Ohne Schrecken und Schauder

von Thomas Rothschild

Mannheim, 27. September 2019. Klar. Eine heutige Athene wagt es nicht, ihren Freispruch für Orest ernsthaft damit zu begründen, dass sie von keiner Mutter geboren wurde und deshalb kein "Weib" begünstigen werde, das seinen Mann umgebracht hat. Derlei frauenfeindliche Parteinahme verbietet der aktuelle Konsens wie Metternichs Zensur einst Majestätsbeleidigung. Ach wie fad ist doch ein Theater, das sich weder auf historische Normen und Bedingungen einlassen, noch gegenwärtige Übereinkünfte auf ihre Relativität überprüfen, sondern nur den herrschenden Konsens bestätigen möchte.

Athene als Showmaster von Orest' Prozess

Als wäre es nicht denkbar, dass jene Scharen etwa, die an besonderen Feiertagen den symbolisch verwandelten Leib Christi verspeisen und glauben, es könnte ihnen in ihrer Not helfen, wenn sie zu Maria beten, in zweieinhalb Tausend Jahren genau so obsolet erscheinen werden wie heute der Spruch einer Athene. Im Übrigen ist auch das nur die halbe Wahrheit. Wer, wie Alice Schwarzer, von einer Männerjustiz spricht, muss es für möglich halten, dass auch Frauen unserer Gegenwart den patriarchalischen Normen folgen. Der sozialistische Realismus hat gesiegt. Nicht wie sie ist, soll die Welt (im Theater) gezeigt werden, sondern wie sie, idealisiert, sein sollte.

Orestie 3 560 ChristianKleiner uEin Mann, ein Mann! Der hier nur am falschen Platz sein kann! Patrick Schnicke als Agamemnon © Christian Kleiner In Mannheim löst man das Problem durch Verspottung. Sie bedingt den unsäglichen Abschluss eines Abends, der verheißungsvoll begonnen hat. Der Prozess gegen Orest wird als Show inszeniert, mit Athene als Showmaster. Dass diese Athene von einem Mann verkörpert wird, könnte eine Erklärung für deren patriarchalische Entscheidung abgeben, wenn Geschlechtertausch in unseren Tagen nicht zur Routine geworden wäre. So unterbietet die Mischung aus Kabarett und Gymnasiastenulk, was sie zu veräppeln vorgibt. Nach dem Urteil der Athene werden die knallbunten Eumeniden mit ihren geblähten Bäuchen wie bei Aischylos bestochen, aber wie nur beim Regisseur Philipp Rosendahl in Kleinmädchenkleider gesteckt und gefesselt. Sie wünschen singend "Glück für euch alle", ehe eine von ihnen ihre Perücke abnimmt und eine mahnende Rede hält, die auch noch die letzten Sturköpfe im Publikum zur Besinnung bringen soll, falls sie an patriarchalischen Normen festhalten.

Stilisierte Posen vs. pointierte Sprecharbeit

Vorangestellt hat Rosendahl der "Orestie", wie vor ihm Ariane Mnouchkine in ihren "Atriden", die Iphigenien-Handlung – von welchem Autor, wird nirgends verraten –, und er beginnt die Inszenierung mit einem Chor, der auf einer aufwärts fahrenden Bühne eng umschlungen schwankt. Die vier Frauen und vier Männer tragen weiße Fantasiekostüme, die an Bandagen erinnern, Plastikröcke und -kopfbedeckungen. Es regnet. Dann lösen sich die Solisten nach und nach aus dem Chor. Nebenbei gemahnen sie so an die Anfänge des Theaters in der Antike, in denen der Chor dem einzelnen Schauspieler, dann zwei und mehreren individuellen Schauspielern vorausging.

Orestie 1 560 ChristianKleiner uDas Individuum und der Chor: Annemarie Brüntjen, Maria Munkert, Vassilissa Reznikoff, Arash Nayebbandi, Eddie Irle, Patrick Schnicke, Boris Koneczny © Christian Kleiner

Stilisierte Posen und eine mechanistische Sprechweise kennzeichnen diesen Einstieg. Klytaimnestra etwa hat einen Arm hochgestreckt, den anderen in Schulterhöhe gebeugt, die Hände seitlich angewinkelt. In den Dialogen wirkt die Sprache der Arme und Hände absichtsvoll unbeholfen. Damit kontrastiert die vorzügliche Sprecharbeit. Verwendet wird die (vom Regisseur bearbeitete) Übertragung von Walter Jens, die sich durch Klarheit und Verständlichkeit auszeichnet und weder an heutigen Jargon, noch an antikisierende Mimikry Konzessionen macht.

Wenn Agamemnon ermordet wird, fällt Asche aus dem Schnürboden. Seine und Kassandras Leichen werden in Netzen hoch gezogen und baumeln fürderhin in der Luft.

Geschlagen von radikalen Kürzungen

Nach der Pause kostet die Regie den Reiz des Stilbruchs aus. Wo im ersten Teil ein deklamatorisches Theater herrschte, spricht jetzt eine Elektra im Plauderton. Sie ist eher ein zappeliger, hyperaktiver Teenager als eine kalkulierende Rächerin. Das zuvor konstruktivistische Bühnenbild aus Eisengerüsten, Podien und Scheinwerfern präsentiert einen offenen Kamin, Korbsessel, Zimmerpflanzen und einen Schauspieler als lebende Statue, wie sie Pantomimen in den Fußgängerzonen darstellen. Wenn Klytaimnestra im Jumpsuit die Bühne betritt, findet die Vorstellung, die etwas auf Abwege geraten ist, wieder zu Aischylos zurück.

Orestie 2 560 ChristianKleiner uTrio starker Frauen: Iphigenie (Sophie Arbeiter), Kassandra (Annemarie Brüntjen) und Elektra (Vassilissa Reznikoff), von links nach rechts gesehen © Christian Kleiner

Orest, nach dem die Trilogie immerhin benannt ist, gibt sich in Mannheim von den radikalen Kürzungen geschlagen und vorzeitig zu erkennen. Mit der Spannungsdramaturgie, die Aischylos auf bewundernswerte Weise beherrscht hat, können Rosendahl und seine Dramaturgin Anna-Sophia Güther offenbar so arg viel nicht anfangen, und auch der "Schrecken" oder "Schauder", für den der Dramatiker immerhin eine erkleckliche Zahl von Morden bereit gestellt hat, will sich nicht so recht einstellen. Wenn Klytaimnestra und Aigisth neben Agamemnon und Kassandra in Netzen hängen, als wären sie Hängematten, hat das eher etwas Komisches. Und soll es das vielleicht haben? Noch ehe Elektra mit Hilfe ihres Bruders Rache übt an der mörderischen Mutter, erklärt sie, dass da oben in den Netzen längst keine Leichen mehr liegen. Das gehört wiederum zu den Erfindungen des Abends. Ob es Ersatz sein sollte für das verschollene Satyrspiel, das die "Orestie" ursprünglich ergänzt hat? Ja dann...

 

Die Orestie
von Aischylos
aus dem Altgriechischen von Walter Jens
Regie: Philipp Rosendahl, Bühne: Benjamin Schönecker, Kostüme: Brigitte Schima, Musik: Marco Mlynek, Licht: Robby Schumann, Dramaturgie: Anna-Sophia Güther.
Mit: Maria Munkert, Patrick Schnicke, Arash Nayebbandi, Vassilissa Reznikoff, Annemarie Brüntjen, Eddie Irle, Sophie Arbeiter, Boris Koneczny.
Premiere am 27. September 2019
Dauer: 3 Stunden 15 Minuten, eine Pause

www.nationaltheater-mannheim.de

 

Kritikenrundschau

"Zwischen stiller Tragödie und kalkuliertem Quatsch bewegt sich die neue Mannheimer 'Orestie', deren hochprofessioneller Gelassenheit und nachher Aufgekratztheit man sich nicht so leicht entziehen kann", schreibt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (28./29.9.2019). "Die zeitlos moderne Aischylos-Übertragung von Walter Jens wird sorglos unterbrochen mit Zeitgeist. Aber es gelingt doch, allzu vertraute Theaterroutinen kurze drei Stunden lang mit neuem Schwung zu füllen."

Nichts ist hier von Bedeutung: "die Chöre, die Menschen, die Volksweisheit und Argumentationsgleichwertigkeit des Aischylos", all das sieht Ralf-Carl Langhals im Mannheimer Morgen (30.9.2019) durch den Kakao gezogen. "Das antikenalberne, wenig gegenwartstaugliche Urteil, dass Vatermord schwere wiege als Muttermord und Orest deshalb schuldlos sei, wird nicht wirklich Anlass einer modernen Theaterauseinandersetzung, sondern verblödelt bis zum Fremdschämen."

Rosendahl setze auf "den krassen Kontrast zwischen drögem Lehrtheater zu Beginn und dem forcierten Blödsinn nach der Pause", schreibt Volker Oesterreich in der Rhein-Neckar-Zeitung (30.9.2019). "Summa summarum ein gewaltiger Stoff über den mythischen Urgrund der Zivilgesellschaft. Schade nur, dass er in Mannheim so verplempert wird."

 

 
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