Wider die Sprache der Unterdrückung

7. August 2019. Die Schriftstellerin Toni Morrison ist am Montag, dem 5. August 2019, im Alter von 88 Jahren in New York City verstorben. Das meldet u.a. Spiegel Online. Morrison gilt als herausragende Vertreterin der afroamerikanischen Literatur und erhielt 1993 den Literaturnobelpreis.

1931 in Lorain/Ohio geboren, arbeitete Morrison nach ihrem Anglistik-Studium als Universitätsdozentin und Verlagslektorin. 1970 debütierte sie mit dem Roman "The Bluest Eye" (dt. Sehr blaue Augen). Als Schriftstellerin verfasste sie vor allem Romane mit historischen Sujets. Zu den namhaftesten zählen: "Song of Solomon" (dt. Solomons Lied) 1979, "Tar Baby" (dt. Teerbaby) 1981 und "Beloved" (dt. Menschenkind) 1987, mit dem sie den Pulitzer-Preis gewann. In letzterem Buch verarbeitete Morrison den Fall der geflüchteten Sklavin Margaret Garner, die 1856 ihr zweijähriges Kind umbrachte, um es der Rückkehr in die Sklaverei zu entziehen. 2005 nahm Morrison den Fall noch einmal in ihrem Libretto zur Oper "Margaret Garner" (Musik von Richard Danielpour) auf. 1989 wurde Morrison zur Professorin für Humanities ernannt und hatte bis zu ihrer Emeritierung 2006 einen Lehrstuhl an der Princeton University inne.

Einmaliger Ausflug in die Dramatik

Aus dem dramatischen Schaffen fürs Sprechtheater ist lediglich ein Werk der Autorin bekannt: das 1986 am Market Theater in Albany/New York uraufgeführte Stück "Dreaming Emmett"" (Regie: Gilbert Moses). Das Drama erzählt vom Lynchmord an dem vierzehnjährigen Emmett Till durch eine Gruppe weißer Männer 1955 in Money/Mississippi, vom Prozess und Freispruch für die Mörder. Die in Erinnerungsschleifen verlaufende Verarbeitung des Falls sollte über den historischen Rahmen hinausweisen, betonte Morrison in einem Vorbericht in der New York Times: ''There are these young black men getting shot all over the country today, not because they were stealing but because they're black. (…) Certain things were nagging at me for a long time – the contradictions of black people, the relationships between black men and women, between blacks and whites, the differences between 1955 and 1985." (dt. Im ganzen Land werden heute junge Männer erschossen, nicht weil sie gestohlen haben, sondern weil sie schwarz sind. (...) Vieles hat mich seit einer ganzen Zeit umgetrieben: die Widersprüche schwarzer Menschen, die Beziehungen zwischen schwarzen Männern und Frauen, zwischen Schwarzen und Weißen, die Unterschiede zwischen 1955 und 1985.) Das Stück blieb nach der Uraufführung unveröffentlicht; laut Wikipedia vernichtete Morrison das Manuskript und Videokopien der Produktion.

Der Nachruf im Spiegel hebt auf die hohe Sensibilität für sprachliche Gewalt im Werk von Toni Morrison ab und zitiert die einschlägige Passage aus Morrisons Nobelpreisrede: "Oppressive language does more than represent violence; it is violence, does more than represent the limits of knowledge; it limits knowledge." (dt. Die Sprache der Unterdrückung gibt nicht nur Gewalt wieder; sie ist Gewalt; Sie bildet nicht nur die Grenzen des Wissens ab, sie begrenzt Wissen.)

Die Nobelpreisrede von Toni Morrison als Audio-Mitschnitt

 

(spiegel.de / nytimes.com / en.wikipedia.org / chr)

 
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