"Es kann nur eine geben"

von Nicole Bolz

Wuppertal, 22. August 2019. Die Kündigung ist unwirksam. Das hat, ein gutes Jahr nach der fristlosen Entlassung der Intendantin des Wuppertaler Tanztheaters Adolphe Binder, am Dienstag das Landesarbeitsgericht Düsseldorf entschieden. Es schloss sich damit dem erstinstanzlichen Urteil des Arbeitsgerichts Wuppertal von Dezember an und wies damit die Berufung des Tanztheaters (TTW) zurück. Revision ausgeschlossen. Somit besteht das Arbeitsverhältnis zwischen Binder und dem Tanztheater Wuppertal weiter fort – der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung, die symptomatisch zeigt, was passiert, wenn Kulturpolitik kopflos handelt.

Das Highlander-Prinzip

Das war es dann allerdings auch schon mit der Klarheit in diesem ansonsten hoch komplexen Fall. Denn bis in einem weiteren Termin voraussichtlich Ende dieses / Anfang kommenden Jahres über die Konsequenzen entschieden wird, muss Binder kein Zugang zu ihrem Arbeitsplatz gewährt werden. Dann aber hat das Tanztheater keine andere Wahl. Bis dahin, so regte der Vorsitzende Richter Alexander Schneider an, mögen sich die Parteien zusammenraufen und eine akzeptable Lösung suchen. Die innewohnende Ratlosigkeit räumte der Richter ein: "Es gibt Situationen, da müssen wir etwas entscheiden, von dem wir glauben, dass es den Beteiligten nicht wirklich hilft." Dies sei so ein Fall, vor allem, da das TTW mit Adolphe Binder und Bettina Wagner-Bergelt nun zwei Intendantinnen habe. "Hier gilt ja eigentlich das 'Highlander'-Prinzip'", sagte Alexander Schneider. "Es kann nur eine geben."

Adolphe Binder 560 Joakim Roos Tanztheater WuppertalAdolphe Binder © Joakim Roos / Tanztheater Wuppertal

Dass Bettina Wagner-Bergelt von der Stadt Wuppertal als Gesellschafterin des Tanztheaters bereits vor dem ersten Arbeitsrechtsprozess im Dezember als neue künstlerische Leiterin installiert wurde, ist äußerst ungewöhnlich. Und, vorsichtig gesagt, symptomatisch für die Strategie der Stadt Wuppertal, die offenbar darauf zielt, an sämtlichen Organen vorbei Fakten zu schaffen, die den späteren Verlauf bestimmen. Die Einstellung einer weiteren künstlerischen Leitung scheint dabei noch eine der harmloseren Aktionen der Stadtspitze zu sein. Eine ganz andere Dimension offenbarte unter anderem ein Beitrag des WDR in der vergangenen Woche. In diesem Film tritt erstmals Ulrich Bieger öffentlich auf, PR Berater und damals im Auftrag der Stadt für das geplante Tanzzentrum engagiert.

Die Stadtspitze will erst spät etwas gewusst haben

Jetzt räumt er ein, dass er es war, der die Interna über die angeblichen Verfehlungen von Adolphe Binder vor der fristlosen Kündigung im Sommer 2018 an die Presse weitergegeben hat. Das Brisante: Dieses Durchstechen sei im Rahmen eines "Jour fixe" entschieden worden, der sich ihm zufolge in wechselnden Besetzungen zusammenfand, um die Kündigung Binders vorzubereiten. Gegenüber der Süddeutschen Zeitung zählt Bieger als Beteiligte dieser Geheimtreffen Stadtdirektor Johannes Slawig ebenso wie den Kulturdezernenten Matthias Nocke auf, den damaligen Geschäftsführer Dirk Hesse, eine Arbeitsrechtlerin, den damaligen Prokuristen Christoph Fries, eine Mediatorin sowie den Sohn der berühmten Choreografin und Vorsitzenden der Bausch Foundation, Salomon Bausch.

Wenn dies stimmt, dann handelt es sich dabei um den geplanten Rufmord einer ungeliebten, aber laut Vertrag eben nicht so leicht zu kündigenden Intendantin im Auftrag der Stadt. Anscheinend eine böswillige Intrige, ein Politik-Skandal, möchte man meinen. Doch im Tal an der Wupper bleibt es gespenstisch ruhig. Zwar meldete sich Oberbürgermeister Andreas Mucke aus dem Urlaub und versprach, die Aussagen Biegers überprüfen zu lassen. Doch Entsetzen über die mögliche Verstrickung seiner Mitarbeiter war seinen Worten nicht zu entnehmen.

Wuppertal Pina Bausch condolences 560 ataman wikipediaDas Tanztheater Wuppertal © Ataman / Wikipedia

Mucke selbst wusste nach eigenem Bekunden erst einige Wochen vor der fristlosen Kündigung von den Problemen am Tanztheater. Doch weder damals, noch als der Name des Informanten erstmals im November 2018 fiel und die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts auf Verrat von Betriebsgeheimnissen gegen Bieger ermittelte, war aus dem Rathaus etwas zu hören. Die Ermittlungen gegen Bieger wurden inzwischen eingestellt. Begründung: Wer vom Unternehmen selbst mit der Übergabe von Interna beauftragt wurde, kann keine Geheimnisse verraten. Weniger logisch hingegen, warum das Tanztheater in Gestalt des damaligen Prokuristen Christoph Fries in der Sache dennoch Anzeige gegen Unbekannt erstattet hatte.

Eine "chaotische Arbeitsweise" ist kein Kündigungsgrund

Man muss sich ernsthaft fragen: Wer ist überhaupt in einer derart unabhängigen und zugleich starken Position, dass er bei diesen Verflechtungen eine mögliche Beteiligung der mächtigsten Männer im Rathaus aufzuklären vermag? Bisher wurden Anfragen von Presse, Dachverband Tanz sowie der Fraktion von Bündnis 90/Grüne zu diesen Vorgängen stets mit Antworten versehen, die allenfalls belegten, dass hier nicht der Wille zu Transparenz und Aufklärung, sondern eine deutliche Verschleierungsabsicht die Feder führte.

Hesse Dirk 560 Claudia Kempf uDirk Hesse, einst Geschäftsführer des Tanztheaters Wuppertal © Claudia Kempf

Für das Arbeitsgericht spielten diese Intrigen am Dienstag jedoch keine Rolle. Hier ging es ausdrücklich und ausschließlich um die Frage, ob die vom Tanztheater vorgebrachten Gründe für die fristlose Kündigung Binders der juristischen Wertung standhielten. Das "Nein" war einmal mehr eine deutliche Ohrfeige für die Stadt, die sich nun auch die Frage gefallen lassen muss, wie man mit solch dünner Argumentation überhaupt in eine zweite Instanz gehen und damit weitere Kosten verursachen konnte.

Der Kritik am Spielplan begegnete der Richter etwa mit dem Hinweis auf "allein künstlerische Entscheidungen" der verantwortlichen Intendantin. Es sei wohl eher darum gegangen, dass "der Spielplan nicht den Vorstellungen des damaligen Geschäftsführer Dirk Hesse entsprochen habe". Ebensowenig konnte der Vorwurf das Gericht überzeugen, Binder sei für diese Aufgabe nicht geeignet. An diesem Punkt wurden erstmals auch die sechs Mitarbeiter – alle aus Büro und Technik – benannt, die Binder massiv kritisiert hatten. Was diese jedoch vorbrachten, kommentierte das Gericht am Dienstag mit zum Teil ironischem Unterton. Wo etwa eine Mitarbeiterin beklagte, Binder sei "extrem Ich-bezogen" gewesen und habe sich "stets in den Vordergrund gedrängt", entgegnete Schneider lakonisch: "So what?". Der Einblick in die Verträge der Tänzer sei "ihr gutes Recht" gewesen und eine "chaotische Arbeitsweise" kein Kündigungsgrund.

Die Tänzer*innen fragt niemand

Was der Vorsitzende Richter sehr wohl ausmachte: einen Vertrag, der Binder einerseits jede künstlerische Entscheidung übertrug, sie aber dennoch in der Hierarchie unter dem kaufmännischen Geschäftsführer Dirk Hesse verortete. Ohne weitere Stellenbeschreibung und Geschäftsordnung, die klare Kompetenzen regelt, sei hier der Konflikt programmiert gewesen, so das Gericht, das dies als "Kardinalfehler" ausmachte. "Wenn Sie diesen Vertrag jemandem geben, der für Innovation, Erneuerung und Wandel steht, laufen Sie natürlich Gefahr, dass der Ihnen den Laden auf links dreht." Eine Aufgabe, für die Adolphe Binder eigentlich engagiert wurde. Ein weiteres Problem: die Kommunikation. Bevor irgendwelche weiteren Schritte eingeleitet wurden, hatte es offenbar nie ein klärendes Gespräch mit allen Beteiligten gegeben.

Binder WagnerBergelt 560 SchniederHenninger uAuf Augenhöhe? Adolphe Binder und Bettina Wagner-Bergelt nach der Urteilsverkündigung im Gespräch vor dem Landesarbeitsgericht Düsseldorf © Felix Schnieder-Henninger

Im Gerichtssaal saßen am Dienstag trotz Urlaubs auch wieder einige Tänzer*innen des weltberühmten Ensembles. Es ist beschämend, dass sie in der gesamten Causa nirgendwo Gehör und Erwähnung finden. Als sich ein großer Teil von ihnen in einem Brief an den Beirat im Vorfeld des Berufungsprozesses dazu äußern wollte, man möge das neue Urteil annehmen, kreative Lösungen in der Leitungsfrage suchen und Binder wieder ans Haus holen, wurden sie intern von jenen Mitarbeiter*innen angegriffen, die ihre Probleme mit der Herausgabe eines solchen Statements zu diesem Zeitpunkt hatten.

Charakterliche Eignung?

Im Gerichtssaal wurde dies dann von dem neuen Geschäftsführer Roger Christmann ausschließlich dazu benutzt, um einmal mehr zu erzählen, dass der überwiegende Teil der Compagnie nicht mit Binder arbeiten wolle. Das stieß auch den anwesenden Tänzer*innen bitter auf. Sie seien in Sorge, dass man sie erneut nicht ernst nehme und offenbar wieder einen eigenen Plan verfolge, kritisierten sie und drängten darauf, die Vorgänge rund um Ulrich Bieger und die bisher ungeklärte Rolle von Dirk Hesse aufzuklären. Geschäftsführer Christmann, der selbst mit Binder nie zusammengearbeitet hat, scheute sich nicht, Binder die "charakterliche Eignung" der künstlerischen Leitung abzusprechen.

Und Adolphe Binder? Die freute sich, dass mit dem Urteil auch eine Rehabilitierung ihrer Person beginnt. Einer Zusammenarbeit mit dem neuen Leitungsduo stehe sie aufgeschlossen gegenüber. Alle Beteiligten betonten noch auf dem Gerichtsflur ihre Gesprächsbereitschaft. Nach allen bisherigen Wendungen eine beinahe surreal anmutende Vorstellung, dass dies zu einem harmonischen Ende führen soll.

 

NicoleBolz uNicole Bolz, geboren 1972 in Remscheid, lebt und arbeitet als Journalistin in Wuppertal. Sie studierte Germanistik, Literatur- und Politikwissenschaften und schrieb unter anderem für dpa und die Westdeutsche Zeitung. Für die Wuppertaler Rundschau begleitete sie vergangenes Jahr das Geschehen um die fristlose Kündigung von Adolphe Binder kritisch und recherchierte intensiv zu den Hintergründen. Sie gehörte zu dem Kreis der Medien, die vom PR-Berater Ulrich Bieger seinerzeit mit Interna über die angeblichen Verfehlungen Binders versorgt wurden und machte seinen Namen und seine Rolle im November 2018 öffentlich, um die Verstrickungen der Stadtspitze in die Vorfälle aufzuzeigen.

 

Presseschau

Die Wuppertaler Rundschau (28.8.2019) berichtet, dass die FDP-Fraktion im Wuppertaler Stadtrat eine Stellungnahme von Stadtdirektor Johannes Slawig und Kulturdezernent Matthias Nocke fordert – und zitiert die kulturpolitische Sprecherin der Fraktion Ingrid Pfeifer: "Durch den Dilettantismus im Personalmanagement der zuständigen Dezernenten ist ein schwerer Schaden für die Stadt Wuppertal, die Zukunft des Tanztheaters und des Pina Bausch Tanzzentrums entstanden." Gespräche, "Suche nach gemeinsamen Auswegen ohne Gesichtsverluste und geleitet durch einen erfahrenen Vermittler" seien schon nach dem ersten Urteil ihr Vorschlag gewesen, "denn die Wuppertaler Stadtspitze hat an vielen Beispielen gezeigt, dass sie diese Kunst nicht beherrscht. Aus ihren Fehlern im Umgang mit Persönlichkeiten wie Christian von Treskow, Toshiyuki Kamioka, Susanne Abbrederis oder auch der bislang vergeblichen Suche nach einem Nachfolger für den anerkannten Leiter des Von der Heydt-Museums Dr. Gerhard Finckh hat unsere Stadtspitze bedauerlicherweise nichts dazu gelernt."

 
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