Schöner wär's, wenn's anders wär'

von Christian Rakow

Essen, 14. September 2008. "angekommen in einer landschaft die eigentlich nur leute ausspuckt." Sätze wie diesen schreibt derzeit nur Dirk Laucke. Schnodderig hingerotzt wirken sie und bohren sich doch tief in die Hirnrinde hinein. Mit kunstvollem Straßensound werden hier Polaroids aus den schrumpfenden Plattenbaugegenden Ost präsentiert. Laucke – das ist Sozialrealismus aus dem Geist des Punk, definitiv keine "kopfdiarrhöe", sondern eine der eindrucksvollsten und eigenständigsten Poetiken gegenwärtig.

"Wir sind immer oben", Lauckes neues Stück, zeigt sich als würdiger Nachfolger für "alter ford escort dunkelblau", mit dem er es 2007 auf Anhieb zu den Mülheimer Theatertagen schaffte. Seinerzeit verfolgte man drei Zeitarbeiter aus dem Getränkehandel auf einem ebenso steinigen wie sentimentalen Road Trip nach Legoland. Dieses Mal geht es um die Männerfreundschaft zwischen Sven und Stamm, die in einer Gartenlaube abseits der Innenstadt einen Plattenladen eröffnen wollen. Schildbürgerprojekte mit Niveau.

Zwischen Rock und Anbauwand

In "Wir sind immer oben" liegt ein dunklerer Schatten auf den Häuptern. Sven hat bei einem Diskostreit einen "Fascho" mit einem Pflasterstein getroffen und, wie sich herausstellen wird, tödlich verletzt. Doch bevor er sich am Schluss der Polizei stellen will, bleibt Zeit für Hoffnungen. Mit ihrem Plattenladen bauen sich Sven und Stamm ein Refugium auf, werfen geschickt die Werbemaschine an (Slogan: "Fickt euch. Von Herzen"). Sven beginnt eine Romanze mit der Zeitungsvolontärin Corinna. Und selbst seine desolaten Eltern – Tilo, Ex-Drückerbanden-Chef und Bankrotteur, und Tine, Trinkerin – finden wieder zueinander.

Wie schon bei "alter ford escort dunkelblau" in Osnabrück führt in der Essener Casa Henning Bock Regie. Weniger leicht gelingt ihm hier das Laucke-typische Wechselspiel zwischen lockeren Erzählpassagen und rasanten Dialogen; szenische Einfälle sind rar. In einer Stunde fünfzehn wird die Story ohne große Mucken wegerzählt. Für gute Stimmung sorgt der nach Stückvorgaben eingespielte Punkrock von Ton Steine Scherben bis Surrogat. Auf einer Breitwandbühne (von Ansgar Silies), vor und teilweise auch auf Anbauwänden mit Holzwurmgarantie, in denen CD-Stapel ungeordnet liegen, agieren die Lauckeschen Laubensanierer.

Wesentlich zarter, knabenhafter als vom Text vorgesehen ist Martin Vischer als Sven, ein stabiler Rocker in Jeansweste sein Kompagnon Stamm (Matthias Thömmes). Katja Heinrich erhebt sich mit launiger Mutterweisheit über ihre Rolle als reifere Edelschlampe im Leopardenkleid. Voll weicher Resignation sekundiert ihr Stephan Ullrich als Tilo. Wieso allerdings die Intellektuelle Corinna (Jennifer Lorenz) in Netzstrümpfen, ultrakurzem Jeansrock und Lederjäckchen zur Bordsteinschwalbe herabkostümiert ist, bleibt eines der Rätsel der Inszenierung.

Zum Einbunkern

Mag sein hier sollte derjenigen eins mitgegeben werden, die am Schluss als einzige aus der allgemeinen Solidarität ausschert und egoistisch nach der Zukunft greift. Erst glaubte sie, in der Laube den Kommunismus zu verwirklichen; und dann verkündet sie ganz teamunfähig ihren Abschied, als es ihr misslingt, Sven zur Flucht zu bewegen, weg von Stamm und weg von seiner Familie. Schande über sie! Zum Schluss hockt Sven bei seinen Eltern auf der Hollywood-Schaukel, und Mutter erklärt: "wir bunkern uns ein in eden."

Die glücklosen Projektemacher gefrieren. Dahin sind alle Aus- und Aufstiegsfantasien, die sich mit dem Plattenladen verbanden. Kaputte Menschen stecken im Möchtegern-Idyll. Und unerbittlich hallt einer dieser wunderbar tragikomischen Laucke-Dialoge nach, der diesem Bild voran ging:

SVEN: den kommunismus haste doch gewollt. jetzt musstn auch / zuende leben

CORINNA: den hab ich mir / anders vorgestellt.

SVEN: wie hastn dir vorgestellt. hä. wie hastn / dir vorgestellt.

CORINNA: ohne. einfach ohne.

SVEN: ohne was.

CORRINA: dreck.

SVEN: kuck dir meine nägel an. der wächst von innen nach.


Wir sind immer oben
von Dirk Laucke, Uraufführung
Regie: Henning Bock, Bühne, Ansgar Silies, Kostüme: Katharina Meintke.
Mit: Martin Vischer, Matthias Thömmes, Jennifer Lorenz, Katja Heinrich, Stephan Ullrich

www.theater-essen.de


Mehr
über Dirk Laucke: Stück gegen sich selbst an der Schaubühne Berlin im Rahmen des Uraufführungsprojektes "Deutschlandsaga", Silberhöhe gibts nich mehr am Thalia Theater Halle, alter ford escort dunkelblau am Thalia Theater Hamburg.


Kritikenrundschau

Mit seinem "Respekt vor den Unangepassten, der Lust an der Pointe, dem poetischen Flirren, das plötzlich neue Assoziationsebenen aufreißt", erinnert Dirk Laucke den Kritiker Stefan Keim in der Frankfurter Rundschau (18.9.2008) sogar an Ödön von Horváth. Es sei seltsam, dass "dieser junge Dramatiker, dessen Stücke so viel Leben spiegeln, nicht häufiger an kleineren und mittleren Theatern gespielt werde. "Er schreibt mit der sozialen Genauigkeit und sprachlichen Schärfe, die von vielen Dramaturgen seit Jahren gefordert wird." Auch in diesem Stück besticht der junge Dramatiker Keim damit, wie er "coole Sprüche und deftigen Slang" zu einer "faszinierenden sprachlichen Mischung aus Authentizität und Poesie" verbinden kann.

Skeptische Zwischentöne hat die Kritik von Vasco Boenisch in der Süddeutschen Zeitung (18.9.2008). In "seinem Prekariatsidiom aus Ost-Slang und Satzkrüppeln" werfe Laucke ein "kunstvolles, liebevolles" "Schlaglicht auf die im Dunkeln". Und zwar mit "viel Galgenhumor" der aber aus Boenischs Sicht auch "die Gefahr birgt, in pittoreske Milieuromantik abzudriften". Ein Eindruck, der sich für ihn insofern verschärft, "da Härte und Hilflosigkeit bei den drei jungen Hauptdarstellern recht einstudiert wirken." Es gehe um Lebensentwürfe und -zerwürfnisse, deren Trostlosigkeit der von viel Musik umspülte Abend dann aber "schnell und zunehmend eindringlich begegnet". 'Wir sin immer oben. Und wenn wir unten sind is unten oben', zitiere Laucke den gestrauchelten Boxer René Weller. "Eine Selbstgenügsamkeit, die Corinna schließlich das Weite suchen lässt. Leise quietscht die Hollywoodschaukel unter dem Gewicht der Gescheiterten."

Dirk Laucke zeige, so Ulrike Gondorf, in der FAZIT-Sendung von Deutschlandradio Kultur (14.9.2008), "wie viel Kraft und Phantasie, wie viel Mut und Energie, wie viel Humor und Zärtlichkeit da glimmen" unter den "Abgehängten und Ausgegrenzten", "die am Rand der Gesellschaft zurückgeblieben sind". "Authentische Figuren" entstünden aus den Dialogen, die "spröde und kantig, ruppig und direkt" seien, "das Wichtigste unausgesprochen" ließen und "doch wie ein Seismograf von Gedanken und Gefühlen" funktionierten. Der Regisseur Henning Bock hätte "die Sprache genau ausgeleuchtet und mit musikalischem Timing verzahnt", das Spiel sei "so direkt und authentisch, dass der Zuschauer nach 70 Minuten eigentlich nur wissen möchte, wie es weitergeht mit Sven, Tine und den anderen".

Martina Herzog
schreibt auf Der Westen (15.9.2008), Dirk Lauckes Stück sei eine "Mischung aus James Dean, Punk und Brecht" und "werfe ein Schlaglicht auf Menschen an unterschiedlichen Punkten auf der Skala zwischen Rebellion und Selbstaufgabe". "In einer Sprache, die lautmalerisch ist und suggestiv, mal Umgangslyrik, oft ordinär, arbeiten sich diese Gestalten ab. Reden, reden, schreien, reden, gern auch mal Musik, aber die reißt immer ab, wenn gerade Stimmung aufkommt. Harte Landungen wechseln mit Situationskomik."

Ihr WAZ-Gruppen-Kollege Carsten Hein urteilt für die Neue Ruhr Zeitung ebenfalls auf Der Westen (15.9.2008) und ergänzt im Szenischen: "Die Inszenierung von Henning Bock setzt auf die starken Dialoge. Durch den Raum, der bewusst im Vagen gehalten ist, dringen verstörende Klänge: Punkrock, düstere Songs von Joy Division und 'Paul ist tot' von der NDW-Band Fehlfarben. Eine ideale Klangkulisse für Trostlosigkeit." Auch die Schauspieler gefielen: "Für die geschlossene Ensemble-Leistung, die dem Kammerstück eine atemberaubende, zum Teil komische Intensität verlieh, ernteten die Darsteller und der Autor enthusiastischen Beifall."

"Mehr als eine weitere Milieustudie", sieht Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (17.9.2008) in dem neuen Stück von Dirk Laucke. Geschickt führe der 1982 geborene Autor zwei Dramen gegeneinander. "Beide, ein inneres und ein äußeres, durchlebt der junge Sven." Jede der fünfundzwanzig Szenen werde mit einem Song eingeläutet, "aber die Inszenierung von Henning Bock, indem sie den Text hemdsärmelig vom Blatt spielen lässt, hält sich auf der Breitwand-Bühne von Ansgar Sillies an das äußere Drama und das Stück an der Oberfläche." Um die jungen Leuten in Essen "ins Theater zu locken, mag das reichen, um sie fürs Theater zu gewinnen, kann es das nicht gewesen sein."

 

 
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