Wanderungen durch die Fontane-Stadt

von Esther Slevogt

Senftenberg, 3. August 2019. Von weitem sieht wie eine Westernstadt aus, was auf dem leicht abgewrackten Gelände des Güterbahnhofs Senftenberg zwischen überwucherten Gleisen und maroden Eisenbahn-Zweckgebäuden aufgebaut ist: gemalte Häuserzeilen, Bretterverschläge und andere Bauten, die aber nichts als Freiluftkulissen sind. Doch statt Westernheld*innen und –helden treten hier bald Fontane-Held*innen heraus.

Tote und Untote: "Theodor und wie er sich die Welt schrieb" von Tilo Esche und Katja Stoppe

Es ist dann schon dunkel und das traditionelle Theaterspektakel des Theaters Senftenberg auf seinem Höhepunkt angelangt. Die bemalten Pappkulissen leuchten magisch und wir erkennen: Es ist keine Western-, sondern eben eine Fontane-Stadt mit alten Gutshäusern, Scheunen, einer Schlossbibliothek, einem Springturm an einem brandenburgischen See oder der Neuruppiner Apotheke, die Fontanes Vater gehörte und wo Fontane die ersten Lebensjahre verbrachte. "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" ist dieses Kapitel des Spektakel-Parcours über das Bahngelände überschrieben, und Figuren aus Fontanes Büchern und Erzählungen haben hier fragmentarische Auftritte. Auf einem Friedhof sind nicht nur Fontane und seine Frau Emilia, sondern auch einige Romanfiguren begraben, echte und erfundene Gestalten wuseln gespenstisch im Dunkeln zwischen den Gräbern herum.

Fontane2 560 SteffenRascheFontane-Figuren, in den Resten eines Mitropa-Restaurants im Bahnhof Senftenberg wiederauferstanden © Steffen Rasche

Senftenberg, die einstige Bergarbeiterstadt in der Niederlausitz, hat ja selbst etwas vom rauen Charme einer alten Westernstadt, liegt aber eben in Brandenburg, wo man in diesem Jahr den zweihundertsten Geburtstag von Theodor Fontane feiert. Und so ist das traditionelle Sommerspektakel des Theaters nun diesem Schriftsteller gewidmet, der die kargen, ebenso geschichtsträchtigen wie oft menschenverlassenen Gegenden Brandenburgs zu Schauplätzen von Weltliteratur machte. Theodor Fontane, der als Chronist eines Epochenwechsels beschrieben hat, wie die alte feudalistische Ordnung Brandenburgs – mit ihren schrulligen Uradeligen, Gutsbesitzern, stolzen Freibauern und Klöstern – von der Industrialisierung und vom wilhelminischen Deutschland überrollt wurde. Wie in der Folge aus beschaulichem Traditionsbewusstsein säbelrasselnder Nationalismus wurde, und wie zwar eine neue Gesellschaft entstand, die auch einen neuen und selbstbewussten Frauentyp hervorbrachte – diese Gesellschaft aber diesen freien Frauen noch nicht gewachsen war und sie deswegen lieber untergehen ließ. Effi Briest ist vielleicht die berühmteste von ihnen.

Besessener Erfinder von Frauenfiguren

Effi Briest treffen wir nun auch in Senftenberg wieder, und zwar in knattermimig gespielten Szenen aus Fontanes Leben und Schreiben – aufgeführt von einer angeblichen Wandertruppe auf einer Bretterbühne mitten in der Fontanestadt. Dort wird auch der berühmte Roman in circa zehn Minuten grob verhandelt. Effi ist ein schrilles Girlie mit blauer Perücke und mitnichten die tragische Heldin, als die Fontane sie angelegt hat. Trotzdem schwingt in der schrägen Volkstheaterhaftigkeit nicht nur in diesem Kapitel des von liebevollem Sinn fürs Detail getragenen Spektakels stets das Wissen um tiefere Schichten der Stoffe und ihres Autor mit. Und wie schwierig es ist, Versunkenes wiederzubeleben.

Fontane1 560 SteffenRascheThe two Theodors: Dimitrij Breuer als Storm und Roland Kurzweg als Fontane © Steffen Rasche

In einem verlassenen Teil des Senftenberger Bahnhofs stößt man also auch auf Spuren der DDR – in den Resten des alten Mitropa-Restaurants tauchen plötzlich Figuren aus den Romanen "Der Stechlin" und "Jenny Treibel" auf, und spüren Formen und Geschmäckern vergangener Speisen und Sitten nach. Woanders sitzt in einem alten Bahnhofssaal, der mit Sand, Birkengrün und einem Flügel in "Emilias Strand", einen fantastisch außerirdischen Ort verwandelt wurde, Fontanes Frau Emilia und erinnert sich an ihr Leben als Gefährtin eines besessenen Erfinders von Frauenfiguren. In einem verlassenen Tunneldurchgang treffen wir die beiden berühmten Theodore der deutschen Literatur: Storm und Fontane – die schon Generationen von Schulkindern verwechselten. Die beiden Literaturzombies, die Tilo Esche und Katja Stoppe, die Leiter des Projekts, nun aus alten Blechspinden heraustreten lassen, machen es nun auch dem Personal im Jenseits nicht leicht.

Der Schriftsteller in Gefangenschaft: "Souvenir 1870" von Das letzte Kleinod

Zweiter Teil des Senftenberger Fontane-Spektakels war das ehrgeizige Koproduktionsprojekt "Souvenir 1870" des freien Theaters Das letzte Kleinod um den Regisseur und Autor Jens-Erwin Siemssen. Abgekoppelt vom ersten Teil des Spektakels wird es bald auf Reisen gehen, unter anderem zu den Koproduktionspartnern ans Potsdamer Hans-Otto-Theater, ans Stendaler Theater in der Altmark und ans Theater Cottbus. Der Landesverband Ost des Bühnenvereins hat die Mittel für seine diesjährigen Theatertage ebenfalls in das Stück investiert, das auf der Basis von Theodor Fontanes Buch über seine Zeit in französischer Kriegsgefangenschaft auf der Insel Oleron entstanden ist, wo im Vorfeld dann auch recherchiert und geprobt wurde, wie dem Programmheft zu entnehmen war.

Schauplatz ist in Senftenberg ein stillgelegtes Gleis des Güterbahnhofs, wo nicht nur der "Blaue Zug" steht, Markenzeichen und mobiler Spielort von "Das letzte Kleinod", sondern auch ein zweistöckiger offener Eisenbahnschwertransporter. Hier nun soll die französische Atlantikinsel Oleron lebendig werden, auf die man Fontane verbrachte, als er im deutsch-französischen Krieg 1870 als Kriegsberichterstatter in Gefangenschaft geriet – weil man ihn verdächtigte, ein Spion zu sein.

FonKleinod 560Zugtheater: "Souvenir 1870" von Das letzte Kleinod © Marlies Kross

Der Schauspieler Richard Gonlag gibt den Part des internierten Schriftstellers. Im schwarzem Gehrock und mit bedächtigem Gestus rezitiert er Fragmente und Kapitel aus Fontanes Aufzeichnungen, die getragen sind von tiefem Respekt für die Fairness der Franzosen – aber auch von großer Empathie mit dem Leid der Kriegsgefangenen, die weniger privilegiert waren als Fontane, der nach einer Intervention Bismarcks plötzlich freikam.

Sechs weitere Spieler*innen improvisieren Szenen aus dem Inselleben zwischen damals und heute, deren Bewohner seit Jahrhunderten von der Austernfischerei und der Produktion von "Fleur du Sel", also Meersalz leben. Das hat auch Fontane schon beschrieben. Und wie die Akteur*innen da mit alten Austernkörben aus Eisen hantieren und improvisieren, entsteht der Eindruck von einer Insel, über die Kriege und andere Heimsuchungen hinweggefegt sind und auf der sich nie etwas verändert hat. Auch die Nazis haben hier während des Zweiten Weltkrieges ein finsteres Gastspiel gegeben, das kurz szenisch angetippt wird.

Doch alles bleibt vage und raunend in einem nur diffus ausgeleuchteten Geschichtsraum stecken. Plötzlich schimpft einer der Austernfischer auf Macron als Präsidenten der Reichen, weil er die EU unterstützt. Macron, der vor Merkel knien würde. Da weiß man einen Moment nicht: Ist das jetzt nur die Position einer Figur oder am Ende mehr? So recht jedenfalls stellt sich im gleißenden Licht auf Gleis 156 kein Bild ein – auch nicht von Theodor Fontane, von dessen Gefangennahme durch französische Soldaten der Slapstick auf der Wanderbühne ein paar Stunden zuvor ein wesentlich plastischeres Bild vermittelte.

Das Spektakel 2019: Fontane am Zug

Theodor und wie er sich in die Welt schrieb
von Tilo Esche und Katja Stoppe
Regie: Tilo Esche, Bühnenbild: Andreas Walkows, Kostümbild: Nora Maria Bräuer, Dramaturgie: Katja Stoppe.
Mit: Jan Mixsa, Mirko Warnatz, Nicole Haase, Esra Maria Kreder, Anja Kunzmann, Daniel Borgwardt, Sybille Böversen, Hanka Mark, Max Hänsel, Heinz Klevenow, Dimitrij Breuer, Roland Kurzweg, Lena Conrad, Alfred Tempel, Tom Bartels Patrick Gees, Marianne Helene Jordan, Catharina Struwe, Doris Simke, Doris Kalus, Sieglinde Pöschl, Inge Blümel, Barbara Hansow, Sabine Wunsch, Lisa Hausdorf, Fanny Weidner, Luise Heinze, Tabea Schötz, Brigitte Wächter, Laura Ellerfeld, Leon Haller.

www.theater-senftenberg.de

Souvenir 1870. Theodor Fontane kriegsgefangen auf Oleron
von Jens-Erwin Siemssen
Regie: Jens-Erwin Siemssen, Dramaturgie: Katja Stoppe, Musikalische Leitung: Manuel Jadue.
Mit: Robert Eder, Richard Gonlag, Alrun Herbing, Andreas Schulz, Bo-Phyllis Strube, Margarita Wiesner, Michaela Winterstein und dem Senftenberger Konzert Chor.

www.das-letzte-kleinod.de
fontane-200.de/de/fontanezug
www.theater-senftenberg.de

 

Kritikenrundschau

"Mit 'Fontane am Zug' ist dem Theater Neue Bühne Senftenberg am ungewöhnlichen Ort mehr als eine unterhaltsame und auch logistische Meisterleistung geglückt", schreiben Rita Seyfert und Kathleen Weser in der Lausitzer Rundschau (5.8.2019). Das Senftenberger Ensemble mache mit dem Spektakel "auch wieder das, was das kleine Theater einst groß gemacht hat im Osten: den Finger in die Wunde legen, Gesellschaftskritik unterhaltsam und mit dem richtigen Schuss Humor auf den Punkt bringen." Zu "Souvenir 1870" von Das letzte Kleinod: "Das bemerkenswerte freie Theater überfordert die Premiere-Besucher in Senftenberg allerdings etwas."

 

 

 
Kommentar schreiben