Wieviel Revolution ist möglich?

von Georg Kasch

Bayreuth, 25. Juli 2019. Mit diesen Kunstrevoluzzern würde man gerne mal durch die Welt brausen: eine coole, schöne, selbstbewusste Frau Venus am Steuer, neben ihr Clown Tannhäuser, der aussieht, als hätte Ronald Macdonald zu viel gefeiert, hinten die schwarze Dragqueen Le Gateau Chocolat und der Blechtrommler Oscar. In jenem kastenförmigen Citroën, in dem einst Marina Abramovic und Ulay jahrelang unterwegs waren, bringen sie Plakate und Flyer mit den Wagner-Worten "Frei im Wollen, frei im Tun, frei im Genießen" unters Volk und nieten dabei auch schon mal einen Jägerzaun um. Oder einen Polizisten. Das ist der Tabubruch, bei dem Tannhäuser aussteigt in Tobias Kratzers Inszenierung von Richard Wagners "Tannhäuser und der Sängerkrieg auf der Wartburg".

Deutschland sucht den Superminnesänger

So wie Barrie Kosky vor zwei Jahren in den Meistersingern den Wagner-Clan und dessen Entourage zu Handelnden machte, werden hier die Bayreuther Festspiele selbst zum Motiv: Das Theater ist die Wartburg, das Umfeld, aus dem Tannhäuser stammt. Damit macht Kratzer nicht – wie in Wagners Textbuch – Tannhäusers Unfähigkeit zum Thema, sich zwischen Hure (Venus) und Heiliger (Elisabeth) zu entscheiden. Sondern den Konflikt zwischen Revolution und Kunstreligion.

TannhaeuserX 560 EnricoNawrath uTannhäuser und Venus on the Road: Stephen Gould und Elena Zhidkova © Enrico Nawrath / Bayreuther Festspiele

Bei Wagner verlässt Tannhäuser das endlose Leben von Sex und Lust aus Überdruss. Am Hof der Wartburg konkurriert er beim Sängerwettstreit um Elisabeth. Sie liebt ihn, er liebt sie. Aber als er bei "Deutschland sucht den Superminnesänger" der Reihe ist, die ideal-keusche Liebe zu preisen, bejubelt er ausgerechnet Venus. Skandal! Die Wartburggesellschaft verstößt ihn, Tannhäuser pilgert nach Rom, aber der Papst nimmt seine Reue nicht an. Am Ende rettet ihn die sterbende Elisabeth durch ihre Fürsprache bei Gott.

Eine Geschichte, die merkwürdig nach Weihrauch riecht und sich für Parodien anbietet – Nestroy und andere haben das genutzt. Dabei steckt schon ein ernster Konflikt darin: Wie viel Revolution ist möglich, wie viel Anpassung ist nötig? Statt Venusberg gibt's bei Kratzer die diverse, lustbetonte, solidarische Revoluzzer-Künstler*innengemeinschaft, so wie Wagner selbst mal 1848er-Revolutionär war. Für die Wartburg aber steht Bayreuth als Ort einer konservativen Kunstreligion.

Unter der Regenbogenfahne

Im zweiten Akt – dem Sängerwettstreit – wird die Bühne geteilt: Unten spielt die Handlung im Ritter- und Burgenstil, als sähen wir eine Inszenierung in Sepiafarben. Oben aber erleben wir dank Kameras schwarzweiß den Backstagebereich. Manuel Brauns Bilder von nervösen Choristinnen und coolen Technikern verdichten sich wundersam zu inhaltlichen Kommentaren: Wenn Elisabeth auf Tannhäuser trifft, dann leidet Wolfram, der ebenfalls in Elisabeth verschossen ist, in den Kulissen und muss erst vom Inspizienten wieder auf die Bühne getrieben werden.

Tannhaeuser 2 560 EnricoNawrath uOscar, der Blechtrommler und Elisabeth, die Heilige: Manni Laudenbach und Lise Davidsen © Enrico Nawrath

Faszinierend, mit welcher Detailfreude und Genauigkeit, welchem Gespür für Binnenlogik und Pointen Kratzer und sein Ausstatter Rainer Sellmaier die Atmo im und ums Festspielhaus inszenieren: die Hitze! Die poshen Bussi-Gäste! Die vielen Polizisten! Die werden von Intendantin Katharina Wagner höchstselbst gerufen, weil der Sängerwettstreit von Venus und ihren Getreuen gestürmt wird.

Außerdem gibt’s Dank der Kunstguerilla szenisch noch ein paar Bayreuth-Debüts. So blitzt einmal auf der Bühne die Regenbogenflagge auf, und in der ersten Pause – sonst ein rein gesellschaftliches Ereignis – zelebrieren Venus, Le Gateau Chocolat und Manni Laudenbach am Teich vor dem Festspielhaus hinreißend queer ihr Kunstrevoluzzertum. Sollte es in Bayreuth eine Pride-Parade geben, könnte sie nicht schöner sein.

1 : 0 für die Revolte

Dass die Musik bei derlei Bilderfluten gelegentlich zum Soundtrack verkommt, hat vor allem mit Dirigent Valery Gergiev zu tun. Er verschleppt die Tempi, artikuliert Höhepunkte ungenau aus, bleibt oft im sängerfreundlichen, aber faden Mezzoforte. Mehrfach fliegt ihm die Sache fast um die Ohren – zu oft driften Orchester, Solisten und Chor auseinander.

Tannhaeuser 3 560 EnricoNawrath uOben tobt die Revolte, unten die Kunst. © Enrico Nawrath / Bayreuther Festspiele

Elena Zhidkovas Venus, aber auch alle anderen erweisen sich dabei als hervorragende Darsteller*innen, die sich lustvoll auf Kratzers Parallelgeschichte und ihre intertextuellen Bezüge einlassen. Stimmlich wird aus dem Sängerkrieg allerdings kein Sängerfest. Lise Davidsen beeindruckt mit enormem Volumen und einem stählernen Strahlen, das sie als Elisabeth allerdings nicht immer unter Kontrolle hat. Stephen Gould weiß nach Jahrzehnten im Geschäft, was er da als Tannhäuser singt und übersteht auch die halsbrecherische Romerzählung. Aber man hört ihm die Gebrauchsspuren doch deutlich an. Gleiches gilt für Elena Zhidkovas Venus. Auch bei den Übrigen glänzt zu wenig, was allerdings – siehe oben – auch gut am schwachen Dirigat liegen kann. So steht es auf der künstlerischen Ebene 1:0 für die Revolte.

So einfach macht es sich Kratzer auf der Inszenierungsebene aber nicht. Weder ist Elisabeth eine Heilige ohne Begehren, noch ist Tannhäuser ausschließlich für die Barrikade geeignet. Eigentlich passen sie sogar ziemlich gut zusammen jenseits des gesellschaftlich forcierten Dualismus, an dem sie im dritten Akt scheitern. Also schenken Kratzer und Braun ihnen – da sind sie längst tot – zumindest in angeschrabbelten Videobildern ein Happy End: Seit an Seit kurven sie darin im ollen Citroën Richtung Sonnenuntergang.

 

Tannhäuser und der Sängerkrieg auf der Wartburg
von Richard Wagner
Musikalische Leitung: Valery Gergiev, Regie: Tobias Kratzer, Bühne und Kostüm: Rainer Sellmaier, Video: Manuel Braun, Licht: Reinhard Traub, Dramaturgie: Konrad Kuhn Chor: Eberhard Friedrich.
Mit: Stephen Milling, Stephen Gould, Markus Eiche, Daniel Behle, Kay Stiefermann, Jorge Rodríguez-Norton, Wilhelm Schwinghammer, Lise Davidsen, Elena Zhidkova, Katharina Konradi, Le Gateau Chocolat, Manni Laudenbach.
Premiere am 25. Juli 2019
Dauer: 5 Stunden, zwei Pausen

www.bayreuther-festspiele.de

 


Kritikenrundschau

"Es ist schon unfair, dass die Eröffnungspremiere jetzt in die Musiktheatergeschichte eingeht als der Abend, an dem der Dirigent Valery Gergiev sein Bayreuth-Debüt versiebt hat," schreibt Florian Zinnecker auf Zeit-Online  (26.7.2019). Dabei gebe es in Tobias Kratzers ebenso kluger wie leichtfüßiger Inszenierung ein paar ikonische Momente. "Aus der Tannhäuser-Handlung (...) macht Kratzer ein Opern-Roadmovie: packend, spannend und ziemlich lustig." Die Oper sei in klaren Konturen komponiert. "Es ist also sofort hörbar, wenn die Musiker nicht exakt zusammen spielen und singen. Unter Gergievs Leitung klingt das Ergebnis über weite Strecken unpräzise und verwaschen, nicht gestaltet, sondern eher unsicher dahingemurmelt."

"Regisseur Tobias Kratzer spielt auf der Bühne die Bayreuther Bühnengeschichte der Nachkriegszeit in Zitaten durch," schreibt Reinhardt J. Brembeck in der Süddeutschen Zeitung (26.7.2019) und spricht von einer "gelungenen Inszenierung". - während Waleri Gergijew handwerklich korrekt aber uninspiriert flach an der Partitur entlangmusizieren lasse, "keinerlei Verständnis für das große Leidenschaftsdrama auf der Bühne zeigt und dem Orchester (im Gegensatz zum Chor) nur einen hölzern analytischen Klang abwringt und in keinem Moment die Handlung vorantreibt oder gar bestimmt."

"Ein richtiger Knaller ist dieser "Tannhäuser" nicht, schreibt Martin Doerry auf Spiegel-Online (26.7.2019). "Auch Stardirigent Valeriy Gergiev hatte nicht seinen besten Tag." Darüber hinaus hat der Kritiker den Eindruck, "als ob sich der Regisseur vor den Wagnerschen Emotionen fürchtet. Wann immer Gefühle ausgedrückt und beschworen werden: Er lässt sie zumindest optisch brechen." Immer gehe es Kratzer um die Reduktion von Pathos. "Nüchternheit ist Trumpf, Komik und Witz ruinieren die Emotionen. Und dennoch: Dem neuen optisch unterhaltsamen "Tannhäuser" dürfte aus Doerrys Sicht ein längeres Leben beschert sein als der letzten "Tannhäuser"-Inszenierung von Sebastian Baumgarten aus dem Jahr 2011, die vorzeitig aus dem Spielplan verschwand.

"Leicht, biegsam, mit sprungbereiter Angriffslust, beweglicher Schwelldynamik, die gezielt in die Akzente schießt" findet Jan Brachmann von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (27.7.2019) das achtsame, glutvolle Dirigat von Valery Gergiev. Warum das Publikum ihn trotzdem ausbuhe? "[A]us politischen Gründen“, denn Gergiev gelte als Unterstützer des russischen Präsidenten Putin und als homophob. Dass Drag Queen Le Gateau Chocolat – "als dottergelbe Tüllbombe mit Bart, Busen und Königspudelfrisur" – beim "Sängerkrieg auf Wartburg" eine Regenbogen-Fahne über die Harfe werfe, ist laut "[e]in pflichtgemäßes Häkchen in der Zeile für politische Korrektheit in einer ansonsten schlauen, hochgradig unterhaltsamen Inszenierung": So "geschmackvoll, einfallsreich, pointiert und witzig“ sei Kratzers "Tannhäuser" inszeniert, "dass die Zuschauer gefesselt folgen und lachen müssen, auch wenn es am Ende bitterernst wird". Brachmann lobt die Sänger*innen: Stephen Gould als Tannhäuser sei hier "eine Kraftnatur ohne Sicherheitsnetz, bewundernswert in seiner Selbstverausgabung, ausdrucksstark in jedem Ton und jeder Geste". Elena Zhidkova, als Venus für die verletzte Ekaterina Gubanova eingesprungen, "saust im Helene-Fischer-Dress keineswegs atemlos, sondern zielsicher, mit Attacke, einem feurigen Mezzosopran und virtuosem Spiel durch die Nacht". Und Lise Davidsen als Elisabeth sei "ein Ereignis", der Star der diesjährigen Bayreuther Festspiele: "Ihre jauchzende Höhe ist klar und rein, dabei von Wärme getragen", so Brachmann, "eine junge, große Wagner-Stimme von gewinnender Schönheit, umwerfender Sicherheit und keinen Augenblick unberührt vom Drama."

"Kratzer und sein Team haben sich schlicht nicht einschüchtern lassen von der Tradition, der überwältigenden Aura des historischen Theaters und der hier noch immer virulenten Orthodoxie des Wagner-Kults", jubelt Christian Wildhagen in der Neuen Zürcher Zeitung (27.7.2019). "Sie erzählen dessen erzromantische Sage von der Zerrissenheit des Menschen zwischen Liebe und Lust, zwischen Konformität und Aufbegehren vielmehr in frechen, frischen Bildern – und tappen bei aller Ironie gleichwohl nicht in die Falle, sich und uns auf Kosten des Werks unter Niveau zu amüsieren." Dessen hohes Pathos habe immer schon zu Parodien gereizt. Aber Kratzer mache es besser: "er macht es brillant". Stimmlich überragend sei Lise Davidsen als Elisabeth von Thüringen;  einige Wackler in den Ensembles und mehrere Unsicherheiten bei den Einsätzen der Solisten wie des gewohnt klangschön differenzierenden Festspielchors wohl auf das Konto von Gergievs unklaren Schlagtechnik.

"Von krassem Unterhaltungswert bei größtmöglicher Reflexion" sei der neue Bayreuther "Tannhäuser", schreibt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (27.7.2019). Durch den Verzicht auf die religiöse Komponente falle vielvom Stück ab. "Es ist wie geschält und darunter knallfrisch." Unerwartet uninspiriert sei hingegen das Dirigat.

"Mit vielen guten Ideen, Witz, Klamauk und zutiefst melancholischen und rührenden Momenten fantasiert Kratzer seine Geschichte", so Christoph Schmitz im Deutschlandfunk (26.7.2019). Dafür nehme er manche Ungereimtheiten in Kauf, sogar Fehler. Auch dem Dirigenten Valery Gergiev gelinge vieles nicht mehr. "Wenn es kompliziert wird, gerät manches aus den Fugen."

"Atem­be­rau­bend dicht" findet Albrecht Selge Tobias Kratzers "Tannhäuser" in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (4.8.2019), "in ei­ner Ra­sanz und mit ei­nem Feu­er­werk von Geis­tes­blit­zen, die ih­res­glei­chen su­chen". "Dass ich mich (...) in die­ser Auf­füh­rung zum ers­ten Mal wirk­lich für das Schick­sal des ko­mi­schen Ty­pen Tann­häu­ser zwi­schen den bei­den Frau­en in­ter­es­sie­re, dass ich mich auch bren­nend für die­se bei­den Frau­en in­ter­es­sie­re, die le­ben­dig sind und lei­den­schaft­lich und vol­ler Lie­be und Ver­let­zun­gen, fern­ab von al­lem ver­klemm­ten Se­xu­al­murks à la 'Hu­ren­göt­tin ver­sus hei­li­ge Lan­ge­wei­le' – das macht die­sen 'Tann­häu­ser' für mich zu ei­ner ein­schnei­den­den Er­fah­rung", so Selge. "Und na­tür­lich wä­re al­les, was die Re­gie leis­tet, nichts oh­ne star­ke Sän­ger: den be­rüh­ren­den Ste­phen Gould als Tann­häu­ser (…) Die Ve­nus der Ele­na Zhi­d­ko­va (die nur in die­ser ers­ten Auf­füh­rung Eka­te­ri­na Gu­ba­no­va ver­tritt) ist dar­stel­le­risch stär­ker als sän­ge­risch. Li­se Da­vid­sen aber hat ei­ne glut­vol­le, enor­me Stim­me, die in an­de­ren In­sze­nie­run­gen die Lang­wei­ler-Eli­sa­beths viel­leicht un­an­ge­mes­sen zur Ex­plo­si­on bräch­te; zu die­ser Eli­sa­beth aber passt das, und wie." Die einzige Schwachstelle sei das Di­ri­gat von Va­le­ry Ger­giew, "das trotz ei­ni­ger Wack­ler halb­wegs sta­bil wirkt, aber kaum in­di­vi­du­ell oder cha­rak­te­ris­tisch".

"Kratzer und sein Team (...) scheren sich nicht um Hure (Venus) oder Heilige (Elisabeth), Sinnenrausch oder Liebe, sondern konfrontieren zwei Seinsauffassungen miteinander: auf der ästhetischen Ebene das Klischee der Werktreue mit dem jüngeren Bayreuther Regietheater (...) und der sogenannten Autorenregie; und auf der gesellschaftlichen Ebene Macht und Elend des Establishments mit dem Potenzial der, nun ja, Jungen, Kreativen", schreibt Christine Lemke-Matwey in der Zeit (1.8.2019). "Eine Aufführung voller Ironie und makellosem Handwerk, stets liebevoll, nie hämisch. Wollte man Tobias Kratzer etwas vorhalten, dann dass er die Dichotomien, die er zeigt, nur halbherzig dekonstruiert", so Lemke-Matwey: "Von Opas Mottenkiste hat man sich auf dem Grünen Hügel vor Jahrzehnten verabschiedet, und wo, bitte schön, treten noch säuberlich Aussteiger gegen Aufsteiger an, Kommunarden gegen Spießbürger? 2019 kennt die Spaltung der Gesellschaft weitaus verwirrendere Formen und Fronten."

 
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