Being King Lear

von Christian Rakow

Berlin, 30. August 2019. Auf manchen Musikalben, den ganz besonderen natürlich, gibt es hinten in der Auslaufrille den "hidden track", den verborgenen Song. Das sind mitunter kleine hingeworfene Spielereien, Übriggebliebenes aus den Studio Sessions. Manchmal aber stoßen diese Tracks das Tor noch einmal ganz weit auf, collagieren Motive des Albums, heben sie in andere Sphären.

Ahnungen von Unerzähltem

Das Theater des Regisseurs Sebastian Hartmann ähnelt im Spielerischen wie im Entrückenden diesen "hidden tracks". Wenn bei ihm klassische Dramen- oder Romanstoffe auftauchen, dann nicht in treuer Nacherzählung, sondern wie in einem Prisma gebrochen, verzerrt und zigfach gespiegelt. In freien, scheinbar unzusammenhängenden Solos tänzeln oder wuchten seine Akteure lose Motive an die Rampe. Manchmal tragen sie betont sinnfrei Requisiten umher. Surreale Atmosphären verströmen sich, alles ist musikalisiert, alles mäandert, fiept und weltraumnebelt, als lausche man in ein Schwarzes Loch. Es sind zugleich Erinnerungen an versunkene Erzählungen und Ahnungen von Unerzähltem. Theaterträume, nahbar, unnahbar.

So steht es auch um diesen Hartmann'schen "Lear" zur Saisoneröffnung am Deutschen Theater. Der verhält sich zum "King Lear" von Shakespeare ungefähr so wie die sperrige Toncollage "Revolution No. 9" vom weißen Album der Beatles zum gefällig groovenden "Revolution" ("Revolution No. 9" war streng genommen kein echter "hidden track", aber dem Charakter nach eben doch). Soll heißen: Mehr als Bruchstücke gibt es nicht von der Geschichte des greisen Königs, der kopflos sein Reich unter seinen Töchtern aufteilt und dann dem Wahnsinn verfällt, als seine Erbregelung sich als fatal erweist. Und auch von Lears Pendant, dem alten Grafen Gloucester, der seinen aufrechten Sohn verstößt, weil er dem unehelichen Intriganten aufsitzt, werden allenfalls intime Kenner des Originals Spuren finden.

lear1 560 arno declair uVerströmen surreale Atmosphären: Elias Arens, Birgit Unterweger, Markwart Müller-Elmau in "Lear" © Arno Declair

Stattdessen gibt es eben Collagen, Shakespeare als Soundfile, Solos über Solos, angereichert mit Politeinschüben zur Krise der Gegenwart, zu den globalen Verheerungen. Videos von Tsunamis und Flächenbränden flimmern nebst Stadtansichten der Wolkenkratzer von New York schemenhaft im Hintergrund. Hartmann stellt ganz auf den Generationenkonflikt ab, aber er zielt nicht auf Komplizenschaft mit den Alten, sondern übersetzt den Stoff in eine Anklage der Jungen.

Alles ist Fragment

In zwei Krankenhausbetten unter einem riesigen Windrad siechen Michael Gerber und Markwart Müller-Elmau als Verkörperungen von Lear und Gloucester weitgehend stumm dahin. Wie Erinnyen umspielen Linda Pöppel und Birgit Unterweger sie. Zwei Töchter, wie man sie nun keinem Vater wünscht: Pöppel mit zornigen Reminiszenzen an die Szene der Reichsteilung; Unterweger in harscher, übergriffiger Erotik. Wie Spukgestalten im dementen Kopf der Greise schwirren sie rein und raus. Being King Lear – wir sehen das Drama in konsequenter Innenschau. Alles ist Fragment, Erinnerungsschnipsel, aus dem nurmehr Halbbewussten geschöpft.

Dass man diese Herangehensweise an den "Lear" durchaus als Zumutung empfinden kann, wird nach gut einer Stunde der Premiere deutlich. Da sitzt gerade Peter René Lüdicke als melancholischer Narr am Krankenbett und tröpfelt Erratisches ins Ohr des schwachen Lear, als ein Zuschauer aus dem Rang zu rufen anfängt: "Ich hab gedacht, es gibt heute hier Shakespeare! Leute, lasst Euch das nicht gefallen!" Ein Raunen greift um sich, Lachen, Zustimmung, Widerspruch. Es gab mal Zeiten bei Hartmann, da wäre an diesem Punkt Halligalli losgegangen. Zumal mit Lüdicke, der lange schon und insbesondere zu Hartmanns Intendanz-Zeiten am Centraltheater Leipzig ein Protagonist des Regisseurs ist. Aber Lüdicke bleibt hier stumm, regelrecht versunken. Hartmanns Theater ist melancholischer geworden, introspektiver.

An diesem Abend aber zeigt die Unterbrechung doch auch eine ehrliche Ratlosigkeit. So recht sind Hartmann und die Seinen mit diesem Stoff nicht fertig geworden. Etwas Bleiernes liegt auf der Szene. Manuel Harder will's mit einem nackten Solo rausreißen und schafft es halb. Die Energie sackt wieder ab. Es wabert. Harder und Elias Arens packen wiederholt Schwertkämpfe aus, aber es ist nicht mehr als Schattenfechten. Die globale Krisendiagnose bleibt letztlich Behauptung, der Umgang mit dem "Lear"-Stoff über die gewitzte, in der Praxis aber recht statische Vaterstudie mit Demenz hinaus nebulös.

Politikverdruss mit Pointen

Nun aber kommt die schlechte Nachricht für alle, die gern mal einen Theaterabend auslassen. Hartmann hat diesem "Lear" noch einen Epilog verpasst. Und von dem wird man noch in Jahren sprechen, mein Wort drauf. Wolfram Lotz hat ein neunundneunzigseitiges Poem verfasst, "Die Politiker" betitelt, und wenn man's so liest, meint man erst: Das hat Heiner Müller aber kürzer hingekriegt – "Ich war Hamlet. Ich stand an der Küste und redete mit der Brandung BLABLA, im Rücken die Ruinen von Europa". Bei Lotz hingegen neunundneunzig locker bedruckte Seiten Politikverdruss, mit allem, was die gute Timeline in Social Media-Zeiten thematisch hergibt, samt privaten Einschüben, Schreibreflexionen, Literatenwitz. Alles bewusst flächig und sprunghaft.

lear2 560 arno declair uCordelia Wege oder Die Leuchtende © Arno Declair

Aber dann kommt Cordelia Wege zur Uraufführung im DT, mit schwarzem Cocktailkleid und irgendwie auch schwarzem Cocktailhumor, hockt sich an die Rampe und hämmert das Ding raus, praktisch ungekürzt, in aberwitzigem Tempo. Und der Lotz strahlt, wird schärfer, bissiger, dann wieder relaxter, jede Verschiebung funkelt, jede Pointe passt. "Die Politiker knacken die Nüsse. / Es klingt wie Schüsse."

Hinter Wege leuchtet das Windrad neongelb, Live-Musiker Samuel Wiese steuert noch ein paar seiner schwebenden Club-Sounds rein. Der Schweiß perlt, bei Wege, beim Publikum. Alles Anämische ist verschwunden. "Die Politiker stolpern über Dinge / die herumstehen in der Ewigkeit." Und irgendwann ist's vorbei, und die Leute, die lange mit Grund murrten, jubeln. Und also schlich sich in das Theater noch spät ein echter "hidden track" rein, das Unvermutete und Unvergessliche, das hinausträgt, ins Offene.

 

Lear

nach William Shakespeare

Deutsch von Rainer Iwersen

Die Politiker

von Wolfram Lotz

Uraufführung


Regie, Bühne: Sebastian Hartmann, Kostüme: Adriana Braga Peretzki, Licht: Rainer Casper, Live-Musik: Samuel Wiese, Chorleitung: Christine Groß, Dramaturgie: Claus Caesar.

Mit: Elias Arens, Michael Gerber, Manuel Harder, Peter René Lüdicke, Markwart Müller-Elmau, Linda Pöppel, Natali Seelig, Birgit Unterweger, Cordelia Wege.

Premiere am 30. August 2019

Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, keine Pause



www.deutschestheater.de

 

Kritikenrundschau

In "einem lockeren Schwadronier-Abend übers Erben und Sterben" fand sich Wolfgang Höbel von Spiegel Online (31.8.2019) wieder. "Vom Furor und poetischen Charme" jüngerer Hartmann-Arbeiten sei an diesem Abend "nichts zu spüren". Vielmehr erleide man "die Ausrottung aller Diskursgrundlagen" und eine "bemerkenswert selbstgefällige Reizarmut und Denkfaulheit". Der Epilog von Wolfram Lotz sei "ein hinreißender Witz und eine virtuose dadaistische Kunstübung". Aber er ähnele auch Hartmanns Regietheater-"Lear", denn: "Es kommt in beiden Veranstaltungen sehr vieles zur Sprache: Wichtiges und Unwichtiges, Schönes und Grausames, Bedenkliches und Dummes. Nur leider: Gesagt wird in beiden Fällen – eigentlich nichts."

Von einer "verkopften spröden Saisoneröffnung" berichtet Ute Büsing für rbb 24 (31.8.2019). Aber der Schlussmonolog von Cordelia Wege mit Wolfram Lotz' "Politiker"-Text "ist ein Highlight, ein Wachmacher und ein vitalisierender Motor für neues Denken. Rhythmus, Tempo, Komik, Dringlichkeit. Jetzt wird alles nachgereicht."

Hartmanns "Lear" gehe "existenziellen Endzeitträumen nach", zeige einen "Angsttrip des Sterbens, des Untergangs und der Hoffnungslosigkeit", berichtet Barbara Behrendt im "Fazit"-Gespräch auf Deutschlandfunk Kultur (30.8.2019). Sein Interpretationsversuch "bleibe aber spröde". Der Lotz-Epilog dagegen biete die "Intensität", die zuvor fehlte, und werde zum "einsamen Höhepunkt des Abends".

"Generationswechsel, gekappte Traditionszusammenhänge, der Demenz-Schlummer bisheriger Macht- und Meinungshaber und ehrliche Ratlosigkeit, wie's weitergeht" – das seien die Themen, die Hartmann in seinem "Lear" umkreist, schreibt Christine Wahl im Tagesspiegel (1.9.2019). Das Stück sei als "Bewusstseinsstrom eines scheintoten Patriarchen" angelegt. "Konzeptionell ist das klug und konsequent gedacht. Praktisch aber bleibt diesmal vieles lose angerissen bei Hartmann, gehen die Motiv-Variationen oft eher in die Breite als in die Tiefe." Am Schluss aber biete die "sensationelle" Cordelia Wege einen "rasanten Tempo- und Atmosphärenwechsel" und performe Lotz' Text, "der der Learschen Depression, ironisch mehrfach gebrochen, eine Art Wutbürger-Suada entgegensetzt: die Wiederkehr der Tragödie als Farce".

Dieser "Lear" sei "eine laute Anklage der jüngeren Generation, die fassungslos am Sterbebett der älteren steht", schreibt Felix Müller in der Berliner Morgenpost (31.8.2019). Allerdings verliere der Abend in der ersten Hälfte an Energie, es "dämmert eine große Ratlosigkeit auf dieser Bühnenbaustelle" – bis das "großartige, umwerfende Finale dieses Abends" einsetzt, von dem es heißt: Der "Text schrammt ohne Angst vor Kalauern immer dicht am Wahnsinn entlang. Cordelia Wege feuert dieses wunderbare Kunstwerk in einer geschätzten halben Stunde in den Zuschauerraum und wird von heftigem Zwischenapplaus unterbrochen. Es ist so umwerfend, so gegenwärtig, so hellwach, dass man sich erinnert, warum man ins Theater geht: Nur hier gibt es so aufregende Erlebnisse wie dieses."

"Hartmann verbindet einen Assoziationsreigen zu Shakespeares 'King Lear' mit der Uraufführung eines grandiosen, hier als Gedankenbeschleunigungsmonolog uraufgeführten neuen Textes von Wolfram Lotz", schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (4.9.2019). Im "Lear" mache Hartmann "Menschheitsverbrechen zu Signalreizen, um seine konfuse Inszenierung mit der Simulation von ein wenig Bedeutung und Tiefsinn zu versehen." "Die Lear-Totentänzer gehen ab wie Gespenster. Und dann wird es spannend", so Laudenbach: So "geistesklar und präsent" wie Cordelia Wege Lotz' Text spiele, sei es "die beste bewusstseinserweiternde Droge, die derzeit im Theater zu haben ist". "Es dürfte die Uraufführung des Jahres sein."

 

 

 

 
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