Alternativer Held mit alternativen Fakten

von Oliver Kranz

Edinburgh, 4. August 2019. Peer heißt Peter. David Hare hat Henrik Ibsens Stück ins heutige Schottland verlegt. Zugleich ist er nah am Original geblieben: Er hat die Struktur des Textes beibehalten, seine Sprunghaftigkeit und Poesie. Ibsen selbst nannte das Stück ein "dramatisches Gedicht" und hielt es für unspielbar. Hätte Edvard Grieg für die Uraufführung 1876 nicht die Schauspielmusik geschrieben, wäre es vielleicht in der Versenkung verschwunden. In seiner Entstehungszeit war der Text viel zu modern.

Story statt Leben

Peer Gynt ist ein Antiheld, ein Mann, der auf die Realität nichts gibt und stattdessen lieber in einer Fantasiewelt lebt. Genau das ist der Ansatzpunkt für David Hares Adaption. "Wir werden von Politikern regiert, die davon ausgehen, dass nicht die Wahrheit entscheidend ist, sondern das, was die Menschen glauben", erklärte mir der Autor vor der Premiere in einem Interview. "Donald Trump und Boris Johnson sind schlimme Beispiele dafür, aber sie sind nicht die einzigen." Auch im täglichen Leben werde Selbstdarstellung immer wichtiger. Soziale Netzwerke brächten es an den Tag: "Die Leute haben kein Leben mehr, sie haben Storys."

PeterGynt1 560 RyanBuchanan uJames McArdle als Peter Gynt © Ryan Buchanan

Und so erfindet Peter auch in David Hares Stück Geschichten. Allerdings hat er anfangs nur wenige Follower. Niemand in seinem Heimatdorf glaubt ihm. Erst später, als er ein erfolgreicher Geschäftsmann geworden ist, hören ihm die Leute zu.

Pe(t)ers gewinnende Fröhlichkeit

In Jonathan Kents Inszenierung kommt Peter am Anfang direkt aus dem Himmel auf die Bühne hinabgeschritten. Es öffnet sich eine Tür in einer Wand, auf die Wolken projiziert werden, eine Treppe klappt aus und er stolziert hinab. Es ist auf den ersten Blick klar, dass er nicht in die triste Szenerie gehört, in der das Haus seiner Mutter steht – graue Wände, fleckiger Rasen, finsteres Gesträuch – doch Peters Lächeln strahlt. Titeldarsteller James McArdle ist von einer derart gewinnenden Fröhlichkeit, dass man ihn am liebsten ans Herz drücken möchte. Selbst im riesigen Saal des Edinburgh Festival Theaters hat man als Zuschauer das Gefühl, dass er einem direkt in die Augen blickt.

PeterGynt2 560 RyanBuchanan uPeter mit skeptischer Mutter © Ryan Buchanan

Er kehrt als Soldat aus irgendeinem Krieg zurück – das Khaki seiner Uniform lässt auf Afghanistan oder den Nahen Osten schließen. Seine Mutter umarmt ihn überglücklich. Doch als er beginnt, von seinen Heldentaten zu berichten, stößt sie ihn zurück – "Du lügst!" – was er erzählt, ähnelt zu sehr einem Actionfilm. Peter lässt sich davon natürlich nicht beeindrucken. Die Worte sprudeln weiter aus ihm heraus. Er lebt in der Welt seiner alternativen Fakten. Er versteht es auch nicht, dass niemand im Dorf ihn leiden kann.

Einzig Solveig, die in der neuen Version des Stücks Sabine heißt, hört ihm zu. Sie sei, wie sie erzählt, mit ihrer Familie aus dem Nahen Osten nach Großbritannien geflüchtet, weil sie in einem Buch gelesen hätte, dass dort jeder Mensch fair behandelt werden würde. "Das muss ein sehr altes Buch gewesen sein" entgegnet Peter und hat die Lacher des Publikums auf seiner Seite. An ironischen Seitenhieben, die die Situation des Landes betreffen, wird in der Inszenierung nicht gespart. Doch sie gleitet trotzdem nicht ins Kabarettistische ab.

Über Saudi-Arabien und Ägypten zurück nach England

Sondern entwickelt sich zu einem beeindruckenden Bilderreigen. Peters Ausflug ins Reich der Trolle hat Jonathan Kent als surrealen Traum inszeniert. Die Trolle sind Zauberwesen mit Schweinenasen, die Peter eine Botschaft mit auf den Weg geben: "Denke an dich, egal was passiert." Er setzt diese Maxime später als Geschäftsmann um. Wir begegnen ihm als Besitzer eines Golfclubs in Florida und als Überlebendem eines Flugzeugabsturzes in Afrika. Er wird von den Einheimischen gerettet und zum Propheten erklärt, in die luxuriöse Residenz eines saudischen Prinzen gebracht und später in ein Irrenhaus nach Kairo. Als er schließlich in seine Heimat zurückreist, ist er ein alter Mann mit weißen Haaren. Er beginnt, nach dem Sinn des Lebens zu fragen und kommt schließlich (da ist Hare wieder ganz bei Ibsen) beim Häuten einer Zwiebel darauf, dass sein Dasein nur Schalen hatte, keinen Kern.

PeterGynt3 560 RyanBuchanan uGemeinschaft als Illusion © Ryan Buchanan

Und an dieser Stelle wird die Inszenierung sehr schlicht und ernst. Peter sitzt auf einem Friedhof an einem offenen Grab und stellt fest, dass er die Liebe zu Sabine/Solveig, die er einst spürte, nicht gelebt hat. Auch das spielt James McArdle mit einer Intensität, die ans Herz geht. Er trägt die Inszenierung. Man rauscht mit ihm durch die Geschichte und staunt, als sie nach dreieinhalb Stunden auf einmal vorüber ist. Großer Applaus!

Peter Gynt
von David Hare nach Henrik Ibsen
Regie: Jonathan Kent, Bühne und Kostüm: Richard Hudson, Licht: Mark Henderson, Musik: Paul Englishby, Video: Dick Straker, Sound: Christopher Shutt, Choreographie: Polly Bennett.
Mit: James McArdle, Tamsin Carroll, Jonathan Coy, Oliver Ford Davies, Caroline Deyga, Lauren Ellis-Steele, Andrew Fraser, Dani Heron, Isabelle Joss, Lorne MacFadyen, Adam McNamara, Martin Quinn, Jatinder Singh Randhawa, Ann Louise Ross.

https://www.eif.co.uk
www.nationaltheatre.org.uk

 


Kritikenrundschau

It "is both remarkable and thrilling to discover that the main impact of Jonathan Kent’s spectacular production (…) is to remind us of the sheer enduring brilliance, and continuing power, of Ibsen's original vision", schreibt Joyce McMillan im Scotsman (online 5.8.2019). "Kent's production slightly loses focus and shape during the long spiritual coda of the third act. Yet for most of its three and a half hours, it remains a brilliant and often hilarious account of a male life run off course and then redeemed at the last; all built around a fascinating, complex, vulnerable and very funny central performance from James McArdle (…)."

"Hare has fashioned from this unruly epic an intriguing new work that exposes the madness of a modern world where truth is subjective and everything is viewed through the narrow prism of self", lobt Michael Billington im Guardian (online 9.7.2019) nach der Londoner Premiere dieser Produktion. "Hare's writing is full of wit and ingenuity", heißt es in seiner Kritik.

"Disappointing and really rather dull" findet Lyn Gardner in ihrem Blog auf StagedoorApp (10.7.2019) diese Produktion. In seiner Neuschreibung des Ibsen-Stücks sei Hare nicht weit genug gegangen, heißt es in der Rezension. "This is a missed opportunity to bring Peer Gynt into the 21st century and to create a sharp, pithy version that speaks to a world where self-validation is a holy grail and too often the troll inside us wins out over the human."

 

Kommentar schreiben