Das wird jetzt wehtun

von Falk Schreiber

Hamburg, 7. September 2019. Schon seit Wochen ist die Hamburgische Staatsoper im konsequenten Scherzkeksmodus. Nicht nur, dass die sozialen Medien mit Videoschnipseln geflutet werden, in denen beispielsweise Generalmusikdirektor Kent Nagano Gertrude Stein paraphrasiert ("A Nose Is A Nose …") oder Dramaturg Christian Tschirner vor der abstrusen Handlung von Dmitri Schostakowitschs "Die Nase" kapituliert ("Dass es Opernhäuser gibt, die diese Oper auf den Spielplan setzen, ist mir unbegreiflich"), nein, seit ein paar Tagen hängt auch eine riesige, aufblasbare Nase in brüllender Hässlichkeit an der Fassade des Opernhauses. Alles schreit: Unsere Saisoneröffnung wird ein großer Spaß. Und es zeugt von Chuzpe, dass Regisseurin Karin Beier diesen Spaß konsequent verweigert.

Saisoneröffnungs-Gastspiel

Opernintendant Georges Delnon fordert das Publikum zur Spielzeiteröffnung regelmäßig mit Regisseur*innen heraus, die mit dem Musiktheater fremdeln – in den Vorjahren inszenierte hier Michael Thalheimer "Les Troyens", Jette Steckel "Die Zauberflöte" und Herbert Fritsch "Cosí Fan Tutte". Wobei Berlioz und Mozart leichter zugänglich sind als Schostakowitsch; außerdem bringen zumindest Thalheimer und Fritsch trotz ihrer Sprechtheater-Vergangenheit mittlerweile auch einige Erfahrung in der Oper mit. Karin Beier allerdings, im Hauptberuf Intendantin am benachbarten Schauspielhaus, ist tatsächlich nur selten im Musiktheater unterwegs, ihre letzte Operninszenierung ist 13 Jahre her. Entsprechend wird das Publikum mit Schostakowitschs sperriger Oper gefordert, in der zupackenden Inszenierung einer Künstlerin, die stärker vom Inhalt her denkt als von der Musik.

Die Nase 0318 560 Arno Declair uPlötzlich ohne Nase: Bo Skovhus © Arno Declair

Allein: Ihren Ruf als Regisseurin verdankt Beier auch dem handwerklichen Können, mit dem sie ihre Arbeit in den Dienst der Sache stellt – die eigene künstlerische Handschrift zurückzunehmen, ist in der stark an die Partitur gebundenen Oper zwingender als im Schauspiel. Und die ersten Szenen zeigt Beier tatsächlich Handwerk, baut sie Bilder auf, beweist opernspezifisches szenisches Bewusstsein, wo sie ein neunköpfiges Schlagwerkensemble für ein Solo aus dem Orchestergraben auf Stéphane Laimés Bühne holt. Das ist natürlich ein Effekt, aber ein Effekt, der funktioniert. Ansonsten erzählt Beier nahe an der Vorlage: Der zaristische Beamte Kowaljow (Bo Skovhus) wacht eines morgens auf und vermisst seine Nase. Derweil wandert die Nase (Bernhard Berchtold) fröhlich durch Petersburg, weil sie aber mittlerweile die Gestalt eines Staatsrates angenommen hat und so in der Hierarchie über Kowaljow steht, denkt sie nicht daran, zurück an ihren angestammten Platz zu kommen … Beier dekliniert diese Geschichte brav runter, einzig in Kleinigkeiten deutet sie an, dass es hier nicht um einen karnevalistischen Spaß geht, sondern um eine autoritäre Gesellschaft, in der wachsame Augen jede Bewegung verfolgen, in der eine Rasur eine messerschwingende Bedrohung ist und ein Brotbacken ein wüstes Einprügeln auf den armen Teig.

Die Nase unterwegs in G20-Hamburg

Das geschilderte Russland ist also ein Polizeistaat, in dem aggressive Stalinbartträger für Recht und Ordnung sorgen und in dem Journalisten solch eine Angst vor dem "Lügenpresse"-Vorwurf haben, dass sie auch nur halbbrisante Themen lieber nicht drucken beziehungsweise ins Feuilleton verbannen. Wenn also der Beginn der Inszenierung ein wenig pflichtschuldig wirkt, als Abhaken einer Handlung, deren Absurdität offensichtlich ist, gibt das schon den Ton vor: Eine falsche Bewegung, und es wird richtig wehtun. Wie ernst es Beier mit dieser unterschwelligen Bedrohung ist, wird bei einer längeren instrumentalen Passage ungefähr in der Stückmitte deutlich: Befreit von den Zwängen des Libretto wechselt die Inszenierung hier zum Video (Meika Dresenkamp und Severin Renke), zeigt, wie die Nase durch Hamburger Straßen tänzelt, Landungsbrücken, Rathausmarkt, Alter Elbtunnel – und dazwischengeschnitten sind Szenen von hochgerüsteten SEK-Einheiten, Wasserwerfern, G20-Unruhen.

Die Nase 7989 560 Arno Declair uMitte oben: Kristof Van Boven, Chor der Hamburgischen Staatsoper, Komparserie © Arno Declair

Folgerichtig wendet sich in der Folge ein zaristischer Polizist (gespielt von Schauspieler Kristof Van Boven) direkt ans Publikum: "Steht das so eigentlich in der Partitur?", fragt er und versucht, das Orchester zu unterbrechen. Aber Kent Nagano dirigiert unbeirrt weiter. Woraufhin der Ordnungshüter sich immer tiefer in Verschwörungstheorien verstrickt: "Das geht alles immer so weiter, wie eine Maschine!", und überhaupt, Nagano sitze ja gar nicht in einem Orchestergraben, sondern im Eingang eines Tunnels, der unterirdisch direkt zur Binnenalster führen würde. Die in Wahrheit gar kein aufgestauter See sei, sondern ein U-Boot-Hafen … Wenn aber die Exekutive durchdreht, dann gibt es kein Halten mehr, und tatsächlich: Auch bei Schostakowitsch folgen kurz darauf Prügel, Vergewaltigung, Folter.

Die Nase 7774 560 Arno Declair uDie abtrünnige Nase (Bernhard Berchtold) © Arno Declair

Politische Groteske

"Nase" heißt auf russisch "Nos", was rückwärts gelesen "Son" ergibt, "Traum". Karin Beier hat an der Staatsoper also einen Alptraum inszeniert, dessen böse Moral man fast nicht mitbekommt, so perfekt bedient sie die Opernkonvention mit geschickt gebauten Bildern, mit Effekten, mit Drehbühne und feiner Sänger-Schaupielerführung, immer wieder auch mit derbem Humor, der Nase und Geschlechtsteil in eins setzt. Und doch hat diese "Nase" eine zweite Ebene, die tiefer geht, wo es schmerzhafter, politischer wird. Beier jedenfalls meistert ihre Aufgabe als Querschlägerin im Opernbetrieb mit Bravour: Zum Schlussapplaus gibt es Bravo-Rufe für die Sänger*innen und für Dirigent Nagano, die fachfremde Regisseurin hingegen bekommt ein paar erwartbare Buhs zu hören. Mission erfüllt.

Die Nase
von Dimitri Schostakowitsch, Text von Georgi Ionin, Alexander Preis, Jewgeni Samjatin und Dmitri Schostakowitsch nach der gleichnamigen Novelle von Nikolai Gogol. Deutsch von Ulrich Lenz
Musikalische Leitung: Kent Nagano, Regie: Karin Beier, Bühne: Stéphane Laimé, Kostüme: Eva Dessecker, Video: Meika Dresenkamp / Severin Renke, Licht: Hartmut Litzinger, Choreografie: Altea Garrido, Chor: Eberhard Friedrich, Dramaturgie: Christian Tschirner.
Mit: Bo Skovhus, Levente Páll, Andreas Conrad, Gideon Poppe, Bernhard Berchtold, Katja Pieweck, Athanasia Zöhrer, Renate Spingler, Hellen Kwon, Michael Heim, Peter Galliard, Stefan Sevenich, Julian Arsenault, Sungho Kim, Hiroshi Amako, Dongwon Kang, Sander De Jong, Kristof Van Boven, Philharmonisches Staatsorchester Hamburg, Chor der Hamburgischen Staatsoper.
Premiere am 7. September 2019
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.staatsoper-hamburg.de

 

Kritikenrundschau

"Beier zeigt die Hysterie aller Beteiligten in einem virtuosen, turbulent grotesken Spiel", sagt Elisabeth Richter auf NDR Kultur (8.9.2019). "Schostakowitschs sehr schwere Partitur mit ihrer pulsierenden und komplexen Rhythmik, mit den Anklängen an Folklore, Filmmusik, aber auch an Strawinsky oder Alban Berg präsentierten Dirigent Nagano und das Philharmonische Staatsorchester souverän und ebenso virtuos wie die Szene. (…) Die Hauptpartie des Kowaljow war mit dem dänischen Bariton-Star Bo Skovhus darstellerisch und sängerisch grandios besetzt. Ein unterhaltsamer Abend und ein gelungener Auftakt in die neue Spielzeit für die Hamburgische Staatsoper."

Der "beklemmende Dualismus" der Vorlage bleibe in Karin Beiers Inszenierung "wegen einer selbstgenügsamen Reihung von Klamauk-Episoden auf der Strecke", schreibt Jürgen Kesting in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (9.9.2019). "Der Komik fehlt der Witz, der Groteske der Schrecken des Unheimlichen. Die Inszenierung zeigt nicht, was uns das Stück noch angeht." "Versöhnlich" jedoch, so Kesting, "dass das Orchester nach harter Vorbereitungsarbeit der 'musikalisch-theatralischen Symphonie' all die auch heute noch schneidenden, grellen, parodistischen Effekte sicherte." Und "schlechthin grandios die Darstellung des Kowaljow durch den Bariton Bo Skovhus, dem das gelang, was den anderen, zu bloßen Chargen reduzierten Figuren nicht gelingen konnte: die rückwärtige Verbindung zum Menschlichen."

"Manchmal übermannte Baier wohl das Verlangen, naheliegende Assoziationen reinzuwerfen, ohne sie auf ihre Sinnhaftigkeit zu überprüfen", schreibt Ekaterina Kel in der Süddeutschen Zeitung (17.9.2019). "Das ist wohl das Schicksal des Absurden." Beier gelinge stellenweise trotzdem eine feine Groteske, besonders dann, wenn sie auf die szenische Kraft von Schostakowitschs Musik vertraue.