Nathan kam nicht bis Neschwitz

von Matthias Schmidt

Dresden, 13. September 2019. Kurz vor dem Ende des Abends gibt es Momente, in denen ein weiteres Zuhören ohne zu widersprechen, ohne vielleicht sogar lautstark Protest einzulegen, nahezu unmöglich scheint. Tobias, einer der beiden Brüder, um die es in Lukas Rietzschels Roman (und dieser von ihm selbst mitgeschriebenen Spielfassung) geht, steht an der Rampe und erläutert sein Weltbild. Es basiert auf teilweise korrekten Wahrnehmungen der Lebensrealität in seinem Heimatort, einem abgehängten Lausitzer Dorf namens Neschwitz, die man, je nach persönlicher Verfassung, gerade noch hinzunehmen bereit ist. Seine Schlussfolgerungen sind krude, sind rechtsradikal. Sie können eigentlich nicht anders als mit einem Aufschrei beantwortet werden. Tobias ist gemeinsam mit der Nazi-Clique des Ortes auf dem Weg zu seiner alten, seit Jahren geschlossenen Grundschule, um sie anzuzünden. Damit aus ihr keine Unterkunft für Asylbewerber werden kann. Der Aufschrei im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden bleibt aus. Es herrscht angespanntes Schweigen, und das ist, so verrückt das klingen mag, eine Qualität des Romans und auch dieser Uraufführung.

Dieses merkwürdige Schweigen

Rietzschel gelingt etwas, dem wir uns eigentlich verweigern. Er lässt uns Leute kennenlernen, die wir im wirklichen Leben keinesfalls kennenlernen wollen. Von denen wir mehr oder minder offen denken, dass sie Hinterwäldler sind. Dumpfbacken, die nichts verstanden haben. Denen wir, gerne aus der Ferne des urbanen, aufgeklärten Lebens, manchmal auch als Reise-Journalisten in Manier der Weltentdecker früherer Jahrhunderte, erklären, was und wie sie es besser machen könnten. Wir wollen und können diese Menschen nicht verstehen, natürlich nicht. Wir denken, frei nach Katrin Göring-Eckardt, so etwas macht man nicht, bloß, weil der Bus nicht kommt.

Diesen Tobias aber, der als Nazi vor uns steht, haben wir zwei Stunden zuvor als niedlichen Schulanfänger ins Herz geschlossen. Seine Eltern träumten davon, ein Leben wie im Westen zu führen. Es gibt ein eigenes Zimmer für ihn und seinen großen Bruder Philipp. Und eine große Zuckertüte. Alles soll neu und schön werden, eine blühende Bausparkassenlandschaft.

mitderfaust 3 560 fotosebastianhoppe uAuf ideologischen Abwegen: Daniel Séjourné, Sven Hönig, Tillmann Eckardt, Franziskus Claus © Sebastian Hoppe

In Wahrheit geht es bergab. Ringsherum wird nach und nach alles abgewickelt, was früher Halt gab. Wer kann, geht in den Westen. Wer bleibt, fängt an zu saufen. Und schweigt dieses merkwürdige Schweigen über das Land vor dieser Zeit. In dem Uwe, der auf dem Bau hilft, vielleicht bei der Stasi war. In dem die Leute, wie Dorf-Nazi Menzel (im Gegensatz zum Roman auf der Bühne eine Frau) resümiert, das ganze Leben in einem Job verbracht zu haben. So etwas kann sich heute keiner mehr vorstellen. In einer Zeit, in der alles anders, aber scheinbar nichts gut wird.

Die Eltern von Tobi und Philipp trennen sich, das Haus wird zwangsversteigert. Uwe, von seiner Frau verlassen, nimmt sich das Leben, und Schritt für Schritt landen zunächst beide Brüder bei den Nazis. So schrecklich das ist, es wirkt irgendwie auch folgerichtig. Die tun was, die tun so, als wüssten sie – im Gegensatz zu den Eltern und den Großeltern - wo es lang geht. Die haben Bier und Schnaps dabei und, wie Ursula Hobmair als Menzel, ein großes Maul, das Jungs wie Tobi und Philipp beeindruckt. Mit kleinen Mutproben fängt es an, ein bisschen Feuerwerk. Dann verprügelt man einige Sorben, von denen es heißt, sie hätten viel Geld, und als die Flüchtlinge kommen, sind die der neue Feind. Der bekämpft werden muss, auch mit Gewalt.

Von Rettung keine Spur

Man wünscht sich als Zuschauer an diesem Abend oft, dass vielleicht doch noch eine Rettung möglich ist, dass ein Nathan aus den Kulissen kommt oder der Opa die entfesselten Buben zurück auf den richtigen Weg führt. Nichts von all dem. Nathan kam nicht bis Neschwitz, und der Opa ist schweigend gestorben. Für Tobi und seine Kumpels gibt es keine Rettung. Die Schule wird brennen. Immerhin ist Philipp, Tobis älterer Bruder, der Bande entkommen, hat sich ihr entzogen. Warum wird einer ein Nazi und ein anderer nicht? Lukas Rietzschel bietet keine Lösung an. Die Inszenierung lässt immerhin einen der Nazis, Ramon, angewidert von der eigenen Verblendung die Szene verlassen. Ein Happy End sieht anders aus. Und nun? Was nun?

mitderfaust 5 560 fotosebastianhoppe uBrutalität statt Bausparkassenidyll: Daniel Séjourné, Ingo Tomi, Ursula Hobmair© Sebastian Hoppe

Zunächst die Inszenierung von Liesbeth Coltof anschauen und darüber reden! Eine Inszenierung, deren Größe es ist, diese schwer aushaltbare Geschichte wirken zu lassen. Die nicht belehrt, die traurige und ruhige Momente ebenso hat wie laute und brutale. Die Tobias und Philipp und ihren Freunden manchmal sogar, obwohl ihr Tun das Gegenteil von komisch ist, dieselbe Naivität wie den Jungs in "Tschick" zugesteht. Die es schafft, auf einer simplen, wie eine frisch planierte Tagebaulandschaft aussehenden Bühne mit einfachen Mitteln das ganze Dorf Neschwitz zum Leben zu erwecken. Die dezent Toncollagen von Pegida-Demos und geschickt mehrere Leinwände einsetzt, auf denen wahlweise die zwei Brüder, die alte DDR-Industriekulisse und Videos von weiteren Handlungsräumen zu sehen sind.

Die es mittels erzählender Passagen schafft, auch den Roman auf der Bühne zu spüren, obwohl man manche der knappen, poetischen Rietzschel-Sätze den Jungs eigentlich nicht abnehmen kann. Dass sie zu Recht bejubelt wird, verdankt sie den sieben Schauspielern auf der Bühne, allen voran Tillmann Eckardt und Daniel Séjourné als Tobi und Philipp, die bereit waren, sich eben nicht über ihre Figuren zu erheben. Und gerade dadurch Einblick geben in eine Lebenswirklichkeit, die sprachlos macht. Und ratlos leider auch.

 

Mit der Faust in die Welt schlagen
Nach dem Roman von Lukas Rietzschel. In einer Spielfassung von Lukas Rietzschel, Liesbeth Coltof und Julia Weinreich.
Regie: Liesbeth Coltof. Bühne: Guus van Geffen. Kostüme: Carly Everaert. Musik: Vredeber Albrecht. Licht: Andreas Barkleit. Dramaturgie: Julia Weinreich.
Mit: Tillmann Eckardt. Daniel Séjourné. Ingo Tomi. Betty Freudenberg. Sven Hönig. Ursula Hobmair. Franziskus Claus.
Premiere am 13. September 2019
Dauer: 2 Stunden 40 Minuten, eine Pause

www.staatsschauspiel-dresden.de

 

Kritikenrundschau

"Fast eine Stunde lang leidet der Dresdner Spielzeitauftakt unter den gleichen Problemen wie die meisten Roman-Adaptionen. Viele erzählende und berichtende Passagen statt Szene, der Rest steht am Rand und hört zu", schreibt Michael Bartsch in der taz (17.9.2019). "Wo bleibt das Aufschreckende, fragt man sich zeitweise." Wie in manchem Nazi-Stück wird am Schluss auch ein gewisser Sog der Bürgerlichkeit spürbar. Fazit: "Zumindest eine Halbzeit lang ist in Dresden eine treffende Schilderung der Szene zu erleben. Schlüsse muss man selber ziehen."

Das Problem dieses Theaterabends liege an vielen Stellen schon in Rietzschels Vorlage. „Die Biografie wirkt schematisch und die Figuren geraten zur reinen Staffage“, so Thilo Sauer vom Deutschlandfunk (15.9.2019). "Es kann als Unart angesehen werden, den 'Roman der Stunde' immer umgehend auf die Bühne zu bringen", wird der Rezensent grundsätzlich. "Vor allem, wenn er keine theatralen Qualitäten besitzt und zum Aufsagetheater verkommt: Die beiden Hauptdarsteller Tillmann Eckhardt und Daniel Sejourne stehen auf der Bühne und sprechen den Prosatext wenig überzeugend ins Publikum." Insgesamt bleibe die Produktion zu sehr dem Roman verhaftet.

"Leider ist es eine bloße Strichfassung geworden, fehlen Drama und Lebendigkeit auch weitestgehend in der Umsetzung durch Regisseurin Lisbeth Coltof", bedauert auch Tobias Prüwer in der Freien Presse (15.9.2019). Wenig Dialogisches sei zu erleben, dafür innere Monologe, Beschreibungen statt Dargestelltem. "Damit krankt der Abend an etwas Zeittypischen im aktuellen Theater: Immer wieder ist bei Literaturadaptionen zu erleben, dass sie von dramatischem Spiel in eine Art statisches Aufsagetheater kippen." Der Abend hinterlasse den Eindruck, "eine Abkürzung zur Buchlektüre zu sein, statt emotional zu packen und zu berühren, die Gemüter durchzuschütteln und gern auch mit Fragen im Kopf zu verabschieden".

 

 
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