Boom vorm Brexit

von Oliver Kranz

Edinburgh, 15. August 2019. Die Stadt ist brechend voll. Durch die Festivalbesucher hat sich die Einwohnerzahl verdoppelt – von 500.000 auf mehr als eine Million. In der Altstadt kann man keine 50 Meter gehen, ohne ein Flugblatt in die Hand gedrückt zu bekommen. Schauspieler in fantasievollen Kostümen werben für die Shows, in denen sie abends auftreten, Artisten führen Kunststücke vor, Rockbands und Dudelsackspieler kämpfen um Aufmerksamkeit.

Edinburgh Night Edinburgh International Festival xImagebild des Festivals: Edinburgh bei Nacht © Edinburgh International Festival

Die ganze Stadt ist eine Bühne. Auf Straßen und Plätzen, in Schulen, Hinterhöfen und Cafés – überall wird Theater gespielt. Für einen Großteil des bunten Treibens ist das Fringe verantwortlich, ein Festival für darstellende Künste, an dem jeder teilnehmen kann – Profis und Laien, Solisten und große Ensembles, Briten und Ausländer. Parallel finden ein Literaturfestival, ein Kunstfestival, der Military Tattoo und das Edinburgh International Festival statt, das weltbekannte Orchester und Theaterkompanien in die Stadt bringt.

Jeder darf beim Fringe ran

Allein das Fringe-Programm listet knapp 4000 Produktionen auf – mehr als je zuvor. Die Festivalleiterin Shona McCarthy ist stolz: "Wir sind das größte Kunstfestival weltweit. Das hat mit dem demokratischen Ansatz des Fringe-Festivals zu tun. Jeder kann auftreten – egal wie gut er ist, egal woher er kommt. Es gibt keinen Kurator. Die Besucher können sich ihr Programm selbst zusammenstellen." Das einzige Problem ist die Fülle des Angebots. Das "Heft" mit dem Fringe-Spielplan ist so dick wie ein Telefonbuch. Es gibt zwar Smartphone- und Computer-Apps, mit denen man das Angebot filtern kann – doch wirklich übersichtlich wird es dadurch auch nicht. Der beste Wegweiser ist – wie eh und je – die Mundpropaganda.

"Was muss man sich ansehen?" ist zurzeit in Edinburgh die wahrscheinlich meistgestellte Frage – gleich gefolgt von: "Was denkst du über den Brexit?" – Gleich an meinem ersten Festivaltag bin ich das fünfmal gefragt worden. Zwei meiner britischen Gesprächspartner berichteten, dass ihre Familien aus Irland stammten und sie daher "Gottseidank" die irische Staatsbürgerschaft beantragen könnten, um auch in Zukunft einen EU-Pass zu besitzen.

Angst vor der Rezession

In Edinburgh haben beim Referendum drei Viertel der Bewohner gegen den Brexit gestimmt. "Wir sind eine weltoffene Stadt", sagt die Kulturstadträtin Amy McNeese-Mechan. "Als das Festival nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet wurde, ging es darum, mit Kultur Brücken zu bauen. Diese Brücken dürfen jetzt nicht abgebrochen werden." Die Kulturstadträtin ist besorgt, weil einige Autoren, die das Literaturfestival besuchen wollten, keine Einreisevisa bekamen. "Wenn sich solche Vorfälle häufen, kann das das Festival verändern."

Fergus Linehan 280h Edinburgh International Festival xFestivalleiter Fergus Linehan © Edinburgh International FestivalBeim Fringe und beim Edinburgh International Festival gab es solche Probleme bisher nicht. Die Fringe-Leiterin Shona McCarthy ist trotzdem alarmiert: "Unser Festival hat den 'Permit free'-Status. Das bedeutet, dass unsere Künstler und die internationalen Mitarbeiter unseres Teams kein Arbeitsvisum benötigen, um hierher zu kommen. Ein einfacher Einladungsbrief genügt. Wir sind ständig im Gespräch mit der schottischen und der britischen Regierung, um sicherzustellen, dass das so bleibt. Aber natürlich habe ich keine Kristallkugel." Der Brexit bringt Unsicherheit.

Darüber klagt auch Fergus Linehan, der Leiter des Edinburgh International Festivals. "Ich brauche einen Planungsvorlauf von etwa drei Jahren, um das Programm vorzubereiten, und niemand weiß, wo wir da stehen werden. Schon jetzt hat unsere Währung an Wert verloren. Ich kann also weniger Geld ausgeben, um Künstler einzukaufen. Unsere größte Angst ist, dass das Land durch den Brexit in eine Rezession rutscht."

Alternative Fakten und Kolonialismus

Davon ist im diesjährigen Programm allerdings wenig zu spüren. Fergus Linehan hat Hochglanzproduktionen der internationalen Theater-, Opern- und Musikszene eingeladen. Doch er setzt auch politische Akzente. Am Beginn des Festivals hatte die Theaterinszenierung "Peter Gynt" Premiere (hier die Nachtkritik vom 4. August 2019), die die Handlung von Ibsens "Peer Gynt" ins heutige Großbritannien verlegt. Die Hauptfigur ist ein Antiheld, der in einer Welt der alternativen Fakten lebt. Als Eigenproduktion des Festivals (koproduziert mit dem Londoner National Theatre), hat die Inszenierung besonderes Gewicht.

Mehrere Gastspiele setzen sich mit Fragen des Kolonialismus auseinander. Die Sydney Theatre Company präsentiert das Stück "Der verborgene Fluss" von Andrew Bovell, das auf dem gleichnamigen Roman von Kate Grenville basiert. Es erzählt die Geschichte des Strafgefangenen William Thornhill, dem in Australien ein Stück Land zugesprochen wird. Mit seiner Frau und zwei Kindern baut er eine Farm auf und versucht, friedlich mit den Ureinwohnern zusammenzuleben. Er hat Angst, als sie mit langen Speeren zu ihm kommen und ihn zum Gehen auffordern, doch er glaubt, keine Wahl zu haben – eine Rückkehr nach England würde für ihn die Rückkehr ins Gefängnis bedeuten. "Das hier ist MEIN Land", ruft er dem Häuptling zu. "Ihr könnt all das andere Land haben."

Da die Eingeborenen ihn gewähren lassen und schließlich sogar zu ihm kommen, um Waren zu tauschen, scheint ein Miteinander möglich zu sein, doch andere Siedler sind nicht daran interessiert. Als ein Weißer ermordet wird, löschen sie aus Rache ein ganzes Dorf der Eingeborenen aus.

SecretRiver3 560 Ryan Buchanan xKolonialismus und Siedlungsgeschichte in Australien: Dubs Yunupingu und Elma Kris in "Secret River" © Ryan Buchanan

In der Inszenierung von Neil Armfield werden die Siedler von weißen Schauspielern und die Ureinwohner von Aborigines gespielt. Eine Erzählerin führt in die Szenen ein, die kurz und prägnant über das Geschehen berichten. Man erlebt Williams Freude beim Aufbau der Farm, seine langsam verfliegende Angst vor den Eingeborenen und schließlich seine Verzweiflung, als es zum Massaker kommt. Nathaniel Dean spielt ihn mit großer Intensität. Doch auch gruppendynamische Prozesse werden in der Inszenierung sehr überzeugend gezeigt. Sowohl unter den Siedlern, als auch unter den Ureinwohnern gibt es Heißsporne und Stimmen, die zum Ausgleich mahnen. Am Ende siegt die Gewalt.

Andere Migrationsgeschichten

"Die Inszenierung zeigt eine brutale Landnahme", sagt Festivaldirektor Fergus Linehan. "Man kann sie aber auch als Migrationsgeschichte lesen. Heute spricht man nur von den Flüchtlingen die nach Europa wollen. Früher waren es die Europäer, die nach Afrika, Amerika oder Australien gingen und die Kulturen, die sie dort vorfanden zerstörten oder verdrängten."

Davon erzählt auch die Inszenierung "Kiinalik" des Buddies in Bad Times Theaters aus Toronto. Das Haus hat sich mit Produktionen zu queeren Themen einen Namen gemacht. Die Leiterin Evalyn Parry ist gleichzeitig Singer-Songwriterin. In "Kiinalik" steht sie gemeinsam mit der Geschichtenerzählerin Laakkuluk Williamson Bathory vor einer Videowand, auf der arktische Landschaften vorüberflimmern. Sie berichten über eine gemeinsame Reise im hohen Norden.

Bathory gehört der Volksgruppe der Inuit an und kennt die Kultur der Region sehr genau. Sie singt und tanzt und geht dabei auf Tuchfühlung mit dem Publikum. Mit gespreizten Beinen reibt sie sich an den Schultern einiger Zuschauer – für viele, die dieses Inuit-Ritual, bei dem es um die Vertreibung von Ängsten geht, nicht kennen, ein Schock. Es folgt ein geschichtlicher Exkurs: Die Inuit lebten als Nomaden, bis sie von der kanadischen Regierung zwangsumgesiedelt wurden. Doch in den modernen Reihenhaussiedlungen, die ihnen zur Verfügung gestellt wurden, kamen die Menschen nicht klar. Bis heute sind die Selbstmordraten der Inuit hoch. Wieder ein Clash der Kulturen: Menschen werden zu einer Lebensweise gezwungen, die ihnen nicht entspricht.

Kiinalik These Sharp Tools1 560 Ryan Buchanan xErzählungen und Lieder aus dem Leben der Inuit: "Kiinalik" aus Toronto © Ryan Buchanan

Die Berichte von Laakkuluk Williamson Bathory stehen neben denen von Evalyn Parry, die als lesbische Frau zwar nicht um ihre Existenz kämpfen musste, doch wie es ist, einer Minderheit anzugehören, weiß sie genau. Auf der Reise durch die Arktis erinnerte sie sich an das Gefühl. Sie war die einzige Weiße in einer Inuitsiedlung und obwohl ihr die Menschen freundlich begegneten, zweifelte sie daran, verstanden zu werden. Wer, fragte sie sich, sieht mich als Individuum und wer einfach nur als queere, weiße Frau? Ist es möglich, eine Kultur zu verstehen, der man nicht selbst angehört? Die Inszenierung ist ein Plädoyer dafür, es wenigstens zu versuchen.

Politische Dringlichkeit

Das Edinburgh International Festival zeigt sich dieses Jahr politisch sehr engagiert, und auch beim nicht-kuratierten Fringe, bei dem traditionell viel Unterhaltung geboten wird, findet man Aufführungen mit klaren Botschaften. "Für mich ist das keine Überraschung", sagt die Fringe-Direktorin Shona McCarthy. "Unser Programm bildet immer den Zeitgeist ab." Es gibt Stücke über den Klimawandel, über Donald Trump und Flüchtlinge. Sehr oft wird die Frage gestellt, wie die Gesellschaft mit Minderheiten umgeht. Die englische Gruppe Middle Child aus Hull präsentiert mit der Produktion "The Canary and the Crow" (dt. Der Kanarienvogel und die Krähe) einen Hit.

Der schwarze Schauspieler Daniel Ward erzählt, wie er mit Hilfe eines Stipendiums ein Elite-College besuchen konnte – von den Vorurteilen, die ihm dort begegneten, seinen Selbstzweifeln und seinem Willen zum Erfolg. Gespielt wird in einer kleinen Zirkusarena. Auf der einen Seite stehen Ward und der Rapper Nigel Taylor, auf der anderen zwei weiße Cellisten, die die Rollen der Lehrer und der weißen Schüler übernehmen. Der Kampf der Kulturen kann so musikalisch umgesetzt werden – als Klassik-HipHop-Battle bei der alle Akteure eine extreme Wandlungsfähigkeit beweisen. Die Texte sind witzig, die Botschaft ist es nicht, denn es gelingt Ward nicht, in der weiß dominierten College-Welt Freunde zu finden.

Gute Laune macht das Stück aber trotzdem. Die Performer sprühen vor Charme und Energie und reißen die Zuschauer mit. Es darf mitgesungen und mitgeklatscht werden, und in einer Szene, in der eine Lehrerin Daniel Ward allein aufgrund seiner Hautfarbe als Unruhestifter verdächtigt und ihn bestrafen will, hagelt es Protest. Rassismus wird im Theaterzelt nicht geduldet. Eine Erfahrung, die man gern mit nach draußen nimmt.

 

Festivalbericht
Edinburgh International Festival und Fringe Festival
2. – 26. August 2019

The Secret River
von Andrew Bovell nach dem Roman von Kate Grenville
Produktion: Sydney Theatre Company
Regie: Neil Armfield
Infos: www.sydneytheatre.com.au

Kiinalik: These Sharp Tools
von und mit Evalyn Parry und Laakkuluk Williamson Bathory
Produktion: Buddies in Bad Times Theatre, Toronto
Infos: http://buddiesinbadtimes.com

The Canary and The Crow
von und mit Daniel Ward
Regie: Paul Smith
Infos: www.middlechildtheatre.co.uk


Edinburgh International Festival
www.eif.co.uk

Fringe Festival
www.edfringe.com

 

 
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