiz bis zum fremdenfeindlichen Attentat am Münchner OEZ durch den 18-jährigen David Soboly und den NSU-Prozessen. Ihre These: Seit der "Machtergreifung" der Nationalsozialisten zieht sich ein brauner Faden durch die deutschen Justizstuben, der bis heute nicht gerissen ist, sondern im Gegenteil noch immer ein klebriges Netz bildet.

Amoklauf oder Attentat?

Es geht um die ständigen Versuche, nationalistische (und nationalsozialistische) und rassistische Verbrechen von ihrem politischen Hintergrund abzukoppeln und ihre politische Dimension herunter zu spielen. So nur war es möglich, dass die NSU-Täter weiter morden konnten, weil die Behörden sich lange geweigert haben, die fremdenfeindlichen Muster zu sehen und zur Grundlage ihrer Ermittlungen zu machen. Und aus diesem Verständnis heraus wurde öffentlich ausführlich darüber diskutiert, ob die Vorfälle am OEZ nun ein Amoklauf oder ein ausländerfeindliches Attentat waren. Letztlich hat die Politik sich für den "Amoklauf" entschieden, wie bis heute auf dem offiziellen Mahnmal zu lesen ist, an dem an diesem Abend auch Halt gemacht wird.

KeinKlaeger2 560 VerenaKathreinDie Performer*innen vor dem Gericht, in dem der NSU-Prozess geführt wurde © Verena Kathrein

Und nur so ist das aus heutiger Sicht eigentlich Unbegreifliche möglich gewesen: dass kein einziger NS-Jurist jemals verurteilt worden ist. Mudra zeigt, dass dahinter eine Geisteshaltung steht, die durch personelle Kontinuität zwischen NS-Regime und Bundesrepublik ins Grundgesetz und die Gerichtssäle und Polizeiinspektionen gleichermaßen eingewoben worden ist – und auch in das Selbstverständnis vieler, vermeintlich konservativer, Deutscher.

Adolf Hitler als verhaltensauffälliger Stadtführer

Es ist eine Mammutaufgabe, die sich Mudra gestellt hat, die, spätestens nach diesem Abend, zu Recht als politischste unter den Münchner Theatermacher*innen bezeichnet werden kann. Umso beeindruckender ist es, wie gut es ihr gelingt, gleichermaßen auf emotionaler wie intellektueller Ebene zu berühren und mitzunehmen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass sie den abgeschlossenen Theaterraum verlässt und zu einer Tour durch München einlädt.

KeinKlaeger3 560 VerenaKathreinAbends auf dem Münchner Königsplatz © Verena Kathrein

Sie führt die Zuschauer*innen an Originalschauplätze wie das OEZ, den Justizpalast oder den Königsplatz. Wenn Sebastian Gerasch vor dem Gerichtsgebäude in der Nymphenburger Straße, in dem gegen Beate Zschäpe verhandelt wurde, plötzlich lautstark-fanatisch als Hitler auftritt, dann sorgt das nicht nur beim Publikum für Unbehagen, sondern auch bei den Passant*innen, die sich dem Geschehen nicht entziehen können.

19 App Visual Strand 560 V 01Morgen in der Sommerfestival-App: die Nachtkritik zu Lilja Rupprechts Uraufführung von Thomas Melles "Überwältigung" bei den Nibelungen-Festspielen WormsMudras Arbeit ist das, was politisches Theater heute sein kann und muss: eine Mischung aus Dokumentation, Journalismus und szenischer Aufführung, unterstützt durch die Möglichkeiten, die die Digitalisierung dem Storytelling zur Verfügung stellt. Fünf Schauspieler*innen konfrontieren immer wieder direkt das Publikum, jede*r von ihnen erfüllt in jeder Szene die immer gleiche Rolle: Täter*innen, Ankläger*innen, Opfer, Relativierer*innen, moralische Instanz. Ihre Argumente sind bekannt, aber durch die ständige Wiederholung und Bewusstmachung gewinnen sie an Eindrücklichkeit. Immer wieder taucht auch die Göttin Justitia auf, die aber stets dann wieder abtreten muss, wenn auch die Gerechtigkeit beiseite gewischt wird. Gekleidet sind die Schauspieler*innen in weiße Gewänder. Sie sind damit etwas zwischen Prophet*innen, Göttern und Zeitreisenden aus Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart – zeitlos wie auch die Thematik selbst.

"Kein Kläger"-App als weitere Orientierungshilfe

Mudras "Kein Kläger" ist gut recherchiert und leider keine überdrehte Fiktion. Sie lässt Dutzende Zeitzeug*innen, Täter*innen und Opfer gleichermaßen zu Wort kommen, deren Biografien sprachlos machen. Da ist etwa der Jurist Theodor Maunz, der den Nazis durch seine Arbeit eine juristische Legitimation verliehen hat und der 1948 bei der Formulierung des Grundgesetzes mitgewirkt hat, 1957 bayerischer Kultusminister und nach seinem erzwungenen Rücktritt Juraprofessor an der LMU wurde; noch heute trägt der wichtigste juristische Kommentar zum Grundgesetz seinen Namen. Aber auch die Opferseite kommt ausführlich zu Wort, es sprechen etwa der Nazi-Ankläger Fritz Bauer, der Münchner Zwangsarbeiter Walter Joelsem oder Markus Schmorell, Neffe des Weiße-Rose-Gründungsmitglieds Alexander Schmorell. Die temporeich und dicht miteinander verwobenen Erzählungen, die verschiedenen Perspektiven auf die Ungeheuerlichkeiten während der dreistündigen Tour überfordern, übersteigen das, was man überhaupt aufnehmen kann, bei Weitem. Aber genau darum geht es: nicht um Details, sondern um schiere Unfassbarkeit.

KeinKlaeger1 560 VerenaKathreinScharfer Schatten der Geschichte © Verena Kathrein

Orientierung bietet eine eigens entwickelte App, in der die wichtigsten Informationen abrufbar sind. Eine Karte dokumentiert die einzelnen Stationen, Interviews überbrücken die Zeit dazwischen. Sogar Entscheidungen dürfen oder müssen getroffen werden, so beispielsweise eine sehr unheimliche: Folgt man am OEZ dem Weg des Attentäters durch die Einkaufspassagen, oder geht man mit den Schauspieler*innen einen anderen Weg. Das heißt: Nimmt man die Perspektive des Attentäters ein, durchlebt die Strecke zwischen Parkdeck und McDonalds und sieht die Orte, die auch er sah – oder geht das alles womöglich schon zu weit?

Es ist ein besonderes Projekt, mit dem Christiane Mudra nach "Wir waren nie weg. Die Blaupause" (Juli 2015) und "Off the record-die Mauer des Schweigens" (November 2016) ihre Trilogie zum Umgang mit dem nationalsozialistischen Erbe in der Bundesrepublik und besonders der Stadt München abschließt. Es ist so mutig wie innovativ.

Kein Kläger
NS-Juristen und ihre Nachkriegskarrieren
Konzept, Recherche, Text und Regie: Christiane Mudra, Game Design: Markus Schubert, Audio und Video: Peer Quednau, AR/VR: Kevin Fuchs, Visual Vitamin, Kostüme: Julia Kopa, Komposition: Thilo Thomas Krigar, Produktion: ehrliche arbeit- freies Kulturbüro und Uli Zentner, Regieassistenz: Armin Peterka.
Mit: Ursula Berlinghof, Sebastian Gerasch, Melda Hazirci, Stefan Lehnen, Murali Perumal, Corinna Ruba.
Dauer: 3 Stunden, keine Pause

christianemudra.de
investigativetheater.com

 

Kritikenrundschau

Das fünfköpfige Performance-Team nimmt im Science-Fiction-Modus ihr Publikum auf eine Zeitreise, schreibt Michael Stadler in der Abendzeitung (13.7.2019). Die Spielenergie beeindrucke über drei Stunden, "mit klaren Haltungen den Wahnsinn der Vergangenheit heraufbeschwört und die Linien bis in die Gegenwart zieht". Dazu komme eine tourbegleitende App mit Zeitzeugen-Interviews. Ein paar Virtual-Reality-Szenarien können per Brille betrachtet werden, auf Laptops kommen einem die Hinterbliebenen näher. "Es ist ein Overkill an Details und Erzählmitteln, zum Teil ermüdend, aber selten hat man so eine überwältigende, politisch nachhaltige Performance durch die Stadt erlebt."

"Als Kunstwerk betrachtet ist das Projekt hoffnungslos überladen und in seiner Form als theatraler Stadtspaziergang auch nicht ideal. Zu lauter Verkehr, zu große Gruppe, zu viel Hantieren mit einer App", so Christiane Lutz in der Süddeutschen Zeitung (13.7.2019). Aber "es ist dennoch ein Projekt von großer Wichtigkeit. Mudra, die mit 'Kein Kläger' eine Performance-Trilogie zum Umgang mit nationalsozialistischem Erbe beendet, ist es bitter ernst in ihrer Forderung nach radikaler Aufarbeitung." In den Worten der Schauspieler liege die Wucht der Enttäuschung und eine noch größere Wut über all die zugedrückten Augen, die mildernden Umstände und die Verdrängung. "Neutral ist hier niemand. So gelingt es Mudra zwar nicht mit theatraler Ästhetik, aber mit der Macht der Fakten und der realen Orte, ins Unrechtsbewusstsein ihrer Zuschauer vorzudringen."