Der Sturm ist aus

von Daniela Barth

Hamburg, 11. September 2008. Wanderprediger-Atmosphäre im Thalia in der Gaußstraße. Eine kleinwüchsige Frau mit Kopftuch bespritzt die Hereinströmenden zu Orgelmusik mit "Weihwasser", die Hände werden mit Frotteewaschlappen sauber gerieben. Ein paar Grabkerzen flackern. Ein dürftiger Versuch, der gezimmerten "Aushilfskirche" einen sakralen Schein zu verleihen. Jeden Augenblick vermutet man den Auftritt eines Augen rollenden und irgendwie diabolisch grinsenden, in Verzückung sich windenden Predigers, der die Arme nach oben reißt und die Massen mit: "Jesus liebt euch! Yeah! Yeah!" in Ekstase versetzt.

Stattdessen steht er da plötzlich, der Brand (Hans Löw) in seinem abgewetzten blauen Anzug, mit ungewaschenen Haaren, klammert sich an ein winziges Köfferchen und verspritzt Gift – fast zwei volle Stunden lang.

Eine Geißel Gottes. Eine Geißel seines eigenen Hasses, den er seiner Umwelt aufzudrängen versucht. Eine Geißel seines religiösen Fanatismus': "Es geht ein Riss durch das Gute und das Böse, ein Riss durch jede Einzelheit." Im Hintergrund explodieren Plattenbauten – in Schwarzweiß an die Holzwand projiziert.

Jahrestag

Es ist der Abend des 11. September. Vor sieben Jahren begann eine neue Zeitrechnung. Mit einem Inferno. Die Diktatur des Terrors: im Namen der Religion. Wir erinnern uns.

Die Kunst sei eine Art Dunkelkammer des Passionswissens. Und aus der Fähigkeit zum Mitleiden erwachse eine ganz intensive Nachbarschaft zwischen Theaterkunst und der Religion. Meint Thalia-Intendant Ulrich Khuon hinsichtlich der Auswahl des Stückes.
Na, großartig!
Denken wir auch, oder sind wir nur?

Nun also präsentiert Armin Petras einen potentiellen Terroristen in Gestalt des Pfarrers Brand. Wie bei Ibsen ist er hart und unnachgiebig. Weil sein Gott so ist. Unerbittlich ist er, Kompromiss heißt sein größter Feind. Askese sein angestrebtes Ideal: "Der Herr soll uns wiedererkennen, der Mensch ist sein Meisterstück." Dabei ist Brand selbst ein zutiefst Verunsicherter, der sich in Hass flüchtet und dabei verzweifelt versucht, die Welt, die nur auf Profitmaximierung ausgerichtet ist, besser zu machen. Diesem Radikalen dient das Opium Religion als Brandbeschleuniger. Als Aufputschmittel der brandgefährlichen Art.

Bruder Terrorist?

Kollateralschäden werden als göttliche Notwendigkeit hingenommen: Brand opfert Mutter (Leila Abdullah), Kind und Ehefrau (Susanne Wolff) seinen Überzeugungen. Am Ende zerbricht er an seinen eigenen hohen Ansprüchen – verjagt von seiner Gemeinde, die sich dann doch lieber der Profitmaximierung widmet, geht er zugrunde, so wie er zuvor andere zugrunde richtete. Darüber wird aus dem Verzweifelten ein Zweifler. Insofern ist man mit diesem Schluss zufrieden. Der selbstangemaßte Messias kann jedenfalls keinen Schaden mehr anrichten.

Hans Löw verleiht diesem Pfarrer eine verwirrte Hartherzigkeit. In seinen eng stehenden Augen flackert immer noch etwas Fragendes: Ist es auch richtig, was ich tue? Dieses Verhuschte lässt sogar positive Gefühle zu. Brand ist ein Getriebener, wir können uns in ihm wiedererkennen. Wenigstens ein bisschen.

Armin Petras vermeidet sympathischer Weise jeglichen aufdringlichen Fingerzeig auf "Nine/Eleven". Er lässt das Stück intakt, holt es nur ein wenig näher an unsere Gegenwart, aktualisierende Übermalungen vermeidet er. Ibsens Text ist stark, Petras stichelt noch ein bisschen – aber gewohnt virtuos – nach.

Trotzdem enttäuscht die Inszenierung. Das plätschert so vor sich hin, überraschende Wendungen ersehnen wir vergebens, auch der Einsatz der Videokamera, mit der Szenen dokumentiert und live projiziert werden, stellt nicht gerade unsere Sehgewohnheiten in Frage. Die Bühne ist eine hölzerne Schräge, ein Teil fällt im Laufe des Abends auseinander. Das Spiel im Publikum bietet dieser Theaterraum geradezu an. Doch warum besetzt Petras die Dorfbevölkerung mit Kleinwüchsigen? Als Hinweis auf den Inzest, auf die Degeneration des Volkes? Gottes angebliche Meisterstücke? Das erschließt sich nicht und bekommt bei näherer Betrachtung den schalen Geschmack des Makabren.

Das Schauspieler-Ensemble agiert insgesamt stark. Jörg Pose als jovialer Landrat mit lakonischer Geste in Siebziger-Jahre-Cowboy-Kluft, in dem ein Sadist schlummert – das macht Freude. Emotional überzeugend ist auch Susanne Wolffs trauernde, wütende Agnes.

Brand
von Armin Petras nach Henrik Ibsen
Regie: Armin Petras, Ausstattung: Susanne Schuboth, Video: Niklas Ritter.
Mit: Leila Abdullah, Robert Kuchenbuch, Werner Kwoll, Hans Löw, Jörg Pose, Karin Witt, Susanne Wolff.

www.thalia-theater.de

 

Mehr zu Ibsen: das deutsche Theaterland ist Ibsen-Land. Hier wurde der Norweger auf der Bühne durchgesetzt, vor über 120 Jahren, und hier greifen alle Regisseure früher oder später doch immer wieder auf ihn zurück: Roger Vontobel in Hamburg, Michael Thalheimer in Berlin, Christian Stückl in München oder Peter Dehler in Schwerin – ein einig Übsen-Volk.

 

Kritikenrundschau

Einen "fulminanten Start" bescheinigt Stefan Grund der Inszenierung in der Tageszeitung Die Welt (13.9.2008). Doch zu seinem Bedauern zündet er nicht, da Armin Petras' Fassung des Ibsen-Stücks für seinen Geschmack "zu stark eingedampft" und auch zu wenig sinnstiftend ist. Das aber bekomme nun ausgerechnet einem Stück über einen "starrsinnigen Glaubensfanatiker" überhaupt nicht. Denn der heilige Starrsinn des Titelhelden Pastor Brand sei schon bei Ibsen "eher einer psychischen Macke geschuldet als einem direkten Gottesbefehl - bei Petras nun wirkt in der modernisierten Kurzfassung komplett unverständlich, warum die anderen sich ausgerechnet von Brand fertig machen lassen, selbst wenn der Pastor ihnen gegenüber Gott spielt, weil er sich für einen Gotteskrieger am Fjord hält." Dialoge, bei denen Videolivebilder der Sprechenden an die Holztäfelung geworfen würde, sowie "Fremdfilmbeiträge von einstürzenden Plattenbauten bis zu Handlungssequenzen wie 'Agnes geht in die Süderelbe'" löschen aus Sicht des Rezensenten auch noch die "die letzten Funken in dieser Inszenierung mit Fassbindertechnik". Weshalb das Stück "Brand" von Henrik Ibsen "getrost wieder in der Schublade verschwinden" könne.

 

 
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