Als gäbe es ein Morgen

von Jens Fischer

Hannover, 15. September 2019. In lähmender Ereignislosigkeit sediert der Schmerz zerborstener Träume eine überflüssige, sich selbst überdrüssige Ratlosigkeitsgesellschaft in schwer lastende Melancholie; Menschen verzweifeln im Müßiggang an der Sinn- und Orientierungslosigkeit ihres Daseins und im trägen Groove ewiger Langeweile schaut die Inszenierung beim Warten und Vergehen der Zeit zu. Gegen diese Tschechowregie-Konvention versucht sich Stephan Kimmig an "Platonow". Hinter einer in den Zuschauerraum gezogenen Veranda startet das Ensemble hochzeitsfidel in den Abend und zeigt, wie zeitlos modern die Figuren sind, leiden sie doch mehr am individuellen Menschsein denn an politischen Verhältnissen.

Wer geht mit wem nach Hause?

Alle tanzen erstmal nur für sich, das Stampfen, Zucken und kurzfristige Umarmen deutet aber an, hier soll heute noch was gehen. Es tobt auch später nicht nur verbal der Wunsch, das Gefühl innerer Leere durch etwas anderes als das ständig eingeforderte Essen zu überwinden. Mit Glaube, Liebe, Hoffnung könnte nochmal Tatendrang befruchtet werden. Wie zum Beweis stürmt das Ensemble überfallartig ins Publikum und behauptet gute Laune. Aber Widersprüche werden gleich mitgespielt. Der grotesk glückliche Bräutigam Georg (Nikolai Gemel) bemerkt nicht die zweifelsanfte Distanz seiner Angetrauten Sofia (Seyneb Saleh).

Das Publikum wiederum bemerkt sehr bald, dass die Party ein Spielfeld emotionaler Nöte und Missverständnisse ist. Als die einsamkeitswund zugeschminkte Unternehmerin Polina (Irene Kugler) dem Gutsbesitzer Anton (Lukas Holzhausen) sexwillig am Bart herumzupft, sagt er: "Du hast etwas Aufregendes an dir" – und wendet sich ab. Ärztin Niko (Anja Herden) will sich derweil nochmal in jemanden verbeißen und verlieren, schwärmt diesbezüglich ein zitterndes Jüngelchen an, das auch andere Frauen beschnüffeln, sich dann aber Platonowa an den Hals wirft, die gerade mit ihrer Frau Sascha hereinschneit.

Platonowa5 560 katrin ribbe uKalt, modern und teuer: Das Hannoveraner Ensemble spielt im Bühnenbild von Katja Haß © Katrin Ribbe

Der sonst häufig als sympathisch verbummelter Womanizer inszenierte Dorfschullehrer ist bei Kimmig eine Frau. Einerseits weil das Schauspiel programmatisch genauso viele Männer wie Frauen im Ensemble hat und die müssen halt besetzt werden, obwohl gerade klassische Werke wie die Tschechows deutlich mehr Männer- als Frauenrollen aufweisen. Andererseits soll es unter dem Motto "neue Narration" selbstverständlich sein, so Chefdramaturgin Nora Khuon bei der Spielzeit-PK, dass Typinnen Typen spielen.

Das bedeutet für Platonowa, weitere Rollen müssen durch die Besetzung gegendert werden, damit die amourös umtriebige Titelfigur nicht nur Frauen wie im Original, jetzt also lesbische Partnerinnen betrügt, sondern auch erotische Vielfalt auskosten kann. Das generiert den Paar-Konstellationen eine frische Aufmerksamkeit, hat inhaltlich aber kaum Auswirkungen. Auch im recht freien Umgang mit der Übersetzung von Thomas Brasch erweisen sich die Dialoge als nicht sonderlich geschlechtsspezifisch formuliert und die lebensphilosophischen Fragestellungen sind eh genderunabhängig.

Wo die Liebe hinfällt

Viktoria Miknevichs Titelfigur kommt im toughen Managerin-Outfit mit täuschend stolzen Catwalk-Bewegungen daher. Aber schon bei der ersten Einlassung, eine Hass-Expertise in Sachen Vater-Tochter-Beziehung, nässen Tränen ihre Wangen. Und es bleibt feucht, wenn sie von ihrem trüben, kleinen, biederen Leben erzählt. Denn sie startete als Studentin ganz anders durch, genialisch querdenkend als anarchistisch gestimmte Revoluzzerin. Sich zufrieden geben wollen – sei ihr neues Motto, behauptet Platonowa betont phlegmatisch, schwingt sich aber immer wieder zur zynischen Allesdurchschauerin auf, die in ihrem Selbstekel die alten Parolen nochmal raushaut – alle Unternehmer, "abknallen sollte man die" – und im harschen Tonfall die Lebenslügen, Illusionen und Irrtümer der anderen Hochzeitsgäste mit Spott überzieht.

Was viele anziehend finden, aber diese Lust an der Zerstörung gesellschaftlicher Maskeraden mit dem Wunsch nach Aufbruch verwechseln. So wird Platonowa zur Projektionsfläche für die Sehnsüchte ihrer Geliebten wie auch Sündenbock ihres Scheiterns. Eine falsche Hoffnung ist sie.

Platonowa1 560 katrin ribbe uSie küssen und sie schlagen sich: Viktoria Miknevich als Platonowa mit Seyneb Saleh als Sofia © Katrin Ribbe

Als Gregor, Anton und Sofia ihr das, was sie Liebe nennen, zu Füßen legen, kullern erneut Tränen – paradoxerweise weil Platonowa das eben alles nicht erwidern kann, weil sie sich mit ihren Idealen auch die Gefühle aus dem Leib gerissen zu haben scheint.

Der Tag danach

Irgendwann ist die Party vorbei. Katermorgen. Hier noch ein herausgelallter, unbeantworteter Heiratsantrag, dort eine unerwiderte Zuneigungsbekundung sowie zum Erbarmen hilflose Versuche des Bräutigams, seine Frau zurückzuerobern. Alle bis auf die Titelheldin sind noch restalkoholisiert, aber total ernüchtert: Hier geht doch nichts mehr. Platonowa muss ihr Happy End darin finden, erschossen, also erlöst zu werden. Auch ihr Gegenentwurf, die kleinkriminelle Außenseiterin Natalie, überlebt nicht. Wird eher zufällig erstochen, nachdem sie als wahrhaft naiv geradeaus Liebende ihren Anton in einem Ringkampf umgarnt und fortgesetzt strahlend hofiert hat, bis sie erkennen muss: Auch er will nur Platonowa.

Kimmig bastelt aus all dem ein Seelenpanorama europäischer Wohlstandsmenschen. Sie wollen zurück in eine Zeit, in der man sich noch für die Liebe umbrachte, kommen aber nicht vom Fleck. Während die coolen Kapitalisten vollends die Macht und das Platonowa-Gut übernehmen. Gefeiert wird ein psychologisch präzise ausgearbeiteter Abend – bürgerliches Repräsentationstheater in elegischer Solidität.

 

Platonowa
nach "Platonow" von Anton Tschechow
Deutsch von Thomas Brasch
Regie: Stephan Kimmig; Bühne: Katja Haß; Kostüme: Anja Rabes; Musik: Michael Verhovec; Dramaturgie: Hannes Oppermann.
Mit: Viktoria Miknevich, Tabitha Frehner, Lukas Holzhausen, Nikolai Gemel, Seyneb Saleh, Wolf List, Anja Herden, Nils Rovira-Muñoz, Irene Kugler, Katherina Sattler, Mohamed Achour, Nicolas Matthews und Amelle Schwerk.
Premiere am 15. September 2019
Spieldauer: 2 Stunden 50 Minuten, eine Pause

www.staatstheater-hannover.de

 

Kritikenrundschau

Kimmig bilde Gesellschaft ab, und er bilde das neue Ensemble ab, das diverser und paritätischer besetzt sei denn je, schreibt Stefan Gohlisch in der Neuen Presse (17.9.2019). Lumpenproletariat treffe hier neue Prolls mit neuem Geld, herein platze die allseits bewunderte Platonowa, "Exzess und Katzenjammer nehmen ihren Lauf". Was tatsächlich aufgehe sei der neue Blickwinkel durch den Geschlechtertausch. Fazit: "Kimmig zeichne präzise eine müde Gesellschaft, die ihre Seele verloren hat."

Platonow als Frau? "Warum auch nicht. Hauptsache, es erscheint echt und nachvollziehbar. Und das tut es hier. Meistens", schreibt Ronald Meyer-Arlt in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (16.9.2019). Das Problem sei allerdings, dass man als Zuschauer schon ins Schleudern komme: Wer ist jetzt wer und will was warum von wem? Oft hüpfen die Darsteller ins Parkett. "Es ist wie ein Schrei nach Nähe." Oft will sich diese auch einstellen. Der Star des Abends sei Anja Herden als Ärztin, "sie zeigt einen satten Menschen, den doch der Hunger treibt - und stößt damit geradewegs ins Herz von Tschechows Dramen".

"Stephan Kimmig mag sich wie neu erfunden gefühlt haben im Kreise dieses so unerhört jungen, frischen und frechen Ensembles, das ihm mit der durchaus spektakulären und riskanten Idee von Tschechows 'Platonow' als Frau nichts weniger als einen Triumph beschert hat", lobt Michael Laages im Deutschlandfunk (16.9.2019). Die verrückte Einstiegs-Idee treibe Szene um Szene ins Furioso eines Feuerwerks. Das Verrückteste aber an dieser Ver-Rückung der Geschlechter sei, "dass sich schon nach kurzer Zeit kaum jemand mehr ernstlich dafür interessieren wird, wer hier gerade in welcher Geschlechterrolle über die Bühne tobt". Das sei das Ziel der Inszenierung: "jede vertraute Zuordnung von Geschlechterrollen aufzuheben; nur Menschen zu zeigen, die abendfüllend nicht zurechtkommen mit den Herausforderungen, die nun mal die Tatsache mit sich bringt, dass Jeder und Jede besessen ist von Gefühlen und niemand die wirklich im Griff hat, niemand ihnen entkommt."

 

 

 
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