Hitler sagt Sorry

von Sascha Westphal

Düsseldorf, 17. Juli 2019. Der direkte Vergleich verbietet sich eigentlich. Schließlich ist die Ruhrtriennale ein mit Millionenbeträgen ausgestattetes kulturelles Großereignis, das sich wie die anderen berühmten Festivals in Avignon und Edinburgh, in Salzburg und Berlin, internationaler Beachtung sicher sein kann. Das Asphalt Festival, das seit 2012 in Düsseldorf stattfindet und in diesem Jahr von Land und Stadt mit insgesamt 200.000 Euro gefördert wird, präsentiert sich dagegen als eher lokales Sommerfestival, das auf jede Form von Pomp verzichtet. Sein zentraler Veranstaltungsort, das "Weltkunstzimmer", ein interdisziplinäres Kunstzentrum, das seine Heimat auf dem Gelände einer ehemaligen Backfabrik gefunden hat, steht vielmehr für eine inspirierende Offenheit. Kunst und Alltag vermischen sich hier nicht nur in dem im Hinterhof gelegenen Festival-Biergarten auf eine verführerische Weise.

Während die Spielstätten der Ruhrtriennale, meist extrem repräsentative Großbauten der Kohle- und Stahlindustrie des Ruhrgebiets, mittlerweile eine museale Atmosphäre verbreiten, nimmt man im Weltkunstzimmer wie in den Alten Farbwerken, dem zweiten räumlichen Zentrum des Asphalt Festivals, die industrielle Vergangenheit der Gebäude noch sehr deutlich wahr. Die in ihren Räumen gezeigten Performances und Inszenierungen, Konzerte und Installationen entwickeln eine ganz eigene Direktheit und Dringlichkeit, die auch aus der Nähe von Publikum und Künstler*innen erwächst. Genau darauf setzen auch die beiden Festivalleiter, der Theatermacher Christof Seeger-Zurmühlen und der Komponist Bojan Vuletić. Sie verstehen das elftägige Sommerfestival nicht nur als ein Fest der Künste, das mit seinem Programm wie auch die Triennale gezielt auf Mischformen und Genreüberschreitungen setzt. Für sie ist es auch der ideale Rahmen, um gesellschaftliche und politische Fragen zu diskutieren. Dieser Gedanke schlägt sich dabei sowohl in der Auswahl der Gastspiele als auch in den Koproduktionen und Auftragswerken nieder, die einen großen Teil des Programms ausmachen.

Galerie des Schreckens

"Human being human" lautet das Motto des in diesem Jahr zum siebten Mal stattfindenden Festivals. Es könnte aber auch "Human being inhuman" überschrieben sein. Denn ein Aspekt des Menschlichen ist ausgerechnet die Fähigkeit, wenn nicht gar die Neigung des Menschen, sich durch und durch unmenschlich zu verhalten. Diesem eben nur scheinbaren Widerspruch gehen Christof Seeger-Zurmühlen und Bojan Vuletić mit einer ganzen Reihe von Projekten und Koproduktionen nach. So ist etwa die Videoinstallation "Naughty Boys and Girls" von Hofmann&Lindholm als Auftragswerk für das Asphalt Festival entstanden. Dreizehn animierte Porträtbilder von Kriegsverbrechern und Serienkillern, von Terroristen und Diktatoren, von Kinderschändern und Massenmördern, werden in einer Reihe auf die Längswand eines abgedunkelten Ausstellungsraums projiziert. Es ist eine Galerie des Schreckens, mit der Hannah Hofmann und Sven Lindholm die Betrachter*innen konfrontieren. Entsprechend irritierend wirkt der Titel der Installation.

Adolf Hitler und Augosto Pinochet, Marc Dutroux und Fritz Haarmann waren nun einmal alles andere als "ungezogene Jungen". Aber in den von Hofmann&Lindholm bearbeiteten Bildern, in denen sie fortwährend die Augenbrauen hochziehen und ein unschuldiges, auf verschmitzte Weise schuldbewusstes Gesicht machen, präsentieren sie sich genau so. Als wäre ein Genozid auch nur ein Dummer-Jungen-Streich. Zudem murmeln sie austauschbare Entschuldigungsfloskeln, die einem Schauer über den Rücken treiben. Und je länger man in diese leicht verfremdeten Gesichter schaut, desto klarer zeichnet sich das Antlitz der Menschheit ab. Wie leicht lässt sich doch jede noch so grausame Tat entschuldigen und jede Barbarei rechtfertigen. Und wie schnell sind Menschen dazu bereit, das eine wie das andere zu akzeptieren. 

asphalt1 Medo Angst 560 Ursula Kaufmann u Ben J. Riepes Arbeit "Medo/Angst" © Ursula Kaufmann

Die Bilder der "Naughty Boys and Girls" gehen einem auch an den folgenden Festivaltagen nicht aus dem Kopf. Sie begleiten einen auf Schritt und Tritt, wie Gespenster, die einen unentwegt verfolgen. Aber sie schärfen auch den Blick für vergangene Ereignisse und gegenwärtige Entwicklungen wie die in Brasilien. Zu Beginn von "Medo/Angst", der neuesten Arbeit des Düsseldorfer Choreographen Ben J. Riepe, scheint alles in bester Ordnung zu sein. Zwei Tänzerinnen und vier Tänzer stimmen immer wieder eine einzelne Begrüßungsformel an und bewegen sich dabei zunächst durch die engen Zuschauerreihen. Man gehört zusammen, feiert gemeinsam das Leben und die Welt.

Die Party ist vorbei

Alles ist, "Heja!", ein einziges Fest, ein Karneval der Sinne. Also verknäulen sich Riepes aus Brasilien und Deutschland stammende Performer*innen schließlich ineinander. In einer allumfassenden Umarmung, einem steten Küssen und Liebkosen, wird aus sechs Einzelnen eine paradiesisch anmutende Gemeinschaft. Doch dann schlägt die Stimmung um. Küsse werden zu Bissen, Ekstase verwandelt sich in Panik, Liebe in Aggression und Angst. Also streben alle wieder auseinander. Der Karneval ist vorüber, und mit dem Kehraus kommt eine neue von lauten Hubschrauberklängen und militärischem Drill geprägte Ordnung. Das Idyll ist zerstört. An seine Stelle tritt ein System der Furcht und Unterdrückung.

asphalt Medo Angst 560 Ursula Kaufmann uVon der Geschichte geschunden © Ursula Kaufmann

Riepe und sein Ensemble finden für diesen zunächst schleichenden, dann schlagartigen Wandel extrem eindringliche Bilder. Das Zersetzende der Angst ist dabei ebenso ansteckend wie die Freude zu Beginn. Wenige auf Portugiesisch und Englisch vorgetragene Texte beschwören ein Panorama des heutigen von Jair Bolsonaro regierten und von Ausgrenzung bestimmten Brasiliens herauf. Der Traum von einem Paradies auf Erden gebiert eine totalitäre Dystopie, der Riepe im zweiten, deutlich rätselhafteren Teil von "Medo/Angst" eine überraschend hoffnungsvolle Utopie entgegenstellt. Geleitet von den Ideen des Afrofuturismus antworten seine Performer*innen auf die Geschichte von Sklaverei und Unterdrückung mit einem Aufbruch in ein Zeitalter, in dem sich People of Color von den Erwartungen wie den Forderungen der Weißen lösen und ihren eigenen Weg gehen.

Zurück zum Tatort

"Eine performative Zeitreise" nennt das von Christof Seeger-Zurmühlen und Julia Dillmann geleitete Theaterkollektiv Pièrre.Vers im Untertitel sein Projekt „Schwarz-helle Nacht“ und deutet damit zugleich die beiden zentralen Aspekte dieser Stadtraum-Inszenierung an. Zum einen nehmen einen die fünf Performer*innen tatsächlich auf eine Reise mit, die vom Hotel Max Brown Midtown zum Verlagshaus des "Handelsblatt" in der Kasernenstraße führt. Zum anderen führen sie das Publikum zurück in die Nacht vom 9. November 1938 und in den darauffolgenden Tag. Die Ereignisse der Reichsprogromnacht, in der die Nationalsozialisten ganz gezielt deutsche Juden angegriffen und deren Wohnungen zerstört haben, werden in von den Schauspieler*innen vorgetragenen Zeitzeugenberichten wieder lebendig. An den Originalschauplätzen des von der Gestapo organisierten und überwachten Progroms hört man die Schilderungen der Opfer und wird dabei auf eindringlichste Weise mit der Erkenntnis konfrontiert, dass nach dem 10. November 1938 eigentlich niemand mehr behaupten konnte, er oder sie habe von nichts gewusst.

Die Beschreibungen der Gewaltakte, die sich nicht nur gegen Fenster, wie der euphemistische Propagandabegriff "Reichskristallnacht" behauptete, sondern vor allem gegen Personen richteten, sind erschreckende Zeugnisse der Unmenschlichkeiten, zu denen Menschen jeder Zeit fähig sind. Und das ist der Kern dieser Tour durch Düsseldorf: Die Vergangenheit ist keineswegs vergangen. Auf eine sehr subtile Weise löst Pièrre.Vers die Grenzen zwischen den Zeiten auf. Auf dem Weg durch die Stadt begegnen einem immer wieder Menschen in Kleidern der 30er Jahre. Kinder gehen mit St. Martinslaternen durch die Straßen, und plötzlich ist da jemand, der einem ein geheimes Fernschreiben der Gestapo in die Hand drückt. Wir mögen die Ereignisse vom 9. und 10. November 1938 aus den Augen verloren und vielleicht sogar vergessen haben. Aber sie sind trotz allem noch lebendig. So wird "Schwarz-helle Nacht" auch zu einer Reflexion darüber, wie wir uns heute an den Nationalsozialismus und die Shoa erinnern ... oder eben auch nicht erinnern.

 asphalt Schwarz helle Nacht 560 Ralf Puder u"Schwarz-helle Nacht" von Christof Seeger-Zurmühlen und Julia Dillman © Ralf Puder

Die letzte Station der Reise ist das Verlagsgebäude des "Handelsblatt". Ein brauner Koloss von einem Gebäude, dessen Wechselspiel aus Glas und Stein Offenheit und Solidität behauptet, in Wahrheit aber von Geschichtsvergessenheit und Anmaßung zeugt. Genau an diesem Ort standen einst die Düsseldorfer Synagoge und die ihr angeschlossene jüdische Schule, die in der Nacht des 9. November 1938 in Flammen aufgegangen sind. Ein direkt an der Straße stehender schwarzer Stein erinnert zwar an die Synagoge. Aber das Verlagsgebäude zieht letztlich alle Blicke auf sich. Und so wurde, daran lässt "Schwarz-helle Nacht" kaum einen Zweifel, die jüdische Geschichte Düsseldorfs ein zweites Mal ausgelöscht.

Carepakete aus dem Osten

Um Erinnerungen und um die Nachwirkungen der Vergangenheit kreist auch ein zweites Stadtprojekt, das im Zuge des Asphalt Festivals seine Uraufführung erlebt hat. Mit "Post von Drüben!" erbaut das Kölner Theaterkollektiv Futur3 eine performative Brücke zwischen Weimar und Düsseldorf. Der erste Teil dieser Doppelperformance, die im September im Rahmen des Kunstfests Weimar fortgesetzt wird, findet in der Düsseldorfer Christuskirche statt. Das Publikum nimmt auf zu einem Kreis angeordneten Stühlen Platz und bekommt erste Anweisungen per CD. Damit ist von Anfang an klar, dass keine Performerin, kein Performer, in Erscheinung treten wird. Das Publikum bleibt sich selbst überlassen und bestimmt den weiteren Verlauf des Abends. In einer großen Holzkiste befinden sich 13 durchnummerierte Päckchen und Pakete, die Weimarer Bürger*innen nach Düsseldorf geschickt haben. Jedem dieser Geschenke sind mal längere, mal kürzere Briefe beigelegt, die den Inhalt der Pakete kommentieren und von einzelnen Zuschauer*innen laut vorgelesen werden sollen.

Durch die Nummerierung der Päckchen ergibt sich dabei eine gewisse Dramaturgie. Erstmal wird man durch Fotos der berühmten Sehenswürdigkeiten der Stadt langsam an Weimar herangeführt. Später kommen dann neben den Verletzungen, die die Wende bei den Bürger*innen der DDR hinterlassen hat, auch die düsteren Seiten der Weimarer Geschichte und das KZ Buchenwald zur Sprache. Auf eine spielerische Weise markiert „Post von Drüben!“ die Risse, die auch 30 Jahre nach dem Fall der Mauer noch durch Deutschland gehen. Dafür bedient sich diese „partizipative Performance zwischen Ost und West“ auch der typischen Klischees über "Ossis" und "Wessis", die sich seit 1989/90 hartnäckig halten. Das wirkt gelegentlich ein wenig oberflächlich.

asphalt1 Post von druben 560 Peter Stumpf uFutur3 bringt "Post von drüben" © Peter Stumpf

Aber es gibt auch immer wieder Briefe, die einem andere Perspektiven eröffnen. So erzählt eine Briefschreiberin von dem Stolz, mit dem bestimmte in der DDR entwickelte Alltagsprodukte sie einst erfüllt haben, und fragt dann die Düsseldorfer, ob sie diese Form von Stolz auf die materiellen Errungenschaften ihres Landes auch kennen. Die sich daran anschließenden Diskussionen offenbaren tatsächlich mentale Unterschiede und erinnern einen daran, dass in der westlichen Konsumgesellschaft fast alles selbstverständlich geworden ist. In solchen Momenten, die nicht nur eine Brücke von Ost nach West bauen, sondern einem auch einen Spiegel vorhalten, liegt der Reiz dieses Projekts, das das Politische im Alltäglichen sucht. Allerdings erweist sich die rein partizipative Form der Performance auch als problematisch. Nicht alle Zuschauer*innen sind bereit sich auf ein solches Format einzulassen. So geriet der Abend im Lauf der Premiere immer wieder ins Stocken oder verlor sich in rein privaten Gesprächen innerhalb kleinerer Grüppchen. Aber auch solche Momente, in denen die Maschinerie des Theaters ins Stolpern gerät, gehören zu einem Festival wie diesem dazu. Sie sind ein kleiner Preis, den Christof Seeger-Zurmühlen und Bojan Vuletić für ihren Mut, die Kunst für einen unvermittelten Austausch mit dem Publikum zu öffnen, bezahlen müssen.

 

Naughty Boys and Girls
Videoinstallation von Hofmann&Lindholm
Konzept, Realisation: Hannah Hofmann, Sven Lindholm

Medo/Angst
von Ben J. Riepe
Choreographie: Ben J. Riepe; Künstlerische Assistenz: Gwen Wieczorek; Bühne: Ben J. Riepe, Gwen Wieczorek; Kostüm: Tina Melo, Thiago Romero, Lucas Montty (Afrobapho); Licht: Ben J. Riepe, Luiz Guimarães.
Mit: Sebastião Abreu, Sauane Costa, Aaron S. Davis, Thor Galileo, Wendel Lima, Tyshea Suggs
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

Schwarz-helle Nacht
von Pièrre.Vers
Konzept und Regie: Christof Seeger-Zurmühlen; Raum und Kostüm: Simone Grieshaber; Komposition: Bojan Vuletić; Stückentwicklung: Juliane Hendes und Theaterkollektiv Pièrre.Vers; Klavier: Klaus-Lothar Peters; Ton: Philipp Kaminsky
Mit: Anna Beetz, Julia Dillmann, Nora Pfahl, Christof Seeger-Zurmühlen / Felix Banholzer, Alexander Steindorf sowie Düsseldorfer Stadtbewohner*innen.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

Post von Drüben!
Eine Produktion von Futur3
Von und mit: André Erlen, Stefan H. Kraft; Ausstattung: Petra Maria Wirth; Mitarbeit: Theresa Heußen, Miriam Meißner; Produktionsleitung Weimar: Felix Heimbach; Produktionsleitung Düsseldorf: Sarah Heinrich
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.asphalt-festival.de

 

Nachtkritiken zu weiteren, im Programm des Festivals laufenden Produktionen finden Sie hier:

Ja, eh! Beisl, Bier und Bachmannpreis, Rabenhoftheater Wien (4/2017)

£¥€$ (Lies), Festival Theaterformen in Braunschweig (6/2018)

Cum-Ex Papers, Lichthof-Theater Hamburg (10/2018)

 
Kommentar schreiben