Erschießt eure Männer!

von Simone Kaempf

Berlin, 15. September 2019. Der Funke springt dann doch noch. Spät allerdings. Zum Greifen nah ist da schon der Verzweiflungs-Suizid Anna Kareninas, eines der Frauenschicksale des Literaturkanons, dessen Ende man zu kennen meint. In Handfesseln sitzt diese Karenina nun auf der Bühne des Maxim Gorki Theaters, ungebrochen aufrecht gespielt von Lea Draeger, doch die Tanzball-Frisur hängt in Strähnen, der Lippenstift ist verschmiert. Man weiß ja, dass sie keinen Ausweg mehr kennt und sich gleich vor den Zug auf die Gleise wirft. Und mehrere Gleise kreuzen sich hochsymbolisch im Bühnenbild dieses Abends, der "Anna Karenina" und Dostojewskis Brief-Erzählung "Arme Leute" zusammenspinnt. Alles andere als der altbekannte tödliche Ausgang scheint einem kurz vor Schluss völlig abwegig zu sein.

Aufstand statt Selbstmord

Es kommt aber doch ganz anders, eine überraschende Wendung, wenn auch keine überzeugende. Aus Dostojewski entsprungen, taucht auf der Bühne noch einmal die verarmte und verstoßene Hinterhofbewohnerin Warwara auf. Statt weiter zu verzweifeln, ruft sie die Revolution aus, verteilt Pistolen und dreht mit voller Kraft den Spieß um. Als Gefangene stehen nun die adligen Männer da. Wronski & Co. werden im Selbstjustiz-Schnellverfahren niedergestreckt von ihren Frauen, die Warwara zum Aufstand anstachelt.

annakarenina3 560 c ute langkafel maifoto Till Wonka Lea Draeger uDie Revolution ist weiblich: Till Wonka, Abak Safaei-Rad, Lea Draeger, Hanh Mai Thi Tran © Ute Langkafel / Maifoto

Das ist schon eine ziemliche Überraschung und eine Volte, die doch wach macht an einem Abend, der zuvor zweieinhalb Stunden fast pflichtgemäß abschnurrt, über weite Strecken im Salonkonversationston. Es ist aber auch dick aufgetragen, denn die Revolution ist hier weniger eine Frage der sozialen Gerechtigkeit als eine der Geschlechter-Emanzipation.

Die Frau in der Revolte

Die Revolutionärin wird zur feministischen Rächerin, die blinden Gehorsam fordert: Erschießt eure Männer, sonst werdet ihr selber erschossen, so ihr Aufruf. Nichts dreht sich mehr um die missliche Lage, die Armut, das ganze Bündel Gefühlsverwirrungen und gesellschaftliche Zwänge, das vorher jeder als Ballast mit sich trug.

Oliver Frljić und der Dramaturg Ludwig Haugk haben in ihrer Spielfassung Tolstois und Dostojewskis literarische Vorlagen zusammengeführt und damit Figuren aus zwei sozialen Klassen: hier die privilegierte höhere Gesellschaft mit ihren Zwängen, dort Dostojewskis Leidende, deren prekäre Lage nicht minder in ihre Sehnsüchte, Moral und Liebesbeziehungen dringt. Viel Stoff ist das, viel Konversation. Schlaglichtartig erzählt der Abend die Handlungsstränge, von vielen Szenen bleiben nur Fragmente übrig oder vereinzelte Requisiten.

Fragmentierte Klassiker

Jonas Dassler als Lewin schlittert etwa auf Eisbrocken über die Bühne in einer Szene, die im Roman auf der Eisbahn spielt. Oder es werden Brotlaibe ausgeschüttet, wenn von Hungersnot und Armut die Rede ist. An den Kostümen lässt sich sofort absehen, wer hier wer ist: Baumwollkleid und große Strickjacke für die unten, mattgoldene Anzüge und historisch angehauchte Brokatstoffe für die Feudalgesellschaft. Auf Draisinen aufgebaute kleine Spielflächen rollen immer wieder nach vorne. Bühnen- und Kostümbildner zeigen für die große bühnenfüllende Inszenierung ein gutes Händchen, alles wirkt wie aus einem Guss.

annakarenina1 560 c ute langkafel maifoto Abak Safaei Rad Lea Draeger Hanh Mai Thi Tran uAuch Putin muss dran glauben: Abak Safaei Rad, Lea Draeger, Hanh Mai Thi Tran © Ute Langkafel / Maifoto

Auf die Sprünge hilft das dem Abend jedoch nicht. Der erste Teil bleibt zu brav an den literarischen Vorlagen. Der zweite Teil zielt mit dem Aufstand von unten diffus in die Gegenwart. Mit unerwarteten Ausbrüchen hat Frljić an anderen Abenden große Sprengkraft entwickelt, hier verpufft der Überraschungseffekt schnell. An der Schauspielerin Anastasia Gubareva liegt es nicht, dass man den Schritt in die Revolution nicht abnimmt. Sie findet einen ganz eigenen Ton zwischen schwelgerisch und ernst. Ein riesengroßes Putin-Porträt durchläuft sie am Ende und zerreißt das Papier, das in Fetzen aus dem Goldrahmen hängt. Ein schönes Schlussbild mit Sendungsbewusstsein. Aber ein Aufstand, den man nicht zusammen bekommt mit der eigentlichen Inszenierung. Die bleibt so eng an der literarischen Vorlage, dass der Fingerzeig in die echte politische Gegenwart viel zu künstlich bleibt und am Ende nicht zünden kann.

 

Anna Karenina oder Arme Leute
nach Lew Tolstoi und Fjodor Dostojewski in einer Fassung von Oliver Frljić und Ludwig Haugk
Regie: Oliver Frljić, Bühne: Igor Pauška, Kostüme: Sandra Dekanić, Livemusik: Daniel Regenberg, Dramaturgie: Johannes Kirsten, Mitarbeit Textfassung: Maike Müller, Johannes Kirsten.
Mit: Emre Aksızoğlu, Jonas Dassler, Lea Draeger, Anastasia Gubareva, Abak Safaei-Rad, Hanh Mai Thi Tran, Taner Şahintürk, Falilou Seck, Till Wonka, Mehmet Yılmaz.
Premiere am 15. September 2019
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.gorki.de

 


Kritikenrundschau

Oliver Frljić dreht das Finale seiner "Anna Karenina" aggressiv um, schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (17.9.2019). Das sei eine zweifache Umkehrung, denn für die individuellen Seelenergießungen finde die Inszenierung eine kollektiv-bolschewistische Antwort. "Die Inszenierung nimmt viel Anlauf zu diesem Ideologie-Trash im Finale der Grausamkeit." In den ersten zwei Stunden arbeite sich Frljić brav durch die Höhepunkte des Tolstoi-Romans, und "auch für plakative Zeichen ist sich die Ausstattung nicht zu schade. Die Reichen sind in Gold wie in Panzer gewandet, der Gatte Anna Kareninas schützt sich vor der eigenen Seelenverkühlung mit einem dickem Pelz." Eher mechanisch sorgen die einmontierten Passagen aus Dostojewskis Roman "Arme Leute" für den Kontrast einer verzweifelten Liebesgeschichte in der russischen Elendsschicht.

Die literarisch so sauber getrennten Sphären krachen gegeneinander, schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (17.9.2019). "Der Klassenkampf wird nicht nur als Kulturrevolution ausgetragen, aber auch als Befreiungsschlacht der Frauen. Es knallen Schüsse, und es bleiben nicht viele Figuren übrig." Frljic lasse dramaturgisch nichts anbrennen. "Die Adeligen tragen goldene Anzüge und Reifrockroben und latschen auf Brotlaiben herum, auf die sich die ausgehungerten und abgerissenen Unterschichtler stürzen." Wenn wir uns bei Tolstoi befinden, wird ein Flügel aus dem Schnürboden gelassen, und Daniel Regenberg spielt Schubert. Wenn die "Armen Leute" zugange sind, höre man ein unheilvolles Ticken. "Am ehesten funktionieren die Eheszenen, weil sich allein durch die Anwesenheit des Kinderdarstellers zwingende Spielsituationen ergeben, die die Identifikationsfähigkeit ansprechen." Fazit: Mit etwas mehr Konsequenz hätte Warwara auch uns Zuschauer erschießen müssen, um endlich eine neue Kultur zu etablieren. Zumindest die Männer

Oliver Frljić inszeniere die Romanstoffe über lange Zeit "überraschend brav und farblos", berichtet Fabian Wallmeier für rbb|24 (16.9.2019). Nach der Pause aber gewinne der Abend doch noch "konfrontative Schärfe". Mit verschiedenen Wendungen bis hin zur Geschlechterfrage habe Frljić "endlich den Dreh gefunden, um den beiden Stoffen mit seinen typischen Schockmitteln Provokantes und Diskussionswürdiges abzuringen. Schade, dass der Weg zu dieser spannenden, spaßigen letzten Dreiviertelstunde für das Publikum erst einmal durch eindreiviertel Stunden voller Belanglosigkeit führt."

"In 'Anna Karenina oder Arme Leute' leidet die russische Oberschicht bis zur Pause derart stereotyp in Goldanzügen und Spitzenroben an ihrem (Liebes-)Leben, als wolle sie noch den plattesten Historienschinken ausstechen", schreibt Christine Wahl im Tagesspiegel (19.9.2019). "Der Bruch in der braven Inszenierung kommt spät, dafür aber auch auf besonders abwegige Weise originell." In der letzten Stunde sei so immerhin viel los auf der Bühne: "Revolutionstrash statt Historienschinken".

 

 

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Kommentare

Kommentare  
#1 Anna Karenina/Arme Leute, Berlin: HolzhammerKonrad Kögler 2019-09-16 09:11
In den ersten knapp zwei Stunden reibt man sich die Augen: Kurz wird eine Szene aus „Arme Leute“ angespielt. Soll diese müde Roman-Nacherzählung wirklich von dem kroatischen Regisseur stammen, der im Marstall des Münchner Residenztheaters mit aufwühlenden, mutigen, gegenwartssatten Abenden wie „Balkan macht frei“ und „Mauser“ begeisterte?

Lang und länger zieht sich die erste Hälfte, hie und da wird noch mal ein Schnipsel Dostojewski oder ein Tolstoi-Fremdtext eingebaut. Am ehesten kann noch Lea Draeger als leidende Titelheldin punkten. Gorki-Jungstar Jonas Dassler, der sonst fast jeden Abend im Alleingang rocken kann, wird in eine Knallchargen-Nebenrolle abgeschoben und ist die größte Enttäuschung der faden ersten Hälfte. Dementsprechend heruntergezogen waren viele Mundwinkel bei den Pausengesprächen.

In der letzten Stunde holt Frljić zum Plottwist aus, allerdings nicht mit dem Florett, sondern mit dem marxistisch-leninistisch geschulten Holzhammer. Der Adel findet sich plötzlich gefesselt und in Unterhosen in Sibirien wieder. Anastasia Gubareva als Warwara und Stimme des Proletariats hat das Heft des Handelns in die Hand genommen und ruft zur feministischen Revolution auf.

Die Botschaft, die Frljić mit dieser Historienroman-Übermalung und Heiner Müller-Fremdtexten vermitteln will, ist klar: Innerhalb des Kapitalismus gibt es kein „richtiges Leben im Falschen“. Die sozialen und ökonomischen Ketten müssen gesprengt, das Privateigentum abgeschafft werden, erklärt der Regisseur im Programmheft-Interview. Frei nach Brecht: „Erst kommt das Fressen, dann die Liebe.“

Frljić ist für seine provozierenden Thesen und seine Lust an der Polemik bekannt. Zum Glück sind ihm schon überzeugendere Arbeiten als diese Roman-Adaption gelungen, die sich erst einen Spaß daraus macht, sich gemächlich dahinzuschleppen, um das Publikum auf falsche Fährten zu locken, und dann mit dem Lehrstück-Holzhammer ausholt.

Komplette Kritik: daskulturblog.com/2019/09/15/anna-karenina-oder-arme-leute-gorki-theater-kritik/
#2 Anna Karenina/Arme Leute, Berlin: Frljić-BilderSascha Krieger 2019-09-21 11:34
(...) Die dramaturgische Brillanz, mit der Frljić die Geschichten und Schicksale und Figuren buchstäblich aus dem Dunkel der literarischen Erinnerung auftauchen und in ihr verschwinden lässt, gefangen in einem Zwischenreich aus Historie und Kunst, Realität und Erfindung, kann trotz mancher Längen vor der Pause durchaus überzeugen. Und deutet zuletzt gar an, wie sich die Sphären womöglich verknüpfen ließen, wie Leben in die Kunst dringt und letztere ersteres weitertransportieren kann. Bis auf diese Bühne.

Und welche Kraft das entwickeln könnte, zeigt sich in der Szene des Pferderennens, als die Oberklassen-Zyniker, angeführt von einem jeglicher Sympathiewerte beraubten Wronski, gespielt von Taner Şahintürk, die Dostojewski-Figuren als Pferde durch die Gleis-Arena treiben, bis zu Erschöpfung und darüber hinaus. Ein echtes Frljić-Bild, klar in der Aussage, drastisch, eine Einladung zum Wegschauen, das den Zuschauer auf seine eigene voyeuristische, Ungerechtigekiten in der realen welt zulassende Rolle zurückwirft. Da ist es denn auch nur folgerichtig, dass der Abend nach der Pause eine ganz andere Wendung nimmt. Da verwirft er die wenig Hoffnung spendende Enden der Vorlagen in einer doppelten Volte: Die „armen Leute“ mausern sich – das Papst-Porträt im Hintergrund ist bereits Lenin gewichen – zu Revolutionären, nehmen die Karenins und Wronskis und Lewins gefangen und klaren die Literatur an. Die Darsteller*innen/Figuren werden gezwungen, ihre „Greatest Hits“ nachzuspielen, eine art Exorzismus der bourgeoisen Überlieferung, der Ruf nach einem Neuanfang, dem sich die Literatur verweigert. Denn auch fragmentarisiert, angstschlotternd, bewahren sie, bewahren ihre Texte Würde und Gültigkeit, Universalität und Individualität.

Was Anastasia Gubarewa als Warware zum nächsten Schritt bringt: Aus dem Klassen- wird ein Genderkampf. Den Loyalitätskonflikt zwischen ihrer Klassen- und ihrer Genderidentität jonglierend, entscheidet sie sich für letztere, inspiriert ihre adligen Genossinnen nicht nur zur blutigen Abrechnung mit dem Patriarchat, sondern führt diese selbst weiter in die post-revolutionäre Restauration der alten Verhältnisse, symbolisiert vom pelztragenden Ex-Revolutionär, der die knechtende Funktion der Ehe wiederentdeckt, und dem Putin-Porträt an der Rückwand – die den Abend beide nicht überleben werden. Das Thema der Unterdrückung der Frau ist in beiden Romanen angelegt, aber dort als gesellschaftliche Normalität kaum hinterfragt. Daran krankt auch der erste Teil des Abends, der die Sicht der Autoren zu oft übernimmt, ohne sie zur Diskussion zu stellen. So kommt die finale Volte – ganz in Frljićs Sinn – recht überraschen, wirkt aber eben auch wie ein Fremdkörper in einer Inszenierung, deren Gleise ganz woanders hinzuführen schienen. Während also der Regisseur am Schluss sein eigenes theatrales Gebilde durchaus wirkungsvoll aufbricht und subversiv in tausend Stücke zerschießt, fehlt ihm ein stabiles Fundament, auf dem sich dieses Interpretationsangebot auf den Beinen halten könnte. So überwiegt der Effekt ein wenig die Substanz, auch wenn sich im Vorangegangenen manches findet, das vom Ende ausgehende Denkbewegungen ermöglicht. Die finden nach dem Schlussapplaus statt, was nicht gegen die Intention Frljićs spricht. was bleibt, sind Einzelteile, die nicht zusammenpassen, für sich aber durchaus funktionieren, eine gewisse Unwucht zu Ungunsten Dostojewskis und ein nicht fertig wirkender Nachdenkprozess über die Weiterwirkung der in den Vorlagen zutage tretenden Ungleichheiten in unsere Zeit. Ein Work in Progress.

Komplette Rezension: stagescreen.wordpress.com/2019/09/21/auf-dem-holzgleis/

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