Der kleine Banksy-Moment

von Frauke Adrians

Berlin, 19. September 2019. Gesucht: ein Street-Art-Künstler. Er malt die angesagtesten Sachen, irgendwas mit "Schmerzkörpern", total existenzialistisches Zeug, das sich dann auch noch nach kurzer Zeit von den Mauern ab- und in Luft auflöst. Unwiederbringlich, unverkäuflich. Klar, dass so was jede Journalistin und jeden Kunsthändler anstachelt, erst recht, wenn sie nicht wissen, wer sich hinter dem Künstlernamen Samo verbirgt. Ein zweiter Banksy? Als sie ihn aufstöbern in seinem Versteck, ist es vorbei mit der Anonymität und, wir ahnen es, bald auch mit der Kunst. Nebenbei: Samo (Jean-Philippe Adabra) ist schwarz, Vorfahren von ihm lebten in Simbabwe.

Jagd auf den Starkünstler

Dass Hautfarbe und Abstammung tatsächlich nur Nebensache sind in Toks Körners Kurzstück "Aesthetics of Color", ist das eigentlich Verwunderliche. Titel und Programmhefttext zur Uraufführung im Ballhaus Naunynstraße verheißen etwas anderes, und so wird der Zuschauer die Vermutung nicht los, dass der Stückautor und Regisseur sein ursprünglich avisiertes Thema ziemlich aus den Augen verloren hat. Verständlich, denn es macht wohl jedem Autor und Regie-Debütanten Spaß, erst mal ein paar Klischeefiguren auf die Theaterbühne zu stellen: Die Journalistin (Anja Pahl) giert nach einer heißen Story für ihr Magazin "Kunst und Kapital", der Geschäftemacher (Johannes Suhm) giert nach Geld, das sich mit Kunst machen lässt. Aber derartige Typen würden jeden Starkünstler – egal welcher Hautfarbe – jagen, aufspüren und ausbeuten. Was macht die Situation schwarzer Künstler in einer, wie es im Programmheft heißt, "geweißten Kunstwelt" so besonders?

AestheticsofColor 4 560 Ze de Paiva uKunst und / oder Kapital: Johannes Suhm, Fernanda Santana, Jean-Philippe Adabra © Zé de Paiva

Das Stück beschäftigt sich damit kaum. Es streut ein bisschen Alltagsrassismus in die Dialoge ("Sie sprechen aber gut Deutsch", sagt die Weiße dem Schwarzen), aber im Grunde ist die Deformation der Kunst durch das Kapital Thema des Abends, nicht die Lage der "artists of color" am Kunstmarkt und in der -szene. In seiner Holzschnitthaftigkeit wirkt das Stück wie eine Skizze, die erst noch mit Leben gefüllt werden möchte. Die Werke, die Samo erschafft, sind für das Publikum unsichtbar, und auch die Künstlerfigur selbst ist eine Nullstelle.

Erhöhter Erklärungsbedarf

Völlig unerklärt bleibt: Warum sollte ein bislang stets auf seine Anonymität bedachter Künstler sich ausgerechnet der dämlichsten Schreiberlingin und dem windigsten Geschäftsmann offenbaren? Wie käme er dazu, sich von dem skrupel- und kulturlosen Geldscheffler ein Großatelier zur Kunstproduktion einrichten zu lassen? Und warum würde er erst Wochen später merken, dass ein solches Arbeitsumfeld seiner Kreativität eher abträglich ist? Warum sollte er sich dann auch noch breitschlagen lassen, seine "afrikanischen Wurzeln" auszubeuten, indem er auf Wunsch des weißen Kolonialisten- und Großgrundbesitzersprosses ("Ich bin auch aus Simbabwe, wir sind beide Afrikaner!") irgendwelche Ethno-Sachen malt?

AestheticsofColor 3 560 Ze de Paiva uWarum tut er sich das eigentlich an? Jean-Philippe Adabra als Samo © Zé de Paiva

Wahrscheinlich greifen solche Fragen einfach zu hoch; Toks Körner wollte Typen auf die Bühne stellen, Abziehbilder, keine Menschen. Aber die Emotionen, das Gewissen, die Seele, die Samo nicht zeigt, will der Autor und Regisseur dann doch nicht ganz weglassen. Er lagert sie in die Gestalt einer Tänzerin (Fernanda Santana) aus: Sie stellt sich zwischen den Künstler und die Fieslinge, sie zerrt die korrumpierende Geldtasche aus seiner Reichweite, windet und verbiegt sich stellvertretend für ihn, um dann doch stolz und mit geradem Rücken vom Platz zu gehen, sicheren Schrittes, auch wenn der Boden mit schwerer brauner Erde bedeckt ist. Ein schönes Bild, nur macht es die Figur Samo, die gern große prophetische Sätze spricht und doch seltsam willenlos bleibt, nicht glaubwürdiger.

Einen kleinen Banksy-Moment gönnt Körner seinem Kammerspiel gegen Ende: Als Samo einige seiner Bilder vor Wut zerstört, ist der Kunsthändler entzückt – nun kann er die Trümmer noch teurer verkaufen. Dem zur Hälfte geschredderten "Girl and Balloon" von Banksy erging es 2018 bei Sotheby’s ähnlich. So funktioniert der Kunstmarkt offenbar. Aber so funktioniert er unabhängig davon, ob ein Banksy oder ein Samo schwarz ist oder weiß.

 

Aesthetics of Colour – Ein Kammerspiel (UA)
von Toks Körner
Regie: Toks Körner, Mitarbeit Regie: Julien Enzanza, Lichtdesign: Raquel Rosildete, Bühne: Marian Nketiah, Kostüme: Andreina Vieira dos Santos, Dramaturgie: Jasco Viefhues.
Mit: Jean-Philippe Adabra, Anja Pahl, Fernanda Santana, Johannes Suhm.
Premiere am 19. September 2019
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

ballhausnaunynstrasse.de

 

Kritikenrundschau

"'Aesthetics of Color' ist kein dokumentarischer Text geworden, eher ein parabelhafter", schreibt Patrick Wildermann im Tagesspiegel – und Körner schicke seinen Helden "geradewegs in die Hölle des Hypes." Es gehe ihm "um den Rassismus eines Kunst- und Kulturbetriebs, der schwarze Menschen zwar zulässt (beziehungsweise: vereinnahmt), aber nicht ohne farbliche Markierung. Der das Werk eines Künstlers zu dem eines schwarzen Künstlers macht." Seine Rassismusreflexionen verknüpfe er dabei immer wieder "mit abründig-ironischen Verweisen."

Was den Maler dazu antreibe, sich überhaupt auf den Deal einzulassen, für den windigen Geschäftsmann zu produzieren, erschließe sich in Toks Körners Inszenierung seines eigenen Stückes nicht, findet Katrin Bettina Müller in der taz (24.9.2019) : "Vieles bleibt als Behauptung stehen." Die politischen und sozialen Botschaften allerdings seien so klar wie die Fragen, die sich die Künstler*Innen stellen, danach, wie Unterschiede produziert werden; "allein die Ästhetik sucht noch ihre Form". Der Inhalt stehe im Vordergrund und zeuge damit einmal mehr von dem Bedürfnis, dass diese Geschichten erzählt werden müssen.

 
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