Wie im Rausch

von Michael Laages

Kassel, 13. September 2008. Die Gäste verstanden kein Wort. Kein Wunder: Sie kamen frisch aus Brasilien und sahen erstmals eine Aufführung der Volksbühne in Berlin – "Verbrechen und Strafe", wie Fjodor Michailowitsch Dostojewskis ehedem "Schuld und Sühne" betitelter Roman in neuer Übersetzung und kriminologisch korrekter hieß. In Frank Castorfs Fassung kämpfte sich vor gut vier Jahren Martin Wuttke noch einmal durch eines dieser ortsüblichen Monstren aus Text und Exaltation. Und rat- und ahnungslos hätten die BrasilianerInnen wohl auch dann noch vor diesem Exorzismus gesessen, wenn sie besser Deutsch gekonnt hätten.

Brummen und Summen im Kopf

In ähnlicher Verfassung wird möglicherweise in den Aufführungen nach der Premiere das normale Publikum in Kassel das Theater im Fridericianum verlassen, wenn Dostojewskis großer Anti-Held Raskolnikov, von Bernard-Marie Koltès in einem seiner frühen Stück wiederbelebt, zum letzten Mal dieses fürchterlich furiose Summen und Brummen im Kopf hört und zum letzten Mal bekannt hat, dass er eine alte Frau getötet hat und sein Name Raskolnikov sei.

Wer bis dahin zwei enervierende Stunden lang bereit war, sich in dessen Geschichte hineinziehen zu lassen, besser: in dessen Geschichten und deren Schnipsel und Fragmente, der könnte nun wie aus einem Rausch erwachen. Wem das zuviel an Anstrengung ist, der wird mit Sicherheit relativ zeitig aussteigen – aber warum sollte dem geschätzten Publikum weniger abverlangt werden an Überanstrengung als dem Personal auf der Bühne?

Exzess der Grenzüberschreitung

Wie viel dieser sonderbare und herausfordernde Abend der erstmaligen Übersetzung eines frühen Textes von Bernard-Marie Koltès verdankt und wie viel der Regisseurin Schirin Khodadadian, das ist nicht wirklich zu ermessen. Erkennbar aber ist, dass und wie auch schon der 23-Jährige Koltès, verständlicherweise fasziniert vom offenkundigen Exzess der Überschreitung aller Grenzen jeglicher menschlicher Moral, das gruselige Panoptikum von Gospodin Dostojewski dramaturgisch unter dem Hammer nimmt. Unter den Schlägen des Nach-Dichters zerfetzen die Zusammenhänge, und alles weht wie Assoziationen hinein in Raskolnikovs Kopf und wieder hinaus.

Einer nach dem anderen, und immer öfter immer unübersichtlicher, parallel und durcheinander driften die Figuren um ihn herum an ihm vorbei und durch ihn hindurch: die eigene Mutter, ein Leidensmütterlein mit kleinen Passionen, und die hingebungsvoll-schöne Schwester; der saufende Nachbar samt überkandidelt-unbefriedigter Gattin und hübschem Töchterlein, das sich auf dem Strich vergnügt und im Grunde nur ihn will, diesen rätselhaften fremden Freund Raskolnikov; wie der hübsche Junge, der ihn mit Liebe verfolgt, und wie die Zufallsbekannten, deren Schicksale seines kreuzen. Sage keiner, er habe in dieser Aufführung (wie im Roman selber) wirklich verstanden, wer wann gerade wen mit welcher ungestillten Sehnsucht behelligt – wer wüsste das auch schon im richtigen Leben immer zur rechten Zeit zu sagen.

Überforderung, ab der es interessant wird

Nicht mal dass die Alte tot ist, wissen wir wirklich, Raskolnikov behauptet viel. Er spielt mit Blut wie mit dem Polizisten, der seinen Fall verfolgt - vielleicht aber auch bloß Raskolnikovs Schwester? Nichts wird klar in diesem Pandämonium aus Fratzen und Finsternis – und die Kasseler Aufführung treibt sich und das Publikum mit beinahe unerschöpflicher Energie über diesen lauten Rummelplatz aus Alptraum und Traum.

Und das Ensemble ist zusammengeschweißt an diesem Abend wie (vermutlich) eher selten an einem Theater abseits der Jetset-Stars. Um Nico Links Raskolnikov scharen sich zwei Hände voller wüster Charaktermasken: Birte Leest und Alina Rank, Eva-Maria Keller und Anke Stedingk, Björn Bonn und Aljoscha Langel, Thomas Sprekelsen und Jürgen Wink. Alle müssen genannt sein, damit keiner und keine zu kurz kommt. Und an jeder und jedem hat die Regisseurin offenbar den speziellen Punkt gefunden, wo die eigene Überanstrengung beginnt – um dann genau an dieser Stelle noch zu einem kleinen Schritt weiter und voran zu verführen.

Noch einmal: Behaupte keiner, verstanden zu haben, was da en detail zu erfahren war. Aber es war atemlos; und manchmal sogar atemberaubend. Ermüdend auch, sicher, wenn immer nur gerannt, geschrieen und exaltiert wird – aber Khodadadian führt mit Dostojewski, dem frühen Koltès und diesem Ensemble an einen Punkt, der nicht so oft zu haben ist im Theater. Chapeau!

 

Trunkener Prozess
von Bernard-Marie Koltès, Deutsch von François Smesny
Regie: Schirin Khodadadian, Bühne: Ansgar Silies, Kostüme: Ulrike Obermüller, Musik: Katrin Vellrath.
Mit: Nico Link, Eva-Maria Keller, Alina Rank, Jürgen Wink, Anke Stedingk, Birte Leest, Thomas Sprekelsen, Aljoscha Langel, Björn Bonn.

www.staatstheater-kassel.de

 

Mehr über Schirin Khodadadian, zum Beispiel ihre Kassler Uraufführung von Theresia Walsers Stück Morgen in Katar im März, lesen sie hier. Und hier lesen Sie, wie die Regisseurin in Mainz mit Schillers Gotteskriegerin, der Jungfrau von Orleans, umgegangen ist.

 

Kritikenrundschau

"Herzhaft apokalyptisch", schreibt Ilona Lehnart in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (14.9.2008), stimmte man sich mit der deutschsprachigen Erstaufführung des Koltès-Dramas auf das Jubiläum im Kasseler "Theater im Fridericianum" ein. "Vor genau fünfundzwanzig Jahren eröffnete Manfred Beilharz, damals Intendant des Staatstheaters, die kleine, nur 99 Plätze fassende Studiobühne im Museum Fridericianum." Damals gab es nur zwei, drei Scheinwerfer. Mehr lässt die junge Regisseurin Schirin Khodadadian für ihren Petersburger Totentanz anknipsen, so Lehnart. "Grelles Licht fiel bis in die Tiefe des gar nicht so kleinen Bühnenraums. Kein Entrinnen gab es da, für keinen." Trampeln und Rasen zwischen Gestängen, entblößte  Schenkel und Nerven, expressives Reden und Monologisieren. "Schwere Kost, aber leicht hat man es sich im 'tif' nie gemacht."

"Regiemeisterin Schirin Khodadadian" inszeniert Bernard Marie Koltès' Stück "mit Motiven aus Dostojewskis "Schuld und Sühne" (...) im fast rauschhaften Treiben durch die Erinnerungen Rodions. Alles findet in seinem Kopf statt. Alles zugleich, vor der Tat und nach der Tat", schreibt Juliane Sattler für die Hessisch-Niedersächsische Allgemeine (15.9.2008) Für das Publikum gibt es darum "nichts zum Festhalten". Khodadadians Regie sei dabei eine "kluge Demontage eines gewaltigen Stoffes, um den Inhalt herauszuschälen, Über-Ich-Fragen, Erlösung, Abgrenzung". Sie inszeniere den Text "mit verwischten Grenzen, hart und brutal – so wie die Menschen in ihm. Das ist ein Meisterzug der Regie im Kasseler tif."

Laut Peter Krüger-Lenz (Göttinger Tageblatt, 15.9.2008) ist Koltès' Raskolnikov "eine Paraderolle für Nico Link". Er "wütet, wird manchmal ganz leise, fast privat. Er dreht groß auf und glänzt. Ein anderes Ensemble würde er vielleicht an die Wand spielen, doch in Kassel hat er Kollegen, die ihm auf Augenhöhe begegnen." Jürgen Wink etwa, der souverän den Alkoholiker Marmeladov verkörpere, auch Birte Leest, die Sonja, zeige "großes Schauspiel". Und Björn Bonn bringe in seiner ersten Produktion als Ensemblemitglied als "sehr körperlicher" Rasumichin lobenswerterweise "komödiantische Elemente" in die Inszenierung. "Rund zwei Stunden dauert die Schlacht zwischen den Figuren, die Schirin Khodadadian so dicht inszeniert, dass man kaum zum Atemholen kommt. Bedrückend, mitreißend – und vom Publikum gefeiert."

Jürgen Berger beschreibt in der Süddeutschen Zeitung (17.9.2008), dass die Stücke von Bernard-Marie Koltès, "der schon früh von den Globalisierungstendenzen einer Welt kündete, die irgendwann auch in der Pariser Banlieue ankommen würden", im Moment wieder gefragt seien. Zwei deutschsprachige Erstaufführungen gibt es zum Saisonstart (nächste Woche in Stuttgart "Hamlet. Der Tag der Morde"), in denen Koltès, sein "Instrumentarium an zornigen, jungen Männern der Weltliteratur schärfe". Bei ihrer Inszenierung der Raskolnikov-Paraphrase "Trunkener Prozess" bleibe Khodadadian nah am "Sprachduktus des jungen Koltès, der noch nicht so verknappt wie in späteren Stücken schreibt". Das "Theaters der Ekstasen" funktioniere neunzig Minuten lang bestens. "Damit ist der 'Trunkene Prozess' in Kassel angekommen", man "kann allerdings nicht ganz verhehlen, dass ihm auf den letzten Metern die Luft ausgeht und er alles andere als trunken seinem Ende entgegen wankt."

Joachim F. Tornau weiß (Frankfurter Rundschau, 17.9.2008), warum das frühe Koltès-Stück hierzulande noch nie gespielt wurde: "Es ist schlicht nicht gut." Koltès interessierte der Rand der Gesellschaft, "beim 'Trunkenen Prozess' beschränkte er sich auf das bloße Vorführen eines Panoptikums: Mörder, Huren, Alkoholiker, Vergewaltiger." Schirin Khodadadian vermag aus diesem Stoff kein Gold zu spinnen, "auch, wenn sie die verkopfte Vorlage kräftig umgebaut und theatertauglicher gemacht hat. Sie verwebt den Text mit einem turbulenten Bühnengeschehen. Drastisch und schnell geht es zu auf der von Ansgar Silies gestalteten Bühne, die bis auf einige Gerüststangen und Scheinwerfer leer bleibt." Aber: "Mehr als die Simulation eines Spannungsbogens aber gibt auch das nicht her".

Ursula Böhmer bekundet in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (18.9.2008) zunächst Zufriedenheit, daß Schirin Khodadadian sich nicht so sehr an Koltès' Werktreue-Verdikt gehalten hat und in ihrer Inszenierung seines Frühwerk "kräftig" mitreden würde. Besonders dass sie "den Klammeraffen-Figuren von Koltès Zucker" gibt, jenen Figuren also, die sich den obsessiven Vorstellungen Raskolnikows zufolge an ihn, klammern, aber ein seinem Kopf ein Eigenleben führten, gebe sie Zucker. Der gehe ihr allerdings nach etwa der Hälfte aus. "Die anfängliche Kurzweil dehnt sich auf zwei Stunden Länge. Weil das Turnen und Klettern und Schweben irgendwann dann doch langweilig wird, wird halt ein bisschen beliebig kopuliert. Sex sells."

 

 
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