Im langen Schatten der Schoah

von Sascha Westphal

Bochum, 5. September 2019. Eine Gaskammer in Auschwitz ... so schaut es aus, als ein wenig mehr Licht in Monika Pormales Bühnenkasten fällt und Duschen ebenso wie verschmutzten Kacheln an den Wänden sichtbar werden. Etwas dunkelrote Farbe, die an einer Wand verschmiert wird, verweist direkt auf das Grauen dieses Ortes.

Zu den harschen, einen Zustand des Stillstands im Schrecken beschwörenden Klängen von György Ligetis "Requiem" betreten nach und nach drei Männer den Raum. Jeder von ihnen bringt zwei Eimer mit. Sie haben die nicht zu bewältigende Aufgabe, diese Gaskammer zu reinigen. Dabei finden sie überall mal längere, mal kürzere Bündel von Haaren. Ganz zuletzt hören sie Babyschreie und entdecken schließlich unter dem Gitterboden der Gaskammer ein Neugeborenes, ein Mädchen namens Éva, das diesem ersten Teil von Kornél Mundruczós Musiktheater-Kreation "Evolution" seinen Titel gegeben hat.

Todesfuge

Mundruczó gelingt es, in dieser Evokation der Gaskammer nicht ins zu Eindeutige oder gar ins Abstoßende abzugleiten. Er findet in der albtraumhaften Choreographie dreier Männer ebenso eindringliche wie rätselhafte Bilder für die Schoah und damit für das eigentlich kaum künstlerisch Darstellbare. Bilder aus dem Geist von Paul Celans "Todesfuge": "dein goldenes Haar Margarethe / dein aschenes Haar Sulamith". Bilder, die mehr und mehr mit Ligetis "Requiem" verschmelzen, dessen düster-bedrückende Atmosphäre die Bochumer Symphoniker unter der Leitung von Steven Sloane zusammen mit dem von Maris Sirmais geleiteten lettischen Nationalchor auf subtile, fast schon analytische Weise herausarbeiten.

Evolution1 560 Heinrich Brinkmoeller Becker Ruhrtriennale2019 uDrei unheilige König und ein Kind © Heinrich Brinkmöller-Becker / Ruhrtriennale 2019

Das Entsetzen dringt schleichend in einen ein und lässt einen nicht mehr los, bis die Männer das Baby finden. In diesem Reich des Todes, das Mundruczó und Ligeti in den dunkelsten Farben gemalt haben, offenbart sich ein Quell des Lebens. Vier aus dem Boden schießende Wasserfontänen bilden eine Art Torbogen, durch den die Männer, drei unheilige Könige, mit dem Baby in die Zukunft gehen.

Andauerndes Trauma in der Nachkriegszeit

Auf diesen ersten poetischen Teil folgt eine überraschend konkrete und realistische, von Kata Wéber für die Inszenierung geschriebene Theaterszene. Der Kontrast könnte kaum größer sein, obwohl wieder das "Requiem" erklingt, allerdings nur in Bruchstücken und zum Teil vom Band. Die Vergangenheit weicht der Gegenwart, die Gaskammer einem fast naturalistischen Nachbau einer Wohnküche. Éva, die nun von Lili Monori gespielt wird, ist beinahe 75 Jahre alt und hat Besuch von ihrer in Berlin lebenden Tochter Léna.

Evolution1 560 Heinrich Brinkmoeller Becker Ruhrtriennale2019 uBesuch bei der Mutter: Lili Monori und Annamária Láng © Heinrich Brinkmöller-Becker / Ruhrtriennale 2019

Die beiden wollten eigentlich zu einer Preisverleihung gehen, bei der die alte Frau geehrt werden soll. Doch sie sträubt sich. So kommt es zu einer Aussprache zwischen Mutter und Tochter, in deren Verlauf die von der Schoah verursachten seelischen Verheerungen immer deutlicher zu Tage treten. Das Trauma der Vernichtung pflanzt sich von Generation zu Generation fort. So wie die in Auschwitz zur Welt gekommene Éva keine Kindheit hatte, so hat sie unwillentlich auch Léna um ihre Kindheit gebracht. Das Leben steckt in einer Wiederholungsschleife fest.

Eine Sintflut

Kata Wébers Dialoge verdichten sich zu einem bitteren Panorama des jüdischen Lebens in Ungarn nach dem Zweiten Weltkrieg. Zu dem Trauma, das der Holocaust hinterlassen hat, kommen weitere Traumata dazu: der Terror des Stalinismus, der andauernde alltägliche Antisemitismus. Lili Monori und Annamária Láng, die beide zum Ensemble von Mundruczós koproduzierender freier Gruppe, dem Budapester Proton Theater, gehören, spielen diese Szene, die in weiten Teilen als auf die Wände neben dem Wohnküchen-Bühnenbild projizierter Live-Film inszeniert ist, auf eine psychologisch-realistische Weise, wie sie im deutschen Theater eher selten geworden ist.

Evolution 560 Ursula Kaufmann uDer Einbruch des Traumas in das Leben © Ursula Kaufmann

Aber gerade daraus und aus den Großaufnahmen dieser beiden Schauspielerinnen zieht Mundruczó eine ungeheuere Intensität, die sich schließlich in einem unglaublichen Bild entlädt. Wie schon in Látszatélet / Imitation of Life durchläuft das Bühnenbild eine apokalyptische Transformation. Ungeheure Wassermassen brechen aus den Wänden, der Decke und den Schränken hervor. Eine Sintflut, die den Realismus der Szene davonspült und einen Dialog mit dem ersten Teil eröffnet. Nur erweist sich das Wasser, dieses Symbol des Lebens, jetzt als Agent der Zerstörung.

Der Marsch der Toten

Der dritte Teil dieses ungeheuer dichten, einen immer wieder verblüffenden Triptychons des Schmerzes und der Klagen springt aus der Gegenwart in die Zukunft und erzählt von Jonas, Lénas etwa zwölf- oder dreizehnjährigem Sohn. Eine weitere Wiederholung, doch wieder einmal in einem ganz anderen ästhetischen Gewand. Zunächst steht Jonas an der Rampe vor einer Wand auf die Chat-Nachrichten projiziert werden. Ein endloser Strom von Beleidigungen, Emojis und Gifs, deren Ton immer antisemitischer wird. Auch der Junge kann der Welt, die seine Mutter und seine Großmutter geformt und verformt hat, nicht entkommen. Sie lebt fort in kurzen, im Internet kursierenden Pinocchio-Animationen und Bildern von Bahnstrecken. Wieder ist die Assoziation Auschwitz unumgänglich. Doch dann öffnet sich die Wand und mit ihr das ganze Bühnenbild.

Evolution1 560UrsulaKaufmann uIn der Ewigkeit des Raumes versammeln sich die Toten © Ursula Kaufmann

Nun geht der Blick in die sagenhafte Tiefe der Jahrhunderthalle, aus der die Chorpassagen des "Requiems" singend der Staatschor Latvija heraustritt und langsam auf den Zuschauerraum zugeht. Eine geisterhafte Szenerie, deren verstörende, einem die Orientierung raubende Wirkung noch durch Laserprojektionen verstärkt wird. Der Chor wird zur Verkörperung der vergangenen wie der zukünftigen Toten, während Jonas und zwölf andere Kinder vorne sitzen und wortlos auf ihre Mobiltelefone starren, während sie für das Publikum nicht mehr einsehbare Kurznachrichten tippen.

Erst als die Handybildschirme sich wie von Geisterhand entleert haben und nur noch in blauem oder gelben Licht erstrahlen, stehen die dreizehn auf und beginnen, sich zu zerstreuen. Was bleibt, ist eine Kugel, auf die Bilder von am Himmel vorüberziehenden Wolken projiziert werden. Ein Bild der Ruhe und des Friedens, das aber auch etwas Beunruhigendes an sich hat. Die Wiederholung mündet in einer anderen Form von Auslöschung.

Evolution
Eine Inszenierung von Kornél Mundruczó
Auf der Grundlage von: György Ligeti, "Requiem" für Sopran solo, Mezzosopran solo, gemischten Chor und Orchester (1963/65)
Uraufführung
Regie: Kornél Mundruczó, Musikalische Leitung: Steven Sloane, Text: Kata Wéber, Bühne: Monika Pormale, Kostüm: Monika Pormale, Melinda Domán, Licht: Felice Ross, Dramaturgie: Soma Boronkay, Juliane Votteler, Sounddesign: Thomas Wegner, Künstlerische Produktion: Dóra Büki, Orchester: Bochumer Symphoniker, Chor: Staatschor Latvija, Chorleitung: Maris Sirmais.
Mit: Yeree Suh (Sopran), Virpi Räosänen (Mezzosopran) und den Schauspieler*innen des Proton Theaters: Lili Monori, Annamária Láng, László Katona, Harald Kolaas, Roland Rába.
Premiere am 5. September 2019
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause
Eine Produktion der Ruhrtriennale in Kooperation mit dem Proton Theater Budapest

www.ruhrtriennale.de
www.protontheatre.hu

 

Kritikenrundschau

Ligetis "zwischen 1963 und 1965 aufgrund der Erfahrungen von Nationalsozialismus, Stalinismus und dem ungarischen Volksaufstand entstandene Werk wirkt bis heute ungemein stark und berückend aus sich selbst heraus", schreibt Max Florian Kühlem in der Rheinischen Post (7.9.2019). Die Bilder, die Kornél Mundruczó ihm auflade, seien hingegen problematisch. "Man kommt nicht umhin, zu fragen: Wozu braucht es Slapstick und Kitsch in der Theater-Gaskammer?", so Kühlem. Und am Schluss trete "schlimmer Kulturpessimismus im mit Laserlichtern prätentiös aufgeblasenen Schluss zu Tage, wenn Evas Enkel nur noch auf den Smartphone-Bildschirm starrt und in seinem verblödeten Chat-Protokoll unreflektiert und antisemitisch gemobbt wird".

"Große, ergreifende Bilder" zeigen Mundruczó und seine Ausstatterin Monika Pormale, so Peter Jungblut im Bayrischen Rundfunk (6.9.2019) – "Bilder, die dem Thema jederzeit gewachsen sind". Optisch sei der Abend "phänomenal, technisch raffiniert, inhaltlich voller Denkübungen". Unter der Leitung von Steven Sloane singt der lettische Staatschor und spielen die Bochumer Symphoniker Ligetis "Requiem" "mit dem gebotenen heiligen Ernst, sehr verschattet, als ob jeder einzelne ächzte unter der Last der musikalischen Verantwortung", weniger meditativ "als aufrüttelnd, bohrend, anklagend".

Auch Pedro Obiera in der Westfälischen Rundschau und der Westdeutschen Allgemeine Zeitung (6.9.2019) ist begeistert: "Es ist die erste große Produktion der diesjährigen Ruhrtriennale, in der Bild und Text, Musik und Darstellung, Spannung und Anspruch, Klarheit und Abstraktion eine Symbiose eingehen, an der alles stimmt, die berührt und bedrückt und eine so starke theatralische Sinnlichkeit ausstrahlt, dass sie unter die Haut geht. Zu erleben ist eine einfache, klar strukturierte und dennoch hintergründige Handlung, dramaturgisch straff und pointiert ausgerichtet, ohne Längen und kopflastige Überfrachtung."

"Ein bitteres, ein böses Stück", findet Stefan Keim im WDR (6.9.2019) mit "grandiosen Bildern" und "grandiosen Schauspielern" – "bis jetzt mit Abstand die beste Inszenierung der Ruhrtriennale in diesem Jahr".

"Bei Kornél Mundruczó gehen Narration und Abstraktion Hand in Hand. Seine hyperrealistischen Bilder haben stets ein surreales Element", schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (12.9.2019). Der erste Teil sei "an Beklemmung kaum zu überbieten". "Gleichzeitig hat man das irritierende Gefühl, Ligeti habe seine Musik genau für Mundruczós Bildwelt komponiert." Im zweiten Teil erklinge Ligetis Musik "nur noch als Echo, sehr sporadisch, das lange Reden ist quälend", so Tholl. Das "optisch umwerfende Schlussbild" des dritten Teils habe "sicherlich auch ein bisschen was von zukunftsschimmernder Esoterik. Vor allem aber ist es ein Ringen um Hoffnung." Und "insgesamt ist 'Evolution' eine Aufführung, wie sie wohl nur ein Festival wie die Ruhrtriennale zeigen kann. Gewaltig, erschütternd, groß."

 

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